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Sturmgeboren

von Eruanna
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
77.984
4
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19.11.2020 3.213
 
Frühsommer, Im Norden des Wilderlands (Dürre Heide), 1321 Drittes Zeitalter:
Als unsichtbarer Wächter begleitete Jindra das ungleiche Freunde-Gespann auf ihrer gemeinsamen Jagd. Zunächst hatte er den kleinen goldenen Feuerspucker voller Argwohn betrachtet, da er den Beteuerungen der erwachsenen Feuerspucker keinen Glauben schenken wollte. Es wäre nur natürlich, die temporäre Schwäche des kleineren Weibchens ausnutzen um sich ihrer zu entledigen. Drachen teilten nicht wirklich gerne. Sie waren territorial veranlagt und obwohl jeder von ihnen einer Sippe angehörte, lebten sie vorzugsweise alleine. Als Kaltdrache war Kendra grundsätzlich eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Feuerspucker, da ihre Art das Fliegen meisterhaft beherrschte. Sobald sie ihre kindische Furcht vor größeren Höhen überwand und an Selbstvertrauen gewann, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sie den Luftraum ungeachtet ihres Alters dominierte. Ihr Körper war darauf ausgelegt ihre ahnungslose Beute aus der Luft zu erlegen ohne ein sichtbares Ziel für potenzielle Feinde darzustellen. Ihre Schuppen würden sie vollkommen mit der Umgebung verschmelzen lassen und mit etwas Übung könnten nicht einmal feine Drachensinne sie orten.

Es wäre vernünftig, den hilflosen Schlüpfling zu seinen eigenen Nachkommen zu bringen, damit sie endlich alles Notwendige erlernen konnte ohne unerwünschte Ablenkungen. Obwohl seine Tochter Aslaug ihm versichert hatte, das kein einziges Drachenweibchen das Leben des weiblichen Nachwuchses durch unkluge Entscheidungen gefährden würde, blieb seine Unwissenheit bezüglich der Herkunft der Kleinen. In dem kurzen Gespräch mit Scatha hatte er lediglich Bruchstücke neuer Informationen in Erfahrung bringen können. Anscheinend war Kendra aufgrund besondere Umstände ihrer Geburt von ihrer leiblichen Familie getrennt und dem Schlangendrachen anvertraut worden. Nur wie sollte ein flugunfähiger Drache den Anforderungen eines geeigneten Lehrers für einen jungen Kaltdrachen erfüllen können? Rein anatomisch bedingt konnte Scatha seinen Pflichten als Vaterfigur und Mentor nicht in ihrem vollem Ausmaß nachkommen. Aus diesem Grund hatte er mit seinem Schützling seinen sicheren Hort verlassen und die Feuerspucker um Hilfe gebeten.

Verächtlich schnaubte Jindra und glitt unfällig tiefer um im Notfall schneller eingreifen zu können. Die Feuerspucker wussten noch weniger über die Ausbildung und Erziehung eines Kaltdrachens als Scatha. Natürlich waren ihre Methoden Kendras Flugangst zu entkräften und ihr den richtigen Umgang mit ihren Kräften beizubringen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Warum also hatte Scatha keinen Kaltdrachen kontaktiert, sobald er bei der Jungenaufzucht auf für ihn unüberwindbare Hindernisse stiess? Schliesslich kannte er genügend weibliche Drachen dieser Art, die sich ohne zu zögern um den verwaisten Schlüpfling gekümmert hätten. Wahrscheinlich hätten die Weibchen um die Hauptverantwortung erbitterte Kämpfe ausgetragen. Schliesslich litt der weibliche Nachwuchs seit einigen Generationen unter erhöhter Sterblichkeit in den prägenden Kindheitsjahren. Kendra wurde von ihrem Volk gebraucht und sie würde ohne die Ausbildung eines Artgenossens nicht mehr lange überleben.

>Wann gedenkst du mir den Grund für deine Entscheidung zu verraten, Kendras Ausbildung den denkbar ungeeigneten Feuerspuckern anzuvertrauen? Es ist reines Glück, das die feuerspeienden Bastarde sie gegenwärtig nicht als Bedrohung ansehen und sogar die seltsame Freundschaft mit einem ihrer schwächsten Nachkommen tolerieren.< Dieses Mal würde er sich nicht mit schalen Ausreden zufrieden geben. Selbst wenn Scatha unsicher bezüglich der Bereitschaft der Kaltdrachen sich um einen verwaisten Schlüpfling zu kümmern gewesen war, hätte er spätestens nach den ersten Wochen gescheiterten Flugunterricht durch die Feuerdrachen an seine alten Kontakte erinnern müssen. Schliesslich hatte er als „Vater“ nur das Beste für seinen Schützling im Sinn. Dennoch wusste Kendra so gut wie nichts über ihre eigene Art, deren Gepflogenheiten und sich selbst. Vermutlich war es die schändliche Vernachlässigung, die ihre natürliche Entwicklung einschränkte und sogar verlangsamte. Als Scatha sich weiter in Schweigen hüllte, seufzte der Kaltdrache entnervt. Verdammter Drachenstolz!
> Unsere Kriegserklärung gilt alleine deiner Mutter und hat sich nie auf deine übrigen Artgenossen oder Schutzbefohlenen erstreckt. Sobald du an deine Grenzen gestossen bist, hättest du dich mit Aslaug, Njola oder Valka in Verbindung setzen können. Dein kleiner Wirbelwind braucht andere Kaltdrachen um ihr Überleben zu sichern. Ich mache dir deine Unsicherheit und Fehler nicht zum Vorwurf. Die wenigsten Drachenmännchen werden aktiv in die Jungenaufzucht eingebunden und die Kaltdrachen haben wahrscheinlich die schwierigste Ausbildung von allen für ihren Nachwuchs. Dafür, das du vor ihr keine Erfahrungen mit Schlüpflingen sammeln konntest, hast du deine Sache sehr gut gemacht.<

Als seltener weiblicher Schlüpfling hatte die Sicherung von Kendras zukünftigen Überleben oberste Priorität. Ohne eine Mutter, Tante oder weibliche Bezugsperson würde ihr Potenzial im besten Fall lediglich verkümmern. Hätte Scatha nicht vorübergehend die Verantwortung übernommen, wären die Kaltdrachen um ein weiteres weibliches Mitglied gebracht worden und näher an den Abgrund der Ausrottung gerückt.

>Mir war nicht bewusst, das eure Fürsorge sich auch auf eure ehemaligen Schutzbefohlenen erstreckt. Hattet ihr euch nicht damals von den Hautwechslern abgewandt und ihnen jede Unterstützung versagt, um wie die Sterblichen in Selbstmitleid zu versinken?<

Verwirrt hielt Jindra innerlich inne und überprüfte Scathas zurückhaltende, provokante Antwort nach versteckten Hinweisen. Wollte die Schlange etwa andeuten, sein Schützling sei in Wahrheit eine Hautwechslerin die wie einst Kundry in ihrer Drachengestalt geboren wurde? Aber wenn Kendra tatsächlich eine Hautwechslerin gefangen in einem winzigen Drachenkörper war, hätte sie dann nicht von ihrem Volk erzogen und ausgebildet werden können? Irgendetwas entging ihm…
>Willst du damit andeuten, das dieser zarte Winzling in Wahrheit ein langlebiger Hautwechsler sein soll? Aber warum konnte ihr Volk nicht seiner Verantwortung gerecht werden? Schliesslich wäre Kendra der zweite bekannte Fall in der Geschichte der Hautwechsler mit dieser seltenen Besonderheit. Haben sie etwa wichtige Details über ihre Vorfahren vergessen? Ich dachte, Kundry sei die berühmte Ausnahme der natürlichen Entwicklung der Hautwechsler gewesen.< Deutlich nahm er die Verwunderung und das wachsende Interesse bei seinem Gesprächspartner wahr. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte er gelacht. > Kundry war bisher die einzige bekannte Hautwechslerin, die bis zu ihrer Mündigkeit fast ununterbrochen in ihrem Drachenkörper festsass. Wir mussten ihre Eltern bei ihrer Ausbildung praktisch vom Zeitpunkt ihrer Geburt intensiv unterstützen. Sie war in vielerlei Hinsicht einzigartig. Einen so offenen, unvoreingenommen und gütigen Menschen habe ich selten kennengelernt. Sie war überzeugt, das es einen Weg geben müsste, die Drachen mit ihren einstigen aufgezwungenen Feinden zu versöhnen. Nun, damals war weder die Welt noch seine Bewohner reif für eine so tiefgreifende Veränderung und sie hat den Preis für ihren wunderschönen Traum bezahlt.<
Die Valar waren wirklich grausam, das sie dieses tragische Muster erneut aufgriffen. Wollte Vaire ihn etwa daran erinnern, das Drachen als Inbegriff des Bösen galten und damit keine friedliche Existenz verdienten? Bitter schloss er kurz die Augen. Selbst wenn die rachsüchtige Weberin ihn bestrafen wollte, hätte sie mit Kundry genügend Vergeltung üben können. Es gab keinen gerechtfertigten Grund, die weit entfernten Nachkommen von Blaz und Edana auf diese hinterhältige Weise für ihre blosse Existenz zu bestrafen. >Selbst wenn Kendra in Wahrheit eine Hautwechslerin ist, hätte ihre Sippe in der Lage sein müssen, sie angemessen zu erziehen. Abgesehen von Valka haben auch Kundrys Zeitgenossen ihr Leben sorgfältig dokumentiert, damit zukünftige Generationen besser mit einer solchen Situation umgehen können. Dieses Wissen wurde über die Mutterlinie bewahrt und weitergegeben. Kendras leibliche Mutter hätte in der Lage sein müssen, ihren Verpflichtungen ohne die Einmischung von Drachen gerecht zu werden.Wir Kaltdrachen haben uns nur deshalb dauerhaft zurückgezogen, weil unsere Schützlinge ihr Überleben ohne unsere Hilfe gewährleisten konnten. Was hat sich nur seither verändert?<

>Vielleicht kannte Kendras Grossmutter dieses Geheimnis und wollte es ihrer Tochter Bryndis erzählen. Kahlan starb in Gefangenschaft und zu diesem Zeitpunkt erholte ihr Kind sich von einer Fehlgeburt. Ein toter Junge. Kendra hat sechs leibliche Brüder und ist meines Wissens nach die Einzige, die in ihrer Drachengestalt geboren wurde. Die Hautwechsler der Gegenwart verbringen hauptsächlich aus Gewohnheit die meiste Zeit ihres Lebens in menschlicher Form und die alten Aufzeichnungen sind schon vor Jahrhunderten im Zuge der brutalen Hetzjagden vernichtet worden. Was nicht mündlich weitergegeben wurde oder irgendwann an Bedeutung verlor, hat diese dunklen Jahre nicht überstanden.< Scatha wirkte seltsam erschöpft. >Jindra, die Hautwechsler sind nicht in der Lage, Kendra unter den gegeben Umständen aufzuziehen und insbesondere ihre leibliche Mutter leidet unter der erzwungenen Trennung. Die Kleine hat eine liebende Familie, die eine baldige Wiedervereinigung herbeisehnen und bereits jetzt eine mächtige Feindin. Meine Mutter fürchtet, wozu Kendra als Erwachsene imstande ist und ohne mein Eingreifen wäre das Mädchen längst tot. Ihre Familie, ihr Volk, hat mir Kendra als wenige Monate altes Baby anvertraut, weil ich damals die beste Chance für ihr Überleben war. Die Hautwechsler haben ihr Urvertrauen in euch Kaltdrachen verloren und aus. diesem Grund neue Bündnisse mit anderen Drachenarten geschmiedet. Ihr lebt zu weit entfernt, als das ihr schnell eingreifen und tödliche Gefahren wie meine Mutter abwenden könntet. Kendras Großvater, seine Söhne und Enkel vertrauen mir, da sie mich kennen. Auch wenn das kalte Kalkül verlangt, das ich meinen Schützling dir und deinen weiblichen Nachkommen kampflos übergebe, kann ich das nicht mehr. Kendra weiß zwar, das wir keine Blutsverwandten sind, aber ich bin immer noch ihre wichtigste Bezugsperson und der Einzige, dessen blosse Anwesenheit sie vor den mentalen Angriffen meiner Mutter schützt. Ich kann sie nicht mit dir in die lebensfeindlichen nördlichsten Eisgefilde schicken. Es wäre ihr sicheres Todesurteil. Abgesehen davon vertraut sie dir nicht.<

Drifa war tatsächlich ein ernstzunehmendes Ärgernis und so sehr sich Jindra auch anstrengte, er konnte keine Schwachstelle in der Argumentation seines Gesprächpartners entdecken. Obwohl Kendra ein seltenes Phänomen unter den Hautwechslern war, nahm der Schlangendrache seine Position als Vaterfigur mit überraschender Entschiedenheit wahr und fungierte als raubtierhaftes Bollwerk zwischen ihr sowie den Rest der Welt. Selbst wenn Jindra seinen Willen gewaltsam durchsetzte, wäre er unfähig, die Kleine vor der Urmutter aller Drachen abzuschirmen. Sollte er unter diesen Umständen eine Allianz mit Scatha und den Feuerspuckern schliessen, um Kendras Überleben langfristig zu sichern?  Doch würden die Feuerdrachen ihre wendigeren und wesentlich kleineren Konkurrenten als Nachbarn akzeptieren? Mehr noch, konnte er seine Artgenossen von dieser notwendigen Massnahme überzeugen? Es würde auf jeden Fall ein interessanter Zeitvertreib sein, der seine altersbedingte Lethargie fernhielt.

>Wenn ich und meine Sippe bereit wären, einige Zugeständnisse zu machen, würdest du uns in Kendras Ausbildung aktiv einbinden? Die Feuerdrachen können ihr nicht das Wissen vermitteln, das sie dringend benötigt.<

>Vorausgesetzt, deine Töchter stimmen diesem Ansinnen zu und Kendra respektiert euch als Mentoren, habe ich kaum etwas dagegen einzuwenden. Bring die beiden jetzt bitte zurück in die Höhle und nimm im Anschluss an der Besprechung der Ältesten Teil. Neben einer möglichen Niederlassung einiger Kaltdrachen in diesem Gebiet gibt es noch andere Dinge, die diskutiert werden wollen.<

Zufrieden mit seinem kleinen Sieg fiel es Jindra nicht schwer der Anweisung zu gehorchen, die protestierenden Schlüpflinge auf dem kleinen Felsvorsprung ihrer Bruthöhle abzusetzen und sich den glühenden Blicken der erwachsenen Feuerdrachen auszusetzen. Die feindselige angespannte Stille entlockte ihm ein heimliches Grinsen. Als erfahrener Kaltdrache war er eine ernstzunehmende. Konkurrenz was die Vorherrschaft der Luft anbelangte und da keiner der versammelten Drachen über Ancalagons Flamme verfügte, konnten sie ihn auch nicht in ein kümmerliches Aschehäufchen verwandeln. Sie waren den Umständen entsprechend also erfreut ungestraft seine Atemluft verpesten zu dürfen. Gelassen wartete er ab und schliesslich ergriff ein erdfarbener alter Drache das Wort.

„Das Zwergenkönigreich in den Nebelbergen scheint prächtig zu gedeihen und die Handelsbeziehungen der bärtigen Stummelbeiner mit ihren Nachbarn mehren den Reichtum. Falls diese tattrigen Gierlappen nicht gänzlich den Verstand im Minenbau verlieren, werden sie die Eingänge der Stadt zu gut bewachen, als das ein junger Feuerdrache Anspruch auf die geförderten Schätze erheben könnte. Von dieser Seite droht uns also erstmal keine Gefahr.“ Neugierig lauschte er diesen Ausführungen. Ein kurzer Seitenblick bestätigte ihm, das Scatha über die Situation bereits Bescheid wusste. Alte Schlangen und ihre verdammte Allwissenheit! „Was mir eher Kopfzerbrechen bereitet sind einige Vorfälle an unseren Grenzen. Wir werden momentan nicht nur von einer blaugewandten Kapuzengestalt beobachtet, nein, zweibeiniges Ungeziefer untersucht die Ausläufe des Gebirges nach wertvollen Bodenschätzen. Bisher haben sie vom Eisen abgesehen nicht viel entdeckten können. Sollten sie aber auf die Kristalladern weiter östlich stossen bekommen wir möglicherweise eine übelriechende unverschämte Nachbarschaft, die sich schnell zu einer Bedrohung für unsere Horte entwickeln könnte. Das eine solche Entwicklung nicht in unserem Interesse wäre, steht nicht zur Debatte. Die Frage ist ob wir bereits jetzt eingreifen sollen oder weiterhin abwarten.“

„Aiven hat Recht, diese Frage zu stellen. Ganz egal zu welcher Art oder Sippe wir gehören, Zwerge stellen unter bestimmten Voraussetzungen eine Bedrohung für uns dar. Scatha, konnten deine Verbündeten etwas über den Verbleib der Waffen in Erfahrung bringen, die uns Drachen in der Vergangenheit zum Verhängnis wurden? Abgesehen von dem Schicksal des verfluchten Bogens, den diese kecke Elbenbrut aus Drachenknochen anfertigte.“

Scatha rollte sich wie eine Schlange zusammen und neigte leicht den Kopf. Berechnend glitt sein kühler Blick über den Sprecher hinweg. Dann sah er zu seinem geduldeten Gast und blinzelte.

„Sie können sich nicht ohne Aufsehen oder Misstrauen zu erregen nach derartigen Waffen erkundigen. Abgesehen von ein paar abergläubischen Bauern und einer Handvoll verstörter Reisender hat niemand. In den letzten tausend Jahren einen echten Drachen nüchtern gesehen. Die Ignoranz der kurzlebigen Sterblichen hat uns vor unnötigen Konflikten bewahrt. Unsere Präsenz für ein befristeten Sieg der Welt zu offenbaren wäre töricht. Wir haben zu viele junge Drachen, die sich entwickeln müssen, um aus selbstgerechter Bequemlichkeit einen weiteren Krieg anzuzetteln. Nach dem großen Massaker können wir uns keine groß ausgelegte Hetzjagd erlauben. Wir besitzen höchstens einen Bruchteil unserer einstigen Stärke und Macht. Davon abgesehen leben wir so zurückgezogen, das wir nicht mehr wirklich viel über die Welt mit seinen Bewohnern jenseits unserer Einflussgebiete wissen. Ich würde erst für einen Ausbruch plädieren, wenn die Gefahr aus unseren eigenen Reihen gebannt ist. Meine Mutter ist ein rachsüchtiges Miststück, das mich tot sehen will. Glücklicherweise habe ich genügend von beiden Erzeugern geerbt, um noch ein paar Jahrhunderte mein Leben zu sichern. Direkt und persönlich kann sie mich nicht ausschalten, weshalb sie ihren Zorn an meinen verwundbaren Verbündeten auslässt. Sobald ich in mein Territorium zurückkehre werde ich mich um sie kümmern müssen. Was mich zu meinem eigentlichen Anliegen bringt.“ Absichtlich legte er eine Kunstpause ein. „Mórrigan braucht die Ausbildung eines Kaltdrachens und dafür einen erwachsenen Artgenossen. Jindra kann sie aber aufgrund uns allen bekannten Umständen nicht zu seiner Sippe bringen. Ihr habt mir alle euer Wort gegeben. Nun fordere ich den Rest eures Versprechens ein. Schliesst einen Waffenstillstand mit den fliegenden Eisblöcken und involviert sie in die Ausbildung des Mädchens.“

Unruhe entstand. Erbitterte Wortgefechte wurden im Flüsterton ausgetragen. Rauchsäulen stiegen aus so manchen Nasenlöchern und immer wieder zuckten Flammen in Jindras Richtung.

>Dir war bewusst, das sie die Neuigkeit nicht gut aufnehmen würden. Deshalb hast du in deiner Formulierung kein Schlupfloch gelassen. Ich bin beeindruckt, alte Schlange!<
Scatha zeigte in einem halben Gähnen sein beeindruckendes Gebiss.
>Wenn diese Drachen eines sind, dann berechenbar. Sie werden sichergehen wollen, das Mórrigan ihre dunkelsten Geheimnisse und Schwächen nicht an einen aussenstehenden Drachen weitergibt. Aiven wird die letzten Unzufriedenen von der Notwendigkeit eines erweiterten Waffenstillstandes überzeugen. Er ist alles andere als dumm und weiß, dass ich sie manipuliert habe. Ich hätte die tödlichen Intrigen meiner Mutter nicht so lange überlebt, wäre ich denkfaul und lernunwillig. Sie wissen nicht, wie weit ich mit meine Nachforschungen gehe, ehe ich mich auf ein Bündnis einlasse, aber sie können sich nicht leisten, mich irgendwie zu verärgern. Trotzdem überlasse ich dir die Ehre, die Einzelheiten eures historischen Abkommens auszuhandeln.<
Hinterlistiger Bastard. Seufzend drängte Jindra mit seinen Flügeln zwei kleinere Männchen beiseite. Das sie aufgebracht versuchten, sein Gefieder in Brand zu stecken, störte ihn nicht. Die erste Kältewelle trieb den schnatternden Ältesten schlagartig die Luft aus den Körpern. Entsetzt über diese subtile Machtdemonstration verstummten selbst die mentalen Gespräche. Innerlich grinsend verhärtete er die Luft um sie und brachte sie mit der zweiten Welle zu Fall. Er lockerte seinen eisernen Griff nur soweit, das seine Gefangenen verzweifelt nach Luft schnappten und damit seinen Zauber einatmeten. Hach, endlich waren ihre inneren Flammen von seinem Eis eingeschlossen und ihre Kräfte vorübergehend versiegelt. Sollte er sich den Spaß erlauben und ihre Zustimmung auf fliegende-Eisblock-Art erzwingen?
>Jindra? Keine Folter mit Blitzen, so verlockend die Vorstellung auch ist. Etwas mehr Feingefühl mit deinen zukünftigen Verbündeten und Nachbarn, bitte.<

Schmollend zog er sich zurück und hob seufzend seinen wunderbaren Zauber auf. Warum waren alte Drachen zwangsläufig immer die miesepetrigen Spielverderber?!

„Bevor ihr mich vor lauter Empörung blindlings attackiert, sollte ich euch darauf hinweisen, dass ich euch alle vor wenigen Augenblicken mühelos hätte töten können, darauf aber trotz unserer langjährigen Feindschaft verzichtet habe. Im Gegensatz zu Scathas kleinen Schützling beherrsche ich meine Kräfte und kann auf alte Kampferfahrungen gegen euresgleichen zurückgreifen um mich zu schützen. Mir passt es genauso wenig wie euch meine Zukunft als euer Nachbar zu verbringen. Je eher Kendras Ausbildung abgeschlossen ist, desto schneller werde ich verschwinden und eure Existenz verdrängen. Es wäre also in eurem Interesse, mich und einige meiner Töchter so lange in der Nähe eures Territoriums zu tolerieren.“ Wachsam ließ er seinen Blick in Richtung des Ältesten Aiven schweifen. „Kendras Ausbildung wurde bisher schändlich vernachlässigt, was allein aufgrund eurer artbedingten Einschränkungen entschuldbar ist. Wäre ich nicht vor ein paar Wochen auf sie aufmerksam geworden, hätten ihre instabilen Kräfte genügend Potenzial entwickeln können, in einer lebensbedrohenden Situation alles in ihrer Umgebung zu zerstören. Sie ist eine der mächtigsten Kaltdrachen-Weibchen, das in diesem Zeitalter geschlüpft ist. Ohne eine entsprechende Führung und Ausbildung entwickelt sie sich zu einer explosiven Bedrohung für alle Lebewesen in ihrer Nähe. Sobald sie fertig ausgebildet ist und sich bewusst für längerer Zeit in ihr menschliches Ich verwandeln kann wird sie ihre leibliche Familie kennenlernen müssen. Es ist gut, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt von Drachen aufgezogen, unterrichtet und beschützt wird. Noch kann keiner von uns erkennen, ob sie den Rest ihres Lebens hauptsächlich als Drache verbringen will oder unentdeckt unter Menschen leben wird.“

Die Feindseligkeit verschwand, während die Feuerspucker sich stumm absprachen. Geduldig warteten sowohl Jindra als auch Scatha auf die Antwort der Ältesten.

„Haben wir Euer Wort, das mit Ende ihrer Ausbildung sämtliche Kaltdrachen aus unserem Revier verschwinden?“

Innerlich schmunzelnd nickte der Kaltdrache dem braunen Drachen zu, der zuvor die Besprechung eröffnet hatte. Möglicherweise waren die Feuerspucker doch zivilisierter und vernünftiger, als ihr normales Verhalten vermuten ließ.

„In diesem Fall stimmen wir einer Erweiterung unseres Abkommens zu. Unsere bisherigen Methoden wirken bei Kendra nicht und ihre unkontrollierten Blitze sind äußerst schmerzhaft, wenn sie zwischen die Schuppen geraten. Unter diesen Umständen bleibt für mich nur eine Sache zu klären -“ der braune Drache wandte sich an Scatha „- wann kehrst du in dein Territorium zurück, um deiner Mutter für dich nächsten Jahrzehnte vorübergehend als Bedrohung zu eliminieren?“

Geistesabwesend schweifte dessen starrer Blick in die Ferne. Schwach spürten die Anwesenden das Anschwellen von Energie und Macht, als der Schlangendrache den geistigen Kontakt mit seinen menschlichen Verbündeten suchte. Eine ganze Weile war nichts bis auf die Atemzüge und Herzschläge zu hören. Ein leises instinktives Zischeln verließ seine Kehle und alarmierte Jindra.

„Ich werde noch heute abreisen müssen. Anscheinend haben einige Späher Ungeziefer dabei beobachtet, schwächere Pelzwechsler zu fangen und zur Sklavenarbeit oder Belustigung weiter in den Norden der Nebelberge zu verschleppen. Die Hautwechsler sind verständlicherweise über diese Entwicklung beunruhigt und ziehen sogar eine befristete Umsiedelung in ein fernes Exil in Erwägung.“ Scathas Augen begannen vor Hass und Zorn zu glühen. „Die Anwesenheit dieser Kreaturen mit ihrem grausigen Treiben wird meine Mutter als gute Gelegenheit einschätzen, eines ihrer Ziele zu verwirklichen. Ich werde ihr definitiv nicht gestatten, meine Verbündeten und Schützlinge vom Antlitz dieser Welt zu tilgen!“
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