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Sturmgeboren - Schwingen des Zornes

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
19.11.2020
12
22.685
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19.10.2020 1.044
 
Die karge wilde Landschaft hatte sich nach einem Dauerregen in ein Moor voller Mücken verwandelt, die es neben ihrer Paarung auf das Blut naiver menschlicher und tierischer Wesen abgesehen hatten. Lediglich die hier lebenden Drachen wurden von dieser Belästigung verschont. Sie befanden sich an der oberen Spitze der Nahrungskette und wurden zu Recht als der Schrecken dieser Gegend bezeichnet. Dementsprechend genossen sie unter den tollkühnen und lebensmüden Zwergensippen, die sich in ihr Territorium trauten, einen gewissen Ruf. Das war nicht weiter verwunderlich, hatten die Drachen doch die Geschicke Mittelerdes mehr als einmal mitbestimmt und das nicht auf der Seite der Zwerge oder Elben. Im Gegensatz zu ihren bekannteren Verwandten handelte es sich bei dieser speziellen Sippe um flugunfähige Drachen, deren schlangenartige Körperform ihnen den Spitznamen „Großer Würmer“ eingetragen hatte.

Tragischerweise gab es von dieser Drachenart, von der offen gemunkelt wurde, sie sei die Älteste, sehr wenige lebende Exemplare. Die meisten waren während des Kriegs des Zornes umgekommen oder fanden wenige Jahre danach in der Folge einer regelrechten Hetzjagd durch Elben, Zwerge oder Menschen ihren Tod. Jene, die überlebten, zogen sich in den hohen Norden oder anderen unwirtliche Gegenden zurück.
Ihre Flugunfähigkeit machte sie allerdings nicht weniger gefährlich, auch wenn man ihnen wohl gerne eine gewisse Behäbigkeit unterstellen würde, angesichts ihre Größe und Maße. Diesen Fehler sollte man vermeiden, denn es war nahezu unmöglich sie aufzuspüren, wenn sie wach waren und nicht gerade einen Verdauungsschlaf hielten. Als wählerisch konnte man sie nicht bezeichnen, wenn es um eine Mahlzeit ging und ihre Speisekarte umfasste bis auf eine einzige Ausnahme praktisch Mittelerdes gesamte Bevölkerung.

Wenn nicht ihr Feueratem das Leben des unglücklichen Wesens beendete, dann war es ihr Gift oder ihre sehr aggressive Magensäure. Sie waren geduldige Lauerjäger und wurden mit dem gesammelten Wissen sämtlicher Generationen vor ihnen geboren. Noch schlimmer als ihre natürliche Raubtiernatur war allerdings der tiefverwurzelte Hass kombiniert mit einem beängstigend scharfen Intellekt, der die ältesten Exemplare am Leben erhalten hatte. Von diesen existierten tatsächlich nur noch zwei - Scatha, dessen wahrer Name längst in Vergessenheit geraten war, sowie ein so bösartiges Weibchen, das sich nicht einmal deren Artgenossen trauten, es überhaupt namentlich zu erwähnen, aus Furcht, es könne sie alle verschlingen.

Grundsätzlich waren die männlichen Drachen, gleichgültig welcher Art sie angehörten, gut damit beraten, sich außerhalb der Paarungszeit von den „Damen“ und dem seltenen Nachwuchs fernzuhalten. Verglichen mit ihren potenziellen Fortpflanzungspartnern waren diese in der Lage Jahrzehnte, gerüchteweise sogar Jahrtausende ohne Nahrung auszukommen. Dafür entwickelten sie während der raren Heißhunger-Perioden eine grausame kannibalistische Ader.

Es kam nicht oft vor, dass ihr geschlechtlicher Gegenpart dumm genug war, sich in diesen Phasen in ihre Nähe zu begeben, aber wenn der Fall eintrat, gab es Gemetzel, das selbst den gefürchteten Melkor Albträume bereiten würde. Lebendig wurde dem unglücklichen Drachen jede einzelne Schuppe abgerissen oder weggeätzt, lange gebogene Krallen mit winzigen Widerhaken rissen die verletzliche Bauchdecke auf um die Eingeweide herauszuzerren, die Augen wurden mit dem Feueratem geblendet, so dass er völlig hilflos dem wütenden Weibchen ausgeliefert war und dann begann das Verstümmeln der Gliedmaße. Sobald der immer noch lebende Drache in maulgerechte zuckende Portionen zerteilt war, verschlang sie ihre Beute und absorbierte nebenbei sämtliche Kräfte, die er zuvor besessen hatte. Wehe, wenn sie beim Fressen gestört wurde.
Selten übernahm ein männlicher Drache die Jungenaufzucht. Sie trauten einfach dem scheinbaren Frieden nicht, zumal keiner von ihnen einen Sinn darin sah, sich zur Beute degradieren zu lassen. Lediglich ein einziger Schlangendrache jagte selbst dem bösartigsten Weibchen Angst ein: Scatha, der gewissermaßen der König seiner Sippe war und die Welt bereits vor dem verheerenden Krieg gekannt hatte.

Anders als die meisten „Lindwürmer“ konnte er den verborgenen Höhlen in den Bergen außerhalb der heißen Sommerzeit nicht viel abgewinnen und zog sich in die Gewässer zurück. Von dort aus jagte er ahnungslose Wanderer, raubte das Vieh der wenigen menschlichen Bauern oder attackierte Handelskarawanen. Langeweile kam bei ihm selten auf, zumal er begonnen hatte, einen Hort aus den gestohlenen Schätzen herzurichten. Für die männlichen Drachen galt eine Faustregel: je größer, beeindruckender und umfassender ihr Schatz war, desto höher war die potenzielle Paarungsbereitschaft der Weibchen. Scathas Hort sollte größer werden als die seiner Rivalen, weshalb seine Streifzüge bald die offiziellen Grenzen der Grauen Berge überschritten und er gelegentlich mit anderen Drachensippen Kämpfe austragen musste.

In seinem langen Leben hatte er sich nur drei Mal mit einem Weibchen gepaart. Die zwei ersten Male, als Seinesgleichen noch in der Gefangenschaft in Melkors Herrschaftsgebiet lebte und sie vor allem der Zucht einer lebendigen „Kriegsmaschinerie“ dienen sollten. Man hatte sie geschaffen, um den ultimativen Sieg zu erringen.

Melkor selbst hatte es nie gewagt, die weiblichen Drachen für seine Armee zu verwenden. Er war unfähig sie in irgendeinerweise zu kontrollieren - es sei denn, sie zogen Schlüpflinge auf. In der Anfangszeit der Schlangendrachen hatte er viele Diener bei dem Versuch verloren, die Eier aus den Nestern zu stehlen und ihm gelang es auch nur die männlichen Exemplare zu unterjochen.  

In der Tat waren die Drachen die personifizierten Zerstörer, aber das hieß noch lange nicht, dass sie sinnlos ihre Energie verschwendeten, um andere Lebensformen auszulöschen. In vielerlei Hinsicht unterschieden sie sich von den anderen Völkern die Mittelerde bewohnten, aber auch sie hatten ihre persönlichen Schwachstellen, die ihnen zum tödlichen Verhängnis werden konnten - geriet das Wissen um sie in die falschen Hände. Die Lindwürmer kaschierten ihre Flugunfähigkeit mit einem ätzenden Gift, das selbst das härteste Metall auflösen konnte, ihrer überraschenden Schnelligkeit und ihrer Gabe, mit der Umgebung zu verschmelzen. Dennoch waren sie zahlenmäßig die am schwächsten vertretene Drachenart. Trotz all der Unterschiede teilten die Drachen Mittelerdes eine Grundeinstellung, die ihnen oft als Arroganz ausgelegt wurde. Niemals würde einer von ihnen Selbstmord begehen oder sich für die Erhaltung ihres Volkes opfern. Ein solches Verhalten ließe allein schon ihre Selbstwahrnehmung nicht zu. Sollte jemand sich irgendwann die Mühe machen, einen Drachen zu fragen, was er als die vollkommene Perfektion des Lebendigen beschreiben würde, wäre die Antwort wenig überraschend. Sie würden sich selbst nennen. Warum also, sollte ein perfektes höheres Wesen sich selbst zerstören, wenn es geboren war um andere zu beherrschen? Es wäre wider ihrer Natur, sich zu töten oder zu opfern. Genauso wenig lag es ihnen, ihren Besitz zu teilen oder aufzugeben ohne eine noch hochwertigere Gegenleistung zu bekommen. Deshalb waren blutige Konflikte mit gierigen Menschen, Elben und Zwerge vorbestimmt.
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