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Sturmgeboren

von Eruanna
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
OC (Own Character) Scatha Smaug
19.10.2020
02.08.2021
27
60.183
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19.10.2020 1.305
 
Nach einem Dauerregen hatte sich die sonst so karge Ödnis im Norden des Wilderlandes in ein Mücken verseuchtes Moor verwandelt. Die winzigen Biester hatten neben der Paarung nur eines im Sinn: so viel Blut von wehrlosen Opfern zu sammeln wie möglich. Sie waren eine jährlich wiederkehrende Plage, der die meisten tierischen Bewohner wenig entgegenzusetzen hatten. Kein noch so dichtes Fell geschweige denn dicke Haut konnte die Blutsauger von ihrem stillen Beutezug abhalten. Lediglich der Schuppenpanzer sowie die giftigen Ausdünstungen der hiesigen Drachenarten bewahrte diese Raubtiere vor der unerwünschten Belästigung. Innerhalb ihres Territoriums standen sie an der Spitze der Nahrungskette und hielten weiteres Ungeziefer aus der Dürren Heide fern. Ihr berechtigter abschreckender Ruf hatte ihnen so manche lästige Konfrontation mit zweibeinigen Kreaturen erspart.

Vielleicht war es den hohen Verlusten während der vergangenen Zeitalter zu verdanken, dass alle drei Drachenarten sich aus der aktiven Gestaltung der Geschichte und den noch immer wütenden Machtkämpfen in Mittelerde zurückgezogen hatten. Als geborene Zerstörer wären sie durchaus befähigt, die Welt in Chaos, Tod und namenlosen Grauen versinken zu lassen. Auch wenn sie in der Vergangenheit Elben, Zwerge und Menschen gleichermassen in tödliches Verderben stürzten, waren sie mit ihrer gegenwärtigen Existenz mehr als zufrieden. Die Drachen scherten sich weder um Politik noch um die Belange anderer Völker, solange diese nicht ihre Probleme in ihre Hoheitsgebiete mit einschleppten oder meinten, unbedingt ihren Mut mithilfe einer erfolgreichen Drachenjagd beweisen zu müssen. Entgegen der Befürchtungen anderer Völker hatten sie zum Glück kein Interesse die Welt zu beherrschen oder sämtliches Leben auszulöschen. Bisher war das Dritte Zeitalter relativ friedlich für die in der Dürren Heide und den Grauen Bergen lebenden Drachensippen verlaufen. Eine Abwechslung boten gelegentliche Einfälle feindliche Zwergengruppen, die es auf die gehorteten Reichtümer der männlichen Drachen und einen gut behüteten lebenden Schatz abgesehen hatten.

Neben den großen feuerspeienden Flugdrachen, die den Luftraum beherrschten und vorbeiziehenden Händlerkarawanen mit Vergnügen nachstellten, lebte eine verhältnismässig kleinere Gruppe flugunfähiger Drachen in den verzweigten unterirdischen Höhlen- und Gewässersystemen. Ihre schlangenförmiger Körperbau, das Fehlen von Flügeln und ihre teilweise schlängelnde Fortbewegung hatte ihnen den irreführenden Spitznamen „Grosse Würmer“ bzw. „Lindwürmer“ eingetragen. Dabei besassen sie zwei krallenbewehrte Beinpaare, einen giftigen Atem, der wie Feuer brannte, während er die Haut oder gar Rüstung wegätzte und ein beeindruckendes Gebiss mit tödlichen Giftzähnen. Ihre schiere Grösse und Masse erweckte die trügerische Illusion von Behäbigkeit, was so manchem unglücklichen Zwerg oder Elb das Leben gekostet hatte. Als geduldige Lauerjäger verstanden die schlangenartigen Drachen es meisterhaft mit ihrer Umgebung zu verschmelzen und für ungeübte Sinne unsichtbar zu bleiben. Sie waren nicht gerade Kostverächter geschweige denn wählerische Fleischfresser und passten ihre Ernährung dem territorialem Nahrungsangebot an. Tragischerweise gab es von dieser Drachenart, von der offen gemunkelt wurde, sie sei die Älteste, sehr wenige lebende Exemplare. Die meisten waren während des Kriegs des Zornes umgekommen oder fanden wenige Jahre danach in der Folge einer regelrechten Hetzjagd durch Elben, Zwerge oder Menschen ihren Tod. Jene, die überlebten, zogen sich in den hohen Norden oder in andere unwirtliche Gegenden zurück.

Ihre Fähigkeiten und körperliche Erscheinung weckte in den meisten Wesen eine tiefverwurzelte Drachenfurcht, die umso mehr einer erstickenden Lähmung gleichkam, je älter der jeweilige Drache war. Es war die verheerende Kombination von uraltem Hass und einem beängstigend scharfen Intellekt, der die ältesten schlangenartigen Drachen am Leben gehalten hatte. Zu jenen, die einst in Melkors Drachenarmee dienten und später der tödlichen Hetzjagd durch die sprechenden Zweibeiner entgingen, gehörte neben Scatha, dessen wahrer Drachenname längst in Vergessenheit geraten war, die Urmutter aller Drachen und das älteste noch lebende Drachenweibchen der ersten Generation: Glaurungs mordlüsterne Gefährtin Drifa. Ihre Grausamkeit, Brutalität und Boshaftigkeit stellte die der bekanntesten männlichen Drachen bei Weitem in den Schatten. Es war bezeichnend, das von der ursprünglichen unübersichtlichen Brut von Glaurung und Drifa ein einziges Männchen sich weiterhin guter Gesundheit und seines Lebens erfreuen konnte. Aus diesem Grund vermieden die meisten Drachen den Namen ihrer Artgenossin auch nur zu denken. Höchstens Scatha wagte es den Namen des kannibalistischen Albtraums auszusprechen und sich offen mit ihr anzulegen.

Grundsätzlich waren die männlichen Drachen, gleichgültig welcher Art sie angehörten, gut damit beraten, sich außerhalb der Paarungszeit von den „Damen“ und dem seltenen Nachwuchs fernzuhalten. Verglichen mit ihren potenziellen Fortpflanzungspartnern waren diese in der Lage Jahrzehnte, gerüchteweise sogar Jahrtausende ohne Nahrung auszukommen. Dafür entwickelten sie während der raren Heißhunger-Perioden eine grausame kannibalistische Ader. Ein Drachenmännchen, das sich entgegen jeder Vernunft und den Geboten der Selbsterhaltung, einem ausgewachsenen Weibchen ausserhalb der Paarungszeit näherte, wurde von diesem als Beute betrachtet:: Lebendig wurde dem unglücklichen Drachen jede einzelne Schuppe abgerissen oder weggeätzt, lange gebogene Krallen mit winzigen Widerhaken rissen die verletzliche Bauchdecke auf, um die Eingeweide herauszuzerren, die Augen wurden mit dem Feueratem geblendet, so dass er völlig hilflos dem wütenden Weibchen ausgeliefert war und dann begann das Verstümmeln der Gliedmaßen. Sobald der immer noch lebende Drache in maulgerechte zuckende Portionen zerteilt war, verschlang sie ihre Beute und absorbierte nebenbei sämtliche Kräfte, die er zuvor besessen hatte. Selten übernahm ein männlicher Drache die Jungenaufzucht. Sie trauten einfach dem scheinbaren Frieden nicht, zumal keiner von ihnen einen Sinn darin sah, sich zur Beute degradieren zu lassen.
Ein junger frisch geschlüpfter Drache, gleichgültig, welcher Art er angehörte, konnte auf das kollektive Wissen seiner Vorfahren zurückgreifen und gab Jahrhunderte später dieses geerbte Gedächtnis an seinen Nachwuchs indirekt weiter. Drachenmännchen verließen die Bruthöhle sobald sie alleine überleben konnten um ein eigenes Revier zu finden und ihre Fortpflanzungschancen mithilfe eines mit Reichtum überquellenden Hortes zu erhöhen. Die Weibchen waren ihresgleichen gegenüber wesentlich toleranter und teilten sich ohne ernsthafte Konflikte auch territoriale Grenzen. Besonders Schwestern aus demselben Gelege neigten dazu, gemeinsam zu jagen und sich die spätere Jungenaufzucht zu teilen.
Scatha war der mächtigste „Lindwurm“ der Dürren Heide und vermochte den unterirdischen Höhlen außerhalb der heißen Sommermonate wenig abgewinnen. Sein bevorzugter Rückzugsort und Jagdgebiet waren die tieferen Gewässer. Um seinen Hort aus reiner Gewohnheit weiter auszubauen, unternahm er immer wieder Raubzüge auf ahnungslose Händler und menschliche Adlige. Nicht einmal das Vieh der wagemutigen Bauern oder der nomadischen Menschenstämme ließ er verschont, hatte er erstmal ihre Witterung aufgenommen.

In seinem langen Leben hatte er sich nur drei Mal mit einem Weibchen gepaart. Die zwei ersten Male, als Seinesgleichen noch in der Gefangenschaft in Melkors Herrschaftsgebiet lebte und sie vor allem der Zucht einer lebendigen „Kriegsmaschinerie“ dienen sollten. Was aus seinem Nachwuchs geworden war,  entzog sich bis auf das Schicksal der ersten Brut seiner Kenntnis. Im Grunde war es auch irrelevant. Er hatte keine väterlichen Gefühle für seinen Nachwuchs gehegt, zumal sie lediglich aus kriegerischen Zwecken überhaupt in die Welt gesetzt wurden. Die Drachenarmee hätte Melkor den ultimativen Sieg über die sogenannten freien Völker beschaffen sollen, nur war dieser Plan in erster Linie an dem unbeugsamen Willen eines Drachenweibchens gescheitert.

In der Tat waren die Drachen die personifizierten Zerstörer, aber das hieß noch lange nicht, dass sie sinnlos ihre Energie verschwendeten, um andere Lebensformen auszulöschen. In vielerlei Hinsicht unterschieden sie sich von den anderen Völkern die Mittelerde bewohnten, aber auch sie hatten ihre persönlichen Schwachstellen, die ihnen zum tödlichen Verhängnis werden konnten - geriet das Wissen um sie in die falschen Hände.

Trotz all der Unterschiede, teilten die Drachen Mittelerdes eine Grundeinstellung, die ihnen oft als Arroganz ausgelegt wurde. Niemals würde einer von ihnen Selbstmord begehen oder sich für die Erhaltung ihres Volkes opfern. Ein solches Verhalten ließe allein schon ihre Selbstwahrnehmung nicht zu. Sollte jemand sich irgendwann die Mühe machen, einen Drachen zu fragen, was er als die vollkommene Perfektion des Lebendigen beschreiben würde, wäre die Antwort wenig überraschend. Sie würden sich selbst nennen. Warum also, sollte ein perfektes höheres Wesen sich selbst zerstören, wenn es geboren war um andere zu beherrschen? Es wäre wider ihrer Natur, sich zu töten oder zu opfern. Genauso wenig lag es ihnen, ihren Besitz zu teilen oder aufzugeben ohne eine noch hochwertigere Gegenleistung zu bekommen. Deshalb waren blutige Konflikte mit gierigen Menschen, Elben und Zwerge vorbestimmt.
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