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Last Heda

von Kassalla
GeschichteDrama, Mystery / P18 / FemSlash
Clarke Griffin Finn Collins Jake Griffin Lexa Raven Reyes Titus
19.10.2020
01.01.2021
40
163.282
25
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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14.12.2020 4.384
 
Als ich meine Augen öffne sehen mich fünf erwartungsvolle Augenpaare an. Titus, Ellen, Raven, Anya und ein Vertreter des Kreises, Murphy, sitzen mit mir in einem leeren Büro gegenüber. Ich habe sie aufgeklärt und ins Bild gesetzt. Viele Nachfragen und Diskussionen später erwarten alle eine Lösung von mir.

„Ich werde das vor den Rat bringen. Ich werde alle drei direkt anklagen und vorladen.“ Ich atme schwer. „Sie sollen eine Anhörung bekommen.“ Titus sieht mich zweifelnd an. „Ein Vertreter aus jedem Zirkel wird bei der Anhörung anwesend sein, damit das im Namen der Koalition geklärt wird.“

„Das ist keine gute Idee, Heda“, unterbricht mich Titus. Er wird von den anderen überrascht angesehen. „Es gibt delikate Themen, die nicht vor dem Rat besprochen werden sollten.“

„Was ist dein Vorschlag?“, frage ich kalt zurück.

„Wir lösen das intern. Hinter den Kulissen. Nur einige Ratsmitglieder werden mit einbezogen und…“

„Nein. Ich lasse nichts hinter den Kulissen laufen. Wenn dabei irgendetwas schief läuft, hängen sie mich an den Galgen! Du weißt, wie gefährlich das Ganze wird. Mache ich einen falschen Schritt und treffe eine falsche Entscheidung, kann mich das den Kopf kosten.“

„Da hättest du vorher drüber nachdenken müssen“, bricht es aus Titus heraus.

„Wie bitte?“ Die Temperatur in dem Raum fällt um mehrere Grad.

„Wir sollten vielleicht gehen?“, kommt es zurückhaltend von Raven. Ich gebe ihr ein Handzeichen sich wieder hinzusetzten.

„Darüber nachdenken sollen?!“; fauche ich Titus an. „Ich überdenke seit Jahren jeden Schritt, den ich mache. Jede Entscheidung, die ich treffe, überdenke ich! Ich mache seit Jahren nichts anderes als denken! Ich habe alles immer möglichst rational betrachtet und versucht eine Lösung zu finden, die für alle in Ordnung ist. Habe Kompromisse und auch schwere Entscheidungen getroffen!“

„Ich zweifele gar nicht an, dass ihr…“

„Halt die Klappe, Titus! Du hast keine Ahnung, was ich aufgegeben habe“, brülle ich und fahre sofort zurück. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Ich sehe mein Spiegelbild. Trotz des Trankes bin ich wieder müde und ausgelaugt. Meine Kapazitäten für Kontrolle und Selbstbeherrschung sind aufgebraucht. „Ich werde nicht zulassen, dass ich angreifbar werde, weil ich etwas heimlich mache. Das ist größer, als wir wissen. Wenn Pike mit dem Az-Zirkel zusammen arbeitet, läuft viel schief. Nia ist eine grausame Hexe und sie ist mächtig.“ Ich drehe mich wieder um. „Ich brauche die Kraft des Rates, um die Wahrheit herauszufinden, damit mir nicht angelastet werden kann, ich würde heimtückisch agieren.“

„Und was ist, wenn die Wahrheit rauskommt?“ Verwirrte Blicke zu Titus.

Ich schaue einmal in die Runde. „Dass ich eine Beziehung hatte, als ich 19 war?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich kann auch gerne dazu noch jede einzelne Frau auflisten mit der ich im Bett war.“ Ellen sieht mich schockiert an. Auch Raven und Anya tauschen überraschte Blicke. Murphy sieht aus, als wäre ihm die ganze Situation unangenehm.

„Es ist gefährlich…“

„Sind wir doch mal realistisch. Wer interessiert sich denn für eine Beziehung, die über fünf Jahre her ist? Das ist lächerlich. Es gibt hundert bessere Gründe, wieso Nia und Anhang etwas von Clarke wollten. Wir müssen nur herausfinden, was es ist.“ Das kann nicht sein, weil wir vor Jahren für ne Woche zusammen waren und von meinen aktuellen Gefühlen kann niemand wissen…

Raven sieht zu Anya. „Du wusstest das?!“

„Ja. Es ist aber ewig her.“ Anya und sie wechseln kurz Blicke, dann schaut mich Raven durchdringend an. Ich sehe in ihren Augen, dass ihr etwas einfällt, aber sie schweigt.

„Wir brauchen den Rat, Titus!“ Er nickt langsam. „Vor dem Rat können sie nicht einfach jemanden verletzten oder umbringen. Wenn der Rat über dem Fall steht, sind alle Beteiligten geschützt. Der Rat hat die Macht Pike, Nia und Ontari vernünftig und nach unseren Gesetzen und Regeln zu verurteilen.“

„Der enge Rat…“, wirft Titus langsam ein.

„Und genau der wird daran beteiligt werden. Es muss schnell gehen, damit Nia, Pike und Ontari keine Chance haben sich zu organisieren.“ Er nickt wieder. „Ich möchte, dass du dich jetzt darum kümmerst.“ Ich blicke in die Runde. „Murphy? Du bleibst bei Jake Griffins Körper. Ich will, dass mindestens eine weitere Person immer bei dir ist. Außer Clarke, Mrs. Griffin und wir darf niemand zu ihm, egal was diese Person auch sagt. Verstanden?“

„Ja, Heda.“ Er steht auf und geht mit schnellen Schritten raus. Titus folgt ihm mit einer kurzen Verbeugung. Ich setzte mich wieder.

„Von was für Frauen reden wir hier?“, fragt Raven mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Ich dachte du vögelst nur Cos?!“

„Was?“ Ellen sieht sie schockiert an.  

„Danke Raven.“ Ich schüttele resigniert meinen Kopf. „Ich bin eine ganze Zeit lang nachts rausgeschlichen und habe mit unterschiedlichen Frauen geschlafen. Ich brauchte irgendein Argument gegen Titus, damit er das vor den Rat lässt.“ Ich fahre mir durchs Gesicht.

„Ich habs mir schon gedacht“, antwortet Anya. Sie grinst aber nicht, sie sieht besorgt aus. „Wie geht es dir?“, fragt sie vorsichtig. Ich weiche ihrem Blick aus.

„Ich muss diese Sachen klären. Ich kann nicht drei Mörder frei herumlaufen lassen, nachdem eine Einrichtung nach der nächsten gesprengt wird und jetzt Älteste ermordet werden.“ Ich stehe auf. „Außerdem muss ich heraus finden, was Nia von Clarke will.“

„Alexandria… das war nicht ihre Frage.“ Ich höre, wie Ellen zu mir kommt. Ich starre wieder nach draußen. Ich spüre ihre Hand auf meiner Schulter. Ich unterdrücke die aufkommenden Tränen. Der Tag war einfach zu viel…

„Ich komme klar. Ich bin froh, dass ich Pike endlich bestrafen kann und einen Zugang habe, um Nia fertig zu machen. Aber der Preis dafür war zu hoch.“ Beim letzten Wort bricht meine Stimme weg. Ich habe wieder den sterben Jake vor meinem inneren Auge. Er fleht mich wieder an seine Tochter zu beschützen. Sagt mir, wie sehr er sie liebt und, dass sie alles Glück der Welt verdient. Er hat in so kurzer Zeit so viele wunderschöne Dinge gesagt, die ich alle an Clarke weiter geben muss. Ich lasse den Kopf hängen.

Das muss ich auch noch machen… Aber sie hat es verdient die letzten Worte ihres Vaters zu hören…

„Ich muss gehen. Versucht Titus zu unterstützen. Anya du bist hier für die Sicherheit verantwortlich. Keiner darf raus oder rein. Sprich dich mit Murphy und den anderen ab.“ Sie nickt. Ich lege meine Hand kurz auf Ellens Arm. „Es wird wieder“, sage ich aufmunternd zu ihr. „Dir passiert nichts.“

„Du weißt, dass das nicht das ist, was mir Sorge bereitet.“ Ich nicke.



Mit meinem Mittelfinger klopfe ich sanft gegen die Tür. Es dauert einen Moment, aber dann höre ich Bewegung und die Tür wird geöffnet.

„Lexa…“ Clarke steht mit roten verquollenen Augen vor mir. Sie sieht beschämt weg.

„Habe ich dich geweckt?“ Es ist bereits mitten in der Nacht, wie ich zu meiner eigenen Verwunderung feststelle. Dass es so spät ist, habe ich nicht erwartet. Sie schüttelt ihren Kopf. Clarke und ihre Mutter wurden zu ihrem eigenen Schutz, da offiziell die Umstände noch nicht geklärt sind, hier untergebracht. „Darf ich rein kommen?“ Sie sieht überrascht aus, tritt aber zur Seite. Ich setzte mich auf einen Stuhl, während sie sich wieder auf ihr Bett setzt. Da es sich um eine Heiler-Einrichtung handelt, gibt es viele Zimmer mit Betten. Das gesamte Stockwerk ist nur für mich, meine Begleiter und Clarke sowie ihre Mutter abgesperrt. Wir habe hier komplett unsere Ruhe. „Ich möchte dich gar nicht lange stören. Ich habe nur etwas in meinem Kopf, was du sehen solltest.“ Sie kann mich nicht ansehen. „Dein Vater hat mich gebeten dir etwas auszurichten“, erkläre ich so ruhig und sanft wie möglich. „Wenn du es willst, würde ich dich die Worte selber hören lassen, statt sie einfach wieder zu geben.“ Ich gebe mir nicht einmal ansatzweise Mühe meine Gefühle für mich zu behalten. Ich bin gesorgt, traurig, unsicher und vor allem werden meine Gefühle durch das Bedürfnis geprägt, Clarke vor allem zu beschützen, selbst vor den Dingen, vor denen sie niemand beschützen kann.

Ihre tränennassen Augen füllen sich wieder. „Warum bist du so nett zu mir?“, schluchzt sie und klingt verzweifelt. „Ich habe dich angeschrien und beleidigt und trotzdem…“

„Du hast deinen Vater verloren. Ich habe versprochen das ich das verhindere, aber meine Macht war nicht groß genug. Ich habe versagt. Dass du mich dafür hasst, kann ich nachvollziehen und ist völlig in Ordnung. Ich möchte gar nichts anderes, als dir seine Nachricht zu übermitteln.“ Sie nickt stumm. Ich stehe auf und setzte mich neben sie. „Dafür muss ich in deinen Kopf.“ Sie nickt wieder. Ich lege vorsichtlich meine Hände um ihre Wangen. Mein Blick gleitet unbewusst sanft über ihr zwar verweintes, aber immer noch wunderschönes Gesicht. Die Berührung ist liebevoll und ruhig. Ich berühre sie zwar kaum, aber die intime Berührung lässt mich innerlich erschauern. „Schließ die Augen und atme einmal tief durch. Es könnte schmerzhaft sein, seine Stimme so zu hören.“ Sie nickt. Tränen sickern durch ihre geschlossenen Augenlider.

Ich flüstere den Spruch, damit sie weiß welcher und lasse sie Jakes Stimme hören. Sie schluchzt auf und beginnt zu zittern. Ich halte sie sanft fest und warte, bis die Stimme verklingt. Dann löse ich den Zauber. Ich stehe etwas widerwillig auf und setzte mich auf den Stuhl, obwohl ich nichts anderes will, als sie fest in den Arm zu nehmen. Ich reiche ihr eine Packung Taschentücher rüber. Ob der Zauber oder die emotionale Belastung mich noch mehr Kraft gekostet haben, kann ich nicht sagen, aber ich zittere am ganzen Körper.

„Danke“, haucht sie und sieht auf. Sie kann mir erst nicht in die Augen gucken, aber schließlich treffen sich unsere Blicke. „Danke, dass du das gemacht hast.“ Sie putzt sich die Nase und trocknet ihr Gesicht. „Das bedeutet mir wirklich viel.“

„Du kannst das hören, wann auch immer du willst.“ Ich hebe einen Mundwinkel. „Ich kann dich das jederzeit hören lassen, wenn wir uns sehen.“

„Auch, dass du versucht hast ihn zu retten.“ Sie sieht schuldbewusst weg. „Ich habe gesehen, wie anstrengend das für dich gewesen sein muss. Hexen brechen nicht einfach so zusammen, nachdem sie einen Zauber gewirkt haben.“

Ich nicke. Plötzlich werde ich unfassbar müde. Mein ganzer Körper entspannt sich. Ihre weiteren Vorwürfe und Anschuldigungen hätte ich nicht ertragen. Ich spüre Erleichterung darüber, dass sie meine Mühen gesehen hat und nicht wütend auf mich ist.

„Danke.“

Ich schlucke und Tränen schießen mir in die Augen.

Nicht jetzt! Nicht schon wieder!

Ich senke den Blick und kämpfe. Ich stehe auf. „Falls du etwas brauchst, auf dem Gang stehen hier und da Hexen und Hexer, die dir helfen können.“ Ohne sie anzusehen gehe ich zur Tür. Kurz bevor ich die Klinke herunterdrücken kann, werde ich festgehalten. Ich keuche überrascht auf, als mein Körper mit Wärme durchflutet wird.

„Warte bitte.“ Sie steht ganz nah hinter mir und dreht mich zu sich. Sie beobachtet mich für einen Moment, dann streckt sie langsam ihre Hand aus, gibt mir Zeit mich zurückzuziehen und streichelt dann sanft meine Wange. „Warum bist du so mitgenommen?“ Sie flüstert fast, so emotionsgeladen ist ihre Stimme. Ich spüre ihre Berührungen, während sie mich weiter vorsichtlich mit dem Daumen streichelt. Und ich lasse es mit einem ruhigen und vertrauten Gefühl zu. Grün versinkt förmlich in tiefem Blau. Mein Atem geht schwer. Ihre Berührungen machen es nicht leichter, meine Gefühle zu kontrollieren. Ich schlucke und atme ein. Sie muss das Zittern, welches durch meinen Körper fährt, spüren.

„Es war ein langer und harter Tag, der von Minute zu Minute schlimmer wurde“, erkläre ich mit belegter Stimme.

„Was ist bei dir Schlimmes passiert?“ Sie nimmt zögerlich meine rechte Hand. Auch das lasse ich einfach geschehen, weil Nichts in mir das aufhalten oder unterbrechen will.

Du bist wieder in meinem Leben und ich will nichts mehr, als dich wieder kennen zu lernen und an meiner Seite zu haben, aber dann wurde mir mehr als deutlich gemacht, wie gefährlich es in meiner Position ist und wieviel Verantwortung ich habe…

Ich breche den Blickkontakt. Sie streichelt meine Hand beruhigend. „Nicht unbedingt schlimm“, beginne ich langsam und hebe meinen Blick. „aber emotional aufwühlend und kognitiv anstrengend.“

Ihre Berührungen sind wie Balsam…Wie damals am Wasserfall, wie jede Nacht bevor ich mich dazu entschlossen habe mein Privatleben für die Koalition aufzugeben…

Sie hebt meinen Kopf etwas, ich gewähre es ihr. Die Vernunft verlangt, dass ich diese aufkommenden beruhigenden und warmen Gefühle nicht zulassen darf. Aber ich brauche das in diesem Moment, ich brauche ihre sanfte Berührung.

„Deswegen wolltest du heute nicht mehr Heda sein?“ Ich nicke ganz leicht. Unsere Augen verbinden sich wieder und der Druck, der immer von allen Seiten auf mich eindrückt und Forderungen stellt, wird weniger. Die Welt außerhalb dieses Zimmers verschwindet für einen Augenblick, als grün auf blau trifft. So ruhig war es seit Jahren nicht in meinem Kopf. Ich lasse mich in das Blau fallen, spüre die Wärme und rieche ihren Duft. „Jeder braucht eine Pause.“

Ich muss bitter auflachen. „Ich nicht. Zu viele Menschen sind von mir und meinen Entscheidungen abhängig. Zu viele verlassen sich darauf, dass ich richtige Entscheidungen fälle und dafür sorge, dass kein Krieg losbricht, der wieder hunderten Hexen und Hexern das Leben kostet.“ Ich senke den Blick. „Es gab schon zu viele Tote.“ Ihre Hand liegt immer noch an meiner Wange. Ich erwidere den Druck an meiner rechten Hand unbewusst. Ich sehne mich so sehr danach mich in ihren Armen fallen zu lassen und nur zwei Minuten nicht mehr die mächtigste Hexe zu sein.

„Stedaunon don gon we, kikon ste enti (Der Tod ist fort, die Lebenden hungern)“, flüstert sie und zwingt mich sie anzusehen. „Du solltest dich auf die Lebenden konzentrieren, nicht auf die Toten.“

„Das mache ich.“ Da wird mir meine Verantwortung wieder bewusst und ich mache einen Schritt zurück. Ich nehme ihre Hand langsam von meiner Wange. „Diejenigen, die für Jakes Tod verantwortlich sind, werden vorgeladen und angeklagt. Sie werden nicht mit dieser grausamen Tat davon kommen.“ Ich kämpfe um meine Selbstbeherrschung. In mir tobt wieder ein Sturm.

„Ihr wisst, wer es war?“, fragt sie langsam und beobachtet mich ganz genau.

„Ja. Aber ich kann es dir nicht sagen. Es ist zu gefährlich, weil wir nicht wissen, was ihre nächsten Schritte sind. Du musst mir vertrauen.“

Ich sehe, dass sie überlegt, dann nickt sie. „Ich vertraue dir.“ Sie kommt mir wieder näher. „Hast du dafür alles in die Wege geleitet?“

„Ja. Titus kümmert sich um alles. Die Einrichtung wurde von meinem engeren Kreis abgeschirmt. Du bist in Sicherheit.“ Sie nickt langsam. Ich sehe wie sie schluckt und es wirkt, als müsse sie sich zu etwas überwinden.

„Dann kannst du ja für eine Weile aufhören Heda zu sein“, flüstert sie und kommt wieder zu mir. Sie legt ihre Hände um mein Gesicht. Ihr Blick ist klar und ich kann sehen, was sie vorhat. Ich kann nur nicht fassen, was sie vorhat!

Ich lege meine Hände auf ihren Bauch und will sie etwas wegschieben. Aber stattdessen verharren meine Arme direkt bei dem Körperkontakt und meine Hände kommen sanft zum Erliegen. „Clarke, ich kann das nicht.“ Der flehende und gequälte Unterton hallt in meinen Ohren schmerzlich nach. Ich weiß, dass ich nach diesem Tag nicht mehr die Kraft aufbringen kann, um gegen das hier anzukämpfen. Ich will es auch eigentlich gar nicht.

„Dann sag mir, dass du das nicht willst und du immer noch der Meinung bist, ich hätte deine Signale falsch interpretiert.“ Ihre Finger streicheln mich sanft und viel zu vertraut. Ich beobachte sie. Mein Herz donnert in meiner Brust. „Sag mir, dass da nichts mehr zwischen uns ist.“

Ich stutze. Was hat sie gesagt? „Was?“ Mein Atem geht flacher.

Sie beißt sich auf die Lippe und weicht meinem Blick aus. Dann holt sie tief Luft. „Weißt du, ich habe einen Schutzzauber“, widerholt sie ihre Worte von vor ein paar Stunden. „Damit bin ich für alle Zauber abgeschirmt und niemand kann in meinen Kopf.“

Ich erstarre komplett. „Clarke…“

„Dich so zu sehen hat etwas in mir verändert. Ich werde dich immer beschützen und solange du an meiner Seite sein möchtest, werde ich bei dir bleiben.“ Sie sieht mich ernst an. Das stand wortwörtlich so auf dem Zettel, den… „Erinnerst du dich?“, fragt sie dann langsam.

„Ja“, hauche ich, fahre mit meinen Händen von ihrem Bauch um ihre Taille, ziehe sie an mich und küsse sie. Wie von alleine werde ich zu ihr hingetrieben. Sie hat mich nicht vergessen… Sie erwidert meinen Kuss sofort. Ihre Lippen schmiegen sich zärtlich gegen meine, während ich sie immer und immer wieder küsse. So stehen wir eng umschlungen einige Minuten da. In meinem Kopf wird es ganz ruhig, meine Herzfrequenz geht runter und ich atme erleichtert aus. Ich muss leicht lächeln, als ich den Kuss löse. Wir sind wieder abgeschirmt von den Pflichten und dem Chaos vor der Tür. Ihr Jasminduft umhüllt mich und ich bin zu Hause. Ich bin erleichtert, dass sie mich nicht vergessen hat, was eine Welle der Euphorie durch meinen Körper schickt, die alles andere wegschwämmt. Ich presse meinen Mund wieder auf ihren und lege meine Hände auf ihren Rücken, um sie noch näher zu spüren. Sie umfasst meinen Hals und presst sich an mich. Ich keuche überwältigt an ihren Lippen und intensiviere den Kuss. Mein Körper und mein Geist wollen mehr von dieser Näher. Bevor der Kuss zu hitzig wird, lasse ich ihn fast liebevoll auslaufen und lege meine Stirn an ihre. „Titus hat deine Erinnerung nicht gelöscht?“ Mein Blick ist warm und liebevoll.

Ein kleiner zorniger Funken taucht kurz in ihren Augen auf. „Doch. Aber er war nicht stark genug, um den Gedächtnisverlust langfristig zu machen.“ Sie holt tief Luft und lässt mich los. „Vor ungefähr zwei Jahren fingen die Erinnerungen an wieder zu kommen. Ich dachte es seien Fantasien und Träume, aber die Gedanken manifestierten sich irgendwann. Es war alles wieder da. Unser erster Kuss am Wasserfall, der Zettel und deine letzten Worte an mich.“ Traurigkeit überschattet ihren Gesichtsausdruck. „Die Erinnerungen waren so frisch und lebendig, als wäre es gerade erst passiert.“

„Clarke…“; fange ich an doch sie unterbricht mich sofort.

„Lex…“ Sie schüttelt leicht den Kopf. Ein wohliger Schauer durchflutet mich. Mein Name klingt so richtig aus ihrem Mund. „Ich will keine Entschuldigung von dir. Ich kann jetzt mehr nachvollziehen, wieso du es getan hast beziehungsweise wieso du Titus darum gebeten hast.“ Sie holt tief Luft und legt ihre Hände auf meiner Brust ab. Ich halte sie immer noch an der Taille fest. Die Nähe fühlt sich gut und richtig an. „Es ist jetzt eine Ewigkeit her, aber…“ Sie lächelt traurig. „Ich dachte meine Gefühle für dich wären weg. Aber als ich dich heute in dem Konferenzraum gesehen habe und du mich so überrascht angeguckt hast …wie ich mich gefühlt habe...“ Ich höre schweigend zu. „Ich habe nur nicht damit gerechnet, dass du auch etwas empfindest. Ich meine…“ Sie lacht bitter. „Wir waren 19! Das war vor einer Ewigkeit.“

„Ich weiß“, entgegne ich mit einem sanften Lächeln. „Ich habe auch nicht damit gerechnet oder doch?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe in den letzten Jahren immer wieder an dich gedacht. Vielleicht ist es auch nur eine romantische Vorstellung, dass wir füreinander bestimmt sind und deswegen die Gefühle noch da sind.“

„Oh wow“, lacht sie. „Mit so viel Kitsch habe ich nicht gerechnet.“

„Ich sage nicht, dass es so ist! Ich überlege nur, wieso es sich mit dir anfühlt, wie vor ein paar Jahren. Auf der Terrasse konnte ich mich entspannen. Bei dir kann ich alles ausblenden und meine Gedanken sind viel ruhiger. Es wird so angenehm still in meinem Kopf.“

Sie überlegt kurz. „Haben wir diese Gefühle immer noch für einander, weil du damals aus Liebe und Angst meine Erinnerung gelöscht hast und das alles eine romantische Wunschvorstellung ist?“ Hat sie mir nicht zugehört?!

„Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass dein Auftauchen alles durcheinander gebracht hat.“

Sie senkt traurig den Kopf. „Offensichtlich.“ Tränen tropfen auf den Boden.

„Das mit Jake tut mir unendlich leid!“ Ich hebe ihr Kinn zärtlich mit meinem Finger. „Ich habe wirklich alles versucht.“

„Weißt du, wieso es passiert ist?“ Ich halte dem Blickkontakt nicht stand. Sie seufzt. „Du weißt es also…“

„Einen Teil, ja. Aber ich kann es dir nicht sagen.“

„Das ist jetzt lächerlich, aber hat es etwas mit mir zu tun?“ Sie sieht das leichte Zucken in meiner Kiefermuskulatur und lässt mich los. „Ist das dein Ernst?“ Sie fährt wieder hoch. „Wer auch immer hat meinen Vater umgebracht wegen unserer Beziehung in der Schulzeit, die nicht mal einen Monat ging?!“

„Ich weiß es nicht genau, Clarke!“ Ich laufe ihr etwas hinterher. „Ich weiß nur, dass dich diese Personen gesucht haben und Jake…“

„Was?“ Sie sieht mich durchdringend an.

Ich beiße mir kurz auf die Lippen. „Clarke, bitte. Ich kann es dir nicht sagen. Ich habe dir schon viel zu viel gesagt. Vertrau mir bitte, dass ich das kläre.“

„Wie kindisch kann man denn bitte sein, dass man den Vater von einer Beziehung der Heda umbringt, nur um an die Person ran zu kommen, für die du mal Gefühle hattest.“ Sie dreht sich frustriert um. „Wer macht denn sowas? Als ob die irgendetwas ausrichten könnten, wenn sie mich haben.“ Sie deutet auf mich. „Du hast offensichtlich deine Gefühle unter Kontrolle und das Wohl der Koalition steht über allem.“

„Ich habe meine Gefühle offensichtlich nicht unter Kontrolle!“ Ich gehe zu ihr. „Ich habe dich geküsst! Seit du aufgetaucht bist, läuft meine Selbstbeherrschung Amok, während ich so entspannt bin wie lange nicht mehr.“

Sie nickt. „Vielleicht hast du Recht.“ Ich schlucke, als ihr Gesicht plötzlich hart wird. Hört sie mir eigentlich zu? „Vielleicht hängen wir so aneinander, weil es eine romantische Vorstellung ist. Wäre doch schön, wenn wir nach all der Zeit noch Gefühle für einander hätten und feststellen, dass nichts etwas daran ändert. Nicht einmal ein Vergessenszauber.“

Ich atme scharf ein, als mich ihre Worte schmerzhaft treffen. „Clarke…“

„Nein, Lexa. Du hast damals die Entscheidung getroffen dieser Beziehung ein großes Gewicht beizumessen. Du hast mich verzaubern lassen, mich ignoriert und dich verändert. Wir sind nicht mehr die beiden jungen Frauen, die sich Hals über Kopf ineinander verliebt haben. Es ist kein Platz mehr für romantische Spaziergänge zu einem Wasserfall oder Zaubertricks.“ Sie hebt die Hände. „Wir hängen offensichtlich beide noch an dieser Vorstellung, wie du es genannt hast, fest.“ Ich beobachte sie scharf. Hat sie recht? Habe ich recht?... Nein… Ich schlucke. Der Kuss hat sich nicht nach einer Vorstellung angefühlt… Ich spanne meinen Kiefer an.

„Und jetzt?“, frage ich, anstatt sie an meinen Gedanken teilhaben zu lassen.

Sie schaut mich eine Weile an, dann kommt sie zu mir und legt ihre Hände um meinen Nacken. Von ihren Berührungen geht wieder eine angenehme Wärme durch meinen Körper. „Jetzt machst du als Heda weiter. Du kümmerst dich um den Mord meines Vaters und ich…“ Ich spüre, wie sie tief Luft holt. „Mache als Vizeschulleiterin und Kunstlehrerin weiter. Wir sind in keiner romantischen Komödie oder einem schnulzigen Liebesroman. Wir sind zwei echte Menschen, die in einer chaotischen Welt leben und vielleicht einen Hoffnungsschimmer brauchten. Hoffnung darauf, dass es mehr gibt als nur Arbeit und Verpflichtungen. Vielleicht ein kleines bisschen Schicksal.“ Sie lässt mich los und unsere Blicke treffen sich. Blau trifft auf grün und ich schüttele unbewusst meinen Kopf. War es das jetzt? „Ich habe heute so getan, als erinnere ich mich nicht, um zu sehen, wie du damit umgehst.“ Sie streichelt meine Wange. „Es tut mir leid, dich so aus dem Konzept gebracht zu haben. Wir sind aber keine Jugendlichen mehr.“ Sie küsst mich sanft auf die Wange und lächelt mich bitter an. „Es wäre schön gewesen, aber… Wir beide wissen, dass es nicht geklappt hätte.“ Ach ja?

Ich nicke langsam, obwohl ich es nicht ganz glaube. „Ich habe Jake versprochen, dass ich auf dich aufpasse.“

„Dann tu das. Und auf alle anderen Hexer und Hexen. Du bist unsere Heda, unsere Groß-Hexe. Du hast dich der Koalition und dem Wohl Aller verpflichtet. Du solltest deine Entscheidungen weiterhin danach fällen, egal, was in diesem Fall rauskommt oder passiert.“ Sie lässt mich los. „Es war zu mindestens für einen kurzen Moment schön.“

In meinem Kopf ist Chaos. Ich weiß nicht, was ich empfinden oder sagen soll. Sie hat Recht. Es gibt nichts, was ich dagegen sagen oder tun könnte. Ich bin der Koalition und allen Hexen und Hexern verpflichtet. Ich schulde es ihnen, sie zu beschützen und zu verteidigen. „Ja war es. Vielleicht hat sich…“ Ich muss schmunzeln. „der Zauber jetzt gelöst und wir können beide loslassen.“

„Vielleicht.“ Sie sieht plötzlich ganz schuldbewusst aus.

„Was?“

„Ich…“ Sie fährt sich durchs Gesicht. „Ich habe eine Freundin und…“ Sie schließt kurz die Augen. „Ich glaube, dass ich sie morgen mal anrufen sollte und na ja… das beende.“ Ich bin maßlos verwirrt.  „Nicht wegen dir, aber… Es fiel mir zu leicht dich zu küssen und das ist kein gutes Zeichen für meine Beziehung. Niylah wird zwar nicht begeistert sein, aber…“

„Niylah?“; frage ich etwas zu scharf nach. „Dein erster Kuss?“

Ihre Augenbrauen schießen überrascht in die Höhe. „Dass du das noch weißt… ja. Wir haben uns vor ein paar Jahren wieder getroffen und irgendwie sind wir wieder zusammen gekommen. Es war am Anfang nichts Ernstes, aber irgendwann waren wir dann zusammen.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Nicht wirklich aus Liebe, glaube ich.“

„Und der Kuss zwischen uns war…“ Ich lasse den Satz unvollendet und schaue sie erwartungsvoll an.

„Ein Missgeschick?“ Ich muss auflachen. „Es tut gut zu wissen, dass noch etwas von der emphatischen Lexa, die ich kurz kennen lernen durfte, da ist. Der Kuss war wahrscheinlich eine Kurzschlussreaktion aus Erleichterung, dass ich dich nicht vergessen habe. Eine Übersprunghandlung, nichts weiter. Aber du solltest jetzt gehen und deine Pflicht erfüllen.“ Sie holt tief Luft. Ich will nicht gehen… „Vorher solltest du diesen Schutzzauber lösen. Er bindet dich an mich und das ist nichts, was jemand in deiner Stellung braucht.“

„Bist du sicher? Ich habe davon bis jetzt nicht so viel mitbekommen.“ Ich habe es Jake doch versprochen…

„Lexa… du hast den Zauber damals erzeugt, weil du in mich verliebt warst. Die Zeiten sind ja wohl vorbei. Es ist besser so. Wir sollten es bei einem professionellen Umgang belassen.“

Ich nicke. „Wahrscheinlich hast du Recht.“ Ich lege meine Hand um ihr Handgelenk und lasse das Armband verschwinden. Ich sehe sie an und hebe meinen Arm. „Mögen wir uns wiedersehen“, versuche ich kraftvoll und selbstbewusst zu sagen, aber meine Stimme zittert leicht. Sie umfasst sanfter, als ich es erwartet hatte, meinen Unterarm.

„Mögen wir uns wiedersehen, Heda.“
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