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What if...

GeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
18.10.2020
29.11.2020
6
7.517
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.11.2020 849
 
Guten Abend ihr Lieben!
Der heutige Oneshot ist etwas kürzer, allerdings auch etwas anders als die anderen. Ich habe lange nicht mehr so einen OS geschrieben, aber bin doch recht zufrieden. Also viel Spaß beim Lesen!

TRIGGER WARNUNG! Dieser OneShot behandelt die Themen Depressionen und Suizid!



Was wäre, wenn: Jan Tim die Freundschaft kündigt

Kapitelname: Engel

Wörterzahl: 846

Vorkommende Personen: Tim Lehmann, Jan Zimmermann

Sicht: Tim


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POV TIM



Mit Henry an der Leine spaziere ich durch den Wald. Es ist kalt, man kann meinen Atem in der Luft sehen. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke höher und stecke die freie Hand in die Hosentasche. Henry schnüffelt auf dem Boden und schnappt sich einen Stock, trägt ihn mit sich rum. Schweigend beobachte ich ihn dabei. Wie so ein Stock so viel Wert für ihn sein kann. Er hat ihn ausgewählt und er wird ihn eine Zeit lang bei sich tragen. Auf eine Weise fasziniert mich das. Und wie wir so den Weg entlanglaufen, so fällt mir ein, dass einst Jan und ich oft diesen Weg gegangen sind. Auch um ein Video mit Henry zu drehen. Tourette als Hundesitter nannten wir es und es machte Spaß, es zu drehen. Jedes Video machte Spaß zu drehen. Das letzte Video ist fast genau ein Jahr her. Nein, das letzte Video, was wir zusammengedreht haben, ist fast genau ein Jahr her. Denn Jan dreht noch immer Videos, nur ohne mich.

„Die Fans haben recht, du willst doch selbst nur den Fame abknöpfen. Dabei geht es um mich, um mein Tourette, meine Gisela! Nicht um dich und dein langweiliges Leben!“

Ich kicke einen Stein ins Laub, Henry sieht ihm kurz hinterher. Ein Seufzer entfährt meiner Kehle und ich blicke in den Himmel. Die Sonne scheint auf mich herab und trotzdem haben wir nur drei Grad Celsius Außentemperatur. Ich brauche nur daran denken, an Jan und an die ganzen zehn Jahre mit ihm und schon schmerzt mein Herz, als würde mir erneut jemand mit einem Messer in die Brust stechen.

„Es geht nicht immer nur um dich, kapierst du das nicht? Du bist so ein ekelhafter Egoist!“

Habe ich mich je egoistisch gegenüber ihm verhalten? Ich kann mich an keinen konkreten Fall erinnern, schließlich habe ich ihn immer gefragt, wenn ich mal eine Idee hatte, ob er damit auch einverstanden wäre. Ich habe nie verstanden, was eigentlich sein Problem war und ich werde auch niemals eine Antwort bekommen. Nie wieder.

„Komm geh! Geh einfach aus meinem Leben! Ich habe die Schnauze so voll!“

Auf jeglichen Social Media Plattformen sowie meinen Kontakt und meine E-Mail hat er mich blockiert. Das ist der Dank für die Freundschaft, für das Erlebte, für das Lachen und für die Arbeit. Hätte ich ihn damals nicht überredet, einen YouTube Kanal zu starten, würde er jetzt in einem Büro im Umweltministerium hocken und den Ventilator beim Drehen beobachten. Meine Hand an der Leine verkrampft sich, Henry quickt auf. Schnell lasse ich wieder locker.

„Wenn du nicht gleich draußen bist, dann schwöre ich dir, ich rufe die Polizei!“

Sogar seinen Anwalt hat er eingeschaltet, er wollte Geld von mir wiederhaben. Der Prozess läuft, im Moment scheint es aber, als würde er verlieren. Mir ist das egal, mich interessiert das Geld nicht. Das Geld hat mich nie, nicht eine einzige Sekunde interessiert. Geld allein macht doch nicht glücklich. Doch er will mich nicht nur psychisch, sondern auch finanziell in den Ruin treiben. Aber warum?

„Ich will dich nie wiedersehen!“

Henry ahnt nicht, dass dies heute unser letzter Spaziergang war. Er war länger und weiter, ich habe ihn genossen. Es war der Letzte, den Gedanken trage ich seit Wochen mit mir herum. Heute ist der Tag der Tage, an dem Jan seinen Willen kriegt. Er wollte mich vernichten und das hat er geschafft, ich hoffe, er ist stolz auf sich.

„Bastard!“

Allein gehe ich erneut los, jegliche Dinge habe ich zu Haus gelassen. Handy, Schlüssel, Portemonnaie. Meine gesamte Identität, denn mir ist egal, ob sie mich finden. An diesem heutigen Tag ist mir alles nur noch egal. Es tut mir nicht gut, mich an ihn zu erinnern. Aber ich kann nicht damit aufhören. Ich erwarte nicht, dass er um mich trauert. Ich erwarte gar nichts.

„Du bist weniger wert als der Dreck unter meinen Fingernägeln!“

Ich erreiche mein Ziel, hoch und schön. Die Sonne strahlt mir lachend durch die blattleeren Baumkronen entgegen. Ich atme tief und schwer, lege zitternd die Hände an das kalte Gitter. Ich stütze mich ab, schwinge herüber. Unter mir das tiefe Nichts. Das Tor zur neuen Welt. Meine arme Kribbeln und langsam löse ich den Griff.

„Ich hasse dich, Tim!“

Danke Jan, für die Freundschaft, für die Zeit, für alles. Ich werde die nie vergessen, ich könnte dich nie vergessen. Wie sollte ich auch? Ich hoffe, eines Tages kannst du an die schönen Tage zurückdenken, an die Tage, an denen wir zusammen lachten und dachten, es sei für die Ewigkeit. Die Ewigkeit, die ich jetzt betrete. Ich lasse mich fallen, schließe die Augen und lasse den Engel in mir fliegen. Fliegen in das weiße Licht der Unendlichkeit. Danke.
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