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Hoffnungsträger

von Calayera
KurzgeschichteTragödie / P18
Bumblebee OC (Own Character)
18.10.2020
12.11.2020
2
4.060
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18.10.2020 2.272
 
Hallöchen!
Eigentlich weiß ich nicht so recht, was mich zum Schreiben dieses Twoshots gebracht hat. Die Idee schwirrt mir schon seit dem Release des 5. Films im Kopf herum.
Bumblebee war schon immer ein Charakter, den ich vor allem für seine fröhliche Art und netten Charakter bewundere. Ihn darum als Mitglied der Teufelsbrigade im Kampf gegen das NS-Regime zu sehen hat mich etwas... geschockt.
Dieser Twoshot beschäftigt sich mit dem Leid der NS-Opfer, einer verzweifelten Revolution, einer gescheiterten Mission und einem System, unter dem viele Millionen Menschen leiden und sterben mussten. Der Ort und sämtliche Namen sind rein erfunden; Bumblebee ist hier auch kein Teil der Teufelsbrigade. Euch viel „Spaß beim Lesen“ zu wünschen möchte ich von daher nicht.
Stattdessen möchte ich, dass ihr euch an diese furchtbare Zeit erinnert und darüber nachdenkt, was sie mit Bumblebee gemacht haben und für ihn bedeuten könnte. Auch wenn dieser Aspekt in der Film-Kontinuität ein Logikfehler ist, nachdenken kann man ja immer. ;)
Dies hier ist eine Art Prolog. Der Rest folgt bald. Auch für mich ist dieses Schreibprojekt Neuland. Schreibt mir doch, wie ihr es findet! :)
. . .


1


Ava hatte schon oft Schmerzen gehabt. Doch diese Kälte übertraf alles.
  Fest wurde sie an die Wand gepresst. Der Zug fuhr in eine Kurve, wurde aber nicht langsamer. Kräftig wurden sie und die ungefähr fünfzig anderen Menschen im Waggon durchgeschüttelt. Es gab keine Gegenstände an denen sie sich hätten festhalten können. Generell gab es nichts in diesem Waggon - weder Fenster noch Sitze, Liegen, Toiletten oder Lebensmittel.
Es gab nur sie und jene, die erfroren und verhungert herumlagen. Nur sie und den Waggon und das immer gleichbleibende, nie endende Quietschen und Kreischen der vielbefahrenen Gleise, das Knarzen der überlasteten Böden und das Dröhnen der Motoren weiter vorne, welche das einzige Indiz dafür waren, dass dieser Zug jemals einen Anfang und ein Ende fand.
  Ava blickte durch einen kleinen Schlitz nach draußen. Sie wartete. Sie wusste nicht, wie viele weitere Waggons voller Menschen es noch gab, doch es mussten mehrere dutzend sein. Mehrere dutzend Waggons mit mehreren hundert, gar tausenden Menschen darin. Sie waren bereits voll gewesen, als sie eingestiegen war und es eigentlich keinen Platz mehr gab – jetzt hockten sie nur noch aufeinander wie Nutzvieh auf dem Weg zum Schlachthaus.
Sie wartete.
  Kurz nickte sie weg. Sie trug ihre dicke Uniform, die sie als Mitglied des Blauen Lichtes auszeichnete, die massiven Militärstiefel und die Wintersocken, und doch war sie unterkühlt und durchgefroren wie ein Eisklotz im Polarmeer. Ihren Schal, die Schießhandschuhe und ihren Uniformshelm hatte sie einigen Leute gegeben die nicht so wettergemäß bekleidet waren, doch gegen die stürmische Winternacht, die dort draußen wütete und die Welt in eine kalte Hölle verwandelte, brachten sie wenig bis gar nichts.
Das Atmen fiel schwer. Bewegungen schmerzten. Im Waggon war es stickig, die Luft verbraucht, doch die Kälte, die war überall. Und sie tat weh. Mehr als alles, das Ava je an Schmerzen erfahren hatte.
  Als sie noch ein Kind gewesen war, vier oder fünf Jahre, da hatte sie sich einmal an den Scherben einer Glasflasche geschnitten. Sie war ihr auf dem Weg vom Keller in den Hinterhof aus den Händen geglitten, nachdem sie an einer der Treppenstufen abgerutscht und gefallen war. Tief hatten sich die Splitter in ihre Unterarme gegraben, hinein bis zu den Knochen, wo noch heute wulstige Narben zu sehen waren.
Die zweite Verletzung hatte sie sich im Sommer Neunzehnhundertfünfunddreißig zugezogen. Da war sie ungefähr Neun gewesen. Auf dem Spielplatz war ihr ein älterer Junge entgegengekommen, strohblond und blauäugig, und hatte sie von der Schaukel geworfen. Bäuchlings war sie in den Kies darunter gefallen und hatte sich den linken Knöchel verstaucht. Sie hatte vor Schmerzen geschrien, der Junge nur gelacht.
Irgendwann, Ava wusste das Datum nicht mehr so genau, jedenfalls etwas später, da hatte sie ein Mann auf dem Nachhauseweg von der Schule geschlagen und ihr die Goldkette vom Hals gerissen, die sie zu ihrem zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es war ihre Lieblingskette gewesen.
»Verdammte Judenbrut«, hatte er ihr hinterhergeschrien, als sie weinend und völlig geschockt davongerannt war. Ava hatte es nicht kommen sehen, ja sowieso überhaupt nichts von dem verstanden, was ihr damals alles hinterhergerufen und angetan worden war. Sie war ein Kind gewesen, das nichts getan hatte, und doch hatten die Leute sie beworfen, bespuckt, getreten, geschlagen.
Erst später hatte sie es erfahren, Hintergründe und Zusammenhänge, doch auf keinen Fall hatte sie es verstanden, noch in irgendeiner Weise akzeptiert. Die Menschen und ihre Taten waren ihr unerklärlich. Weil es keinen Grund gegeben hatte, so etwas zu tun. Den würde es auch nie.  
  Oftmals hatte sie ihre Eltern um Rat gebeten. Sie hatte sich nicht mehr unterkriegen lassen wollen. Ja, Ava hatte sich wehren wollen, so heftig und brutal und rücksichtslos, wie ein Mensch sich wehren konnte. Doch die hatten ihr immer gesagt, sie solle es ignorieren und sich auf keinen Fall dagegen wehren. Sie hatten sie angefleht, es zu unterlassen. Sie hatten es ihr austreiben wollen.
Avas Eltern waren immer sehr optimistisch und zuversichtlich gewesen, wenn es um diese Sache ging, und anfangs war sie darauf hereingefallen. Auf die stille Hoffnung auf Besserung, die nutzlosen Gebete und das Nichtstun und Verstecken, das das Gebücke und das Niederknien. Rückblickend hatte Ava nämlich nichts mehr außer Verachtung für sie übrig. Ihr Rebellenherz sträubte sich gegen die Furcht und die Hinnahme, die ihr den Großteil ihres bisherigen Lebens von ihren Eltern auferlegt worden war.
  Avas Eltern waren feige und verängstigt gewesen. Viele waren das, selbst die, die mitmachten. Avas Eltern waren gestorben. Viele waren das, aber nicht, weil sie feige gewesen waren. Die Schuld für ihren Tod trug jemand anderes. Und Ava hatte nicht vor, diesem jemanden jemals zu vergeben.
Niemals.
  Steif hockte sie auf den Brettern und wartete. Ihr Gesäß war taub, ihre Lippen blau und das Gesicht grün und blau geschlagen. Letzteres war die Eintrittskarte in diesen Zug gewesen.
Irgendwann musste sie zu frieren aufgehört haben, irgendwann musste ihr Körper den Kampf gegen die Kälte aufgegeben haben – das sagten ihr ihre erfrorenen Finger und Zehen, die sie in der Dunkelheit zwar nicht sehen, aber ertasten konnte. Sie fühlten sich seltsam starr an, nicht starr wie ihre Beine oder Arme, sondern tot und abgestorben. Für sie kam jede Hilfe zu spät.
Wieder wurde Ava gegen sie Wand gepresst. Wieder fuhr die Lok in eine Kurve. Wieder wurden Menschen herumgeschleudert. Wieder schrien einige, doch Ava blieb still. Sie schwieg nur und wartete. Und wartete. Und wartete.
Nichts passierte.
  Schmerzen durchfluteten sie, als ihre krumme Nase mit den Brettern in Berührung kam. Ein NS-Soldat hatte sie ihr mit einem Schlagstock gebrochen – der Preis für ihre Eintrittskarte. Das getrocknete Blut klebte ihr immer noch an den Lippen, doch sie war zu schwach, um sich darum zu kümmern. Weitestgehend war es ihr auch egal.
Sie wartete nicht mehr.
Irgendwann würde der Zug ankommen. Das würde schon bald sein, vielleicht sogar in ein paar Minuten. Ava wusste es nicht. Sie würden den Ort erreichen, an dem man sie endlich herauslassen würde. An dem es nicht mehr weiterhing. Und dann würde sie noch viel mehr Schmerz erleiden, dessen war sie sich sicher.
Das Warten vollends aufgebend kauerte sich zusammen. Sie hatte das Risiko gekannt. Sie hatte gewusst was für Dinge sie in einem Waggon wie diesem erwarteten, wie lange die Fahrt dauern würde und dass es unwahrscheinlich war, dass ihn jeder überlebte. Sie wusste, dass sie ab dem Zeitpunkt des Einstiegs in diesen Waggon auf die anderen angewiesen sein und dass sie, wenn irgendetwas schief ginge, zum Sterben zurückgelassen werden würde. Es gab keine Versicherung, kein Gewissen, keine Hintertür, kein Fluchtweg.
Entweder alles, oder gar nichts.
  Trotzdem hatten sie und ein paar andere sich den Soldaten ausgeliefert und waren eingestiegen, getan, was getan werden musste um ihre Mission durchzuführen, für die sie so viel Blut und Eisen aufgeopfert hatten. Ava hatte die Risiken gekannt, und trotzdem war sie sie eingegangen. Ava hatte geglaubt, sie sei bereit gewesen, doch in Wirklichkeit war sie das nicht. Niemand war es.
Wo waren Reiner und Katarina und die restlichen zehn jetzt wohl? Ging es ihnen gut? Hatten sie die bisherigen Strapazen überstanden und lebten sie noch? Ava hatte sie aus den Augen verloren, als man sie auf offener Straße inhaftiert hatte. Sie hatte gedacht, gemeinsam mit ihnen in einen Waggon gesteckt zu werden, doch wie so oft hatte sie das Schicksal ihrem Feind alleine ausgeliefert.
  Vorsichtig kramte sie in ihrer Jackentasche, aus der sie einen kleinen Gegenstand zog. Es war ein kleines Stückchen Brot, welches sie sich vor Missionsbeginn eingepackt hatte. Für alle Fälle.
Nahezu zeitgleich knurrte ihr der Magen, und Ava verzog das Gesicht. Vier Tage waren sie bereits unterwegs. Es fühlte sich an, als wäre sie tatsächlich bereits erfroren, nur, dass ihr Gehirn das noch nicht verarbeitet hatte und sie weiter verbissen am Leben erhielt. Für alle Fälle. Falls es doch noch klappen würde. Doch alle anfängliche Euphorie war verflogen, jeder Gedanke an einen Erfolg in weite Ferne gerückt.
Nichts war passiert. Nichts passierte. Nichts würde passieren. Nichts. Absolut nichts.
Vorsichtig biss sie in die hartgewordene Kruste. Dass sie von einigen Umstehenden angestarrt wurde, ignorierte sie. Ava wusste, wohin die Lok mit den vielen Waggons sie brachte, während das ein Großteil der hier Anwesenden nicht taten. Täten sie es... Ava wusste nicht so genau, was dann passieren würde. Wahrscheinlich würden sie sich alle aus dem fahrenden Zug in den Eigentod stürzen oder in Panik ausbrechen.
Ava hatte über das Lager in heimlichen Briefen gelesen. Das Blaue Licht hatte dort einen Spitzel. Deswegen wusste sie von dem Ort, an dem der Tod in Rot, Schwarz und Unsichtbar wartete. Im Lager wurde man nicht begraben. Man wurde von unsichtbaren Händen gemeuchelt oder von Blei in Stücke gerissen. Hier flog Asche und hier kochte Blut, hier schmolz das letzte Gold und Silber das man am Leibe trug, hier vaporisierten sämtliche Schreie zu dunkler und rußender und brennender und stinkender Asche.
Kein Gleis war unendlich. Irgendwann musste es aufhören. Und das hier, jenes Lager am Ende dieses Gleises... Das war die Endstation.
  Die Lok hupte. Das Geräusch fuhr Ava durch Mark und Bein. Gleich wären sie da, und bis jetzt war noch niemand erschienen. Ihr wurde schlecht. So war das nicht vereinbart worden. Die anderen hätten schon vor Stunden erscheinen sollen.
Gedanklich ging sie den Plan durch. Er war perfekt gewesen. Was war passiert, dass niemand kam? Jetzt war es zu spät um die Lok  noch zu infiltrieren. Es war zu spät um die Soldaten und Aufpasser zu überwältigen. Es war zu spät um den Zug anzuhalten, Sprengsätze anzubringen, mit den Menschen zu fliehen und sie bis zum Lager weiterfahren zu lassen.
Es war zu spät.
  Tränen bildeten sich in ihren Augenwinkeln. Nein. Nein, das durfte einfach nicht sein. Dafür hatte sie sich nicht in den Zug gesetzt. Dafür hatte sie ihr Leben nicht über den Haufen geworden. Nein. Nein!
Früher hatte sie immer Künstlerin werden wollen. Farben auf Leinwände aufzutragen hatte sie schon immer mit Freude erfüllt. Ava hatte es gemocht, aus Gegenständen und Papier bunte Kunstwerke zu machen, was ihr im Zuge dieses furchtbaren Regimes verwehrt worden war. Jetzt waren ihre Leinwände der Teer und der Asphalt, ihre Motive krumm und verzerrt, ihre Farben das Blut der Soldaten, ihre Stifte und Pinsel die Patronen in Lauf ihres Gewehres.
Das hier hätte ihr Meisterwerk werden sollen. Hierfür hatte sie durchgehalten. Hierfür hatte sie sich geopfert. Doch nun würde sie sterben, ohne auch nur irgendetwas in der Welt hinterlassen zu haben. Nicht einmal einen Leichnam.
Nur Aschewolken.
  Beinahe hätte sie geschluchzt. Bei Gott, Ava hasste sie. Sie hasste diese Welt und ihre Menschen und wünschte allen den Tod herbei, die sie auch nur in irgendeiner Weise unterstützten. Sie hasste diese Welt, in die sie geboren war, und lange hatte sie gebetet und auf Besserung gehofft, die letztendlich doch nie gekommen war. Jeder, selbst Gott, hatte sie im Stich gelassen.
Sie war allein. In einem Zug mit vielen Waggons und noch mehr Menschen auf einem endlichen Gleis auf dem Weg in den sicheren Tod.
Auf dem Weg in den Tod.
  Als ein Schuss fiel und Automotoren in der Ferne aufjaulten, zuckten viele der Menschen um sie herum zusammen. Einige schrien erschrocken, während andere sich weiter zusammenkauerten, doch was ihnen Angst einjagte, gab Ava ihren Lebenswillen zurück.
Hoffnungsvoll blickte sie auf. Sie hatte es gewusst! Es war nie zu spät. Ihre Kameraden und Freunde waren gekommen. Bumblebee war gekommen, und er war gekommen, um dieser furchtbaren Misere für ein und allemal ein Ende zu setzen. Er war gekommen, um sie alle zu retten!
Ava wusste es, und bei dieser Erkenntnis angelangt machte ihr schwaches Herz einen triumphierenden Hüpfer, der alle Vorgänge ihres regungslosen Körpers wieder zu Höchstleistungen ankurbelte. Plötzlich war der Triumph wieder präsent, so abartig präsent, dass es schmerzte. Am liebsten hätte sie jetzt laut geschrien.
Ava brauchte niemanden, dem sie ihre nutzlosen Gebete aufdrücken konnte. Sie brauchte keinen Priester, keinen Helden, keinen Gott, keinen einzigen Menschen in dieser gottverdammten hasserfüllten kriegsverseuchten Welt, der für sie kämpfte.
Ihr Held und Hoffnungsträger war der Riese namens Bumblebee. Und der würde sie nicht im Stich lassen. Das hatte er nie und würde es auch nie tun.
  Mit erfrorenen Händen zog sie sich an den Brettern hoch, ihr Gesicht an die schmalen Schlitze dazwischen gepresst und die Augen auf das helle Scheinwerferlicht fixiert, welches sich auf einmal in einigen hundert Metern Entfernung am Ende der Lok vor der schwarzen Nacht auftat. Ihr zitternder Mund formte ein hasserfülltes Lächeln. Ihre Kameraden waren gekommen.
Die Revolution hatte begonnen.

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