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You can count on me

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Angela Rizzoli Frank Rizzoli jr. Jane Rizzoli Maura Isles Tommy Rizzoli Vince Korsak
18.10.2020
29.04.2021
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18.10.2020 1.757
 
Müde kam Jane spätabends nach Hause und warf ihre Tasche achtlos in die Ecke. „Achtzehn Stunden“, stöhnte sie und fuhr sich erschöpft durch die dicken Locken, „achtzehn Stunden Observationstraining! Ich bin echt zu alt für diesen Scheiß!" Bei diesen Worten musste sie über sich selbst lachen. Als ob sie jemals zu alt für die Polizei wäre, die Arbeit, die sie so sehr liebte.
Sie schnappte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es und ließ sich damit auf die Couch fallen. Zufrieden nahm sie einen tiefen Schluck vom kühlen Getränk und atmete auf. Nach einer Weile rappelte sie sich auf und bereitete sich rasch ein paar Sandwiches mit Hähnchen und Salsa zu. Dann schaltete sie das Fernsehgerät ein. Heute spielten die Red Sox, das wollte sie auf keinen Fall verpassen.
Nach dem Spiel, das für ihre Lieblingsmannschaft aus Boston ein überaus befriedigendes Ende genommen hatte, schaltete Jane den Fernseher aus und räumte hastig das Geschirr in die Küche. Dort hatte sich inzwischen ein gehöriger Geschirrberg aufgetürmt. Durch das intensive Observationstraining für ihre Absolventen und die Vorbereitung dazu war sie die letzten Tage kaum zu Hause gewesen. Und wenn, dann war sie nach einem hastigen Essen nur totmüde ins Bett gefallen. So auch jetzt. Sie streifte das schmutzige Geschirr nur mit einem müden Blick und machte eine abwinkende Handbewegung. „Ach, das mach ich morgen“, murmelte sie nur und schleppte sich ins Bad. Es passte ihr zwar überhaupt nicht, denn sie hatte ihre Küche lieber ordentlich. Aber heute ging gar nichts mehr. Also blieb es bei einem hastigen Zähneputzen und dann krabbelte sie bereits im Halbschlaf mit T-Shirt und Shorts unter die Bettdecke und war innerhalb von wenigen Minuten eingeschlafen. Sie konnte nicht ahnen, dass sie nur wenige Stunden später durch ein Geräusch wieder aus dem Schlaf schrecken würde…

Es war kurz nach vier Uhr, als ein Geräusch, als ein etwas umgeworfen worden, unten aus dem Wohnzimmer kam und Jane hochschrecken ließ. Zwar hatte sie ihre Albträume längst mithilfe eines Therapeuten verarbeitet und konnte nachts gut durchschlafen, doch sie hatte die Gabe, verdächtige Geräusche auch im Tiefschlaf zu bemerken. Über diese Instinkte war sie auch sehr froh. Einmal Cop, immer Cop.
Sie saß aufrecht im Bett und sah sich verwirrt nach links und nach rechts um. Dann schnappte sie sich rasch die Waffe, die sie immer in der obersten Schublade ihres Nachtschränkchens aufbewahrte, und glitt lautlos aus dem Bett. Still und leise huschte sie aus dem Schlafzimmer und die Treppe hinunter in den Wohnbereich. Wieder ertönten leise Geräusche, dieses Mal jedoch aus der Küche. Jane huschte zur Küchentür und positionierte sich mit erhobener Waffe davor. Leise zählte sie bis drei, dann stieß sie die nur angelehnte Tür auf und richtete die Waffe auf die Küchenzeile.
„Keine Bewegung!“, knurrte sie, „Hände hoch oder ich schieße!“
Ein spitzer Schrei ertönte und etwas fiel zu Boden. Im Schein der geöffneten Kühlschranktür stand eine zierliche Gestalt im schwarzen Kapuzenshirt und starrte erschreckt in die Mündung der Waffe. „Nicht schießen!“, ertönte es, „oh, bitte nicht schießen!“
Jane runzelte die Stirn. Etwas an der Gestalt kam ihr vertraut vor, doch sie kam nicht darauf, was es war. Sie senkte die Waffe leicht – von der Gestalt schien zumindest keine ernsthafte Gefahr auszugehen – und schaltete das Licht an. Dann trat sie näher an die Gestalt heran, um sie genauer erkennen zu können. „Wer sind Sie?“, fragte sie misstrauisch, „und was wollen Sie von mir?“
Die Frau, dem Klang der Stimme nach zu urteilen schien es eine zu sein, hob zitternd die Hände und streifte ihre Kapuze ab. Darunter kam ein dicker, dunkelblonder Haarschopf zum Vorschein, der zu einem französischen Zopf geflochten war, und ein rundes Gesicht, aus dem Jane vorsichtig zwei misstrauisch dreinblickende dunkelbraune Augen anschauten.
Nun senkte Jane endgültig die Waffe. „Claire?“, fragte sie fassungslos. Die so Angesprochene lächelte zögernd. „Hallo, Jane…“
Jane konnte noch immer nicht glauben, wen sie da vor sich hatte. Vor etwa zwei Jahren hatte sie gemeinsam mit ihren Kollegen den Mord an Claires Mutter Michelle Stevens aufgeklärt. Deren Mann war der Täter gewesen, ein notorischer Lügner, der zudem Claire beschuldigt hatte. Doch Jane hatte das nie glauben können und sie hatten alle nicht locker gelassen. Schließlich konnte der wahre Täter verhaftet werden.
Jane, zu der Claire ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, war in der nächsten Zeit für das damals 16-jährige Mädchen da gewesen. Sie hatte ihr Trost gespendet und sie zu den Terminen mit dem Jugendamt begleitet. Das Schicksal der jungen Frau hatte sie noch lange beschäftigt. Nie würde sie den Blick vergessen, mit dem Claire sie angesehen hatte, nachdem klar gewesen war, dass ihr Stiefvater für den Mord an ihrer Mutter verantwortlich gewesen war. Mit einem Mal hatte sie niemanden mehr gehabt und nicht nur den Tod ihrer Mutter verarbeiten müssen, sondern auch den Verlust einer weiteren Vertrauensperson, der ihnen allen nur etwas vorgemacht hatte. „Hat er uns jemals geliebt?“, hatte sie Jane einmal gefragt und der Detective hatte ihr darauf auch keine befriedigende Antwort geben können, so gern sie es auch getan hätte. Niemand blickte hinter die Fassade eines notorischen Lügners.
Sie hatten noch eine Weile losen Kontakt gehabt. Jane hatte Claire gebeten, ihr Bescheid zu geben, ob sie gut in ihrer Pflegefamilie angekommen war. Und sie hatte ihr das Versprechen abgenommen, nicht zu zögern, sollte sie jemals Janes Hilfe benötigen. Doch dann hatten sie den Kontakt abgebrochen. Von vielen Seiten war ihnen gesagt worden, dass das das Beste sei. Claire musste damit abschließen können, um neu anfangen zu können. Und Jane wusste, dass zu enger Kontakt zu einem Opfer nicht gut war. Sie musste Abstand gewinnen. Doch ab und zu hatte sie natürlich an Claire denken müssen und ihr gewünscht, dass sie in ihrem neuen Zuhause glücklich wurde und neu anfangen konnte.
Und nun stand sie hier. In ihrer Wohnung in Quantico. Meilen von ihrer Heimatstadt Boston entfernt. In Kleidern, die wohl seit einiger Zeit keine Wäsche mehr gesehen hatten, strähnigen Haaren und unsicherem Blick. Zu ihren Füßen eine zerbrochene Milchflasche, die das Klirren erklärte, das bei Janes Eintreten ertönt war.
Der ehemalige Detective legte die Waffe behutsam auf den Küchentresen und sah sie stirnrunzelnd an. „Was machst du hier? Bist du allein? Und wie zur Hölle bist du in meine Wohnung gekommen?“
„Das Fenster stand offen“, wisperte Claire und deutete zum Wohnzimmer hinüber, „und da dachte ich…“
„Da dachtest du: „Steig ich hier halt mal ein“, oder was?“, Jane schüttelte völlig fassungslos den Kopf.
„Mir war kalt da draußen und ich hatte solchen Hunger“, Claire senkte betreten den Kopf, „und ich hab mich um diese Uhrzeit nicht getraut, zu klingeln. Es tut mir Leid.“
„Schon gut“, murmelte Jane, um dann wieder empört den Kopf zu schütteln, „nein, es ist nicht okay! Was – was machst du hier? Was soll das alles?“ Doch als sie Claires müden Blick bemerkte, holte sie tief Luft, um sich zu beruhigen. „Okay, pass auf. Wir machen folgendes: Ich mach dir jetzt ein Sandwich und schenk uns was zu Trinken ein und wir setzen uns ganz in Ruhe auf die Couch. Und dann erzählst du mir alles in Ruhe. Einverstanden?“
Claire nickte stumm.
Jane seufzte. „Gut“, murmelte sie, „schlafen kann ich jetzt ohnehin nicht mehr. Und ich kann dich ja nicht draußen stehen lassen. Also gut.“ Sie machte rasch ein paar Käse-Schinken-Toasts und schnitt einen Apfel klein. Zusammen mit zwei Gläsern und einer Cola stellte sie alles auf ein Tablett. Sie bedeutete Claire, ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Dort stand tatsächlich das Fenster offen. Jane seufzte. Sie musste es nach dem Baseball-Spiel vergessen haben, wieder zu schließen. Kühle Nachtluft drang in das Zimmer. Unterhalb des Fensters stand ein großer Wanderrucksack und über die Couch war achtlos eine Windjacke geworfen worden. Jane deutete auf beides. „Deine Sachen?“, wollte sie wissen. Claire nickte nur müde. Jane stellte das Tablett auf dem Couchtisch ab. „Setz dich“, bedeutete sie ihr und schloss das Fenster.
Claire kam der Aufforderung nach und ließ sich auf die Couch sinken. Unbehaglich saß sie da. „Hey“, Jane ließ sich ihr gegenüber in einen Sessel fallen, „jetzt guck nicht so schuldbewusst. Ist einfach nur das erste Mal, dass ich nachts überraschend Besuch von einem Teenager bekomme. Na komm – jetzt bedien dich erst einmal und dann erzählst du mir alles in Ruhe. Gut?“
Claire nickte und griff sich ein Sandwich. Hastig biss sie ab und hatte innerhalb kürzester Zeit die Hälfte der Sandwiches gegessen. Jane beobachtete sie besorgt, während sie ihnen beiden eine Cola einschenkte. „Wie lange hast du schon nichts mehr gegessen?“, wollte sie wissen.
„Seit zwei Tagen ungefähr“, gab sie zu, „halt nein. Vorgestern hatte ich noch das Sandwich am Busbahnhof. Aber mein Geld ging zur Neige und ich hatte nur noch genug für das Ticket hierher. Das Essen, was ich mir mitgenommen habe, war aufgebraucht. Ich hatte gestern also nur Wasser“, sie hob verlegen die Schultern, „danke, Jane“, sagte sie schüchtern.
Diese sah sie mit warmen Augen an. „Natürlich. Gern. Aber wie bist du hierher gekommen? Woher wusstest du, wo du mich finden kannst?“
„Durch Sergeant Korsak“, erklärte Claire und trank durstig einen Schluck Cola, „ich bin ins Polizeipräsidium und wollte Sie sprechen. Dann wurde ich an ihn verwiesen. Er hat mir erzählt, dass Sie inzwischen in Quantico arbeiten.“
„Er hat mir gar nichts von deinem Besuch erzählt“, murmelte Jane überrascht, nur um dann aufzuseufzen, „natürlich. Ich war die letzten Tage ziemlich eingespannt. Daher hab ich Anrufe, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, nicht beantwortet und alle auf später vertröstet. Da hat mich Korsak auch ein paar Mal angerufen. Aber ich hab ihn immer abgewimmelt. Wann warst du bei ihm?“
„Anfang dieser Woche“, antwortete Claire, „danach hab ich ein bisschen recherchiert und schließlich mein ganzes Erspartes abgehoben, um hierher zu kommen. Meine Kreditkarte wollte ich nicht belasten, damit mir niemand auf die Schliche kommt.“
„Warte mal. Niemand weiß, dass du hierher gefahren bist?“ Jane starrte sie an.
Claire schüttelte heftig den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Sie wären mir doch sofort hinterher gekommen! Und das wollte ich nicht. Ich wollte doch mit Ihnen reden. Aber das wäre anders nicht gegangen.“
„Es gibt Telefone, Claire!“, rief Jane aus, „und Mails und Briefe und – Himmel, ist dir überhaupt klar, was sich alle für Sorgen um dich gemacht haben dürften? Warum um Gottes Willen hast du das getan?“ Sie fuhr sich aufgewühlt durchs Haare und starrte das Mädchen fassungslos an.
„Weil ich nur noch weg wollte“, schluchzte Claire plötzlich los, „weg von Boston, weg von meiner Pflegefamilie, weg von meiner Schule,…“
„Aber warum nur?“, wollte Jane wissen, „was ist denn passiert? Hat dir jemand wehgetan? Ist irgendetwas passiert?“
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