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Hope is all you need

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Angela Rizzoli Jane Rizzoli Maura Isles
18.10.2020
18.10.2020
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Das Ganze war nun fast eine Woche her. Hope hatte Cailin jegliche weitere Diskussion über dieses Thema verboten und sich selbst eigentlich auch. Eigentlich. Denn natürlich gelang ihr das nicht. Ständig kreisten ihre Gedanken um dieses Thema. Nicht einmal die Arbeit konnte sie mehr ablenken. Sie brauchte Klarheit. Hatte Maura doch Recht gehabt? War sie tatsächlich ihre totgeglaubte Tochter? Hatte Paddy damals gelogen? Aber warum nur? So viele Fragen wirbelten in ihrem Kopf herum. Fragen, auf die sie kaum eine Antwort finden würde. Nicht allein, so viel stand fest. Und genau davor hatte sie Angst. Dazu kamen noch all die verwirrenden Gefühle. Sie hatte sich dieser Frau von Anfang an so unglaublich verbunden gefühlt. So, als würde sie sie schon ewig kennen. Hatte ihr ihr Unterbewusstsein von Anfang an die wahre Verbindung zu Maura aufzeigen wollen? Und wie war Cailin dahinter gekommen?
Sie saß wieder einmal abends auf der Couch mit einem Glas Wein und grübelte vor sich hin.
„Du kannst auch nicht schlafen, oder?“, ertönte eine leise Stimme von der Tür her. Hope fuhr herum. Im Türrahmen lehnte Cailin und sah sie unsicher an.
Hope wischte sich über das Gesicht und schüttelte den Kopf. „Nein, ich… Nein, kann ich nicht. Und du?“
„Auch nicht“, murmelte ihre Tochter und trat ins Zimmer.
Ihre Mutter klopfte einladend neben sich. „Na komm schon her“, erklärte sie lächelnd.
Erleichtert kuschelte sich Cailin neben sie aufs Sofa. Sie musterte sie. „Du denkst an sie, oder?“, fragte sie geradeheraus, „an Maura?“
Hope seufzte. So war ihre Tochter schon immer gewesen. Direkt und geradeheraus. Man konnte ihr nichts vormachen. Und vielleicht wurde es an der Zeit, dass sie doch darüber redeten. „Ja, ich“, sie malte mit dem Finger unsichtbare Muster auf das Sofa, „ich kann nicht anders. Es schwirrt mir einfach die ganze Zeit im Kopf herum. Was, wenn es doch die Wahrheit ist?“
„Ist es“, erklärte Cailin.
„Ach ja?“, Hope runzelte die Stirn und sah sie an, „ich habe mich schon gefragt, wie du davon erfahren hast.“
„Ja, ich…“, Cailin seufzte verlegen, „ich hab ein wenig rumgeschnüffelt. Als wir bei ihr waren. Im Bad war eine gerahmte Zeichnung versteckt. Von einer Frau, die weinend vor einem Grab sitzt“, sie schluckte, „die Frau sah aus wie du.“
„Ach ja?“, Hope setzte sich aufrechter hin.
„Ja“, Cailin nickte, „da habe ich zu Hause angefangen, zu recherchieren. Ich hatte ja in der Schule schon von Dr. Isles` Verbindung zu Patrick Doyle gehört, war mir aber nicht mehr ganz sicher. Also habe ich die alten Artikel aufgerufen.“
„Sie ist wirklich Paddys Tochter?“, fragte Hope heiser.
„Ja, ist sie“, ihre Tochter nickte und schnappte sich das Tablet vom Tisch. Sie tippte kurz darauf herum, dann zeigte sie ihr einen Zeitungsartikel. Groß waren Maura und Paddy darauf zu sehen und der Text berichtete davon, wie herausgekommen war, dass die Chefpathologin des Staates Massachusetts die Tochter eines der gefürchtetsten Mafiosi Bostons war. Hope schluckte, als sie den Bericht las.
„Du hast mir immer erzählt, dass du dich damals mit einem Mann aus der Bostoner Unterwelt eingelassen und es bitter bereut hast“, sagte Cailin leise, „dass meine Halbschwester von ihm war. Als ich dann diesen Artikel las, hab ich endlich eins und eins zusammengezählt. Vor allem nach deiner Reaktion vor einigen Wochen auf seinen Namen. Er war es, oder?“
„Ja“, Hope räusperte sich, „ja, das war Paddy. Wir“, sie schluckte, „wir sind uns hier in Boston begegnet und haben uns ineinander verliebt. Damals war er noch nicht der Boss der Unterwelt. Er wollte noch jemand ganz anderes sein“, sie seufzte, „aber er kam aus einer Familie von Verbrechern. Er konnte nur diesen Weg einschlagen. Und unsere Wege haben sich getrennt, als unsere Tochter starb“, sie schluckte erneut, „zumindest dachte ich, dass sie gestorben sei. Er hat es mir selbst erzählt.“
„Aber sie ist es nicht“, Cailin sah sie ernst an, „sie lebt. Ich habe ihr Geburtsdatum im Internet gefunden. Sie wurde 1976 geboren.“
„In welchem Monat?“, Hope hob den Kopf.
„Am 7. August“, erwiderte ihre Tochter leise.
Hope schossen die Tränen in die Augen. Das war das Geburtsdatum ihrer Tochter.
„Sie heißt Maura, genau so, wie du sie genannt hast“, fuhr Cailin fort, „und sie sieht dir extrem ähnlich. Und sie verhält sich genauso wie du. Das ist mir beim Essen aufgefallen. Mom – sie ist dir so verdammt ähnlich! Sie lügt nicht. Du – du hättest sie sehen sollen, wie sie reagiert hat, als ich sie damit konfrontiert habe, dass ich die Wahrheit kenne. Den Schock in ihren Augen, die Traurigkeit. Das war nicht gespielt. Ich habe zwar meine Probleme mit ihr, aber sie ist keine Lügnerin. Und wenn du mir immer noch nicht glaubst, dann…“, sie verstummte.
Hope runzelte die Stirn. „Dann?“, hakte sie nach.
„Dann frag im Krankenhaus nach“, murmelte ihre Tochter und sah zu Boden.
Hope war nur noch verwirrter. „Im Krankenhaus? Warum das denn?“, sie hob Cailins Kinn mit einem Finger an und sah ihr streng in die Augen, „Cailin? Was erfahre ich dort?“
„Sie war es, okay?“, erklärte diese heftig, „die anonyme Spenderniere? Die kam von ihr! Die Ärzte waren doch so verwundert, wie perfekt das Organ zu mir passt! Tja, woran das wohl lag“, sarkastisch verdrehte sie die Augen.
Hopes Augen wurden groß. „Das war Maura?“, wisperte sie und schlug sich die Hand vor den Mund, „großer Gott! Warum hat sie denn nichts gesagt?“
Cailin verdrehte erneut die Augen. „Warum wohl? Wie hätte sie dir das denn erklären sollen? Aber es spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr.“
„Warum das denn nicht?“
„Weil sie die Niere nicht mehr spenden wird“, erklärte Cailin direkt, doch ihre Stimme zitterte dabei.
„Was?“, Hope konnte nicht verhindern, dass sie entsetzt klang, „warum denn nicht?“
„Weil ich es ihr gesagt habe“, erklärte ihre Tochter bang, „ich sagte, ich wolle nicht, dass ein Teil von ihr in mir lebt. Ich war so wütend auf sie. Die ganze Zeit lebe ich in ihrem Schatten und plötzlich ist sie da, gibt sich aber nicht zu erkennen. Ich war ziemlich heftig zu ihr. Sie wird die Spende zurückziehen und das ist mir auch lieber so.“
Hope brach nun endgültig in Tränen aus. „Was? Aber – ich – nein! Du brauchst ihre Niere. Sonst…“
„Sonst sterbe ich“, beendete Cailin gnadenlos den Satz, „ich weiß. Aber ich kann es einfach nicht von ihr verlangen. Verstehst du? Nicht nach alldem, was ich ihr an den Kopf geworfen habe. Aber vielleicht – vielleicht findet sich ja noch eine andere Lösung. Oder? Das wäre doch möglich?“ Hoffnungsvoll sah sie ihre Mutter an. In ihren Augen lag ein Flehen, ihr diese Unmöglichkeit als möglich zu bestätigen. Doch sie wusste selbst, wie unwahrscheinlich das war. Doch darüber konnten sie später reden.
Hope schloss die Augen, um Kraft zu sammeln. Als sie sie wieder öffnete, sah sie ihre Tochter fest an und hoffte, dass ihr Lächeln echt wirkte. „Wir finden für alles eine Lösung, mein Schatz“, sagte sie leise, „da bin ich mir ganz sicher.“ Cailin erwiderte das Lächeln und sie nahm sie ganz fest in den Arm und küsste sie auf den Scheitel. „Es wird alles gut, mein Schatz“, wisperte sie, „es wird alles gut.“ Und für den Moment glaubte sie selbst fast daran.
Cailin erwiderte die Umarmung und wäre es alles nicht so traurig gewesen, hätte sie einfach nur die Tatsache genossen, dass ihre Tochter sie endlich einmal wieder umarmte.
Lange hielten sie einander fest umschlungen. Irgendwann löste sich Cailin leicht von ihr, um sie fragend ansehen zu können. „Und?“, fragte sie, „wirst du mit ihr über eure Vergangenheit sprechen?“
Hope biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Es zerriss ihr das Herz. „Nein, mein Schatz. Ich glaube nicht.“
„Aber das verstehe ich nicht. Du hast doch so unter ihrem vermeintlichen Tod gelitten. Warum willst du jetzt dann nicht alles klären?“
Hope holte tief Luft. „Weil es wahrscheinlich zu spät dafür ist. Und weil ich schreckliche Angst vor der endgültigen Trennung habe. Und weil ich“, sie seufzte, „weil ich einfach zu feige bin, ihr noch einmal gegenüber zu treten. Nicht nur du hast sie sehr verletzt – meine Verletzung hat sie bestimmt noch viel tiefer getroffen. Nein“, sie schüttelte den Kopf, „ich bin mir sicher, Dr. Maura Isles will nie wieder etwas mit mir zu tun haben“, sie lachte unter Tränen bitter auf, „ich habe es vermasselt. Ein für alle mal. Ich habe meine Tochter ein zweites Mal verloren. Und dieses Mal bin ich wirklich Schuld.“
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