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Come back...be here

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Nick Petra
18.10.2020
18.10.2020
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Die junge Frau stieg aus dem Taxi und sah sich neugierig um. Es hatte sich einiges verändert. „Ich war viel zu lange nicht mehr hier“, murmelte sie, während sie die Fassade deswunderschönen kleinen Hotels emporblickte, vor dem sie stand. Dann nahm sie dankend das Gepäck vom Taxifahrer entgegen.
Sie betrat das Hotel durch den Haupteingang, an dem sich Kletterrosen emporrankten. Hinter dem Empfangstresen stand eine Frau mittleren Alters, ganz vertieft in einige Unterlagen. Die junge Frau nahm sich die Zeit, lächelnd zu beobachten, wie die Ältere ganz in ihrer Arbeit aufging und konzentriert die Papiere bearbeitete. Dann erst räusperte sie sich vernehmlich.
„Ja, bitte?“, die Frau am Empfang sah zerstreut, aber mit professionellem Lächeln auf. Dieses verwandelte sich beim Anblick der jungen Frau in ein glückliches Strahlen, ihr ganzes Gesicht begann zu leuchten. „Tanja!“, sie eilte um den Tresen herum und die junge Frau konnte gerade noch rasch ihr Gepäck abstellen, bevor sie von der Älteren in eine enge Umarmung gezogen wurde. „Mein Schatz, du bist ja schon da! Wie schön!“
Schmunzelnd erwiderte Tanja Wieland die Umarmung. „Hallo Mama! Schön, wieder hier zu sein. Ich war ja schon viel zu lange nicht mehr da, habe ich gemerkt.“
„Da sagst du was Wahres“, Petra Bergmann löste sich leicht aus der Umarmung, um sie bei den Schultern nehmen zu können. In ihrer Stimme lag ein leichter Vorwurf. „Ich bekomm dich ja kaum mehr zu Gesicht.“
„Entschuldige bitte“, verteidigte sich Tanja verlegen, „ich wollte wirklich schon früher kommen.“
„Ach was“, Petra winkte lachend ab, „lass dir von deiner alten Mutter doch kein schlechtes Gewissen einreden. Aber jetzt lass dich erstmal ansehen. Gut siehst du aus, die Arbeit scheint dir zu bekommen.“
„Ja, das tut sie wirklich“, bestätigte Tanja glücklich, „die Arbeit in der Firma ist toll und genau das Richtige für mich. Aber am besten ist immer noch mein Job im Kinderheim. Die Arbeit mit den Kindern dort macht mir großen Spaß.“
„Das freut mich“, Petra legte den Arm um sie und dirigierte sie zu einem Sofa, was in der Lobby stand, „komm, setzen wir uns. Magst du einen Kaffee und vielleicht was essen?“
„Furchtbar gerne. Ich hab seit heute Morgen um fünf nichts mehr gegessen“, gestand Tanja.
„Na, das können wir doch auf keinen Fall so stehen lassen!“, rief Petra und winkte dann eine Servicekraft heran: „Susi, könnten Sie bitte meiner Tochter und mir eine Kanne Kaffee bringen und dazu eine Platte mit Sandwiches?“
„Natürlich, Frau Bergmann“, die junge Frau lächelte und eilte davon, „kommt sofort.“
„Danke“, rief Petra ihr nach, dann wandte sie sich wieder ihrer Tochter zu, „so, aber nun erzähl mal. Wie ist es derzeit in Thailand? Was machen die Kinder? Und sonst so? Verzeih mir die Frage, aber – was macht die Liebe?“
„Gar nichts macht die“, seufzte ihre Tochter, „aktuell bin ich mehr oder weniger glücklicher Single.“
„Und was ist mit Phillipe?“, wollte Petra erstaunt wissen, „du hast mir doch am Telefon so von ihm vorgeschwärmt.“
„Es hat sich herausgestellt, dass der liebe Phillipe eine Ehefrau und drei Kinder zu Hause in Frankreich hat, von denen er sich niemals trennen wird“, erklärte Tanja trocken, „der ist also definitiv nicht der richtige Kandidat für mich.“
„Ach, mein Schatz, das tut mir wirklich leid!“, erwiderte Petra mitfühlend, „entschuldige bitte, ich hätte nicht davon anfangen sollen. Alte Mutter-Krankheit.“
„Ach was!“, Tanja winkte ab und drückte ihre Hand, „mach dir keine Gedanken, ich hätte es dir schon noch erzählt“, sie lächelte halb, „mit Phillipe hat es eben einfach nicht gepasst. Irgendwann ist bestimmt mal der Richtige dabei.“
„Genau!“, rief Petra, „andere Mütter haben schließlich auch noch schöne Söhne“, drehte sie das bekannte Sprichwort um.
„Stimmt“, lachte Tanja.
Susi brachte den Kaffee und die Sandwiches. Petra nahm das Tablett dankend entgegen und Susi entfernte sich wieder. Die Ältere stellte alles vor ihnen auf dem kleinen Beistelltischchen ab, schenkte Kaffee ein und machte eine einladende Handbewegung. „Na komm, mein ausgehungertes Töchterchen, bedien` dich!“
Das ließ sich Tanja nicht zweimal sagen und biss hungrig in einen Schinken-Käse-Toast. Genießerisch schloss sie die Augen. „Himmlisch“, seufzte sie, dann öffnete sie ihre Augen, „aber jetzt erzähl du mal! Wie geht’s dir so? Was macht das Hotel? Was macht Nick? Seid ihr immer noch glücklich hier in Genf?“
„Mehr als glücklich“, Petra strahlte, „Genf war die beste Entscheidung für uns. Das Hotel läuft gut, wie du siehst“, sie machte eine umfassende Handbewegung, „ja und Nick und ich sind glücklich wie eh und je.“
„Etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet“, lachte Tanja, „es hätte mich auch sehr erstaunt, wenn ich hierhergekommen wäre und etwas anderes als meine Eltern im Glück zu erleben.“ Inzwischen fühlte es sich nicht mehr ganz so seltsam an, von Nick als ihrem Vater zu denken, auch wenn Thomas für sie immer ihr Papa bleiben würde. Aber Nick und sie hatten von Anfang an ein gutes Verhältnis gehabt, schon bevor sie von ihren Verwandtschaftsverhältnissen erfahren hatten, und dieses dann über die Jahre hinweg immer weiter vertieft. Inzwischen lebte Tanja mit dem Gefühl, zwei liebende Väter zu haben und das fühlte sich richtig gut an.
„Das stimmt“, stimmte Petra in ihr Lachen mit ein.
„Nick ist aktuell noch in Kenia?“, nahm ihre Tochter den Gesprächsfaden wieder auf und trank einen Schluck Kaffee.
Petra tat es ihr gleich. „Ja, eigentlich noch bis zum Ende der nächsten Woche“, erklärte sie, „er hat sich so darauf gefreut, dass er wenigstens einen Teil deines Besuches wieder hier sein wird. Allerdings“, nachdenklich rührte sie in ihrem Kaffee.
„Allerdings?“, fragend sah Tanja ihre Mutter an.
Petra sah auf. „Ich habe seit zwei Tagen nichts mehr von ihm gehört“, meinte sie leise und stellte ihre Tasse ab. Ihre Hand zitterte dabei leicht, ein Zeichen dafür, dass sie nicht so entspannt war, wie sie tat.
„Aber das ist doch nichts Ungewöhnliches, oder?“, forschte Tanja nach, „wenn viel los ist? Vielleicht konnte er einfach nur nicht? Oder die Verbindung ist zusammengebrochen.“
„Ja, das kann gut sein“, murmelte Petra nachdenklich, „möglicherweise ist es wirklich die Verbindung. Gemeldet hat er sich eigentlich immer, egal, wie viel los war. Und wenn es nur kurz eine SMS war. Aber er wollte, dass ich weiß, dass es ihm gut geht und mir keine Sorgen machen muss“, sie lächelte verlegen, „so handhaben wir es immer.“
„Du denkst an damals, oder?“, fragte Tanja einfühlsam und drückte ihre Hand, „an die Buschbrände, als wir nicht wussten, ob es ihm gut geht?“ An die Zeit konnte sie sich noch gut erinnern. Damals waren ihre Mutter und der Arzt noch nicht offiziell zusammen gewesen, Petra hatte stattdessen Nicks Frau Lynn in ihrer Angst um ihren Mann beigestanden und dabei ihre eigene Angst verbergen müssen.
„Ja“, Petra schluckte und nickte, „die Angst wird mich auch jedes Mal begleiten, solange er auf Einsätzen ist. Eigentlich ist er das aber nur noch selten, du weißt ja, dass seine Aufgaben bei der WHO woanders liegen. Aber ab und an wird er eben noch angefragt und das will ich ihm auch nicht nehmen. Wir haben aber offen über alles gesprochen und Nick hat mir versprochen, sich einmal am Tag zu melden. Oft ruft er mich auch abends noch kurz an. Er sagt, das sei ihm lieber, dann könne er auch noch wenigstens kurz meine Stimme hören und dann besser einschlafen“, sie lächelte verliebt und verlegen zugleich.
Tanja stupste sie in die Seite. „Das ist doch süß“, meinte sie leise.
„Ja“, ihre Mutter nickte, „finde ich auch“, sie schluckte, „aber seit zwei Tagen kommt gar nichts mehr. Kein Anruf, keine SMS, keine E-Mail, nichts.“ Sie seufzte.
„Da kommt schon noch was“, versuchte, Tanja sie zu beruhigen.
„Ja“, Petra nickte betont entschlossen, „ja, du hast Recht. Bestimmt stimmt nur was mit der Verbindung nicht. Ich sollte mich nicht verrückt machen. Es kam ja auch nichts in den Nachrichten und wenn etwas passiert wäre, hätte sich längst auch die Organisation bei mir gemeldet. Ich sollte mir keine Sorgen machen“, sie lächelte aufmunternd, „na komm. Jetztessen wir noch auf, ich mache meine Abschlussrunde für heute und wir gehen nach Hause. Dann kannst du auch auspacken und dich ausruhen. Klingt das nach was?“
„Das klingt gut“, Tanja lächelte und gähnte, „ich könnte nämlich dringend eine Dusche und eine Mütze voll Schlaf vertragen.“
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