Der alte Zwerg

von Niekas
GeschichteAngst / P12
Mîm
17.10.2020
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Die Elben haben diese Stadt einmal Nargothrond genannt, aber der Name ist nur noch eine ferne Erinnerung. Der Drache ist gekommen, zusammen mit einem Haufen Orks, und mit Feuer und Tod haben sie die Elben vertrieben. Für immer.
Damals, als Mîm noch mit den Lebenden gesprochen hat, hat er Erzählungen gehört aus einer Schlacht, deren Namen er lange vergessen hat. Die Zwerge haben damals einen großen Drachen verwundet, hieß es. Und wozu? Damit die Menschen und die vermaledeiten Elben sich die Früchte ihrer Bemühungen einstreichen? Schwachköpfe sind sie, denkt Mîm, allesamt. Er hat den Drachen nicht bekämpft. Er hat einfach abgewartet, bis er gegangen ist, und dann ist Mîm in die Stadt eingezogen, und jetzt gehört sie ihm.

Für eine Elbenstadt ist diese hier eigentlich ganz hübsch, weil sie größtenteils unterirdisch im Fels liegt. Einige der Gänge sehen nach Zwergenhandwerk aus. Wieso haben sich Zwerge mit den vermaledeiten Elben abgegeben? In die tieferen Höhlen dringt kein Tageslicht, aber Mîm sieht gut im Dunkeln, und nur hier und da zündet er eine Öllampe an, wenn er eine findet. In den hohen Hallen und den gewundenen Gängen, unter steinernen Torbögen und zwischen Marmorsäulen, überall stinkt es nach Drache. Natürlich ist das Mîm allemal lieber, als wenn es nach Elb stinken würde.
Die Stadt ist größer als das Zwergenheim unter dem Amon Rûdh, aber nicht mit solcher Hingabe gebaut. Natürlich nicht, denn es steckten Jahrhunderte der Arbeit in dem Haus von Mîms Vätern, die schon so lange tot sind, dass ihre Gesichter und ihre Namen in seinen Erinnerungen verblassen. Manchmal, wenn es Mîm überkommt, versucht er, sich den Bart so zu flechten, wie sein Vater es damals getan hat. Aber Mîm ist alt und sein Bart wird dünn und spröde, und seine Finger sind zu steif, um die Strähnen richtig zu verflechten.
Nachdem die Orks den Amon Rûdh verheert hatten, hat Mîm in der Wildnis gelebt. Er hat Wurzeln gegessen und mit niemandem gesprochen und darauf gewartet, dass er stirbt. Das Haus seiner Väter ist geschändet, seine Söhne sind tot, ihm bleibt nichts mehr. Aber er ist nicht gestorben. Er hat Kälte und Hunger erduldet, und wahrscheinlich war es der pure Hass, der ihn am Leben gehalten hat. Im Grunde war das in den Jahren davor ja auch nicht anders.
Nun, und jetzt ist er eben hier.

Die Leichen in der geplünderten Stadt sind zu Skeletten verfallen, und Mîm hat die meisten davon sich selbst überlassen, unbestattet und unbesungen. Aber ein Schädel hat Mîm irgendwie gefallen unter all den anderen Schädeln, vielleicht, weil eine Pfeilspitze darin steckt und der Gedanke an den Tod durch einen Pfeil etwas sehr Beruhigendes hat. Er hat den Schädel mitgenommen. Manchmal, wenn die Einsamkeit in den hohen Hallen allzu drückend wird, spricht er mit ihm.
„Du kannst dem Fluch eines Zwergen nicht entkommen, Mörder“, sagt er dann. „Hast du geglaubt, du könntest vor Mîm fliehen? Ich habe dich gefunden, und du bleibst bei mir. Für immer.“
Aber meistens redet Mîm nicht. Seit der Zerstörung seines Hauses hat er mit keinem Lebenden mehr ein Wort gesprochen, obwohl es Jahre her sein muss. Er weiß nicht, wie viele Jahre. Zeit bedeutet Mîm nichts mehr. Er wartet nur noch auf den Tod.

Der Drache hat alle Reichtümer der Stadt auf einem Haufen zusammengerafft und darauf geschlafen, und jetzt, da er fort ist, wohnt Mîm dort. Er probiert die mit Edelsteinen verzierten Ringe und Ketten an, mehr, als die ganze lange Linie seiner Väter zugleich hätte tragen können. In einem großen, gewölbten Schild, der mit Saphiren besetzt ist, hat er sich aus Brokatvorhängen ein Nachtlager gebaut. Dort schläft er in der Nacht, die hier kaum stiller und dunkler ist als der Tag, und träumt vom Tod. Er sammelt Regenwasser in goldenen Kelchen, und das Unkraut, das sich in den von Orks zertrampelten Blumenbeeten überall in der Stadt angesiedelt hat, isst er aus gravierten Silberschüsseln.
„Für Mîm ist gesorgt“, sagt er zu dem Schädel und streichelt über die Pfeilspitze.

An Regentagen, wenn er nicht draußen nach Nahrung suchen möchte, dringt er weit in die unterirdischen Gänge vor. Er hat Gemächer gefunden, die wohl die Elben bewohnt haben. Kaum eines ist vor den Orks verschont geblieben, die damals mit dem Drachen gekommen sind, aber Orks sind so furchtbar dumm.
„Und diese Elben waren gerissen“, sagt Mîm zu dem Schädel, den er unter dem Arm trägt. „Sie wussten, dass ihre Zeit kommen würde. Oh ja, sie wussten es. Vermaledeite Elben. Sie haben in diesen Hallen gesessen und gezittert und auf ihren Tod gewartet.“
Er ignoriert, dass die schmutzig herumliegenden Festkleider, die zerschlagenen Musikinstrumente und die Reste von Bannern und Girlanden nicht aussehen, als wäre das Leben der Elben vom Warten auf den Tod geprägt gewesen.
Es gibt eine Tür, an der die Orks achtlos vorbeigerannt sein müssen, aber Mîm erkennt sie sofort, trotz des schlechtes Lichtes seiner Öllampe. Die haarfeinen Umrisse einer Öffnung im Stein, die bogenförmige Schleifspur auf dem Boden, halb von einem angesengten Teppich verdeckt. Es ist nicht ersichtlich, wie die Tür zu öffnen sein soll, aber Mîm hat Zeit.
„Wie würdest du einen solchen Eingang schützen?“, fragt er den Schädel, der ihm von einer angesengten Kommode aus zusieht.
Der Schädel schweigt.
„Ach, was weißt du schon. Du bist ein Mörder. Mîm wird diese Tür öffnen.“ Denn die Stadt gehört ihm, und er geht hin, wo immer er hinwill.

Es dauert zwei Tage, ehe er die Tür öffnen kann. Dahinter scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der Teppich auf dem Boden ist ähnlich gemustert wie der draußen, aber er ist nicht verbrannt oder beschmutzt, die Vorhänge an den Torbögen sind intakt, eine große Bodenvase mit schon zu Staub zerfallenen Blumen unangetastet. Nirgendwo liegen Leichen.
Mîm tritt gegen die Vase, die umkippt und zerspringt. Die steinernen Wände verschlucken das Klirren.
„Hast du Angst?“, sagt er herausfordernd zu dem Schädel. „Mîm hat vor gar nichts Angst.“
Aber dieser Gang ist anders, muss er sich eingestehen, als er sich vorwärts pirscht. Überall sonst ist alles tot. Hier hat man den Eindruck, jeden Moment könnte einer dieser vermaledeiten Elben hinter einer Ecke hervorspringen. Denn das tun Elben ja, hervorspringen, wenn man sie nicht erwartet. Und dann erschrecken sich alle, bis auf Túrin, denn der hat gelacht. „Gelacht“, sagt Mîm und drückt den Schädel etwas fester. „Als hätte es da etwas zu lachen gegeben. Mir einen verdammten Elben ins Haus zu bringen.“
Der Gang ist kurz, es liegen nur zwei Räume daran, aber die Wände sind so prunkvoll über und über mit eingemeißelten Sternen verziert, dass Mîm den Eindruck bekommt, das hier wären mindestens die Gemächer einer Prinzessin gewesen, wenn nicht des Königs selbst. So etwas haben diese Elben doch, oder, Könige?
Mîm hebt die Lampe und späht in die Räume. Der eine ist ein Schreibzimmer, mit einem polierten Holztisch und Bücherregalen, die alle Wände einnehmen. Der andere ist ein Schlafgemach, ein großes Bett mit seidenen Vorhängen, eine Kleidertruhe, eine prunkvolle, aufgestellte Rüstung samt Helm in der Ecke. An der Wand hängt ein Gemälde, auf dem irgendein Elbenfürst zu sehen ist, das Haar leuchtend wie Gold, ein Funkeln in den Augen, ein Lächeln auf dem Gesicht, als wüsste er alles und fürchte nichts.
Mîm baut sich vor ihm auf. „Und jetzt?“, fragt er. „Jetzt bist du tot.“
Der Elbenfürst lächelt unbeirrt weiter. Er trägt Kleider mit großzügigen Lagen feinen Stoffs, einen silbernen Ring um die Stirn und eine Halskette, die fast noch mehr funkelt als seine Augen. Zwergenarbeit, fällt Mîm auf. Kein Elb kann Metall so kunstvoll verarbeiten, es ist immer nur eine billige Kopie von dem, was Zwerge vollbringen.
„Woher hast du das gestohlen?“, fragt er. „Und wo ist es jetzt?“
Dann sieht er es. Auf einem kleinen Tisch nahe der Wand steht eine marmorne Büste, und um ihren Hals ist die Kette vom Gemälde drapiert. Sprachlos tritt Mîm näher. Gold glänzt und Edelsteine glitzern selbst im schwachen Licht, und alles ist mit hauchfeinen Gliedern verbunden, die schimmern wie Fischschuppen. Solche Kunst hat selbst sein Urgroßvater nicht zustande gebracht, und der war der beste Schmied, den Mîm kannte.
Er lässt den Schädel achtlos fallen und greift nach der Kette. Sie ist schwer. Als Mîm sie sich um den Hals legt, hat er einen Moment lang das Gefühl, er könnte nicht atmen. Dann schmiegt sich das Material an seine Brust unter den zerlumpten Kleidern, und er atmet frei. Zum ersten Mal seit langer Zeit legt sich ein Lächeln auf sein Gesicht.
„So etwas steht dir nicht zu“, sagt er zu dem Elbenfürsten an der Wand. „Es gehört jetzt mir. Du hast es wahrscheinlich sowieso gestohlen, du Dieb.“
Der Elbenfürst hat die Unverschämtheit, weiter zu lächeln. Mîm schnauft und hebt den Schädel wieder auf. Er hat Besseres zu tun, als mit einem Gemälde zu streiten.

Die Kette behält er an. Aus dem Hort des Drachen sucht er allen anderen Schmuck zusammen, den er findet, vor allem Haarspangen und Kämme. Davon haben Elben genug. In einer sternenklaren Nacht sitzt er draußen vor der Festung, auf den Resten einer zerstörten Brücke, und flechtet Seidenbänder und dünne Goldketten in seinen Bart. Beinahe sehen die schütteren Strähnen wieder voll aus.
„Und?“, fragt er den Schädel, der neben ihm auf den zersprungenen Pflastersteinen liegt. „Jetzt bin ich der König dieser Stadt, oder nicht?“
Der Schädel schweigt. Die Gebäude sind leer und die Brücke ist eine ins Nichts ragende Ruine, und wer immer sie gebaut hat, ist lange tot. Aber Mîm ist noch da. Er müht sich ab, einen geflochtenen Zopf mit einer silbernen Spange zu schließen, denn seine Finger sind steif. Er muss daran denken, wie Ibun und Khîm als kleine Jungen versucht haben, ihm den Bart zu flechten, mit ihren plumpen Fingerchen, obwohl ihre Mutter sie getadelt hat, sie sollten ihren Vater das selbst machen lassen. Mîm hat immer gesagt, es sei in Ordnung. Die Jungen sollten ihre Freude haben.
„Ich wusste von Anfang an, dass ich sie in eine Welt entlasse, in der sie wenig Freude finden werden“, sagt er leise. „Aber ich habe es trotzdem getan. Und jetzt sind sie tot.“
Der Schädel schweigt.
Mîm steckt sich silberne Spangen und Broschen mit bunten Edelsteinen in den Bart und zieht Perlen aus Kristall über die stumpfen Strähnen. Die Schmuckstücke sind schwer und kalt, und sie gehören alle ihm. Er ist der König dieser Stadt.

In einem Gang hinter der Halle, in der er schläft, hängt eine Reihe von Porträts an der Wand. Normalerweise ignoriert Mîm sie, weil er für sein Leben genug Elben gesehen hat (der eine, den Túrin angeschleppt hat, hat genügt), und weil die Personen auf den Gemälden ja wirklich alle gleich aussehen, all die wunderschönen Elbenmänner und die noch schöneren Elbenfrauen, behängt mit Geschmeide und in Seide gewickelt. Lächerlich.
Erst heute ist ihm ein Mann auf einem kleineren Gemälde aufgefallen, ein gepanzerter Krieger, der mit ernstem Gesicht an einer Mauerbrüstung steht und ein schwarzes Schwert präsentiert. Er sieht aus wie Túrin. Groß gewachsen, dunkelhaarig und mit hellen Augen, an sich schön, aber völlig ohne den Bart, mit dem Mîm ihn kannte.
„Verstehe nicht, wieso er den Bart abrasieren sollte“, sagt er zu dem Schädel. „Vielleicht, um den vermaledeiten Elben ähnlicher zu sein. Sollen sie doch alle miteinander verderben.“
Aber wahrscheinlich ist der Mann gar nicht Túrin. Was hätte der denn in einer Elbenstadt gewollt? Er wollte ja nicht einmal zurück ins versteckte Königreich, aus dem er kam, weil er vernünftig war. Dann wiederum könnte es sein, dass Túrin in dieser Stadt war und Mîm es einfach nicht erfahren hat. Er hat seit Jahren mit keinem Lebenden mehr gesprochen, ihm muss vieles entgangen sein. Kurz kommt ihm der Gedanke, Angband könnte mittlerweile gefallen sein und er hätte es gar nicht gemerkt.
Aber das ist Unsinn. Angband wird niemals fallen. Und Mîm hat Túrin den Orks ausgeliefert, ihn, den Einzigen in der ganzen Bande, der ein gutes Herz hatte. Normalerweise versucht Mîm, nicht daran zu denken, weil sich dann alles in ihm zusammenkrampft. Er hat versucht, die Orks wenigstens für Túrin um Gnade zu bitten. Es war nicht seine Schuld, dass es nicht geklappt hat, oder?
„Er war kein Mörder wie du“, sagt er zu dem Schädel. „Er hatte das nicht verdient.“
Der Schädel schweigt.
Mîm sucht sich ein Messer aus den Schätzen, auf denen er schläft, und er schlitzt alle Gemälde auf und reißt die alten Leinwände in Fetzen herunter, bis man nichts mehr erkennt. Der Mann ist nicht Túrin, beschließt er, als er ihm die Brust aufschneidet.

In der Nacht hat er einen wirren Traum von einem riesenhaften Mann, der Zwerge mit einem Hammer erschlägt. Er sieht traurig aus. Als der Hammer Mîm trifft, fährt er verschwitzt aus dem Schlaf hoch, und die silbernen Spangen in seinem Bart klirren gegeneinander. Langsam beruhigt sich sein Herzschlag wieder, unnötig langsam. Es war nur ein Traum.
„Obwohl ich mir fast wünsche, es wäre keiner gewesen“, murmelt Mîm und streichelt den Schädel, der neben ihm liegt. „Was ist dieses Leben schon wert? Es hat Mîm immer nur Leid bereitet. Ich wünschte, die Zwerge wären nie erschaffen worden.“
Denn dann wäre Khîm nicht von den Räubern erschossen worden und allein gestorben, und Ibun wäre nicht von den Orks gefoltert und getötet worden, und alles wäre besser gewesen. Alles wäre besser, wenn es Mîm nicht gäbe.
Er rollt sich um den Schädel herum zusammen und verkriecht sich tiefer unter dem schweren Brokatvorhang. Er hat das Gefühl, dass es kälter geworden ist in den Ruinen. Vielleicht ist seine Zeit nah.
„Wenn ja, ist es gut“, sagt Mîm leise in die Dunkelheit. „Meine Tage waren ohnehin schon zu lang. Ich fürchte die Nacht nicht.“


Man könnte ja glatt meinen, dass ich Elben nicht mag – stattdessen mag ich es zu sehr, aus der Perspektive von hasserfüllten Figuren zu schreiben. Ich weiß auch nicht.
Wie üblich bin ich für Rückmeldungen, Verbesserungsvorschläge und Korrekturen von Leuten, die mehr von Tolkien verstehen als ich, offen. ;)