Berlin, Berlin

von uninona
GeschichteDrama / P16
17.10.2020
23.10.2020
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Dieses Kapitel
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17.10.2020 1.701
 
Victor kommt ins Berlin der späten zwanziger Jahre und wird in Ereignisse verstrickt, die sein Leben nicht immer positiv verändern. Aber erst einmal lernt er Charly kennen..
Viel Spaß
Gute uni


Victor stieg am Anhalterbahnhof aus dem Fernzug aus Brüssel. Berlin ! Sehnsuchtsort! Wie Paris. Oder London. Aber da hätten seine Eltern ihn bestimmt gefunden und sie hätten versucht, ihn zurück zu holen. In Berlin würden sie ihn , so hoffte er, weder suchen, noch finden, kämen sie doch auf die Idee...
Allerdings war Berlin auch der angestrebte Sehnsuchtsort für ihn. Das wilde, sprudelnde Berlin mit seinem aufregenden Nachtleben, der aufregenden Theaterszene zog ihn genauso an, wie der Umstand, dass es in der Landeshauptstadt eine aufregende Bisexuellen - und Schwulenszene gab. Victor hoffte, jemand wie er als Mensch zwischen den Geschlechtern würde hier auch seinen Platz finden. Er war gerade achtzehn geworden. Sehnsuchtsvoll hatte er darauf gewartet. Am nächsten Tag war er aufgebrochen, wohl wissend, noch immer war er nicht volljährig. Das war erst mit einundzwanzig der Fall. Aber er hatte jetzt Zugriff auf das Konto, dass ihn seine ( deutsch jüdische) Großmutter väterlicherseits hinterlassen hatte. Die mit ihrem Sohn nichts hatte zutun haben wollen. Weil der als junger Mann nach Amerika ausgewandert war. Das hatte sie ihm nie verziehen. Aber zu ihrem damals halbwüchsigen Enkel hatte sie heimlich  über einen Anwalt Kontakt aufgenommen. Kurze Zeit, Victor war damals im Internat gewesen, hatten sie sich geschrieben. Dann, vor einem Jahr starb sie und erneut kam der Anwalt schriftlich auf ihn zu und informierte den Jungen über das Konto, auf das er ab seinen achtzehnten  zugreifenden konnte. Von dem seine Eltern nichts wussten. Er wäre wohl auch in Brüssel, Paris oder London an das Geld gekommen - da das Konto aber bei der Commerzbank in Berlin lag, gab es jedoch noch einen Grund, ausgerechnet nach Berlin zu gehen. Es war kein großes Vermögen. Die Großmutter war keine reiche Frau gewesen. Aber um erst einmal über die Runden zu kommen würde es reichen. Er musste irgendwo wohnen und er wollte Schauspieler werden...oder Sänger...Revue konnte er sich vorstellen. Oder beides...

Aber erst einmal sollte er sich vielleicht mit diesem Anwalt seiner deutschen Oma treffen. Bis jetzt hatten sie nur schriftlich verkehrt. Das war einfach gewesen, als er noch im Internat lebte. Danach hatte der Anwalt ihm  die Zugangsdaten eine Postfachadresse zugesandt , wenige Tage ehe er in den Schoß seiner Familie heimkehrte. In dem Schweizer Internat hatte sich sein Deutsch segnefikant verbessert. Man hatte dort auf akzentfreie hochdeutsche Aussprache großen Wert gelegt. Allerdings gab es jetzt trotz allem einen interessanten Einschlag, wenn er den Mund auftat. Seine Muttersprache war im Grunde Englisch, seine Eltern hatten darauf bestanden, dass er ebenfalls Deutsch (das einzige Zugeständniss seines Vaters an seine ehemalige Herkunft) und Französisch erlernte. Letzteres war ihrem Wohnort Brüssel geschuldet. Sein Vater hatte eine Schottin aus niederem Adel geheiratet. Eine Liebesheirat, wie man ihm sagte. Der inzwischen reiche Amerikaner deutscher Herkunft hatte allerdings sozusagen die Familie vor dem finanziellen Ruin gerettet. Trotzdem hätten Marys Eltern andere Bewerber  um ihre hübsche Tochter, auch weniger reicher, wohl vorgezogen. Das Kind war durchgebrannt und hatte sich erst verheiratet wieder daheim gemeldt. Nach gründlichen Überlegungen wurde der ungeliebte Schwiegersohn, der nicht nur Amerikaner, sondern dazu Jude ursprünglich deutscher Herkunft war, in die Familie aufgenommen. Einzig einen Wunsch hatte das Paar den Schwiegereltern zu erfüllen. Die sollten ihren Wohnort nicht in Übersee suchen. Darum lebten die Bernsteins jetzt in Belgien. Die Liebe der ersten Jahre war jedoch nach und nach dem Alltag gewichen, später sogar einem höflichen kühlen Nebeneinander.

Anders hatte der sensible Victor seine Eltern nie erlebt. Er hatte mehr Zuneigung von seinen Kindermädchen erfahren, und auch empfunden, als von der eigenen Familie. Das war in dieser Zei kurz nach der,  die  in England das ausgehende Jahrrhunderts das Viktorianische genannt worden war und seinen Ungeist noch lange in den Kinderzimmern verströmte, allerdings der übliche Umgang mit dem Nachwuchs der Oberschicht. Es gab allerdings noch einen weiteren Grund, warum seine Eltern eine distanzierte Einstellung zu ihrem Sohn hatten. Schon kurz nach der Geburt erklärte ihnen ihr Arzt, das Baby wäre anders als es normalerweise üblich sei - noch bevor es ihnen das Neugeborene überhaupt zeigte. Das käme immer wieder einmal vor und sie müssten sich nun entscheiden, als was sie das Neugeborene groß ziehen wollten. Man bezeichne solche Menschen als Zwitter oder Hermaphodith. Weil sie , wie der Name schon sagte, die Genitalen beider Geschlechter angelegt hätten. In Victors Fall hatte der Doktor den erschrockenen Eltern nahe gelegt , das Baby als Knaben heran wachsen  zu lassen, da das männliche Geschlecht bei ihm stärker augebildet schien. So war es geschehen. Victor hatte erst im Internat begriffen, dass er sich von anderen Jungen unterschied und warum seine Eltern und das Kindermädchen so peinlich darauf geachtet hatten, dass er sich umkleiden konnte, ohne dass jemals jemand dabei sein Geheimnis aufdeckte. Über das einzig sein größer Bruder ein mal mit ihm gesprochen hatte....
Dem Spott und der Name der Mitschüler war er trotzdem nicht entkommen, denn als er in die Pubertät kam, wuchsen ihm Brüste. Dann stellte er zu allem Unglück auch noch fest, er verliebte sich sowohl in die einzige Lehrerin der Schule, als auch in eine Jungen, der ein paar Jahre älter war. Gott sei Dank nicht zeitgleich...

Zum Glück erwiderte der Junge diese Gefühle. Er war es auch gewesen, der über so etwas Bescheid gewusst hatte - dank seiner Frau Mama, einer Berliner Opernsängerin, die ihr Kind tatsächlich wegen ihrer vielen Reisen ins Internat geschickt hatte und nicht aus Lieblosigkeit und in ihrem Beruf mit vielen schwulen Männern zutun gehabt hatte. Sie hatte darum sehr viel Verständnis , als sie merkte, dass  ihr Sohn wohl den Jungen zugetan war. Auch zu allem anderen machte sie sich kundig, so gut es ging und schrieb  ihrem Kind, mit dem sie ein sehr großes Vertrauensverhältnis verband, was sie heraus bekommen hatte. So konnte der seiner völlig verunsicherten Liebsten wenigstens die Ahnung davon geben, dass er kein Monster, nicht krank und überhaupt ein liebenswerter Mensch war. Es half, aus dem verstörten Kind eine halbwegs selbstbewusste Person zu machen. Leider ging der ebenfalls zweinationale Stefan  - dessen Vater Schwede war,  zwei Jahre vor Victor von der Schule ab. Jetzt hoffte er  inständig, ihn hier in Berlin zu treffen, obwohl sie nur im ersten Jahr nach Stefans Fortgang Kontakt hatten. Dann hatte Stefan ihm gestanden, sich in jemanden anderen verliebt zu haben und Victor trug sich mit seinem ersten Liebeskummer, antwortete auch nicht mehr auf die freundschaftlichen Briefe des ehemaligen Liebsten. Erst als er überlegte, nach Berlin zu gehen, hatte er versucht, erneut Kontakt aufnehmen. Er war inzwischen selbst anderweitig verliebt gewesen und hatte seine romantischen Gefühle für Stefan begraben. Allerdings war seine Post mit er Aufschrift "Unbekannt verzogen" zurück gekommen. Dennoch hoffte er , eine Spur zu finden. Auch weil er sich Unterstützung durch Stefans Mutter erhoffte, im Showbizz unterzukommen.

Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das schaffen sollte , stand er jetzt hoffnungsvoll und begeistert vor dem modernen Bahnhofsgebäude  und erfreute sich an dem ungewohnten hektischen Trubel der Großstadt. Da kamen weder Brüssel noch die Schweizer Kleinstadt mit. Es war überwältigend. "Wohin möchte denn die junge Dame? Kann man vielleicht helfen?" fragte eine schnoddrige rotzige Stimme, tief und rauchig und irgendwie unpassend zu der schmalen schlaksige Jungengestalt in der zu weiten Jacke. Victor war zuerst irritiert . Dann fiel ihm wieder ein: Er hatte sich in seinem Erste Klasse Abteil des Zuges umgezogen, kaum hatten sie Brüssel verlassen. Noch hatte ihn niemand kontrolliert und so schlüpfte er ganz schnell in diese andere Rolle, die ihm ebenso nahe war, wie die männliche. Mit seiner Frisur, die er mit wenigen Bewegungen in eine Art Pagenkopf zurechtschütteln konnte, einem Kostüm , Seidenstrumpfen und entsprechenden Schuhen fühlt er er sich unglaublich wohl. Die Verwandlung war perfekt, als er die großen Augen mit Kohlestift umrandet,  die  vollen Lippen nach gemalt hatte. Der Schaffner, der dann doch die Fahrscheine kontrollieren wollte, war freundlich und zuvorkommend gewesen. Er ahnte nichts. So würden seine Eltern ihn wahrscheinlich nicht finden, hatte er gedacht.

Nun hatte ihn außer dem Schaffner die erste Person als Dame...zumindest junge Frau aus gutem Hause ....identifiziert. Da konnte man schon irritiert sein. Aber da gab es noch einen Grund. Victor fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Von den Augen eines Gepäckträger. Riesige Augen, blaugrau wie die eigenen, von dichten Wimpern umrandet, ein junges, weiches Gesicht. Der Gepäckträger mit dem großen Sakko war bestimmt zehn Zentimeter größer als Victoria - der Brüssler sich nun nennen wollte. Schlacksig, gleichzeitig frech und schüchtern, hatte dieser Gepackträger eine Seite in ihr zum Schwingen gebracht. Fuck! Gleich würde der Junge sicher anfangen zu flirten...um von der vermeintlichen Dame ein höheres Trinkgeld zu bekommen. Das Victoria derzeit im übrigen nicht geben konnte, bevor sie jetzt wirklich Zugang zu Omas Konto hatte.

Verdammt, es war sicher schon Geschäftsschluss bei der Bank. Aber sie hatte gerade noch zwanzig Franc in der Tasche! Das würde gerade noch für eine Taxifahrt ...wohin? ...reichen. Den schweren Koffer musste sie wohl alleine schleppen....  Noch immer stand sie da und starrte sein Gegenüber an. Der starrte zurück. Schüttelte irritiert den Kopf, wandte sich ab und murmelte verunsichert "Dann eben nicht..." Gerade wollte er sich einem anderen potentiellen Kunden zuwenden, als ein noch größere, breitschultiger Typ neben ihm auftauchte und mit französischen Akzent fragte, warum "Charly" der Dame den nicht den Koffer abnahm. Das zögerliche "...Sie will alleine..."ignorierte er. Der französische Breitschultrige ergriff Victors Koffer, den der beim ersten Umsehen auf den Boden gestellt hatte.
" Also wohin? " wollte er wissen und machte einen Schritt auf den Taxistand zu. Er war äußerst gutaussehend, mit dunklen Locken, braunen Augen und hübschem Mund. Ganz sicher heterosexuell. Victor hätte seine hübsche weiße Bluse darauf verwettet. Schon alleine weil der Lockenkopf mit dem Akzent so offensiv flirete. Im Gegensatz zu seinem Kumpel. Der war entweder in jemanden verliebt...oder er stand nicht auf Frauen. Oder nicht auf keine mit Pubikopf... Vielleicht hätte er interessierter reagiert , wenn "sie" blond oder langhaarig gewesen wäre? Jedoch hatte Victor da so  ein Gefühl. Wurde er etwa rot? Oh, mein Gott!