Vermisst

von Nesaja
GeschichteKrimi, Romanze / P12
17.10.2020
17.10.2020
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17.10.2020 443
 
Florance Chassagne stand vor einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Es hieß „Das Eismeer“. Darauf war ein Schiff zu sehen, das gekentert war und nun zwischen den sich auftürmenden Eisschollen feststeckte. Ansonsten war die Eiswüste so leer wie ihr Kopf - oder ihr Herz. Machte das einen Unterschied? Das Schiff war genauso gescheitert wie sie.
Sie war mit Sylvain nach Italien gegangen in der Hoffnung auf einen gemeinsamen weiteren Weg.
Fort von Paris, fort von ihren Erinnerungen und dem Mann, der sich an nichts erinnerte. Aber es half nichts. Man konnte allen Menschen etwas vormachen – nur nicht sich selbst. Sie mochte Sylvain, aber sie liebte ihn nicht. Vor wenigen Tagen war ihr klar geworden, dass es nicht funktionieren würde. Schuld war eine Tasse Kaffee und eine traurige italienische Ballade im Radio über eine unerfüllte Liebe.
Sie seufzte. Man konnte sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebte, nur, wie man damit umging. Weglaufen war eine Option, aber die Gedanken und Gefühle begleiteten sie überall hin. Wie schön wäre es, das alles auf einer Leinwand festhalten zu können und das fertige Bild an eine Wand zu hängen, wie die großen Künstler es bereits seit Jahrhunderten bewerkstelligten. Sie selbst konnte weder malen noch zeichnen, kannte sich aber bestens mit Gemälden und Malern aus. Sie würde all ihren Schmerz in dieses Bild hineinmalen und es an einer Wand in irgendeinem Raum, den sie nie wieder betrat, zurücklassen.
„Aber das funktioniert in der Realität nicht, oder?“ murmelte sie vor sich hin. Der Mann neben ihr antwortete: „Als ich das Bild malte, malte ich eigentlich meinen eigenen Untergang. Niemand wollte das Gemälde sehen, es war zu real, und niemand wollte meine Kunst. Es war deprimierend. Woran scheitern Sie?“
„An der Gegenwart, an der Vergangenheit und an der Unfähigkeit, eine Zukunft aufzubauen. Geschäftlich bin ich erfolgreich, aber privat fühle ich mich so, wie Sie sich vermutlich damals fühlten.“
Caspar David Friedrich lächelte sie an. „Ist es nicht seltsam, in Ihrer Zeit gilt es als eines meiner bekanntesten Werke. Viele großen Males sind zu ihrer Zeit nicht erkannt worden, aber manchmal wendet sich das Schicksal doch noch.“ Und er verschwand wieder
Wunschdenken
Es war Zeit, heimzukehren und zu packen. Morgen würde sie sich von Italien verabschieden und nach Paris zurückkehren. Von Sylvain hatte sie sich bereits verabschiedet. Er war ein guter Mann, aber leider nicht der Richtige für sie. Ihr Vater würde es mal wieder nicht verstehen. „Aber Florence, musst du denn schon wieder alles verkehrt machen?“ Sie konnte seine vorwurfsvolle Stimme  jetzt schon hören. Wahrscheinlich hatte er sogar recht damit. Auch bei Antoine Verlay hatte sie es nicht hinbekommen. Antoine Verlay…Warum mussten Gedanken immer nur so wehtun?
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