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Der Archivar

von Rohirra
Kurzbeschreibung
OneshotMystery, Fantasy / P12 / MaleSlash
17.10.2020
17.10.2020
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Ein weiterer Beitrag meinerseits! Das hier ging in eine etwas andere Richtung, als eigentlich angenommen, aber ich bin trotzdem recht begeistert von dem Ergebnis. Der Slash ist frei interpretierbar, da das genaue Geschlecht eines der beiden relevanten Charaktere nicht klar angegeben ist, aber ich habe mich entschlossen die Geschichte dennoch so einzustufen.

Meine Sätze waren: "Kopf hoch, es hätte schlimmer kommen können" und "Ein guter Plan geht nicht immer auf"

Jetzt aber viel Spß beim Lesen!
Rohirra

...

Der Archivar


Ihn hatten alte und obskure Dinge schon immer interessiert. Es reichte von Tagebüchern aus den letzten Jahrhunderten bis hin zu Erzählungen über paranormale Ereignisse, bis hin zu pseudo-religiösen Texten. In der Bibliothek seiner kleinen, verschlafenen Heimatstadt hatte er irgendwann nichts mehr finden können, dass wirklich sein Interessengebiet abdeckte und wann immer er auftauchte, war ihm sofort bewusst geworden, wie wenig die alte Bibliothekarin von seinem Hobby hielt. Nach dem Schulabschluss hatte er sich deswegen vorgenommen in eine möglichst große Stadt mit einer möglichst großen, umfassenden und insbesondere alten Bibliothek zu ziehen, in der Hoffnung dort auf Dokumente zu schließen, die seit Jahrhunderten unangetastet waren.
Die heilige Bibliothek zu Tumar in der Theokratie von Helion war da genau der richtige Ort gewesen. Für diese Bibliothek war er um die Welt gezogen, hatte Familie und Freunde zurückgelassen und sogar, sogar zwei neue Sprachen, sowie vier neue Schriftsysteme gelernt. Er hatte neuen vollkommen neuen Glauben für diese Bibliothek angenommen und war nun auf dem Weg Priester dieses neuen Glaubens zu werden.
Er wusste, dass der Plan, den er sich für sein Leben gemacht hatte, der einzig richtige war und er war entschlossen und begeistert ihn weiter in die Tat umzusetzen.
Dennoch war er sich bewusst, dass es schon ein wenig verrückt war, so viel für eine Bibliothek zu tun, aber Jun hatte sich nicht helfen können. Dieser Ort war alles, was er sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Und oh, wie glücklich hatte es ihn gestimmt, als sein Vorhaben sich nicht nur wie von selbst, als beste Entscheidung seines Lebens entpuppte, sondern die, für für seine Ausbildung zuständigen, Offiziellen ihm, ihm, Zugang zum Archiv gewährt hatten. Er hatte gegrinst wie ein kleines Kind, als man ihm die Schlüssel in die offenen Hände gelegt hatte. Oh, natürlich hätte er auch eine Aufgabe bekommen können, die in den Augen seiner Kameraden aufregender gewesen wäre, wie zum Beispiel Teilhabe an den Predigten oder das Richten der großen Monduhr. Einige wenige hatten sogar die Erlaubnis bekommen, dem Erzbischof persönlich zu assistieren.
Er war glücklicher über diese stille und einsame Arbeit gewesen, die man ihm stattdessen gegeben hatte. Er war der einzige gewesen, dem Zugang zum Archiv gegeben war. Andere hatten lediglich Verantwortung über kleinere Teile der eigentlichen Bibliothek bekommen. Oft spürte er ihre erstaunten, neidischen Blicke im Nacken, doch kümmerten sie ihn wenig, insbesondere dann nicht, wenn er den alten Schlüssel in dem schon leicht rostigen Schloss jener Tür herumdrehte, die ihn durch einen schmalen Gang und eine steile Treppe hinunter in das Herz all seiner Träume führen würde. Er vergaß diese Blicke schon, kaum, dass er am unteren Treppenrand seine Lampe entzündete, die ihn als einziges durch diese dunkle Welt des Wissens begleitete.
Er verbrachte zu Teilen Stunden, ja ganze Nächte dort unten und stöberte, ordnete und sortierte. Er war der Laufbursche der großen Magister, die auch das Wissens aus dem Archiv heranziehen wollten, um ihre Forschungen zu vertiefen, obwohl sie bereits mit all den Büchern in der Bibliothek mehrere Tagesseminare füllen könnten. Aber mit dem was er tat, hatte er zumindest eine Ausrede dafür, warum er während des Unterrichtes einschlief. Meistens wusste er eh, worum es ging, denn bevor man ihn suchen schickte, gab man ihm quasi schon ein Seminar über das betreffende Thema, damit er ja nicht die falschen Informationen suchte.

So war er auch auf wohl das Größte Geheimnis dieser Welt gestoßen. Der Magister der Astronomie war in seinen Lektüren auf eine Referenz zu einem Werk gestoßen, dass nicht in der Hauptbibliothek aufzufinden war, egal wie sehr er, die Bibliothekare und die Assistenten auch danach suchten. Als sie die Hoffnung auffanden es je im öffentlich zugänglichen Teil zu finden, war der Magister an Jun herangetreten und hatte ihn beiseite genommen.
„Sprichst du Wenasi?“
„Das ist meine Muttersprache, Magister“, hatte Jun verblüfft auf die Frage geantwortet, „Braucht Ihr Hilfe bei einer Übersetzung? Sollte Magistra Yin denn nicht bewanderter sein als ich?“
„An Magistra Yin werde ich mich wenden, wenn ich das Dokument habe, das ich brauche. Ich habe dir seinen Namen aufgeschrieben. Es müsste sich um ein Buch aus rotem Leder sein, ungefähr so dick wie dein Unterarm. Ich will es noch vor Monatsende in den Händen halten.“
„Ihr glaubt es ist im Archiv?“, hatte Jun gefragt und den Zettel entgegen genommen, „Könnt Ihr mir den ungefähren Themenbereich nennen um des es geht?“
Es ging um schwarze Sterne. Ein Gebiet in der Astronomie, das, wie Jun nun lernte, seit mehreren Jahrtausenden ausgiebig erforscht wurde. Schwarze Sterne, war, wie der Magister ihm erzählte eigentlich sogar der völlig falsche Ausdruck dafür, aber damit müssten sie jetzt arbeiten. Bei dem alter des Textes, nach dem der Magister suchte, war es höchstwahrscheinlich sowieso so, dass das Verfasser noch diesen altertümlichen Begriff nutzte.
Mit diesem Wissen in seinem Kopf, war Jun für eine weitere Nacht in das Archiv gegangen, hatte gesucht und nichts gefunden. Bei der schieren Anzahl an Büchern, mit dem er es zu tun hatte, war es aber auch kein Wunder. In dieser ersten von zehn Nächten hatte er nicht einmal ein Zentel des ihm bekannten Teil des Archivs durchkämmt. Am nächsten Morgen holte er sich beim Vorsitz der Universität die Erlaubnis dem Unterricht für einige Tage fernzubleiben und zeigte seinen Lehrern das Schreiben des Magisters der Astronomie vor, welches sein Fernblieben erklärte. Danach war er ins Archiv zurückgekehrt, genug Nahrung und Wasser bei sich, dass es ihn für die nächste Woche ernähren sollte.
Die Zeit verging im Flug. Im Herz seines Traumes sitzend, arbeitete er sich durch Reihe um Reihe und durch Stapel um Stapel an Büchern, die auch nur entfernt etwas mit schwarzen Sternen zu tun hatten. Wenn er wieder aus dem Archiv kam, dachte er sich, wäre er wohl selbst in der Lage einen Fachvortrag über dieses Thema zu halten. Es musste die vierte oder fünfte Nacht seiner Suche sein, als er auf das Buch stieß. Mit Tränen in den Augen, teils der Euphorie, die er aufgrund des Fundes empfand, teils aufgrund von Erschöpfung drückte er es an sich und machte eine Notiz auf der Karte, die er begonnen hatte sich von diesem Ort anzulegen.
Er schrieb immer nieder, welche Art von Büchern er in der ungefähren Umgebung gefunden hatte. Denn auch wenn es kein System an diesem Ort zu geben schien, so hatte er herausgefunden, dass sich Bücher, die sich generell mit ähnlichen Themen befassten in dem selben großräumigen Umfeld befanden, sich aber mit Büchern aus anderen Themenbereichen überlappten. Man musste es sich wie Kreise vorstellen, die einander kreuzten. In der Mitte jedes Kreises lag ein Knotenpunkt, an der er nur Werke dieses eine Thema betreffend finden konnte.
Bisher hatte er nur die Knotenpunkte der religiösen Texte, unweit der Treppe, und die der Mathematik, etwas weiter östlich davon gefunden. Aber der Masse an astronomischen und sich mit Sternen befassenden Texten, die um ihn herum verteilt waren, konnte er sich sicher sein, wohl auch dem Knotenpunkt der Astronomie gefunden zu haben.
Dieser Gedanke begeisterte ihn.
Noch ein Teil dieses geheimnisvollen Ortes, den er entdeckt hatte. Auf den allgemeinen und längst veralteten Karten des Archivs war nämlich nie eingetragen worden, in welcher Umgebung man am ehesten auf welches Buch stoßen könnte.
Aber lange konnte ihn seine Begeisterung nicht mehr wach halten. Seinen Fund noch immer an die Brust gedrückt war Jun eingeschlafen, während seine Laterne neben ihm heruntergebrannt war. Erst als er wieder aufwachte, wurde ihm die Gefahr bewusst, der er sich damit ausgesetzt hatte. Natürlich trug er immer ein Streichholz und extra Öl bei sich, um die Lampe nachzufüllen und nahe der Tür stand auch noch ein ganzes Fass mit noch mehr Öl, aber jetzt in der Tiefe der Dunkelheit, hätte er die Lampe nicht mal mehr ausmachen können, wenn er es verursacht hätte.
Schwankend kam er auf die Beine, das Buch noch immer fest an sich gedrückt. Er tastete auf dem Boden nach der Lampe, fand sich nahe seinem Linken Fuß und hängt sie sich an den Gürtel, wo sie zwar hingehörte ihm aber wenig bringen würde. Er gehörte nicht zu den Novizen, die neben ihrer Priesterausbildung auch magische Kenntnisse erworben. Als Ausländer stand ihm das nicht zu. In diesem Moment aber hatte er sich Lichtmagie gewünscht, um sich wenigstens den Weg zurück zur Treppe leichten zu können. Sich an den Brettern eines Regalens entlangtastend suchte Jun sich einen Weg in die Richtung, von der er annahm, dass sie ihn zur Tür führen würde. Er glaubte sich zu erinnern, dass er aus dieser Richtung gekommen war. Das ein oder andere Mal stolperte er über ein altes Buch oder über einen Korb mit Dokumenten oder lief geradewegs in ein Regal hinein, dass sich vor ihm auftat. Das war, bis er endlich auf die Wand stieß.
Er sah nach links und rechts an der Wand entlang und stellte fest, dass es zu seiner Linken heller war. Neugier ergriff von ihm Besitz. Woher mochte dieses Licht kommen? Außer ihm und dem Magister der Literatur hatte niemand Zugang zu den Archiven und der Magister war zur Zeit in einem benachbarten Reich um einige erst kürzlich gefundene Schriftstücke zu begutachten. Vielleicht der Vorsitz? Oder der Erzbischof selbst? Würden sie ohne triftigen Grund einfach in die Archive kommen?
Er hinterfragte nicht einmal, ob sie überhaupt Zugriff auf diesen Ort hatten, denn natürlich hatten sie ihn. Sie waren schließlich die zwei Personen mit den höchsten Ämtern der ganzen Theokratie. Im Falle des Erzbischofs vielleicht sogar der Welt. Sie konnten hingehen, wo auch immer sie wollten.
Jun gab nach einigem Hin und her seiner Neugier nach. Wenn er nah genug an der Lichtquelle war, um etwas mehr von seiner Umgebung zu erkennen, könnte er vielleicht seine Lampe auffüllen und entzünden. Ja, das konnte er dann machen. Das war natürlich nur eine Ausrede, die er sich selbst machte, um diesem Gefühl von Wissensdurst und Verlangen zu folgen, dass ihn heimzusuchen begann. Schritt um Schritt schlich er näher an das geheimnisvolle Leuchten heran.
Er bemerkte augenblicklich, dass er sich nicht mehr in dem ihm bekannten Teil des Archivs befand. Angst beschlich ihn, gepaart mit einer ungesunden Menge an Erkundungsdrang. Sein Herz schlug laut und heftig in seiner Brust, als er vor einem alten Torbogen zum stehen kam, der ihn aus dem Archiv führen würde. Ein Blick hinter den Torbogen, zeigte ihm eine Kammer, nicht größer als sein eigenes bescheidenes Schlafgemach in der Universität, in dem er sich vor lauter Büchern kaum mehr bewegen konnte. Die Wände des Raumes waren mit Regalen gefüllt, in die Reihe um Reihe ordentlich einsortiert alte Folianten ihren Platz gefunden hatten.
Mit dem schwachen Licht, das ihm zur Verfügung stand, konnte er gerade so einige der Inschriften ausmachen. Es waren Bücher der alten Magie, viele von ihnen waren Lehrbücher der erweiterten Elementarmagie, eine alte Form die heutzutage nur von den Mächtigsten erlernt wurde. Soweit Jun wusste waren der Erzbischof, die Kaiserin des benachbarten Reiches und der Vorsitz der Universität die einzigen fortgeschrittenen Elementarmagier der Welt. Er leckte sich die Lippen. Das war einie Gelegenheit, die er doch ergreifen musste?
Vorsichtig schritt er durch den Torbogen hindurch in die Kammer. Das schwache Licht, das von einer einzelnen Kerze auf einem Lesepult in der Mitte des Raumes aufging flackerte und wurde mit einem Schlag Blau. Jun stolperte einen Schritt rückwärts. Der Schrei, der sich in seiner Brust bildete, blieb ihm im Halse stecken, als sich hinter dem Lesepult in gebeugter Haltung eine Gestalt auftat. Sie war alt und zugleich jung, mit langen silbernen Haar und stechenden blauen Augen, die sich in Juns Seele zu bohren schienen, als die Gestalt den Kopf hob.
„W...wer seid Ihr?“, fragte Jun heiser, als er endlich seine Stimme wiederfand. Die Gestalt hob eine feine, dünne Augenbraue.
„Du bist noch in der Lage zu sprechen?“, fragte sie mit einer engelsklaren Stimme. Jun ging sie durch Haut und Knochen, wie ein feines, gleißend helles und glühend heißes Messer. Seine Beine drohten ihm nachzugeben, doch zwang er sich dazu aufrecht stehen zu bleiben und sich dem zu stellen, was ihm da gerade widerfuhr. Was auch immer es war.
„Wie kurios...“, murmelte die Gestalt und stand von ihrem Platz auf. Sie überragte Jun, der für sein Alter schon nicht klein war, um beinahe zwei ganze Köpfe, war dafür aber allem Anschein nach schon sogut wie ausgehungert. Sie kam näher. Als sie einander nur noch wenige Meter entfernt waren, ließ Jun hastig das Buch für den Magister der Astronomie fallen und griff in seine Tasche.
Die Gestalt schmunzelte und auch das wirkte elegant und nicht wie von dieser Welt.
„Waffen werden dir nichts nützen, kleiner Mensch“, sagte sie und griff in einer blitzschnellen Bewegung nach Juns Handgelenk. Ihr Griff war fest und bestimmt, wie ein Schraubstock und trotz ihrer schwächlich anmutenden Form, besaß sie die Kraft Juns Arm aus der Tasche zu ziehen. Doch anstelle eines Messers, wie die Gestalt es wohl erwartet hatte, hielt Jun die letzte seiner Essensrationen, sauber eingepackt in eine braune Papiertüte, fest in der Hand.
Verwirrt legte sein Gegenüber den Kopf schief.
„Was?“
„I… Ihr saht hungrig aus… nun, ei… eigentlich seht Ihr vielmehr so aus, als hä… hättet Ihr seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen...“, sagte Jun und hielt die Papiertüte hoch, „Bitteschön! Ist mit Schinken!“
Einen Moment lang herrschte so tiefe Stille, das Jun seinen eigenen Herzschlag hörte. Im fahlen blauen Kerzenschein, sah er das unleserlich gewordene Gesicht seines Gegenübers. Dann, als die Stille schon unerträglich geworden war, legte die Gestalt den Kopf in den Nacken und begann zu lachen, laut, herzlich und aus tiefstem Herzen, wie es Jun schien.
„Du hast wirklich Nerven!“, lachte sie und tätschelte ihm den Kopf, „Aber du hast recht… es ist Ewigkeiten her, seitdem ich etwas zwischen den Zähnen hatte. Schinken sagst du?“
Jun nickte und gab die Tüte mit zitternden Finger weiter. Im Schneidersitz ließ sich die Gestalt vor ihm nieder und holte das zwar nun schon einige Tage alte, aber durch gewisse Zauber, von denen er nichts verstand, konservierte Essen heraus. Neugierig wurde das Brot und auch der sich darauf befindliche Schinken untersucht.
„Ich hatte nie Fleisch...“, erklärte die Gestalt ihm und nahm einen vorsichtigen Bissen. Jun konnte ihre spitzen Zähne sehen, fast wie die Reißzähne einer Katze und konnte nicht glauben, dass sie bei einem solchen Gebiss kein Fleisch aß. Er ging aus Instinkt vor ihr auf die Knie und beobachtete mit der Faszination eines Forschers, wie sie sich mit einem Funkeln in den hellen blauen Augen über ihr Mahl hermachte.
„Was esst ihr denn für gewöhnlich?“, fragte Jun, für einen Moment seine Angst vergessend.
„Mhm… nichts wirklich. Ich bin schon so lange hier, dass ich den Geschmack von Brot beinahe vergessen hatte. Das hier“, sie hob den letzten Bissen seiner Mahlzeit hoch und lächelte, „ist viel besser als das Zeug, das sie zu meiner Zeit gemacht haben.“
„Oh...“, machte Jun, sowohl erschrocken, als auch bekümmert, „Ihr seit also hier unten eingesperrt?“
„Ganz recht! Leider aber mit so starken Zaubern, dass ich nicht einmal sterben könnte, wenn ich es wollte. Hunger, Durst, Kälte, Krankheit, ewige Dunkelheit…. Das macht meinem Leben alles kein Ende. Anfangs hatte ich noch Spaß das Archiv zu erkunden und die armen Archivhelfern zu erschrecken, die sich zu viel vorgenommen hatten… aber auch das wurde irgendwann einsam. Sie sind nämlich immer sofort vor Angst erstarrt und in Ohnmacht gefallen. Meistens kamen sie danach nicht wieder. Du bist der erste, der nicht wegläuft oder vor Schreck in Ohnmacht fällt.“
„Vielleicht wäre ich das“, erwiderte Jun mit einem Schulterzucken. Der letzte Bissen des Schinkenbrotes verschwand nun auch im Mund des Gefangenen, „aber ich bin ja ganz von selbst hier her gekommen. Hättet Ihr mich aus dem Schatten heraus erschreckt, wäre ich wohl wie die anderen gewesen… ähnm, wie kann ich Euch nennen?“
„Ich weiß nicht… früher nannte man mich wohl bei einem Namen, aber auch daran erinnere ich mich nicht. Der Einfachheit aber kannst du mich einfach als Archivar bezeichnen. Schließlich verbringe ich mehr Zeit hier unten als der eigentliche Zuständige für diesen Ort.“
„Ich verbringe recht viel Zeit hier...“, versuchte Jun zu argumentieren, wurde aber augenblicklich von der Dummheit seiner eigenen Worte wieder zum Schweigen gebracht. Der Archivar legte den Kopf schief.
„Nun, ich kann das nicht leugnen. Du bist öfter und länger hier als deine Vorgänger“, sagte er und zeigte ihm ein spitzzähniges Lächeln, „In welchen Fächern machst du deine Lehren…?“
„Theologie und Antike Geschichtsforschung“, antwortete Jun.
„Nicht in Magie?“
„Ich bin kein Helioner.“
„Und? Was hindert dich denn daran dennoch zu lernen, wonach es dir beliebt?“, Der Archivar schüttelte den Kopf und murmelte leise vor sich hin. Jun verstand nicht viel von seinen Worten, konnte aber das Alt-Helionische Wort für ‚Menschen‘ ausmachen. Als er sich mit einem Sprung erhob, zuckte Jun zusammen. Mit großen Augen beobachtete er,w ie der Archivar stapelweise von Büchern aus den Regalen zog. Was hatte er vor?
„Daran lässt sich wohl schlecht etwas ändern. Wenn dich diese vor Stolz ganz engstirnig gewordenen ‚Gelehrten‘ nichts lehren wollen, nur weil du aus einem anderen Land stammst… werden wir Außenseiter wohl zusammenhalten müssen“, Der Archivar beugte sich zu Jun herunter. Ihre Gesichter waren sich mit einem Mal so nah, dass ihre Nasenspitzen einander fast berührten. Wieder ein spitzzähniges Lächeln, „Du hast Glück, kleiner Mensch, denn vor dir steht wohl einer der mächtigsten Elementar-, Licht- und Totenmagier dieser Zeit… vielleicht auch der Mächtigste, wenn die Lage dort oben wirklich so ungünstig ist, wie es mir scheint.“
„A… aber warum?“
„Warum?“, wiederholte der Archivar Juns Frage un ließ sie sich einen Moment auf der Zunge zergehen, „Warum? Warum? Warum wohl, kleiner Mensch? Auch wenn ich der Mächtigste bin, kann ich mich selbst nicht aus diesem Verlies befreien! Jemand anderes muss es machen, aber keiner kennt die Wege und Mittel dazu mehr! Keiner außer mir versteht sich! Und wenn ich dir alles gelehrt habe, was dein Herz begehrt, können wir gemeinsam neues Wissen sammeln, außerhalb dieses staubigen Archivs mit Büchern, fast so alt wie ich. Weißt du wie sehr es mich danach sehnt, den Mond einmal wiederzusehen?“
„Ich… kann es mir denken“, erwiderte Jun und sah auf seine Hände, „Aber ich bin nicht sonderlich talentiert. Ich weiß nicht, ob ich Euren Anforderungen gerecht erden kann...“
„Na, na, wir wollen doch nicht so sein!“, sagte der Archivar und zog ihn sachte aber bestimmt auf die Beine, „Kopf hoch, es hätte schlimmer kommen können! Nicht talentiert genug, bedeutet schließlich noch lange nicht, dass du vollkommen unfähig bist! Alles was du brauchst ist Zeit und wir haben Zeit. Wenn wir diese vielen Jahre der Isolation eines gelehrt haben, dann Geduld. Du wirst schon sehen, in zehn Jahren wirst du der talentierteste Magier aller sieben Königreiche, des Kaiserreiches, der Theokratie und den zwei Republiken sein – nach mir, versteht sich.“
Einen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber. Jun spürte, wie sein Herz danach schrie das Angebot anzunehmen, seinen Durst nach Wissen und sein Verlangen nach dem, was ihm durch die Engstirnigen Gesetze dieses Landes verwehrt wurde, zu stillen. Er nickte lagsam und hielt dem Archivaren eine seiner Hände entgegen.
„Das klingt nach einem guten Plan, Magister.“

Jun kehrte mit dem Buch für den Magister der Astronomie einen Tag vor Monatsende zurück und bemühte sich von diesem Zeitpunkt an noch mehr Zeit im Archiv verbringen zu können. Am Ende seines Semesters im nächsten Jahr bewarb er sich sogar um die offizielle Stelle des Archivbeauftragten, eine Position, die zuvor der Magister der Physik eher unfreiwillig inne gehabt hatte. Sie wurde ihm kompromisslos übergeben, zusammen mit seinem neuen Titel als Magister der Antiken Geschichte, ein Gebiet auf dem der dank dem Archivaren inzwischen bewanderter war, als jeder andere im ganzen Lehrerkollegium.
Es war schon befremdlich so schnell vom Studenten zum Magister ernannt zu werden, aber wenn der Erzbischof und der Universitätsvorsitz dies als richtig empfanden, konnte er sich nicht beschweren. Seine Vorlesungen waren jedes Jahr spärlich besucht. Antike Geschichte war kein Fach, dass als Hauptstudium angeboten und dementsprechend nur von solchen besucht wurde, die ein vages Interesse daran hatten. Er arbeitete nach Lehrplan, mehr oder weniger, denn einen genauen Lehrplan gab es nicht wirklich. Der Archivar half ihm dabei einen zu entwickeln, so enthusiastisch wie ein Kind, natürlich immer im Tausch für etwas zu essen.
Aber der Unterricht und seine sozialen Interaktionen außerhalb des Archivs waren nur Nebensache für Jun. Umso mehr die Jahre vergingen, desto tiefer drang er in seine Studien der Lichtmagie ein, ein Talent das der Archivar recht schnell bei ihm festgestellt hatte. Es war das Richtige Talent, erklärte er ihm, um die Fesseln des Verlieses zerspringen zu lassen, denn sie waren mit Totenmagie geschaffen worden. Bald schon konnte er sich ohne Laterne durch das Archiv bewegen und ohne sorge um Öl, das ihm ausgehen konnte. Ihm folgte nun eine kleine Sonne, die genug Licht spendete um ihm den Weg zu weisen. Und wie er es ihm versprochen hatte, war Jun nach dem zehnten Jahr ihrer Zusammenarbeit tatsächlich ein Meister auf diesem Forschungsgebiet geworden.
„Nun, wie fühlt es sich an nicht nur Magister der Antiken Geschichte, sondern auch Magister der Künste des Lichtes zu sein, Jun?“, fragte der Archivar ihn, nachdem ihm die finale Prüfung endlich, nach zahllosen Anläufen gelungen war. Jun starrte noch wie gebannt auf die Klinge aus reinem Licht, die vor ihm in der Luft schwebte und fand gar nicht erst die Worte, die sein Gefühl beschreiben konnten. Der Archivar nahm seine rechte Hand und führte sie langsam zum Schwertgriff.
„Nimm sie, sie ist schließlich dein Werk“, ermutigte der Archivar ihn.
Jun schloss die Hand um den Schwertgriff und zog es aus der leuchtenden Sphäre, in der es soeben noch gehangen hatte. Er führte einige kurze Übungen durch, die er von einem seiner ehemaligen Studienkollegen, der nun als Leibwache des Erzbischofs arbeitete, bei einem Klassentreffen gelernt hatte. Seine neue Klinge war leicht wie eine Feder und schnell wie der Wind. Es war, als kännte er alles damit zerschneiden, Zeit, Raum und auch Flüche.
Er drehte sich seinem langjährigen Freund zu und lächelte mit funkelnden Augen.
„Das ist es...“, murmelte dieser und leckte sich die Lippen, „Endlich...“
Jun ließ das Schwert sinken, ein ungutes Gefühl kehrte in seine Magengegend zurück. Schon vor ein paar Jahren hatte ihn das Gefühl beschlichen, das etwas nicht stimmte. Manchmal wurden die hellen Augen seines Freundes dunkel besonders dann wenn er von der Welt draußen und seinem Wunsch sprach sie wiederzusehen. Jun hatte es bisher auf die Einsamkeit geschoben, die der andere empfinden musste, doch das ungute Gefühl verließ ihn nie ganz. Vielleicht war er auch nur paranoid geworden, von den ganzen Büchern über den Missbrauch von Magie, die er gewzungen war zu lesen. Der Archivar hatte immer sicher gestellt, dass er vor jeder neuen Etappe wusste, worauf er sich einließ.
„Dann kann ich jetzt den Fluch lüften?“, fragte Jun zögerlich. Die Augen des Archivaren hellten sich auf und das engelsgleiche Leuchten trat auf sein Gesicht zurück. Er umfasste Juns Gesicht mit beiden Händen und küsste ihm die Stirn.
„Nichts würde ich mir lieber wünschen, Jun“, sagte er leise, „Darauf haben wir doch die letzten Jahre hin trainiert, nicht wahr?“
Jun nickte und hob seine Klinge. Er führte sie unter die Fessel, die der Archivar unsichtbar für das ungeübte Auge, wie einen schwarzen Schatten um seinen Hals trug. Als Jun sie das erste Mal gesehen hatte, dunkler und schwärzer als die Nacht, war ihm übel geworden. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er von der unheimlichen Dunkelheit, die diese Fessel aussandte, in Ohnmacht gefallen war oder nicht. Dieser Tag und auch die darauffolgende Woche war eine einzige verwaschene Ahnung einer Erinnerung für ihn. Der Archivar wollte nicht darüber sprechen, sondern puschte Jun nur noch weiter voran. Inzwischen konnte Jun diese Fessel ansehen, ohne, dass ihm übel wurde und ohne, dass er in Ohnmacht fiel. Seine Klinge würde mit einem sauberen Schnitt den schwarzen Zauber durchtrennen.
„Was werdet Ihr tun, wenn Ihr frei seid?“, hörte Jun sich selbst Fragen. Der Archivar lächelte schwach und küsste ihm nun die Nasenspitze.
„Deine Ausbildung fortsetzen natürlich. Bisher beherrscht du nur die Lichtmagie, mein liebster Jun. Ich will dich die Elementarmagie lehren und die Totenmagie!“
Mein liebster Jun, das blieb hängen. Der Archivar war schon immer gut mit Worten gewesen, hatte schnell Wege gefunden ihn von seinen anfänglichen Zweifeln zu befreien und ihm die größten Probleme so zu erklären, dass selbst ein Kind es verstanden hätte. Nun aber spielte er mit den Gefühlen des Menschen und Jun war sich sicher, dass der Archivar es mit Absicht tat. Er wusste, was diese Worte bei seinem Schüler auslösten.
„Wirklich? Aber was ist mit meiner Anstellung?“, fragte Jun.
„Das könnte schwierig werden… aber wir finden schon einen Weg. Am liebsten würde ich dich von hier fortstehlen, mein Jun, und mit dir die Welt bereisen. Ich würde dir die alten Ruinen zeigen, die zu meiner Zeit noch in voller Pracht standen und dich als einzigen wissen lassen, welche Geheimnisse sie verbergen. Du würdest dinge lernen, die du in keinem Buch finden kannst. Ich habe viele gute Pläne unsere Zukunft betreffend...“
Der Griff des Archivaren um sein Geisicht war sanft geworden und er strich ihm mit seinen langen Fingern über die Stirn und durch das Haar. Seine Augen schienen voller Wahrheit und Zuwendung zu sein, als könne er sich nichts schöneres vorstellen, als diesen Gedanken, diese Zukunft.
In Juns Herz tat sich das altbekannte Verlangen auf. Mehr Wissen. Mehr Geheimnisse. Mehr. Er konnte es haben. Der Archivar war bereit es ihm zu offenbaren. Es musste nur die Fessel durchtrennen. Es war eine fantastische Aussicht, die sich ihm da bot, ein brillanter Plan, ein guter Plan des Archivaren. So wie alle seine Pläne, die Juns Verlangen nur noch mehr anfeuerten.
Jun gab dem Verlangen nach.
„Mein liebster, närrischer Jun… Jetzt können wir die Welt sehen, du und ich. Das klingt doch nach einem viel besseren Plan als den deinem, nicht wahr? Dein Plan deinen Lebtag hier zu verbringen und die Archive auf all ihre Geheinisse zu ergründen war gut, aber weißt du was? Ein guter Plan geht nicht immer auf... Nicht so, wie man es beabsichtigt, zumindest. Wieso auch in dieser modrigen Bibliothek versauern? Glaub mir, das würde dir nichts bringen. Ich werde das Verlangen in dir stillen, dir alle Geheimnisse dieser Welt zeigen...“
Jun spürte die Lippen des Archivaren auf den seinen, bevor ihn tiefe Dunkelheit umfing,
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