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Nicht die Zeit, sondern Liebe

von Jessi1605
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Gen
16.10.2020
19.02.2021
20
61.587
22
Alle Kapitel
84 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
18.10.2020 3.259
 
Ihr Lieben,
um nun richtig mit der Story zu starten, heute schon das 1. Kapitel. Ab jetzt werde ich nur noch freitags von dieser Story hochladen :) Da diese abgeschlossen ist, wird es auch bei dieser Regelmäßigkeit bleiben.
Über die ersten Favoritenpunkte habe ich mich auch schon sehr gefreut. Da schlägt mein Herzchen doch direkt höher *__* :) Weiterhin warte ich gespannt auf eure Rückmeldungen.
LG und viel Spaß beim Lesen!!!
Eure Jessi

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Rebekka


Ich tupfte zart mit dem großen Puderpinsel über die Gesichtskonturen meines Models. Es war ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag draußen und die Hitze staute sich in meinem Dachgeschoss-Atelier, sodass sich das Make-up gerade an der Stirn begann ein wenig abzusetzen.
Der Vermieter hatte mir allerdings von sich aus eine Klimaanlage versprochen. Ich setzte auf meine mentale To-Do-Liste einen Anruf bei ihm, um ihn nochmal daran zu erinnern. Es war bereits April. Lange würde der Sommer nicht mehr auf sich warten lassen.

Wir arbeiteten schon lange an diesem Tag und meine Schultern schmerzten.
„Können wir wieder?“, erkundigte sich Isabèlle, die Fotografin, mit der ich seit Jahren zusammenarbeitete.
Ich war ausgebildete Make up-Artistin und neben all den Anlässen für die ich meine Kunden und Kundinnen schminkte, führte ich noch eine relativ erfolgreiche Instafoto-Seite. Für diese engagierte ich oftmals Models, die ich als eine Art Leinwand benutzte, um ausgefallene Kunstwerke auf ihr Gesicht und/oder Körper zu malen.
Für diesen Tag hatte ich es geschafft, eine bekannte Persönlichkeit aus dem Instagram-Universum zu engagieren und mit ihr zu kooperieren. Ich schminkte ihr zunächst einen normalen, frischen Frühlingslook, den sie auch im Alltag tragen konnte. Das hatte Isabèlle bereits abgelichtet. Danach säuberte ich sie wieder und rund um den Lippenstift, den sie bewerben wollte, einen Look kreiert, der auffallend unauffällig war und das knallige Orange ihrer Lippen ins absolute Zentrum der Aufmerksamkeit stellte.

Fast zwei Stunden hatte ich damit zugebracht, nur um ihre Haut makellos erscheinen zu lassen. Dafür musste ich alle Produkte möglichst lange einarbeiten, an den Wangen bekam sie nur den Hauch eines glänzenden Puders, den man auch Highlighter nannte. Es hauchte ihr Leben ein, gab ihr etwas Frische. Die Wimpern hatte ich ihr getuscht mit dem blonden Fixiergel, das eigentlich für Augenbrauen gedacht war. Alles schien so natürlich, fast puristisch rein, dass die Lippen mit ihrer Auffälligkeit den Betrachter schon beinahe erschraken.
„Wir sind so weit“, antwortete ich Isa und stellte mich wieder neben sie hinter die Kamera.
„Ich liebe diesen Look“, lobte Florence, die Influencerin und kokettierte mit dem Blitzlicht.
„Du hast dich echt mal wieder selbst übertroffen“, konnte Isa da nur zustimmen.
„Hör auf, ich werde schon ganz rot“, grinste ich.
Ein paar Minuten später war das Shooting beendet und Florence bedankte sich bei mir, während sie ihre Handykamera auf uns hielt.
„Leute, ich bin so überwältigt. Seht ihr, wie mega krass Becky mich geschminkt hat? So unglaublich schön einfach! Ich freue mich schon unfassbar die entstandenen Fotos für euch hochzuladen. Ich hoffe, das machen wir bald wieder, oder?“
„Auf jeden Fall“, grinste ich.
Danach schoss sie noch ein paar Quatschbilder von uns beiden, während Isabèlle ihre Gerätschaften abbaute.
„Also, war wirklich schön. Ich komme bestimmt nochmal auf dich zurück und wünsche dir noch ganz viel Erfolg. Du bist echt eine ganz tolle Person“, strahlte Florence und drückte mich an sich, bevor sie sich auch noch bei Isa bedankte und dann schließlich ging.
Als sie den Raum verlassen hatte, sahen meine Fotografin und ich uns an und atmeten erst einmal tief durch.
„Puuh…“, seufzte ich.
„Du bist halt echt eine ganz tolle Person“, grinste Isa und zwinkerte mir zu.
„In der Tat das bin ich. Und deswegen beeile ich mich jetzt auch, denn ich habe heute noch ein Date.“ Ich tat so als würde ich meine Nägel betrachten, während ich geheimnistuerisch auf ihre Nachfrage wartete.
„Uuuh, mit wem?“, tat sie mir den Gefallen.
„Mit diesem David, von dem ich dir erzählt habe. Aus dem Fitnessstudio.“
„Du musst mir dann beim nächsten Shooting mal berichten.“
Isabèlle schulterte ihre Kameratasche, nahm das Stativ in die Hand und verabschiedete sich dann ebenfalls.
Ich räumte noch etwas auf, reinigte und desinfizierte die benutzten Pinsel und fuhr nach Hause.


Chris


Normalerweise traf ich mich nicht allein mit Louise, meiner Kollegin und ehemalig anvertrauten Referendarin für das Fach Deutsch. Nicht weil ich sie nicht hätte leiden können – im Gegenteil, sie und Aaron waren seit dem Tod meiner Frau meine ständigen Begleiter in der Schule. Jedoch verzichtete ich in der Regel darauf, sie ohne Aaron zu treffen, da sie vor gar nicht allzu langer Zeit tiefe Gefühle für mich entwickelt hatte und ich ihr keine Hoffnung machen wollte. Dieses Mal hatte er allerdings so kurz vor dem Treffen zu Gunsten eines Dates abgesagt, dass ich keine Chance mehr hatte, dies ebenfalls zu tun, ohne dass sie beleidigt gewesen wäre. Ganz davon abgesehen musste ich mir eingestehen, dass ich wirklich Lust hatte auszugehen. Es hatte nach Sophias Tod lange gedauert, bis ich wieder so weit gewesen war, ohne dass mich Aaron dazu zwingen musste.

Louise begrüßte mich im Pub mit einer herzlichen Umarmung und einem Strahlen im Gesicht und stellte mich ihren Freunden Fynn, Alexandra und Leon vor.
„Schön euch kennenzulernen“, lächelte ich. „Und was macht ihr so beruflich?“
„Du bist Schriftsteller, oder?“, stellte Alexandra, eine hübsche blonde Frau mit den Kurven an den richtigen Stellen, sofort fest. Ich erwischte mich dabei, wie ich meinen Blick erneut über sie schweifen ließ.
„Nebenbei ein bisschen, nichts Weltbewegendes-“, antwortete ich schließlich und sammelte mich rasch.
„Ich habe dein Buch verschlungen“, strahlte sie.
„Du warst das?“, rief ich dankbar.
Alexandra lachte. „Ich finde es wirklich gut. Ich mag deinen Schreibstil. Bist du gerade wieder an einem dran?“
„Ach, die beiden Leseratten“, seufzte Fynn und nahm einen Schluck von seinem Radler.
„Kannst du mir vielleicht irgendwann mein Buch signieren?“, bat Alexandra.
Ich spürte, wie ich langsam verlegen wurde. „Ahm…ja klar.“
„Siehst du? Du hast einen Groupie“, lachte Louise. „Ist es okay, wenn du für mich weiterhin nur ein Deutschlehrer bist und ich nicht deine Bücher lese?“
„Man kommt nur in den Kreis der Menschen, die mit mir reden dürfen, wenn man meine Bücher gelesen und bewundert hat. Tut mir Leid, Louise, da fällst du wohl raus“, konterte ich mit ernster Miene.
„Ich brauche keinen Fanclub, um mit dir reden zu dürfen. Ich bin die Ex-Referendarin deines Lebens und tief in deinem Herzen mit dir verwurzelt. Uns kann nichts trennen“, seufzte sie theatralisch und klimperte mit ihren Wimpern. Ich warf ihr zur scherzhaften Bestätigung ihrer Aussage einen Luftkuss zu.
„Was machst du sonst so in deiner Freizeit, außer Frauen in deinem Herzen Wurzeln schlagen lassen?“, erkundigte sich Leon und obgleich er lächelte, wirkte dies doch recht angeknirscht. Ich fragte mich, ob es an Alexandras Zuneigung oder an meiner Vertrautheit mit Louise lag.

Diese Frage konnte ich im Laufe des Abends schnell klären: Sein Interesse an Alexandra war so offensichtlich, dass sie beinahe greifbar schien, doch sie schien sich nichts daraus zu machen geschweige denn überhaupt wahrzunehmen.  
Egal, was sie sagte, Leon stimmte Alexandra zu. Egal, was sie ankündigte bestellen zu wollen, er wollte es auch und bestellte es für sie mit. Egal, ob es unbedingt erforderlich war, sobald sie eine lustige Bemerkung gemacht hatte, lachte er laut los und tätschelte nebenbei ihren Oberschenkel. Alexandra schien es weder zu stören, noch schien es ihr etwas zu bedeuten.
Vielleicht hatte Aaron recht, wenn er schon so manches Mal festgestellt hatte, dass Frauen immer das wollen, was sie gerade nicht haben können.
„Was haltet ihr davon, wenn wir weiterziehen?“, schlug Fynn um halb zwölf vor.
„Wohin zum Beispiel?“, hakte Louise nach.
„Naja, die Disco ist nicht weit weg. Wir könnten hinlaufen und dort ein bisschen Party machen.“
„Klingt gut“, nickte Alexandra. „Bist du dabei, Louise?“
„Ich wäre auf jeden Fall dabei“, kam Leon dieser zuvor.
„Oh, mal wieder tanzen wäre super. Wie sieht’s mit dir aus, Chris?“
„Ich glaub, da muss ich passen. Aber ich wünsche euch viel Spaß. Ich kann nicht tanzen. Ich würde tatsächlich Hausverbot bekommen, weil sich alle in meiner Nähe die Füße wegen mir brechen würden.“
„Oh, komm schon!“, drängte Louise und knuffte meine Schulter.
„Nein, ernsthaft…Ich bin außerdem müde. Ich wäre jetzt eh demnächst nach Hause gegangen.“
„Du bist echt alt“, lachte sie und gab mir entschuldigend einen kleinen Kuss auf die Wange, woraufhin sie augenblicklich knallrot anlief.

Bis die Rechnungen bezahlt waren und wir draußen standen, sprach sie kein Wort mehr mit mir.
Ich verabschiedete mich von Fynn und Leon mit einem Handschlag und von Alexandra ebenso. Normalerweise wäre ich auf die Umarmung eingegangen, die sie angedeutet hatte, aber Leons Blick war mir nur allzu bewusst.
Die drei gingen danach schon ein paar Meter vor in Richtung Disco, als wollten sie Louise und mir ein paar Momente unter vier Augen gönnen, was mir wirklich unangenehm war. Was dachten sie, lief zwischen uns beiden?
„Und du willst wirklich nicht mit?“, hakte sie nach und sah mich aus großen braunen Augen an.
„Nein, wirklich nicht. Sieh mal…ich habe ein Image an der Schule. Wenn die Schüler mich in der Disco sehen, besteht die Gefahr, dass sie-“
„-dich cool finden?“, beendete Louise meinen Satz grinsend. „Ja, das wäre ziemlich unangenehm.“
„Die finden mich eh schon cool“, entgegnete ich und zwinkerte verschmitzt. „Ich geh jetzt mal los. Dir noch viel Spaß, Louise. Wir sehen uns am Montag“, lächelte ich.
Sie nickte. „Schönes Wochenende.“


Rebekka


David, den ich aus dem Fitnessstudio nur in Sportkleidung kannte, wirkte in dem Hemd und der Jeans sogar noch attraktiver und ein unwillkürliches Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Der erste Eindruck des Date-Davids erfuhr jedoch einen kleinen Dämpfer, als er einen langgezogenen Pfiff ausstieß und mich eingehend von oben bis unten betrachtete, nachdem ich ihn erreicht hatte.
„Hi…“, begrüßte ich ihn unangenehm verlegen und umarmte ihn.
„Hey, Sexy“, erwiderte er und zwinkerte mir zu. „Lass reingehen. Ich habe uns einen Tisch reserviert.“
Mein Magen rumorte hungrig beim Duft der frischen Pizza, bei deren Zubereitung man zusehen konnte. Ich hatte tatsächlich vergessen zu essen. Florence und ich haben unsere Mittagspause einfach übergangen. Das passierte mir selten. Das musste man ihr lassen: Sie war sehr oberflächlich und fast nervtötend positiv, doch es machte wirklich Spaß mit ihr zu arbeiten.

Wir hatten einen Platz an der Fensterseite bekommen und ich vertiefte mich fast augenblicklich in die Speisekarte.
„Ich werde wahrscheinlich ein Steak nehmen. Ich habe eben noch trainiert“, kündigte David an.
„Ich nehme eine Pizza. Die ist hier echt gut.“
„Wirklich? Also ist heute dein Cheat-Day?“, hakte er nach und sah mich wohlwollend an. Wie ein Vater, der seiner Tochter mal etwas durchgehen ließ.
„Ich achte nicht sonderlich auf meine Ernährung. Solange ich mich wohlfühle ist doch alles gut“, lächelte ich und wandte den Blick wieder meiner Karte zu.
„So gar nicht?“ David war ganz verdutzt, als wäre so etwas in seiner Welt gar nicht möglich.
„Ich achte schon darauf, dass ich an meine Vitamine komme. Aber manchmal ist eben auch eine Pizza drin.“
„Ich lebe schon seit zwei Jahren ketogen und mir fehlt gar nichts. Vielleicht möchtest du das auch mal ausprobieren?“
Hätte ich nicht wirklich Lust auf Pizza, wäre ich aufgestanden und gegangen, doch mein Magen zwang mich, sitzen zu bleiben. Und so kam es, dass ich mir fast anderthalb Stunden einen Vortrag über Ernährungsweisen anhören durfte. Danach, als ich meine komplette Pizza verspeist hatte und es wagte, mir noch eine Kugel Eis zu meinem Espresso dazu zu bestellen, kippte David fast vom Stuhl.
„Wo geht das alles hin!? Du bist so schlank!“, rief er.
„Gute Gene und fünfmal die Woche Sport“, antwortete ich.
„Und was machst du beruflich?“
Es hatte fast zwei Stunden gedauert, bis er diese Frage stellte, oder überhaupt eine, die nichts mit Essen oder Sport zu tun hatte. Oder generell irgendwas geäußert hatte, was nichts mit ihm zu tun hatte.
„Ich bin ausgebildete Make up-Artistin.“
„Also Kosmetikerin?“
„Nein, das ist noch mal was anderes. Ich schminke zwar auch Bräute oder für besondere Anlässe. Ich arbeite aber auch mit Models zusammen oder gebe Schminkseminare.“
An seiner Mimik sah ich, dass nur das Wort ‚Model‘ hängen blieb.
„Aha, auch bekannte Models?“, bestätigte er meine Vermutung.
Ich kippte meinen Espresso herunter und warf einen Blick auf die Uhr. Es war elf Uhr.
„Was hältst du davon, wenn wir zahlen?“, schlug ich vor.
Ein schiefes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Klar. Gerne.“
Als wir vor dem Restaurant standen, machte er Anstalten, mich zu sich nach Hause einladen zu wollen.
„Das wird nichts“, sprach ich meine ehrliche Meinung aus, als er kaum den Mund geöffnet hatte.
David lachte überrascht. „Wow, okay. Woran hat es gelegen?“
„Ich bin müde. Von all den Kohlenhydraten“, erwiderte ich, tätschelte seinen Oberarm und wandte mich zum Gehen.
Das Gute ist, dachte ich, die Pizza war richtig lecker gewesen.

Ich schlenderte durch die Fußgängerzone zurück in Richtung meines Autos und genoss deren müde Leere. Wo tagsüber geschäftiges Treiben herrschte, war nun, da es spät war, gar nichts los. Nur ein paar Jugendliche, die sich wahnsinnig erwachsen vorkamen, saßen auf den Parkbänken, lachten und tranken ihr Billigbier.
Es geschah, als ich die Fußgängerzone gerade verlassen hatte, als eine Gestalt meinen Weg kreuzte, die mir das Herz auf Anhieb bis zum Hals schlagen ließ. Meine Stimme rief seinen Namen aus, noch bevor ich es hätte steuern können.
„Chris?“
Die Person drehte sich herum und bestätigte so meine erste Vermutung.
Drei Jahre war es mindestens her, seitdem ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Bis auf den gepflegten Achttagebart in seinem Gesicht hatte er sich kaum verändert. Dieser ließ ihn allerdings eindeutig zu dem Deutsch- und Geschichtslehrer werden, der er war. Ein verdammt attraktiver Lehrer, dennoch hätte keiner ihm einen anderen Beruf zuweisen können.
„Rebekka!“, stellte er fest und zu meiner Freude öffnete er die Arme, um mich mit einer Umarmung zu begrüßen. Unser Kontakt war nach Sophias Tod rar geworden und nach zwei Jahren von allein komplett zum Stillstand gekommen.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich und löste mich von ihm.
„Ich war mit einer Arbeitskollegin und ein paar Bekannten im Pub.“ Ich nickte grinsend und überlegte krampfhaft, wie ich ihn dazu bringen könnte, sich länger mit mir zu unterhalten. Ich wollte wissen, wie es ihm ging. Wie oft hatte ich ihn schon auf sozialen Netzwerken gesucht und nie gefunden. Und jetzt stand er hier vor mir. Mein Herz überschlug sich beinahe schmerzhaft. „Und du? Was machst du so?“ Er ließ seine Augen über mich wandern, jedoch nicht auf diese unangenehm verschlingende Art und Weise, wie David zuvor, sondern einfach wie man jemanden kurz betrachtete, den man länger nicht gesehen hatte. Aus meinem Anblick schloss er dann folgerichtig: „Du hattest ein Date.“
Ich lachte leise. „So offensichtlich?“
„Wie ist es gelaufen?“
„Nun. Er darf mich nicht mal zum Auto begleiten, also…“
Er verzog die Miene. „So übel, mh?“
„Chris…“, quetschte ich so urplötzlich hervor, dass wir beide ein wenig zusammenzuckten. „Chris, ich weiß es ist schon spät und wir sind beide auf dem Weg nach Hause. Aber was hältst du davon, wenn wir noch was trinken gehen und ein bisschen miteinander reden? Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen.“
Er atmete tief ein und blickte auf die Uhr. „Oh, komm schon!“, rief ich flehend. „Morgen ist Samstag. Da hast du kein Unterricht!“
„Okay. Na los“, schmunzelte er und ich machte beinahe einen Freudensprung.
Ehe er es sich anders überlegen konnte, führte ich ihn zu einer Cocktailbar.

Die Lokalität war so überfüllt, dass wir von Glück sprechen konnten, noch einen Platz an der Bar zu finden. Manche standen sogar schon zu zehnt um Stehtische herum, auf den Sitzplätzen drängte es sich ebenfalls. Die lateinamerikanischen Klänge aus den Boxen an den Wänden, waren kaum noch wahrnehmbar.
Nachdem wir unsere alkoholfreien Cocktails bekommen hatten – wir mussten beide noch fahren-, brachten wir uns auf den neuesten Stand unserer Leben.
„Ich bin jetzt selbstständig. Ich bin Make-up-Artistin“, teilte ich ihm nicht ganz ohne Stolz mit und nahm einen Schluck aus meinem Glas.
„Oh, das heißt, du kannst bestimmt auch so coole Masken basteln? Ich würde gerne mal an Halloween meine Schüler als Zombie-Napoleon oder so erschrecken“, grinste er und seine mitternachtsblauen Augen blitzten schelmisch bei der Vorstellung.
„Natürlich, ruf einfach an“, lachte ich, „Ich habe eine Instagram-Seite. Du musst nur meinen Namen bei Google eingeben. Und du so?“
„Ich bin Lehrer. Ich plane im Prinzip rund um die Uhr Unterricht.“
„Da ich ein Buch gesehen habe mit deinem Namen darauf, glaube ich dir nicht ganz, Herr Autor“, ergänzte ich schmunzelnd.
In der Tat hatte Chris nach Sophias Tod ein Buch herausgebracht. Es war ein Roman, den zu veröffentlichen sie ihn immer gedrängt, er sich aber nie getraut hatte. Und ich hatte ihn nicht nur gesehen, sondern verschlungen und das so oft, dass es das abgegriffenste Buch in meinem Regal zu Hause war.
„Unfreiwillig“, fügte er hinzu und nachdem wir beide kurz lachten, fuhr er mit ernster Stimme fort. „Sophia hat immer gesagt, dass es gut ist, was ich schreibe und nachdem…Ich habe es dann einfach eingeschickt. Verlieren konnte ich eh nichts.“
Eine bedeutungsschwere Stille trat zwischen uns ein. „Ich habe es gelesen“, unterbrach ich sie mit einem Lächeln im Gesicht und sah ihm tief in die Augen. „Es ist schön.“
„Danke.“
Wir unterhielten uns noch eine Weile über dieses und jenes und als unsere Cocktails leer waren, gingen wir wieder raus in die angenehm kühle Luft.

Das Schweigen zwischen uns auf dem Weg zu unseren Autos war gemütlich und müde. Kein Schweigen, bei dem man angespannt versuchte, es zu unterbrechen. Man ließ es einfach geschehen.
„Ich muss jetzt hier abbiegen“, kündigte ich schließlich an und blieb vor ihm stehen.
„Hast du es noch weit?“
„Willst du mich etwa zum Auto begleiten?“, grinste ich.
„Aus Sicherheitsgründen“, betonte er.
Ich lachte. „Ich muss nur zwei Meter weiter. Das dunkelblaue dort ist meins.“
„Fahr vorsichtig, okay?“
Mein Lächeln schwand. Wir wussten beide, dass dieser Wunsch aus seinem Mund tausendmal mehr bedeutete als aus irgendeinem anderen. Für einen kurzen Moment zuckte das Bild der röchelnden, komplett entstellten Sophia vor meinem geistigen Auge auf.
„Ich fahr vorsichtig“, versicherte ich und bevor er noch etwas erwidern konnte, gab ich ihm einen Kuss auf die Wange. Falls wir uns weitere drei Jahre nicht mehr sehen sollten, wollte ich wenigstens diesen Moment als Andenken.
„Bis bald“, flüsterte er und ich wollte mich gerade umdrehen, und zu meinem Auto weitergehen, da rief er noch: „Hey, Rebekka?“
Ich zuckte zusammen und wandte mich ihm hastig zu.
Ein undefinierbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Bist du dieses Jahr dabei?“
Mir wich die Luft aus der Lunge.
Mit der Frage meinte er das jährliche Treffen bei Sophias Eltern zu ihrem Todestag. Die letzten drei Jahre hatte ich sie gemieden, aus mehreren guten Gründen. Einer davon war, dass ich mich dort nicht wohlfühlte. Auf jeden Fall hatte ich die letzten drei Einladungen immer höflich abgesagt.
Doch jetzt stand Chris vor mir, mit seiner bestechend liebenswürdigen Ausstrahlung, den mitternachtsblauen Augen und dem umwerfenden Lächeln und fragte mich persönlich, ob ich kommen würde.
„Ich…ähm…weiß nicht…Also…ich hab viele Termine…“, stammelte ich.
„Es ist fünf Jahre her, Rebekka“, erinnerte er mich und mein Herz sank in die Hose.
„Fünf Jahre“, wiederholte ich fassungslos und sah auf den Boden.
„Überleg es dir“, bat er. „Es würde mich freuen.“
Ich nickte und sah ihn lächelnd an.
„Also, vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“ Er zwinkerte mir zu und setzte dann seinen Weg fort.
Ich jedoch stand noch einige Minuten wie erstarrt da, ehe ein leises „Oh Fuck“ meine Lippen verließ.
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