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Nicht die Zeit, sondern Liebe

von Jessi1605
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16
16.10.2020
22.01.2021
16
51.237
18
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62 Reviews
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3 Reviews
 
 
16.10.2020 1.733
 
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Hallo Du!
ich melde mich zurück mit einem längeren Projekt.
Über konstruktive Rückmeldung würde ich mich wahnsinnig freuen. :) Reviews beantworte ich immer sehr zeitnah und bin dir sehr dankbar für deine Zeit, die du dir zum Lesen und Rückmelden nimmst.
Gerne lese ich im Gegenzug auch etwas von dir :)
Jetzt wünsche ich dir noch ganz viel Spaß beim Lesen (Nach dem Prolog wird es weniger traurig, versprochen)!!!Eins!!!!Elf!!!
LG und bis bald,
deine Jessi

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Rebekka


Als Sophia mir ihren Freund vorstellte, fiel mir zunächst seine Attraktivität auf. Eine Attraktivität, die er noch nie ausgespielt, noch nie bewusst eingesetzt hatte. Es war eine unberührte Schönheit, die er einfach mit sich trug, wie ein Accessoire, das man schon gar nicht mehr wahrnahm. Ähnlich einem Piercing, welches man sich mal an einem unauffälligen Ort hat stechen lassen und das irgendwann einfach zu einem Teil des Körpers wurde. Eines, das man nicht mehr sonderlich wahrnahm oder sogar vergaß.

Die beiden waren schon seit frühester Kindheit beste Freunde und konnten gar nicht wirklich benennen, seit wann sie ein Paar waren. Sophia antwortete bei Nachfrage damit, dass sie seit sie zwölf sind zusammen seien, einfach weil sie da zum ersten Mal ausprobiert hatten, wie sich ein Kuss anfühlt.
Christoph jedenfalls hatte keine Ahnung, wie er mit seinem liebenswürdigen Lächeln und den mitternachtsblauen Augen auf andere Frauen wirken könnte. Was er mit dem verlegenen Reiben seines Nackens auszulösen im Stande war, oder was andere weibliche Personen empfanden, wenn er sich auf eloquenteste Art und Weise mit ihnen über Geschichtliches, die aktuelle politische Lage, über Literatur und gleichzeitig über irgendwelche Nichtigkeiten unterhielt. Und dabei auch noch stets humorvolle, fast neckische Bemerkungen äußerte.

Ich erinnere mich genau, als ich zu Beginn dieses denkwürdigen Treffens im Pub dachte, wie unglaublich anziehend seine Ausstrahlung war und am Ende des Abends sämtliche Weltbilder in meinem Inneren zusammenbrachen. Falls ich bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt hatte, man könne sich nicht innerhalb weniger Stunden verlieben, so war ich danach eines Besseren belehrt.
Noch mehrere Tage danach baute mein Unterbewusstsein in fast jeden Traum das Bild seines atemberaubenden Lächelns ein.

Ich hatte vorgehabt, die Zeit einfach ihre Sache erledigen zu lassen. Nach nur einem Treffen, würde ich ihn sicherlich nach ein paar Wochen vergessen haben. Doch sie schien gegen mich arbeiten zu wollen. Es war fast, als würde sie meine Erinnerungen noch romantisieren und je mehr ich versuchte ihn als neutralen Menschen wahrzunehmen, desto stärker wurden meine Gefühle.

Schließlich hatte Sophia Geburtstag. Sie veranstaltete in ihrer WG eine Party und Chris war natürlich auch anwesend. Der Moment, als er mich zur Begrüßung umarmte, raubte mir fast den Atem.
„Wie geht es dir? Schade, dass wir uns erst wiedersehen, wenn Sophia dem Tod wieder ein Jahr näher rückt“, scherzte er und zwinkerte mir verschmitzt zu, bevor seine Freundin lachend nach ihm schlug. Der tiefe, angenehme, freundliche Klang seiner Stimme bescherte mir beinahe eine Gänsehaut und mein Herz begann zu rasen.
„Ja, ich habe überlegt ihr Anti-Aging-Creme zu kaufen, aber ich dachte, da ist eh keine Hoffnung mehr“, grinste ich.
„Hiermit seid ihr wieder ausgeladen!“, rief das Geburtstagskind und schmollte künstlich beleidigt.
Die Feier machte viel Spaß, wir lachten oft, tranken eine Menge, spielten Partyspiele. Und dann gab es eine Phase über gut eine halbe Stunde, in der nur Chris und ich uns unterhielten. Eigentlich hatten alle miteinander gesprochen, doch wir beide waren irgendwann abgeschweift und schon bald so tief in ein Gespräch versunken, dass wir gar nicht bemerkt hatten, dass andere sich nicht daran beteiligten.

Und dann. Dann passierte es. Ich machte eine scherzhafte Bemerkung. Keine Ahnung mehr, was für eine, doch Chris lachte und ich stimmte mit ein. Als wir uns beruhigten, sahen wir einander in die Augen und schwiegen für ein paar Sekunden. Ich war versunken in der Vollkommenheit seines Gesichtes, wagte nicht einmal zu zwinkern, um mir jedes Detail einzuprägen. Der Moment wurde zerstört, als Sophia lautstark in unsere spannungsgeladene Stille eindrang.
„Schatz!“, rief sie plötzlich und giggelte über irgendwas. Sie war schon stark angetrunken. Chris blinzelte und wandte sich ihr lächelnd zu. „Schatz, wo ist der Tequila? Ich finde, es ist Zeit für einen Tequila.“
„Er ist noch in meiner Tasche. Ich hole ihn“, antwortete er, gab ihr einen Kuss und erhob sich dann.
Für einen Tequila war ich in diesem Moment tatsächlich auch bereit.

Meine Gefühle für ihn waren nach dieser Geburtstagsfeier um ein Vielfaches gestiegen und ich versuchte, ihm soweit es ging aus dem Weg zu gehen, ohne Sophia das Gefühl zu geben, ich würde ihren Freund nicht leiden können.
Nachdem Sophia das Studium dann ein paar Monate später beendet hatte, passierte dann das Unvermeidliche: Chris machte ihr einen Antrag und sie antwortete mit Ja.
Ich sagte ihr, es seien Freudentränen, als sie mir bis über beide Ohren strahlend davon berichtete.
„Oh Gott, hör auf, ich muss auch gleich weinen“, lachte sie und sah mich aus tränenverschleierten Augen an. „Und ich will noch damit warten, bis du mir Ja gesagt hast.“
„Was? Ich muss auch Ja sagen?“ Ich musste mich anstrengen, nicht aus vollem Herzen zu schluchzen. Falls ich gedacht hatte, jemals zuvor auch nur den winzigsten Hauch einer kleinen Chance gehabt zu haben, so war diese Hoffnung nun endgültig dahin.
„Ich wollte dich fragen…Oh Gott, siehst du, ich heule doch schon…“ Sie atmete tief durch und tupfte mit einem Taschentuch an ihrem unteren Wimpernkranz entlang. „Ich wollte dich fragen, ob du meine Trauzeugin werden könntest.“
Ich schluckte hart und zog sie statt einer Antwort fest in meine Arme. Es war wie in einem schlechten amerikanischen Liebesfilm. Ich würde also die Trauzeugin der Freundin werden, in deren zukünftigen Mann ich unsterblich verliebt war.

Nachdem das Konzept mit der Zeit bei mir nicht einschlug, versuchte ich nun umso mehr meine Gefühle loszuwerden, indem ich begann mich mit anderen Männern zu treffen. Mit einem baute ich sogar eine ernste Beziehung auf, sodass ich nicht als Single auf diese Hochzeit musste.
Sascha, so hieß besagter Mann, schaffte es sogar, mich soweit abzulenken, dass mich der Anblick von Chris in seinem zu seinen Augen passenden Hochzeitsanzug nicht vollkommen fertigmachte und sein überwältigter, schmachtender Blick, als Sophia in ihrem Kleid auf ihn zuschritt, mir nicht das Herz brach.
„Was machst du denn hier?“ Ich zuckte zusammen, als Chris mich in jener Nacht allein auf dem Hinterhof der Feierlocation vorfand.
„Nur kurz durchatmen“, lächelte ich und spürte selbst, wie traurig ich aussehen musste. „Was machst du hier?“, erwiderte ich dann seine Frage.
„Ich war nur kurz für kleine Jungs und habe dich dann hier sitzen sehen. Seit wann rauchst du denn?“
Ich reichte ihm die Zigarette in meiner Hand. Er überlegte kurz, zuckte dann die Schultern, nahm sie und zog daran.
„Darf ich dich was fragen, Chris?“ Alles in meinem Kopf, mein Verstand und in meinem Herz schrie mich an, es nicht zu tun. Doch die drei Gläser Sekt, der Gin Tonic und der Wein zum Essen taten ihr Übriges.
„Natürlich.“
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Die Röte meines Lippenstifts, welche ich auf der Kippe hinterlassen hatte, klebte nun wie ein leichter Schatten auf seinem Mund. Ein kleiner kindischer Teil in mir kicherte und dachte, dass wir uns nun wohl geküsst hatten.
Rasch riss ich mich jedoch zusammen und wurde ernst.
„Warst du nie neugierig?“
Er sah mich fragend an. „Neugierig?“
„Du bist schon dein ganzes Leben mit Sophia zusammen. Bist du nicht neugierig, wie es ist, eine andere Frau zu küssen? Wolltest du nie wissen, wie es ist, ein erstes Date zu haben, zu flirten und aufgeregt am Telefon zu warten, bis der andere endlich anruft?“
Er überlegte kurz und antwortete dann ohne jeglichen Vorwurf, ohne jegliche Wertung in seinem Blick: „Ich genieße die Annehmlichkeit, dass ich das alles überspringen konnte und das Schicksal mir meine bessere Hälfte einfach in den Sandkasten im Kindergarten gesetzt hat.“
„Das Schicksal…“, wiederholte ich.
„Glaubst du nicht daran?“, hakte er nach und setzte sich neben mich.
Ich sah ihm in die Augen. Chris erwiderte den Blick. Und da war es wieder. Wie damals bei Sophias Geburtstag. Dieser Moment, der nur uns gehörte. Aber so war ich nicht. So würde ich niemals sein. Ich würde das niemals zulassen. Nicht solange Sophia ihn liebte.
„Du hast was an der Lippe“, murmelte ich und deutete bei mir auf die Stelle, wo bei ihm noch immer mein Lippenstift klebte. Er wischte darüber. Die Spur war nun nur noch zu erahnen, wenn man wusste, wo sie zuvor gewesen war. Dieses Produkt war wahrlich nicht kussecht.
„Du musst wieder zurück zu deiner Frau“, hauchte ich nun und wandte den Blick von ihm ab. Nicht solltest. Sondern musst.
Chris nickte, gab mir einen Kuss auf die Stirn, zertrat die Zigarette und ließ mich zurück.

Rückblickend betrachtet, erscheint das alles lächerlich unbedeutend. Hätte ich damals gewusst, dass wir nur noch zwei Jahre hatten, hätte ich mich nicht eine Minute lang auf dieser Hochzeit zurückgezogen. Ich hätte mit Sophia getanzt und gelacht und ihr von Herzen alles Gute gewünscht.
Doch das ist das Gemeine des von Chris so gelobten Schicksals: Man kann es nicht beeinflussen.
Der Autounfall, der Sophia tötete, war so grausam, dass er es sogar in die lokalen Fernsehnachrichten schaffte. Immer wieder sah man die Bilder der beiden Schrotthaufen, die kurz vorher noch voll funktionstüchtige Autos gewesen waren. Sie ließen nur ansatzweise erahnen, was die Insassen erlitten haben mussten.
Sophias Schönheit war bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Ihr Gesicht war eine einzige riesige, offen klaffende Wunde, ein Arm und beide Beine gebrochen, ihre Wirbelsäule verletzt, vermutlich wäre sie gelähmt gewesen und innere Blutungen wiesen darauf hin, dass auch ihr Hirn Schaden davongetragen hätte.
Die Aussage „Es ist besser so für sie“ fiel auf ihrer Beerdigung in Dauerschleife, als würde das irgendwie tröstlich sein. Auch die Aussicht darauf, dass der Unfallverursacher – ein alkoholisierter Drogensüchtiger – vermutlich bis ans Ende seines Lebens Schmerzen haben würde und ebenfalls gelähmt war vom Hals abwärts, schienen einige beinahe als ausgleichende Gerechtigkeit zu empfinden. Doch, was interessierte mich noch, was einer fremden Person passierte? Das brachte Sophia auch nicht zurück.
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