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Bis in den Mondschein [Babylon Berlin]

von traitor
OneshotDrama, Angst / P16 / MaleSlash
16.10.2020
16.10.2020
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Es sollte eine lange Nacht werden. Gereon saß an seinem Schreibtisch im Polizeipräsidium und blätterte die Unterlagen zu seinem derzeitigen Fall durch. Viele Einzelheiten hatte er nicht niedergeschrieben, einerseits weil er zu Geheimhaltung aufgerufen worden war und andererseits weil es in diesem Fall nur eine wirkliche Spur gab, die er noch verfolgen konnte. Gereon nahm das Bild in die Hand. Drei Personen waren darauf abgelichtet, der mittelsten Person war das Gesicht ausgekratzt worden. Und von König würde er nichts mehr erfahren solange Tote stumm verblieben. Es war zum Haareraufen.

Die einzige Spur war von Franz Krajewski gekommen, einem von Wolters Informanten und ein ehemaliger Polizeibeamter, der eine Person auf dem Bild erkannt hatte; Mutti aus Wedding. Wenig verheißungsvoll, vor allem da er sich auch geirrt haben und es Tage dauern könnte bis er die Mutti aus Wedding ausfindig machen könnte, aber sein derzeitiger einziger Hinweis. Vielleicht würde sie die zwei anderen Personen auf dem Bild identifizieren oder ihm zumindest sagen können wo der Film aufgenommen worden war.

Gereon legte das Bild vor sich auf den Tisch, griff nach der Schachtel Zigaretten und seinem Feuerzeug. Er bräuchte andere Anhaltspunkte für den Fall, dass er mit leeren Händen zurückkehrte. Seine Karriere hing von der Beschaffung und Vernichtung des Filmes ab. Er könnte es sich nicht leisten zu versagen. Nicht, wenn so viel auf dem Spiel stand. Das Problem war, dass König, der einzige Mann der ihn eventuell in eine andere Richtung hätte lenken können, sich eine Kugel in den Kopf gejagt hatte und somit unverfügbar war.

Gereon legte die Zigarette auf den Rand des vollen Aschenbechers. Für einige Sekunden beobachtete er den weißen Qualm, der von ihr aufstieg und sich im Büro verteilte.

Die Tür wurde geöffnet und Reinhold Gräf trat herein. Überrascht sah er den Kommissar an und presste die zwei Kartons die er trug eng an seine Brust.

»Ich dachte um diese Zeit wär niemand mehr hier?«, äußerte er seine Verwunderung laut.

»Was machen Sie dann hier?«, fragte Gereon müde und schloss die Akte.

»Ha! Gute Frage, Herr Kommissar«, Gräf durchquerte den Raum und stellte die Kartons auf einem der anderen Schreibtische ab, »Musste die noch abliefern und meinen Mantel holen«

Er deutete auf die Kartons und anschließend auf den Kleiderständer, bevor er sich Gereon wieder zuwandte.

»Und Sie? Warum sind Sie noch hier«

Gereon zögerte für einen Moment. Gräf hatte das Bild entwickelt, er musste also in einem gewissen Maße wissen worum es ging. Jedoch könnte er keine Einzelheiten mit ihm besprechen und er hatte Gräf gesagt, er solle die Existenz des Bildes vergessen. Vielleicht könnte Gräf ihm aber auch weiterhelfen. Immerhin war er ein fähiger Mann.

»Es... geht um das Bild. Es ist mein einziger Anhaltspunkt und ein integraler Bestandteil meiner Ermittlungen. Aber es bringt mich nicht weiter«, sagte Gereon schließlich.

Gräf hatte die Hände vor seinem Körper verschränkt und einige Schritte auf Gereons Schreibtisch zu gemacht.

»Ich erinner mich. Ja. Kann ich es noch einmal sehen?«, fragte er.

Gereon öffnete die Akte, nahm das Bild heraus und gab es Gräf. Dieser inspizierte es minutiös.

»Ja, ehrm... Es ist nicht viel. Aber, das Etablissement sieht prunkvoll aus? Ich weiß nicht ob es hilft, aber so können Sie bestimmte Gegenden in Berlin ausschließen?«, schlug Gräf vor und gab Gereon das Bild zurück.

»Wenn wir davon ausgehen, dass der Film in Berlin entstanden ist«, sagte Gereon und warf einen langen Blick auf das Bild.

»Wie? Sie wissen nicht, ob es in Berlin entstanden ist oder nicht?«

Gereon schloss seine Augen und rieb sich über die Nasenbrücke. Zu viele Fragen. Er hasste zu viele Fragen und zu wenige Antworten. Irgendetwas müsste er doch machen können um voran zu kommen.

»Nein«, seufzte er, »Scheinbar weiß ich gar nichts mehr und mein Vorgesetzter will Resultate sehen«

»Dann bringt es aber auch nichts hier bis spät in die Nacht zu sitzen, oder? Sie brauchen Ablenkung«, sagte Gräf.

Gereon öffnete seine Augen wieder. Gräf sah ihn erwartungsvoll an.

»Sollte ich morgen mit leeren Händen zurückkehren, kann ich meinen Koffer packen und Berlin verlassen, und wenn ich Glück habe meinen Beruf behalten. Andernfalls-«, Gereon unterbrach sich selbst. Andernfalls würde er sich nach der Front zurücksehnen. Und seine Mutter hätte Recht behalten; der falsche Sohn wäre aus dem Krieg wiedergekehrt.

»Dann sollten Sie diese Nacht noch einmal genießen«, riet Gräf.

Gereon nickte und stand langsam auf. Er drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, »Was schlagen Sie vor?«
 
 
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