Famine | Yoonmin

von Vallivcas
GeschichteDrama, Mystery / P18
Jimin Suga
15.10.2020
25.10.2020
8
8.140
 
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18.10.2020 1.221
 
Ein starker Kaffee- und Kuchengeruch lag in der aufgeheizte Luft des überfüllten Cafés. Genüsslich gaben sich die Menschen dem süßen Geschmack von warmem Gebäck und dem zartbitteren Aroma des Kaffees hin. Freunde und Familie versammelten sich gerne hier, um über die neusten Geschichten und Gerüchte zu tratschen, sich zu amüsieren.
Einige überforderte Kellner, die sich erhofften; ihre Schicht endete bald, bevor sie den letzten Nerv verlieren würden, irrten geschafft umher.

Inmitten der speisenden Gäste befand sich, kaum auffallend, der kleine Hunger.
Jimin - die Nase in einer Zeitung vergraben.
Zehn lange Jahre waren bereits vergangen - für ihn nicht mehr als ein Wimpernschlag - als sein Herz aufhörte zu schlagen und er in der Hölle von seinem Vater, dem Tod, willkommen geheißen wurde.

Sein einst schwarzes Haars, das zu einem bleichen grau auswusch, verirrte sich als einzelne Strähnen auf sein bleiches Gesicht.
Sein Körper wurde von einem schwarzen Hemd umschmeichelt, aus dessen Kragen einige Rüschen heraus stachen. Eine grau- gemustertes, eng anliegendes Jacket betonte seine Taille, ließ ihn schlanker wirken, als er  schon war. Um seinen Hals funkelte nobler Schmuck. Das schwarze Juwel war in einen dünnen Rahmen gefasst.
Eine Gravur bildete eine rote Rose ab, die inmitten der Kostbarkeit abgebildet war. Dadurch stach das Motiv umso mehr heraus.
Ein handelte sich um das Symbol seines Standes, seines Rangs.
Jeder seiner Geschwister trug solch ein individuelles Schmuckstück und zeigte dadurch seine Wichtigkeit. Unter den Dämonen der Hölle waren sie alle bekannt, wie kein anderer.

Er genoss sein Ansehen als die Vermenschlichung des Hungers. Er hatte sich hervorragend gemacht und verrichtete seine Arbeit tadellos.
Er war der Grund für das unerträgliche Leid so vieler Menschen. Und der ganze Stolz seines Vater.
Selbstgerecht richtete er sein Jacket bei dem Gedanken an seine Taten. Ihm bereitete diese Art von Arbeit das größte Vergnügen, wo er doch selbst einmal das Opfer war.
Ein Opfer, des unstillbaren Hungers, welcher seinen leeren Magen soviel Schmerz zugefügt hatte.

Der intensive Duft im Café ließ ihn die Nase rümpfen.
Ekel stand ihm ins Gesicht geschrieben.
"Was für köstliche Speisen, den Menschlingen scheint's zu schmecken," beurteilte er die zufrieden schmatzenden und am Kaffee schlürfenden Kunden,"- widerlich."

Angestrengt versuchte er sich von seiner Umgebung abzulenken, indem er die einzelnen Zeilen im, ihm vorliegenden, Artikel weiter entzifferte.
"Hunger. Hunger. Überall Hunger. Warum wird es nicht besser?", überflog er die Überschrift mit einem wissenden Grinsen. Bis auf dumpfes Getuschel der Besucher drang nichts zu ihm hindurch. Desinteressiert las er den Artikel, überflog ihn. Die Menschen schrieben von einer akuten Hungersnot, sie kannten bisher keinen Ursprung und auch keinen Weg dagegen anzukommen. Und sie würden es wohl auch nie erfahren, wie könnten sie auch wissen, welche Kräfte im Spiel waren?
Machtlos waren diese schwachen Wesen, jene die auch versuchten Gott zu spielen.

Auch seine Brüder führten, wie er, ihre Arbeit gnadenlos aus, doch der Tod, sein Vater Seokjin, spielte hierbei wohl die wichtigste Rolle.

'12,7 Tonnen Plastik im Meer', 'Krieg in Syrien', 'Drastische Steigung der Kindersterberate', sind unteranderem große Schlagzeilen, die immer wieder in den Medien aufgegriffen wurden.
Sie sind überall und doch dachten die Menschen, sie seien fort - ein naiver Gedanke.
Nur weil weniger Krieg und Zerstörung herrschte, hieß es nicht, dass es ihn nicht gab und keine weiteren Leben zerstörte. Auch wenn der Kohlenstoffanteil in der Luft niedriger war, hieß es nicht, dass das Maß bereits überschritten wurde.
Nur weil es viele Lebensmittel auf den Markt gab, hieß es nicht, dass jeder nach ihnen greifen konnte.
Ob nun Hunger, Krieg, Verschmutzung - ihre Taten blieben nicht ungeschehen. Und sie alle liefen auf das selbe Ergebnis hinaus; den Tod.

Dumpf drang eine raue Stimme durch die Menge, direkt in Jimins Gehör. Irritiert rümpfte er die Nase, legte die Stirn in falten.
Irgendwo hatte er sie schon mal gehört.
Sein Blick glitt durch die unzähligen Besucher der Cafés, suchten nach der Quelle der verdächtigten Stimme.
Es war die Stimme eines blondhaarigen Mannes, welcher sich mit einem etwas jüngerem unterhielt, doch dessen Laute vernahm er nicht.
Weder die Worte des unschuldig wirkenden Braunhaarigen, mit den ebenso braunen Rehaugen, noch der Person, mit der für Jimin, familiären Klangfarbe. Sie wirkte vertraut, dunkel, ein wenig kratzig aber nicht störend - eher angenehm.

Doch er war sich sicher, er kannte diesen Menschen nicht. Woher auch. Alle Menschen, mit denen er es in der Vergangenheit zu tun bekam, waren unter der Erde, tot.
Er war nichts weiter, als ein Fremder, der ihm möglicherweise in der Zukunft als seine Mahlzeit dienen könnte. Wenn überhaupt.

Für Jimin zählte nur seine Pflichten, als Hunger zu dienen. Darauffolgend, befand sich seine Familie. Seine Brüder und Vater.

Immer auffälliger stieg ihm der Geruch, der hier verkauften Desserts und warmen Getränke, in die Nase. Er hielt es nicht mehr lange aus. Es machte ihn völlig irre diesen, für ihn widerwärtigen Gestank, wahrnehmen zu müssen. Folglich legte er die Zeitung auf den Tisch und erhob sich von seinem Platz.
Er hielt sich viel zu lange an diesem grauenhaften Ort auf, wie er fand.

Sein Blick glitt durch die Menge. Sie aßen, überfüllten sich. Etwas, das den Famine knurren ließ, seinen letzten Nerv raubte.
Ein seichte Handbewegung.
Diese machte die Speisen der Gäste des Cafés   zum regelrechten Albtraum.

In Zeitraffer verderbte die frischen Speisen der minderwertigen Kreaturen, welche sie zuvor noch den Rachen herab schlugen.
Decken aus Schimmel überzogen sie, bis von der ursprünglichen Leckerei nichts mehr zu sehen war. Der ranzige Geruch überdeckte den angenehmen Eigenduft des Cafés in Sekundenschnelle, als ob es nie anders gewesen wäre.

Entsetzen breitete sich aus. Manche Menschen maulten über die Wandlung, beschwerten sich darüber, dafür Geld ausgegeben zu haben. Protest brach aus und wollten nicht mehr verstummen.
Andere wiederum jammerten; sie wollten doch bloß genüsslich in den glasierten Kuchen beißen, von dem nichts mehr übrig war - gaben aber sofort eine neue Bestellung auf.

Die Arbeiter versuchten hilflos die teilweise wütende Meute, zu besänftigen. Das Essen entweder zu ersetzen, oder das Geld zurück zu zahlen.
Jimin musste sich ein gehässiges Grinsen verkneifen. Lustig, wie die Menschn versuchten die Scherben zu beseitigen, damit ihr Café nicht in die Ruinen getrieben wurde und sie ihren Beruf verloren. Doch ohne Beruf; kein Geld. Ohne Geld; keine Lebensmittel. Ohne Lebensmittel;...

Ein Kichern verließ seine rosigen Lippen. Seine Aufgabe war schon immer das größte Vergnügen für den fleißigen Famine.

Unbemerkt schlich sich Jimin aus dem Gebäude. Schon beim Eintritt war er nicht sonderlich aufgefallen, da er sich, bis auf ein Wasser, nichts bestellt hatte und sich in eine möglichst abgelegene Ecke setzte. Die große Zeitung war ebenfalls Teil der ausgeklügelten Tarnung. Es war die Freude daran, den Menschen ihr Mahl zu vermasseln, die ihn zuvor durch diese Tür trieb.

Er spürt, wie er allmählich ein sättigendes Gefühl empfand.
Die Durststrecke, der Hunger der letzten Tage, wurde nun doch etwas gestillt. Lange hat er nicht mehr gegessen, doch empfand er das Mahl nicht als völlig befriedigend.
Wie, als hätte er nur eine Scheibe Brot gegessen, die auch nur dem Zweck diente ihm vorübergehend, das penetrante Gefühl eines leeren Magens vergessen zu lassen.
Er würde sich wohl bald wieder ein größeres Opfer, als ein Paar quengelnde Gäste eines solch' mickrigen Ortes, suchen müssen. Ihnen nur eine Mahlzeit zu verderben, reichte ihm auf längere Zeit nicht.

„Braucht der Teufel nicht ein Paar neue Seelen?"
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