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Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt

von Nesaja
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Gen
15.10.2020
15.10.2020
3
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15.10.2020 974
 
„Madame Chassagne?“
Sie saß auf einem großen Stein am Ufer des Flusses, beinahe auf Wasserhöhe, und beobachtete das Wasser, das ruhig, fast schon träge an ihr vorüberzog. Vor ein paar Wochen, als sie ganz in Gedanken und erfüllt von abgrundtiefer Trauer nicht bemerkte, wohin sie ihr Fahrrad trug, war sie auf dieses wunderschöne, ruhige Fleckchen gestoßen, das kaum jemand zu kennen schien.
Hier konnte sie die Wasseroberfläche betrachten, die keine Sekunde lang gleich blieb, einmal fröhlich glitzerte, als trüge sie tausende Kaleidoskope mit sich, einmal dunkel und geheimnisvoll alles verbarg, was tiefer lag, als bestünde sie aus schwerem glatten Rauchglas. Und immer nahm der Fluss etwas mit auf seine Reise: Blätter, Zweige, Insektenlarven, einmal sogar einen leuchtend roten Schirm. Wie der sich an der Oberfläche halten konnte war ihr ein Rätsel.
Florence kam immer wieder hier her, wenn sie zu aufgewühlt war, um im Alltag Ruhe zu bewahren und sie das Gefühl hatte, ihre Gedanken stünden ihr ins Gesicht geschrieben und jeder könnte sie entziffern und verstehen. In solchen Momenten fühlte sie sich nackt und hilflos, und dann ergriff sie die Flucht.
„Madame Chassagne! Geht es Ihnen gut?“
Langsam drang die Stimme zu ihr durch. Sie drehte den Kopf und erschrak. Es war der Leiter des OCBC, Commandant Pardo, für den sie ab und zu arbeiten durfte. Sofort versuchte sie ihr gewohntes Alltagsgesicht aufzusetzen, die Maske für jedermann. Das „alles ist gut, ich habe alles im Griff“-Gesicht.
„Oh! Was machen Sie denn hier?“ fragte sie ehrlich interessiert. Sie mochte ihren zeitweiligen Chef. Er hatte klare Vorstellungen von Recht und Unrecht, Gut und Böse. Trotzdem schlug er mit seinem Team auch einmal ungewöhnliche Wege ein, um einen Mörder überführen zu können. Dafür riskierte er seine Stellung und manchmal auch sein Leben. Er war loyal, standfest und ein guter Freund. Von Antoine Verlay zum Beispiel, dem  sie bei den Ermittlungen als Beraterin mit ihrem fachlichen Wissen über Kunst und Kunstwerke zur Seite stand.  Also war trotz allem Vorsicht geboten.
„Nun, ich komme manchmal hierher, wenn ich nachdenken möchte. Ich höre gerne dem Wasser zu, das hilft mir, zur Ruhe zu kommen.“
„Ja, genau, das ist die richtige Beschreibung für diesen Ort“, sagte sie halb erstaunt, halb nachdenklich. „Deshalb bin auch ich gerne hier.“ Und um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, wenn sie glaubte, darin ertrinken zu müssen. In den Momenten, in denen sich ihr Leben wie altes Leinen anfühlte, das zerfaserte und kurz davor war, in winzige Teile zu zerfallen. Das Leben, das sie sich in den letzten Wochen zusammen mit Sylvain aufgebaut hatte. So lange er bei ihr war, gelang es ihr ganz gut, sich einzureden, dass es genau das war, was sie wollte. Er jedenfalls glaubte ihr. Sie versuchte es zumindest. Ihr Verstand versuchte es. Ob der Verstand wohl jemals in der Lage war, das Herz zu besiegen, auch wenn es nur noch aus Tausend winzigen Fragmenten bestand?
Pardo sah sie immer noch besorgt an. Er hatte sie bereits vor einigen Minuten entdeckt und still beobachtet Es war ein schönes Bild gewesen. Wäre er ein Maler, dann hätte er sie später gezeichnet, wie sie dort auf das Wasser sah, so nah und doch weit, weit entfernt, tief versunken in einem Schmerz, den er nur allzu gut kannte. Das Glück ist wie der zarte Duft einer frisch erblühten Rose. Du atmest ihn tief ein und schon verweht er im lauen Abendwind und lässt dich einsamer zurück, als du je warst.
Sie hatte seine Frage nicht beantwortet, deshalb stellte er sie erneut: „Geht es Ihnen gut, Madame Chassagne?“
„Ja, sicher“, antwortete sie leicht irritiert. Ihre Standardantwort, sie musste nicht einmal darüber nachdenken.
„Nun“, er zögerte. Sollte er wirklich aussprechen, was ihn seit geraumer Zeit beschäftigte? Würde er sie damit nur noch mehr belasten? Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen und erzählte ihr von Marie, seiner großen Liebe. Wie sie sich kennengelernt hatten. Wie sehr er sie vermisste, immer noch und dass er befürchtete, es würde für immer so  bleiben.
Florence sah ihn erstaunt an. Noch nie hatten sie ein derart privates Gespräch geführt. Kurz, ganz kurz nur vergaß sie ihren eigenen Schmerz.
Während er sprach hatte er sie angesehen, jetzt jedoch drehte er den Kopf und sah aufs Wasser hinaus.
„Warum erzählen Sie mir das alles?“ fragte sie leise. „Weil ich weiß, dass Sie mich verstehen. Ich rede normalerweise nicht darüber, mit wem auch? Aber heute, ich weiß nicht, heute habe ich es nicht mehr ausgehalten…. Es tut mir leid, ich möchte Sie nicht auch noch mit meinen Problemen belasten, Sie haben sicher schon genug eigene. Es tut mir wirklich leid“, entschuldigte er sich.
Hör auf, schalt er sich, es ist genug! Aber er konnte jetzt nicht aufhören. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Madame Chassagne, ich habe mir Sorgen um Sie gemacht. Sie“, er suchte nach den richtigen Worten, „wirkten so…“ Verletzt, verzweifelt, unglücklich. Nein. Das konnte er ihr nicht sagen. Aber etwas anderes.
Er atmete tief durch. „Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Für das, was Sie für Antoine getan haben. Ich glaube, das hat ihn am Leben gehalten.“
„Was…“ meinen Sie, hatte sie sagen wollen.  „Oh! Nein! Das haben Sie gehört?“ Sie wurde kreidebleich.
„Ich – ja, habe ich. Entschuldigen Sie, ich wollte nicht lauschen. Ich hatte Angst um Antoine. Ich dachte zuerst, es wäre nur eine kluge Taktik gewesen, bis mir bewusst wurde, was er Ihnen bedeutet.“ Verdammt, war das schwer. „Madame Chassagne, deshalb habe ich Ihnen meine Geschichte erzählt. Ich dachte mir, vielleicht tut es Ihnen gut, zu wissen, dass Sie nicht alleine sind. Und bevor Sie mich fragen, nie, wirklich nie erfährt er auch nur ein Wort von mir.“
Stumm saßen sie eine Weile zusammen am Ufer. Irgendwann einmal bemerkte sie, dass sie den Kopf an seine Schulter angelehnt hatte und sein Arm um ihre lag. Es bedurfte keiner weiteren Worte.
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