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Körperselbstbild

OneshotSchmerz/Trost / P12 / Gen
15.10.2020
15.10.2020
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Disclaimer: Hierin werden Themen rund um Ernährung und Abnehmen sowie Fitness behandelt. Wer sich davon getriggert fühlt, sensibel darauf reagiert oder sonst wie gefährdet sein könnte – lest bitte nicht weiter.

Sie stockt. Soll sie das wirklich schreiben? Aber versuchen kann sie es ja. Und sie muss es ja nicht hochladen, denkt sie.

Nun ja, ihr lest es ja doch. Also hat sie es wohl hochgeladen. Sie wird euch eine kleine – noch nicht abgeschlossene – Geschichte erzählen. Ihre Geschichte. Bitte seid achtsam. Bitte verurteilt sie nicht.  Sie hofft, euch damit einen Einblick zu geben und zu sensibilisieren, dass selbst ein mental gefestigter Mensch, für den sie sich hält, eine schlechte Beziehung zum Essen entwickeln kann. Dass das eigentlich viel zu einfach geht.

Passt auf euch auf.

Mit acht Jahren, vielleicht auch schon früher, hatte sie ein Gewichtsproblem. Damals trug sie Hosen für 14-jährige, die ihre Mutter unten umnähte, damit sie nicht zu lang waren. Aber die Breite stimmte. Sie war gerade durch die Scheidung ihrer Eltern aufgewühlt und zwei Großeltern verstarben. Sie bewegte sich nicht gerne. Sie war eher eine introvertierte, schüchterne Stubenhockerin. Und sie mochte das. Sie hörte gerne Hörspiele, spielte mit Magneten oder puzzelte. Und oft las sie – nein sie verschlang – Bücher. Schule und Lernen machte ihr Spaß, bis auf der Sportunterricht. Dort wurde sie gehänselt. Nicht massiv, aber genug. Bei Mannschaftsspielen wurde sie immer als vorletzte gewählt, selbst die unbeliebten Kinder wurden vor ihr gewählt. Und das, obwohl sie Freunde hatte.
Heute erinnert sie sich nicht, ob es ihr wirklich etwas ausgemacht hat, aber einen kleinen Stich spürt sie bei dem Gedanken daran schon.

Damals setzte ihre Mutter sie auf Diät. In die Schule bekam sie Obst oder Gemüse und ein Brot mit, während alle anderen Kinder Süßkram haben durften. Abends gab es den Obstteller. Ein kleiner Kinderteller voll mit verschiedenem Obst und manchmal Gemüse. Morgens aß sie, wie immer, einen Joghurt. Sie sollte mit Sport anfangen. Aber nach mehreren Probestunden beim Volleyball, Badminton und Fußball, schieden die Ballsportarten aus. Sie fühlte sich dabei schon immer wie ein Hund, der dem Ball hinterherlief. Aber nicht aus Freude, sondern weil sich das wer anders wünschte. Stattdessen fing sie in einem Schwimmteam an. Schon bevor sie schwimmen konnte, hatte sie das Wasser geliebt. Oft mussten ihre Eltern ihr am Meer hinterherlaufen, weil sie unbedingt hinein wollte und doch wie ein Stein untergegangen wäre.
Das Schwimmtraining war zwei Mal die Woche.

Nach einiger Zeit wog sie wieder normal viel – was immer das war. Aber sie war nie wieder schlank. Sie hatte schon immer, auch davor, breite Oberschenkel. Und oft war es ihr egal. Sie kümmerte sich lange nicht um Äußeres.

Doch das änderte sich, als sie in die Pubertät kam. Was leider wesentlich früher bei ihr war, als bei vielen Mädchen in ihrer Klasse. Sie war 11 Jahre alt, als sie ihre erste Periode hatte. Heute ein normales Alter. Damals war sie die erste im Freundeskreis und in der Klasse.
Ihre Haut explodierte, die Stirn und das Kinn waren voller Pickel. Manchmal auch die Wangen. Zu allem Überfluss ließ ihre Mutter sie ein Stirnband tragen, damit die Haare nicht weiter die Haut irritierten. Natürlich sah man dadurch die Akne eher. Make-Up war kein Gesprächsthema, nur immer mehr und teure Gesichtscremes. Sie halfen nur wenig.
Kleidung war nie wichtig für sie gewesen, Hauptsache sie fühlte sich wohl. Doch vieles war auch damals schon ein kleiner Fauxpas und dies wusste sie unterbewusst auch. Sie wusste, dass ihre Mitschüler sie teilweise dafür nicht mochten. Auch wenn sie nie gemobbt wurde, konnte sie es merken. Aber sie hatte Freunde, die ähnlich dachten und sich nichts aus Äußerlichkeiten machten und damit war das Thema vorerst Geschichte.

Doch irgendwann begann der Contest um das beste Outfit und die schönste Schminke und das sich Ausprobieren. Sie nahm daran kaum Anteil, weil sie ihr Geld nicht dafür ausgeben wollte. Sie war sich ihrer selbst bewusst. Aber ebenso war klar, dass Jungs eher auf die andere Art Mädchen standen. Langsam bekam sie Angst, dass sie erst viel später für ihr Wesen geliebt werden würde, vielleicht gar nicht zu Schulzeiten. Somit fing sie an, sich dezent zu schminken – so dezent, dass niemand das bemerkte. Concealer ohne Wimperntusche reichte nicht aus. Doch ihre Klamotten und ihren Stil konnte sie nicht ändern. Sie wusste nicht wie und wenn hätte sie das ihrer Mutter begreiflich machen müssen, die mit ihr die Klamotten aussuchte. Das wäre möglich gewesen, denkt sie heute. Sie wusste nur nicht, was sie anziehen könnte, um schön auszusehen.

Ihre Figur war damals fraulicher geworden, die ersten Bustiers lösten einige, wenige Bhs ab. Sie bekam eine Hüfte und eine schmale Taille. Auf die war sie sehr stolz. Ihr Bauch war nicht superflach, aber flach genug, um easy in eine Größe 36 zu passen, wenigstens oben rum. Nur ihre Beine waren nach wie vor breiter als bei anderen. Sie waren ihre Achillessehne. Um sie machte sie sich am meisten Sorgen. Nicht, weil ihr jemand sagte, es wäre notwendig. Sondern weil sie den Unterschied zwischen sich und den anderen Mädchen sah – und sie waren alle beliebter als sie. In dieser Zeit begann sie, nach Diäten zu forschen, setzte aber nie eine um, weil sie bei Ernährungsfragen im Haushalt keine Entscheidungen traf.

Bitte versteht sie nicht falsch. Sie wollte nie zu den beliebten Mädchen zählen, es ging ihr nicht schlecht oder labil. Sie war zufrieden. Aber sie dachte darüber nach. Ohne Wertung. Gedanken sind unsterblich, einmal da gehen sie nie wieder ganz weg.

Und nachdem ihr mehrere Schwärme gesagt hatten, dass sie nicht schön und beliebt genug für sie war und daher aus ihnen nie etwas werden würde, fand sie sich damit ab. Sie mochte, dass sie klug war und ihr inneren Werte wesentlich wichtiger waren als Äußerlichkeiten, aber so ein Satz nagt eben doch an einem. Wenn auch unbewusst.

Weiterhin machte sie Sport, sie tanzte. Gerne. Aber auch dort fiel auf, dass sie sich nicht so bewegte, wie die anderen Mädchen. Viele fühlten sich in ihrem Körper wohl und das sah man. Sie bewegte sich, die Tanzschritte stimmten, aber sie sahen unförmig aus. Sie wurde gefragt, ob sie sich nicht schön fühlte und das war das erste Mal, dass ihr das so richtig bewusst wurde. Zu Hause legte sie eine Liste an mit den Dingen, die sie an sich mochte und denen, die sie nicht mochte. Die Mögen-Punkte überwogen. Vieles davon mag sie heute noch. Und vieles von dem, was sie damals nicht mochte, ist ihr auch heute noch ein kleiner Dorn im Auge.

Ihr Selbstbewusstsein war vorhanden, aber nicht unbedingt groß. In ihr nagte weiter die Sorge, dass sie womöglich nicht geliebt werden würde und sie war sich sicher, dass das wenn auch erst im Erwachsenenalter sein würde – wenn überhaupt. Trotzdem war sie glücklich, sie hatte ihre Freunde, ihre Schule (und sie mochte Schule) und ihre Hobbies machten an sich Spaß. Doch diese Gedanken nahmen zu. Und das, obwohl sie schlank war.

Mit 16 fand sie ihren Freund, streng genommen sogar ein Jahr davor, doch das ist eine andere, viel schönere, Geschichte. Er findet sie schön, damals wie heute. Er mag alles an ihr. Zusammen wurden sie erwachsen und sie wurde selbstbewusster. Sie lernte, dass sie liebenswert und schön war. Ihre inneren Werte schätzte sie schon vorher wert. Doch als sie nach dem Abitur mehr Zeit hatte und sie sich zum Kaffee trinken trafen, gab es oft ein Stück Kuchen dazu. Bei gemeinsamen Kinobesuchen durften Nachos mit Käsesauce nicht fehlen und beide achteten nicht so sehr auf Äußerlichkeiten, sodass sie stetig zunahmen. Sie fing an, sich wieder mit dem Thema Abnehmen und Gewicht auseinander zu setzen, aber änderte nichts an ihrem Verhalten.

Als sie drei Monate ins Ausland ging, aß sie viel fettiges und zuckerhaltiges Essen. Es achtete niemand auf sie, sie wohnte alleine. Sie war einsam und unglücklich. Das alles war eine schlechte Mischung. Und die Zeit danach war stressig, belastend und setzte ihr zu. Ihr Verhalten änderte sich geringfügig.

Innerhalb von 2 Jahren nahm sie fast 15 Kilo zu. Das war ihr zu viel. Ihr Selbstbewusstsein blieb, ihr Selbstwertgefühl sank.

Dieses Jahr begann sie, wirklich Fortschritte zu machen. Schmerzhafte Erfolge waren sichtbar. Sie trackte ihre Kalorien. Für viele ist dies der Anfang von etwas Ungesundem. Sie war sich dessen bewusst. Sie begann Home Workouts zu machen. Insgesamt waren 7 Kilo weniger die Folge. In dieser Zeit entwickelte sie eine bessere Haltung zu Gemüse, Obst und gesundem Essen an sich. Aber genauso tat ihr jedes Mal die Seele weh, wenn sie wieder mehr Gewicht auf der Waage sah, als am Tag zuvor. Sie fühlte sich, als wäre es ihr persönliches Versagen. Auch heute kann sie sich noch nicht schön oder gar attraktiv fühlen. Sie versteht, dass sie gut aussieht, so gut, wie eben jeder Mensch grundsätzlich aussieht.

Sie merkt aktuell, dass ihr das zusetzt. Mehr als sie zugeben wollte und mehr als es sie je belasten sollte. Es tut ihr weh, dass sie viele Gedanken daran hat. Sie folgt bewusst keinen Influencerinnen, die besonders viel Inhalt zu Fitness oder Ernährung teilen. Einerseits ist ja jeder individuell und man kann die eine Lebensart nicht auf einen anderen Menschen übertragen. Andererseits ist sie sich unsicher, wie sehr sie das auf Dauer verletzen könnte.

Sie würde hier gerne eine positive Nachricht hinterlassen. Es geht ihr eigentlich gut, ihr Leben läuft gut. Aber diese Gedanken sind vorhanden und sind unschön. Sie hat gemerkt, wie einfach es ist, zu viele Gedanken an diese Themen zu verschwenden und dass es viel mehr Selbstliebe benötigt als sie dachte. Zu viel darüber nachzudenken, ist gefährlich und toxisch. Nichts gibt euch diese Lebenszeit zurück. Es zieht euch in einen Strudel.

Sie weiß, dass dieses Thema gern verschwiegen wird, aber sie will nicht mehr still sein. Sie will euch bestärken, will dass ihr wisst, wie gefährlich das ist. Wie wertvoll ihr seid. Sie kommt sich scheinheilig vor, wenn sie hier ein Happy End hinschreibt, obwohl sie noch auf der Reise ist, daher ist dieses Ende offen. Aber sie will, dass ihr aufpasst und anfangt, euch zu lieben. So wie ihr seid. Weil ihr so seid, nicht obwohl.
 
 
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