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What they know

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
Garak Julian Bashir
15.10.2020
15.10.2020
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„Er stellte sich mir vor und fing mir nichts, dir nichts eine Unterhaltung an! Er knüpfte Kontakt zu mir, ausgerechnet zu mir!“

„Was glauben Sie, könnte er von Ihnen wollen, Julian?“


Jadzias Fähigkeit, Beziehungen und ihren Status zu erkennen, hatte sich ihr bereits häufig in diesem Leben als hilfreich erwiesen. Überrascht hatte es die Frau dennoch, als Julian an diesem Tag hellauf begeistert und doch überfordert auf der Ops erschienen war, um ihnen allen von seiner Begegnung mit dem angeblichen Spion Garak zu berichten. Während die anderen Offiziere Julians sofortige Panik auf die Gerüchte um die Vergangenheit des Schneiders zurückgeführt hatten, war Jadzia sofort bewusst gewesen, dass vermutlich auch noch andere Emotionen diese Reaktion heraufbeschworen hatten, die der junge Mann noch nicht erkennen konnte.

Im Laufe der nächsten Jahre hatte Jadzia nicht nur zugesehen, wie Julian endlich erkannt hatte, dass sie und er niemals zusammenkommen würden. Die Frau hatte auch beobachtet, wie mit dieser Erkenntnis andere Beziehungen in seinen Fokus gerückt waren, manche vollkommen bewusst und andere schleichend durch sein Unterbewusstsein in den stets wachen Verstand. Die Beziehung zu Garak war nicht nur dementsprechend schwer identifizierbar, sondern auch absolut einzigartig, da war Jadzia sich sicher. In all den Jahren, in all ihren vergangenen Leben hatte die Frau niemals solch eine schwierige, aber enge Beziehung erleben können, die sich jeglicher Klassifizierung zu entziehen schien.

Und doch wusste Jadzia, dass nicht alle Spezies dieser Galaxie mit dem Begriff der Liebe so vorsichtig umzugehen pflegten wie die Menschen. Aus ihren Erinnerungen der anderen Leben wusste die Trill, dass einige Personen diese Beziehung bereits ohne Zögern als Liebe deklariert hätten. Und Jadzia wusste auch, wie sie diese Beziehung in ihrem Bewusstsein kennzeichnete. Es erklärte zumindest ihr stetiges Lächeln, wenn sie die beiden Männer zusammen sah. Egal, woraus ihre Beziehung nun bestand, die Frau hatte von Anfang an gespürt, dass es etwas Besonderes werden würde.

°°°°°°

„Also, entschuldigen Sie mich. Der Patient wartet.“

Niemals hätte Odo zugegeben, dass er die verschiedenen Facetten von Beziehungen, die es auf seiner Raumstation zu sehen gab, beinahe interessiert zu beobachten pflegte. Oft genug hatte der Sicherheitschef nicht nur zugegeben, sondern betont, wie ausgeprägt seine Fähigkeit des Beobachtens war. Erkennen konnte Odo viele Verhaltensweisen, doch die Interpretation fiel zuweilen noch schwer. An Beziehungen ließ es sich mitunter leicht üben, ohne besonders aufzufallen, denn zeitweilig schien wirklich jede Person auf Deep Space Nine über einige Verhältnisse zu spekulieren. Dass er sich in diesem Fall der Allgemeinheit anpasste, hätte Odo nicht nur seinen Ruf gekostet, sondern auch Quark Sticheleien auf Hochtouren produzieren lassen. Um dies zu vermeiden, behielt er seine Beobachtungen und lückenhaften Interpretationen für sich.

Während Doktor Bashir für ihn nie mehr als ein einfältiger, in einigen viel zu häufigen Situationen zu enthusiastischer Arzt gewesen war, hatte Odo sich niemals wirklich damit abfinden können, dass ein wahrer Krimineller auf seiner Station ein annehmbares Leben fristete und er nichts dagegen unternehmen konnte. Die Wahrheit, die sie alle kannten, konnte nicht bewiesen werden, so dass der Sicherheitschef sich damit begnügen musste, den Cardassianer näher im Auge zu behalten.

Aufgrund dieses Misstrauen hielt Odo nicht nur den Mann selbst, sondern auch seine Kontakte unter Beobachtung. Besucher und Kunden, die kamen und gingen ebenso wie die wenigen auf der Raumstation stationierten Offiziere, die überhaupt mit Garak sprachen. Es war eine übersichtliche Aufgabe, die keine übermäßige Anstrengung erforderte, doch die Gespräche zwischen Garak und Doktor Bashir waren stets interessanter gewesen als die restlichen Observierungen.

Und genau in diesem Moment, als Doktor Bashir ihn abermals abgewiesen hatte, ihn abermals von Garak ferngehalten hatte, um den Cardassianer indirekt doch auf seine eigene Weise zu beschützen, hatte Odo erkannt, was diese Beziehung einzigartig erscheinen ließ. Es war der einzige Grund gewesen, der den Sicherheitschef dazu gebracht hatte, seine Hartnäckigkeit ruhen zu lassen und den Cardassianer einzig seiner Genesung zu überlassen. In den besorgten Gesichtszügen des Arztes hatte Odo nicht nur die übliche, professionelle Sorge erkannt, sondern mehr als das und mehr als Freundschaft. An wirkliche Liebe glaubte der Wechselbalg in diesem Fall nicht, auch wenn er sich keinesfalls als geeignet sah, solche Kategorisierungen vorzunehmen. Doch die tiefe Verbindung zwischen den beiden Männern erkannte Odo nun auch ohne großes Vorwissen.

°°°°°°

„Doktor, es tut mir leid, aber ich glaube, unser gemeinsames Mittagessen fällt heute aus …“

„Wir müssen gehen. Kommen Sie.“


Sisko hatte sich oftmals gewundert, wie die Beziehung zwischen seinem Chefarzt und dem angeblichen, aber dadurch keineswegs weniger talentierten Schneider entstanden war. Es war ein schneller, überraschender Schritt von dem Tag gewesen, an dem Julian ihnen überaus aufgeregt von dem Spion erzählt hatte, der sich im Replimat neben ihn gesetzt hatte bis zu den Tagen, an denen man die beiden Männer ihre gemeinsamen Mahlzeiten hatte einnehmen sehen können. Als seltsam befunden hatte der Commander die Beziehung schnell, der Angelegenheit jedoch keine weitere Beachtung geschenkt. Schließlich hatten die Offiziere ihr eigenes Leben, er war nicht ihr Aufseher oder, noch schlimmer, ihr Elternteil.

Später hatte Sisko erfahren, wie viel tiefer diese Beziehung ging, als er selbst angenommen hatte. Ehe der Commander sich versehen hatte, war es den beiden Männern gelungen, gemeinsam ein wichtiges Mitglied des Zentralkommandos einer Verschwörung zu überführen. Viel wichtiger als Gul Dukats Reaktion oder die eigentlichen Geschehnisse war jedoch gewesen, dass die beiden Männer sichtlich Spaß dabei gehabt hatten, den Cardassianer vorzuführen. Ab diesem Zeitpunkt hatte Sisko nicht nur gehofft, sondern in seinem tiefsten Inneren auch gewusst, dass Garak diese Beziehung durchaus für wichtig zu halten schien. Wie wichtig sie sich waren, hatte der Commander später auf schmerzliche Weise herausfinden müssen.

Ja, es hatte auch Sisko innerlich zutiefst verletzt, als er Garak hatte sterben sehen. Allein die Vorstellung, dass der stets wortgewandte Schneider, dessen Vergangenheit als Spion nur noch ein offenes Geheimnis war, sterben konnte, war immer absurd gewesen. Garak gehörte wie jeder Führungsoffizier ins Leben jeder einzelnen Person auf dieser Raumstation und besonders in Julians Leben. Umso surrealer hatte die Situation sich angefühlt, als einer der Jem'Hadar Garak erschossen hatte.

Seine letzten, schwachen Worte, die nur an Julian gerichtet gewesen waren, hatten dabei ebenso die Realität zerrissen wie der Schmerz, den Sisko nicht nur in den Augen des Arztes gesehen hatte. Der Captain war sich sicher gewesen, dass er die seelischen Schmerzen spüren konnte, die den Mann in diesem Augenblick übermannt hatten.

Genau deshalb hatte Sisko den Offizier wieder auf die Beine gezogen, hatte Julian weiter zum Shuttle gedrängt. Denn ohne seine Hilfe hätte der Arzt diesem Schmerz nicht entkommen können, ohne Hilfe hätte Julian Garak nicht zurückgelassen. Diese Erkenntnis hatte Sisko nicht nur in Julians Verhalten, sondern auch in seinem eigenen Verstand gefunden. Denn Sisko erinnerte sich, dass er denselben Schmerz gespürt hatte, den er nun im Gesicht seines Chefarztes erkennen konnte, als Jennifer gestorben war.

Und genau dieser Moment, diese surreale Situation hatte es fertig gebracht, dem Commander die Realität aufzuzeigen. Was Garak und Julian verband, war mehr als die einfachen bis unverwüstlichen Freundschaften, die er als Leiter der Station jeden Tag erblicken konnte. In diesem Moment hatte Julian soviel mehr als nur einen guten Freund verloren.

°°°°°°

„Die einzige Möglichkeit dagegen ist die Zerstörung der Lebenserhaltungssysteme.“

„Was soll das? Das würde uns alle töten!“

„Nein, warten Sie, er hat Recht.“

Kira hatte geglaubt, sich verhört zu haben, als Julians Zustimmung für Garaks Aussage erklungen war. Die Bajoranerin war im ersten Moment überrascht gewesen, doch nach dieser ersten allgemeinen Fassungslosigkeit hatte die Frau erkannt, weshalb ihr die Situation nicht nur vertraut vorkam, sondern auch ein Licht auf im Unterbewusstsein bereits enthaltene Beurteilungen gab. In diesem Moment erkannte Kira, was schon länger auf Entdeckung gewartet hatte.

Während die Offiziere der Ops noch hatten überlegen müssen, was Garak mit seinem auf den ersten Blick wahnwitzigen und tödlichen Vorhaben bezwecken wollte, hatte Julian sofort begriffen, worauf der Cardassianer in diesem Fall setzte. Nicht nur konnte der Arzt sich mit den mentalen Fähigkeiten des Mannes messen, ohne sofort zu verlieren und war imstande, seinen Gedanken ebenso schnell wie er selbst zu folgen. Julian war auch dazu imstande, sofort zu begreifen, in welche Richtung Garaks Gedanken dieses Mal führten. Ihre regelmäßigen Gespräche und Diskussionen hatten es den beiden Männern ermöglicht, sich den Gedankengängen des jeweils anderen soweit anzupassen, dass sie ihre Ideen und Vorschläge erkennen konnten, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden.

Diese Erkenntnis war jedoch auch nicht die beinahe schmerzhaft überraschende, die Kira kurz verstummen ließ. Schmerzhaft überraschend erschien der Bajoranerin, dass sie diese Ähnlichkeiten in den beiden Charakteren nicht bereits vorher erkannt hatte. Nun erschien es der Frau sonnenklar, dass diese beiden Männer zueinander gefunden hatten. Und Kira erkannte auch, wieviel Potenzial diese Beziehung enthielt, Potenzial für weitaus Größeres als einfache Freundschaft.


°°°°°°

„Hm. Ich schätze, Garak hat mir beigebracht, das Mittagessen als eine Art Arena für philosophische Diskussionen zu betrachten. … Und es gibt immer noch nichts Neues von Garak und Odo?“

Miles war niemals die Art Mensch gewesen, der irgendeine Veränderung in seinem Umfeld realisierte, ohne dass seine Frau ihn darauf hinwies. Die Kommentare über den cardassianischen Schneider und seine Freundschaft zu ihrem Schiffsarzt hatte der Mann stets ignoriert, weil er Gerüchte noch nie geschätzt hatte und es auch nicht die Art von Beobachtung war, die er selbst tätigen würde. Wieso sollte er über andere Beziehungen spekulieren, wenn es doch gar nichts mit ihm zu tun hatte? Also hatte der Ingenieur klargestellt, dass dieses Thema nicht zu seinen Favoriten zählte und Keiko dazu gebracht, andere Personen mit ihren Gerüchten zu belagern.

Je mehr die professionelle Beziehung zwischen ihm und Julian sich zu einer Freundschaft entwickelt hatte, desto mehr hatte Miles auch den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte entdeckt. Hatte der Ingenieur Garak zuvor niemals gesehen, war er dem Schneider nun regelmäßig begegnet. Der Cardassianer hatte ihn stets begrüßt und einige Worte mit ihm gewechselt, um seine Umgangsformen zu pflegen, doch sein eigentliches Ziel war in diesen Fällen ausnahmsweise stets klar erkennbar gewesen. Garaks Fokussierung auf den Arzt hatte Miles anfangs verunsichert, doch als ihm bewusst geworden war, wie sehr Julian die Anwesenheit des Mannes genoss, hatte Miles seine Vorurteile beiseite geschoben und gelernt, die Beziehung des Cardassianers zu Julian zu akzeptieren.

An jenem Tag hatte Miles nicht nur erkannt, wie wenig er sich als Gesprächspartner für gewisse Themen eignete. Der Mann hatte auch ganz klar in den traurigen Augen seines Kollegen gesehen, wie sehr dieser sich um Garak sorgte. Nach dem Anschlag auf das Leben des Cardassianers, hatte Julian nun wohl befürchtet, dass die Verantwortlichen für die nahen Intrigen den Mann endgültig aus seinem Leben reißen würden. Miles jedoch nicht nur die Sorge unter den offenliegenden Gefühlen erkannt, sondern auch tiefe Trauer, als wäre Garak bereits verloren gewesen. Julian hatte seinen Freund schmerzhaft vermisst, was die Sorgen nur immens gesteigert hatte.

Miles hatte nicht nur erkannt, wie sehr der Arzt Garak brauchte. Dem Ingenieur war auch bewusst geworden, wie viele unterdrückte Emotionen zwischen den beiden Männern lagen. Wieviel ungesagt geblieben war und wohl immer ungesagt bleiben würde.
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