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Akzeptanz des Herbstes

Kurzbeschreibung
OneshotAngst, Familie / P12 / Gen
Haymitch Abernathy Katniss Everdeen Peeta Mellark
15.10.2020
15.10.2020
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2.368
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Dieses Kapitel
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15.10.2020 2.368
 
Mein Beitrag zum Herbstwichteln. Mein erster Beitrag im Panem Fandom seit einigen Jahren. Es war so schön Katniss & Peeta wieder auf dem "Papier" zu haben. Liebe BlackPantherGirl, ich hoffe der OneShot gefällt dir - auch wenn ich auf deine Ersatzvorgaben zurückgreifen und etwas herumexperimentieren musste. :)

Akzeptanz des Herbstes - für immer


Es regnete nicht, aber durch die bunten Baumkronen konnte Katniss beobachten, wie die Wolken grau und verhangen vorüberzogen. Womöglich würde es erst wieder am späten Abend oder mitten in der Nacht beginnen zu regnen - so wie die ganze vergangene Woche. Die letzten Herbsttage waren von einer Routine geprägt, die Katniss beruhigte. Und Ruhe benötigte sie derzeit viel - bald würde es damit vorbei sein.

Frischer Wind kam ihr entgegen und zerzauste ihre offenen Haare. Katniss wünschte sich ihre Jacke schließen zu können, aber ihr runder Bauch war im Weg und sie schnaufte unzufrieden durch. Noch zwei Monate und dann wäre der Bauch wieder kleiner, aber dafür würden auch die Gänge in den Wald weniger werden, wenn sie mit ihrem Knirps Zuhause saß.

Katniss wurde aus den Gedanken gerissen, als weit über ihr eine Spottdrossel zwitscherte. Sie hatte schon den ganzen Nachmittag damit verbracht, durch die Wälder zu streifen und dem Wind und den Vögeln zu lauschen, während bunte Blätter ihren Weg zum Boden fanden wie Schneeflocken im Winter. Allmählich wurde es Zeit umzukehren. In dieser Zeit wurden die Tage wieder kürzer und die Schatten länger. Wahrscheinlich würde die Dämmerung einbrechen, sobald Katniss die Weide und die Pfosten des alten Zaunes erreichte.

Und sie irrte sich nicht. Nachdem sie den Wald hinter sich gelassen hatte und über die Weide ging, kroch die Dunkelheit der Dämmerung über Distrikt 12 und als Katniss einen Blick zurück über ihre Schulter warf, sah sie, wie sich die letzten goldenen Sonnenstrahlen durch die Wolken stahlen und den Wald in ein flammendes Farbenspiel tauchten. Rot, orange und braun. Vereinzelt noch ein grün goldenes Schimmern. Das faszinierende Farbenspiel des Herbstes ließ selbst Peetas kräftigste Malerei verblassen. Es schien, als würden die Bäume im Wald an diesem Herbsttag ihren Abschied feiern. Und für heute verabschiedete sich Katniss ebenso.

Sie konzentrierte sich wieder auf den Weg, schritt durchs hüfthohe Gras und sah am Rand der Weide bereits die beiden Körbchen voller Äpfel, welche sie am frühen Nachmittag gepflückt hatte, ehe sie in den Wald gegangen war, um sich die Beine zu vertreten.

Ohne einen erneuten Blick hinaus zu den Wäldern und der Weide zu werfen, nahm Katniss die zwei Körbchen und ging durch den ehemaligen Saum. Nichts erinnerte mehr an die kleinen gebrechlichen Hütten, in denen sie einst aufgewachsen war. Nach dem Ende des Krieges und mit dem Wiederaufbau Distrikts 12 hatten gemauerte und stabile Mehrfamilienhäuser am Wegesrand Einzug gefunden. Die Laternen gingen an, als Katniss den gepflasterten Weg entlang ging und sich dem Dorf der Sieger näherte. Der rote Teppich des Herbstes hing an Hecken und Gemäuern, buntes Laub wurde vom Wind über den Weg gepustet und Katniss ging etwas schneller, als sich über ihr der Himmel rasch zuzog und die ersten schweren Regentropfen ihren Weg zum Boden fanden. Ganz offensichtlich hatte sie sich geirrt, was den Beginn des Regenschauers anging.

Als sie unter dem Vordach ihres Hauses angekommen war, brach der Himmel über Distrikt 12 auf. Es war die richtige Entscheidung gewesen aufzubrechen, andernfalls wäre Katniss triefend nass nach Haus gekommen. Als sie die Haustür öffnete, kam ihr die wohltuende Wärme und der Duft von frisch gebackenem Brot entgegen. Sanft überdeckte er den Duft der Tomatensuppe, welche Peeta schon heute Vormittag begonnen hatte vorzubereiten.

Die Stiefel zog Katniss aus, ohne sich zu bücken und anschließend kickte sie die dreckigen Schuhe zu dem Haufen mit den Anderen. Zufrieden brachte sie die zwei Körbchen mit den Äpfeln in die Küche, aber Peeta sah nicht begeistert aus, als er Katniss die Körbe abnahm und feststellte, dass sie schwerer waren als Katniss behauptet hatte.

„Du wolltest nur ein paar holen. Wir hätten morgen auch zusammen gehen können. Dann hättest du nicht alles allein tragen müssen“, begrüßte Peeta sie und Haymitch gab ein zustimmendes Raunen von sich. Er saß am Küchentisch, die Flasche mit dem bernsteinfarbenen Whisky in der Hand, und musterte sie von oben bis unten.

„Glück mit dem Wetter gehabt, was Kleines?“, meinte er fragend und deutete zum Fenster. Starker Regen peitschte gegen das Glas und der Wind pfiff heulend um ihr Haus.

„Isst du mit uns?“, fragte Katniss ohne näher auf Haymitch einzugehen, und sie wartete seine Antwort gar nicht ab, nahm drei tiefe Suppenteller aus dem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Peeta entzündete die Kerzen in der Fensterbank und in der Tischmitte, als Haymitch seine Flasche öffnete und einen kräftigen Schluck nahm.

„Wie wäre es mit einem Glas Wasser zur Abwechslung?“, fragte Peeta bemüht und Haymitch schüttelte träge den Kopf.

„Wasser ist zum waschen da, Junge“, entgegnete Haymitch rau, aber Katniss nahm an, dass Haymitch auch dies schon länger nicht mehr getan hatte. Er ließ sich gehen und zum Glück waren die Kerzen jene, welche ihre Mutter aus dem Kapitol geschickt hatte und herrlich nach Bratapfel und Zimt dufteten.

„Und ist sie so gut wie beim letzten Mal geworden?“, fragte Katniss, als sie sich neben Peeta an den Herd stellte und einen Blick in den großen Topf warf. Die Suppe brodelte leise vor sich hin und Peeta seufzte theatralisch. Er legte einen Arm um sie und küsste ihre Schläfe.

„Vielleicht nicht genauso wie beim letzten Mal, aber eventuell besser“, sagte er überzeugt und Katniss’ Mundwinkel hoben sich zu einem schmalen Lächeln.

Sie liebte es, wenn Peeta kochte. Gerade in den kühlen Jahreszeiten mochte sie die deftigen Eintöpfe und Suppen. Er hatte die Tomaten genommen, welche sie im Frühjahr gemeinsam im Garten gepflanzt, im Sommer abgeerntet und anschließend eingeweckt hatten. Ein herrlicher Duft hatte sich ausgebreitet und Katniss ließ ihren Kopf auf Peetas Schulter sinken, während er die Suppe gemächlich rührte und noch ein wenig abschmeckte.

„Heute nichts gejagt?“, fragte Haymitch sie und ein wenig lallte er, aber es war nicht so schlimm wie an manch anderen Tagen. Katniss löste sich von Peeta und setzte sich zu Haymitch an den Küchentisch, um ihm kurz und knapp zu sagen, dass es nicht mehr nötig war, jeden Tag jagen zu gehen. Ein Blick in die Ecke der Fensterbank verriet ihr, dass die Flache in Haymitchs Hand bereits die Zweite heute war.

Mit den Jahren ließ er sich nicht nur immer mehr gehen, sondern griff auch immer häufiger zum Alkohol. Noch öfter als früher - ganz gleich, wie sehr sich Katniss mit Peeta bemühte ihn von dem flüssigen Gift wegzubekommen. Sogar Effie besuchte sie alle zwei bis drei Wochen für ein Wochenende und kam aus dem Kapitol nach Distrikt 12, um sie alle zu wiederzusehen, aber hauptsächlich um Haymitch den Kopf zu waschen. Er ertrank förmlich im Alkohol und es schien, als könnten sie drei nichts dagegen tun.

Der Whisky machte ihn gebrechlich und vergesslich. Peeta hatte erst vor wenigen Abenden frustriert gesagt, dass Haymitch das Ende diesen Jahres nicht mehr erleben würde. Still hatte Katniss gehofft, dass es Haymitch wachrütteln würde, aber ihr ehemaliger Mentor hatte lediglich mit den Schultern gezuckt. Wer weiß, ob er die Geburt ihres Kindes noch miterleben würde. Es bescherte Katniss eine Gänsehaut und sie suchte Haymitchs Blick, aber seine grauen Augen waren auf die Whiskyflasche fixiert.

„Es ist wahrscheinlich noch heiß. Ich glaube nicht, dass es genügend Zeit zum abkühlen hatte“, sagte Peeta, als er den Brotlaib auf den Tisch legte und für sie drei zurechtschnitt.

Ganz gleich, ob das Innere des Brotes noch dampfend heiß war oder bereits abgekühlt - im Leben nicht würde Katniss einfallen sich jemals über frisch gebackenes Brot zu beschweren. Dafür liebte sie Peetas Backkünste viel zu sehr.

Als Peeta den Topf in die Mitte stellte und ihre Teller mit der dampfenden Tomatensuppe füllte, schob Haymitch seine Whiskyflasche nach einem erneuten kräftigen Schluck beiseite. Immerhin für einige Minuten.

„Ich bin noch am überlegen, ob wir aus den Äpfeln einen Kuchen oder Apfelmus machen sollten“, sagte Peeta nachdenklich. Er küsste Katniss flüchtig auf die Wange und strich liebevoll über ihren runden Bauch, ehe er sich auch schon der warmen Suppe zuwendete.

„Apfelkuchen klingt gut“, warf Haymitch ein und nickte Peeta zustimmend zu. Hätte er die Flasche noch in der Hand, hätte er wohl auf die Entscheidung, dass es bald Apfelkuchen geben würde, mit ihnen angestoßen.

Und obwohl Katniss wusste, dass Peeta Apfelkuchen nicht sonderlich mochte, beobachtete sie, wie ihr Mann nickte und in Gedanken schon beim nächstbesten Rezept war.

Er erfüllte Haymitch jeden Wunsch. Vielleicht würde es sein letzter Apfelkuchen sein, dachte Katniss und sah nachdenklich zum Fenster, wo der pfeifende Wind bunte Blätter gelegentlich gegen das Glas drückte, bevor sie ihren Blick schweigend auf ihren Teller richtete. Katniss tunkte das frische warme Brot in die Suppe ein und hörte Haymitch zufrieden über das warme Essen seufzen, als sie darüber nachdachte, was Abschied bedeutete.

Derzeit wurden die Baumkronen immer kahler, die Tage kühler - der heiße Sommer war dem Herbst schon vor Wochen gewichen. Und sie hatte die lauen Sommerabende am See und die sonnigen Tage nur schwer hergeben wollen, aber Katniss wusste wie jedes Jahr, dass der Abschied des Sommers unentbehrlich war, wenn sie im Herbst die bunten Wälder und goldenen Sonnenuntergänge sehen wollte.

Das hier, dieser Moment, dieser Abend - es war ein Abschied. Katniss schluckte das eingeweichte Stück Brot herunter und löffelte schweigend ihre Suppe, während sich Peeta mit Haymitch über die anstehenden Wahlen unterhielt. Es war in Wunder, dass Haymitch bei seinem Pegel überhaupt noch reden konnte.

Sie hob ihren Blick und beobachtete Peeta. Seine blauen Augen waren auf das Essen gerichtet, dann wieder auf Haymitch und zwischendurch auf sie, aber ihre nachdenkliche Miene schien er nicht zu bemerken - oder absichtlich zu übersehen.

Haymitch hingegen beobachtete weder Peeta noch Katniss. Sein Blick huschte zwischen dem Essen, den brennenden Kerzen und der Whiskyflasche hin und her. Ohne weiter darüber nachzudenken, stand Katniss auf, griff die schwere Flasche und ignorierte Haymitchs entsetzten Fluch, als sie den teuren Whisky aus dem Kapitol in das Spülbecken kippte.

Sie spürte Peetas Blick auf sich und schüttelte kaum merklich den Kopf. Haymitch hatte noch mehrere Kartons von diesem Zeug zu Hause, aber Katniss war froh, dass sie wenigstens diesen halben Liter von ihm Fernhalten konnte - wenn auch nur für diesen Abend. Jeder Tropfen Alkohol brachte sie dem Abschied von Haymitch näher und Katniss war nicht bereit, die nächste Suppe oder den nächsten deftigen Eintopf allein mit Peeta zu essen. Sie erinnerte sich an Peetas Worte, die er ihr in einer der schlaflosen Nächte zugeflüstert hatte. Lieben heißt auch loszulassen. Aber Katniss schüttelte erneut kaum merklich den Kopf zu sich selbst. Sie war egoistisch und nicht bereit, Haymitch den Weg mit Alkohol zu ebnen, auch wenn es ihm nach all den Jahren der Trauer, schlaflosen Nächte und Schmerzen wohl besser gehen würde, nicht mehr unter ihnen zu verweilen.

Bei den Spielen hatte es früher Überlebende gegeben, aber keine Gewinner. Haymitchs Worte waren präsent wie nie in Katniss’ Kopf, aber sie nahm an, dass Haymitch nie wirklich überlebt hatte. Er war schon vor Jahren gestorben. Das, was ihn früher einmal ausgemacht hatte, war schon lange nicht mehr da. Es gab nur noch die Hülle zu beerdigen. Und zum Glück war Katniss eine der Schweigsamen, denn diese harschen Worte hätte sie nie so wortgewandt verpacken können, wie Peeta es wohl gelungen wäre.

„Du schuldest mir eine neue Flasche, Kleine“, sagte Haymitch und schlürfte weiter seine heiße Suppe. Seitdem sie schwanger war, hatte Haymitch sich nicht mehr wirklich aufgeregt oder in irgendwelche Dinge hinein gesteigert. Diese Mühe und Kraft wollte er wohl nicht nur ihr, sondern auch sich selbst ersparen.

Katniss hörte, wie die Stuhlbeine über den gefliesten Boden kratzten, und dennoch erschrak sie leicht, als sie Peetas warme Hand auf ihrem Rücken spürte. Er legte von hinten seine Arme um Katniss und strich nachdenklich über ihren Bauch. Sie spürte, wie Peeta den Atem anhielt, als der Knirps in ihr leicht trat, aber dann schien er sich wieder zu fangen.

„Wenn du willst, können wir die ganzen anderen Flaschen auch ausschütten“, bot Peeta ihr leise an, aber nicht leise genug, damit Haymitch es überhörte.

„Werde ich denn etwa nicht gefragt? Das ist mein Eigentum“, beschwerte Haymitch sich und lachte leise in sich hinein. Wenn es nicht so traurig wäre, dann hätte Katniss vielleicht wirklich etwas lachen können. Stattdessen legte sie den Kopf nach hinten auf Peetas Schulter und schloss für einen Moment die Augen.

„Du weißt schon, dass wir den riesigen Topf Suppe nicht zu zweit aufessen können?“, fragte Peeta sie und Katniss drehte sich in seinen Armen, um ihn anzusehen. Sie sagte nichts. Peetas blaue Augen musterten sie schweigend. Es waren keine Worte nötig.

„Ich weiß“, sagte Peeta leise und küsste sanft ihre Stirn.

„Lass uns weiter essen“, und später darüber reden, fügte Katniss schweigend hinzu, als sie sich wieder setzten und Haymitch zuhörten, der darüber berichtete, wie die Preise für gutes Wild auf dem Markt immer weiter stiegen, als hätte Katniss eben nicht gerade eine halbe Flasche seines teuer geliebten Whiskys weggekippt.

„Die Suppe ist übrigens wirklich gut“, sagte sie nach einer Weile bemüht, obwohl ihr nicht nach reden zu Mute war. Peeta sah sie zufrieden an und lächelte.

„Und …?“

„Eventuell sogar besser als beim letzten Mal“, fügte Katniss hinzu und atmete tief durch.

Sie bließ immer ein paar Tage Trübsal, wenn der Sommer sich dem Ende neigte und dem Herbst wich. Katniss war nicht bereit, die warmen Tage gehen zu lassen, auch wenn sie kein Mitspracherecht hatte und den Abschied des Sommers hinnehmen musste, um den Herbst willkommen zu heißen. Nur bei Haymitch hatte sie vor, sich quer zu stellen. Sie wollte ihn nicht gehen lassen, auch wenn sie sich alle mit jeder weiteren Flasche und jedem weiteren gemeinsamen Abend dem Abschied näherten. Haymitchs endgültiger Abgang war nicht wie der Herbst. Eventuell, mit viel Kraft und Mühe, ließ er sich aufhalten, aber nicht abwenden.

Erst spät in der Nacht, als Katniss sich von links nach rechts drehte und neben Peeta nicht einschlafen konnte, kam ihr der Gedanke, dass Haymitch eventuell schon mit allem abgeschlossen hatte. Jetzt galt es für sie und Peeta nur noch das Ganze zu akzeptieren, so wie Haymitch seinen ganz eigenen Herbst bereits akzeptiert hatte, der eines Tages unausweichlich kommen würde.
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