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Captain Fantastic

von AngelsFly
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Michael Bernd "Smudo" Schmidt OC (Own Character)
14.10.2020
19.07.2021
3
4.685
2
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14.10.2020 1.726
 

„Komm schon Amy, nur noch die zwei Aufgaben. Dann machen wir Schluss für heute.“ Die Teenagerin sah Mina genervt an.
„Ich hab schon Kopfschmerzen.“, setzte sie ihr entgegen.
„Du hast es doch gleich. Schau, wenn du die 3x mit der Gleichung multiplizierst, kriegst du sie leichter aufgelöst.“, Mina deutete auf die mathematische Gleichung auf dem Übungsblatt, dass sie extra für Amy zusammengestellt hatte. Amy stellte um und rechnete aus.
„Ja, genau. Sehr gut. Du kannst das doch.“, lachte Mina und nun schlich sich auch bei Amy wieder ein Lächeln auf die Lippen. „Danke.“, gab sie zu.
„Kommst du eigentlich zu Olgas Geburtstag nächste Woche?“, lenkte Amy nun von Mathe ab.
„Wann feiert sie denn? Bisher habe ich noch keine Einladung erhalten.“, antwortete Mina.
„Oh man.“, Amy verdrehte die Augen. „Olgaaaaaaaa!“, rief sie nun ihre Schwester.
Kurz darauf war lautes Trampeln auf den Treppen zu vernehmen, dann wurde die Zimmertür aufgerissen und ein kleines, zartes Mädchen stand in der Tür.
„Wo hast du deine Einladung für Mina?“, fragte Amy. Olgas Lippen formten sich zu einem O und schon flitzte sie wieder davon. Schließlich stand sie mit einem bunt angemalten Umschlag vor Mina. „Das ist für dich.“
„Danke, Olga.“, Mina lächelte das junge Mädchen an.
„Mach auf.“, wurde Mina daraufhin aufgefordert und gleichzeitig kletterte Olga auf ihren Schoß. Mina öffnete den Umschlag und ein Papierschmetterling fiel ihr entgegen.
„Der ist ja hübsch, hast du den gemacht?“ Olga bejahte mit wildem Nicken.
„Magst du mir die Einladung vorlesen?“, fragte Mina sie. Daraufhin nahm Olga ihr den Brief ab und las ihn so flüssig sie konnte vor. „Da freue ich mich. Ich komme natürlich gerne. Umpf…“ Minas Zusage wurde mit einer Umarmung von Olga belohnt.
„Wünscht du dir denn was?“, Olga hüpfte schon von ihrem Schoß.
„Frag am besten Mama.“, mischte sich Amy mit ein.
„Das werde ich gleich machen.“, damit stand Mina auf. „Amy, dann bist du jetzt erlöst. Wir machen nächste Woche weiter und denk dran, wenn du Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben hast, schreib mir einfach.“ Amy nickte zustimmend.
Mina verließ das Kinderzimmer und ging nach unten ins Erdgeschoss. Als sie keine Geräusche ausmachen konnte, an denen sie hätte feststellen können, wo sich Esther aufhielt, rief sie nach ihr: „Esther?“
Eine Tür klackte und dumpfe Schritte kamen ihr entgegen.
„Esther ist noch kurz einkaufen gefahren.“, antwortete ihr eine tiefe Männerstimme.
Mina drehte sich um. Ein Mann mit kurzem, blondem Haar und Dreitagebart stand im Türrahmen.
„Smudo! Ich wusste gar nicht, dass du im Moment zu Hause bist.“, ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen, dass von Smudo erwidert wurde.
„Haben die Mädels was angestellt?“, fragte er mit schiefgelegtem Kopf.
Mina lachte, „Die beiden doch nicht. Nein, Olga hat mir eine Einladung zu ihrem Geburtstag gegeben. Hast du eine Idee, was ich ihr schenken könnte?“
Smudo nickte verstehend. „Sie hat letzte Woche schon Tränen verdrückt, weil sie vergessen hatte, sie dir zu geben. Hm… bei den Geschenken hat ehrlich gesagt tatsächlich Esther den Überblick.“, er fuhr sich verlegen durch die Haare.
„Nicht schlimm, dann schreib ich ihr nachher einfach eine WhatsApp. Ist ja noch ein bisschen Zeit.“
„Oder du wartest kurz? Sie sollte eigentlich gleich wieder da sein. Kann ich dir noch was zu trinken anbieten?“, Smudo zuckte etwas ratlos mit den Schultern.
Mina warf einen Blick auf die Küchenuhr, 17 Uhr. „Ja gut, dann nehme ich gerne was zu trinken.“
Smudo grinste. „Was darf‘s n sein, die Dame?“
Daraufhin musste Mina laut lachen. „Lass das!“, sie boxte ihm leicht gegen die Schulter. „Habt ihr Pfefferminztee da?“
Ohne zu antworten, fing Smudo an, den Wasserkocher aufzusetzen, nahm eine Tasse aus dem Regal und kramte in einem Schrank nach dem richtigen Teebeutel. Schließlich saßen sie mit einer dampfenden Teetasse und einem Kaffee an dem Küchentisch.
„Wie geht es dir? Wir haben uns ja echt schon ewig nicht mehr gesehen.“, Smudos blaue Augen musterten Mina nun ernst.
„Ganz gut, würde ich sagen. Die Drittklässler tanzen mir nicht mehr auf der Nase rum und meine erste Klasse ist ein riesen Glücksfang. Aber es ist immer noch eine Menge Arbeit. Gefühlt muss ich immer noch jede Stunde einzeln vorbereiten, obwohl mir die Kollegen Material zur Verfügung gestellt haben.“, erzählte Mina.
„Seit einem Jahr bist du jetzt festangestellt, richtig?“, hinterfragte er.
Mina nickte. „Genau. Und ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis man für alle Jahrgangsstufen alles so zusammen hat, dass man einfach fertige Stunden aus einem Ordner wählen kann und nicht jeden Tag fünf Stunden komplett neu plant.“
„Da machst du dir aber auch echt viel Mühe, oder? Was ich von Olga und Amy so mitbekomme, machen sich die wenigsten Lehrer noch so viel Arbeit. Viel zu häufig werden einfach nur die Hefte und Bücher durchgearbeitet, ohne die Sinnhaftigkeit zu hinterfragen.“, kommentierte Smudo.
„Da hast du recht. Ich meine, bei jedem kommen solche Stunden vor. Es ist echt ein großes Pensum, wenn man jede Stunde so interessant und motivierend wie möglich gestalten möchte. Manchmal schafft man das einfach nicht und dann sind die Lehrbücher ein wahrer Segen, weil im Grunde der ganze Stundenverlauf danach gestaltet werden kann. Aber für die Schüler dürfte das der uninteressanteste Weg sein.“, erklärte Mina.
Smudo nickte zustimmend. „Das Problem liegt im System.“, nuschelte er noch hinterher.
Diesmal nickte Mina. „Ihr müsst euch um Amy aber echt keine Sorgen mehr machen. Sie kann das alles, braucht nur scheinbar erst noch eine andere Erklärung als die von ihrem Lehrer.“, erklärte sie.
„Ich glaube, inzwischen liegt es auch eher an ihrer Faulheit.“, Smudo grinste.
„Von wem sie das wohl hat?“, die beiden drehten sich zur Küchentür, in der nun Esther stand.
„Was soll das denn jetzt heißen?“, fragte Smudo gespielt eingeschnappt.
Dann lachten sie alle. Smudo stand auf und half Esther mit den fünf Einkaufstaschen und auch Mina wollte mit anpacken.
„Nein, nein, lass nur, das machen wir. Trink du noch deinen Tee in Ruhe. Esther, weißt du, was Mina Olga zum Geburtstag schenken könnte?“, wimmelte Smudo sie ab.
„Ah, hat sie heute an die Einladung gedacht?“, fragte Esther.
„Mit Amys Hilfe.“, grinste Mina.
„Warte, ich schau mal kurz auf die Liste.“, dann verschwand sie im Flur.
Währenddessen beobachtete Mina Smudo beim Wegräumen des Einkaufs.
Wann hatte das bloß angefangen? – dass sie ihn heimlich beobachtete, sich seine Gesten und Mimik einprägte? – dass ihr Herz raste, wenn er sie ansah, gar nicht davon zu reden, wenn er sie anlachte… Doch es war nicht richtig, es fühlte sich furchtbar falsch an. Sie war so herzlich in der Familie aufgenommen worden. Vor einem Jahr hatte es Mina für die Arbeit nach Hamburg verschlagen. Es war ihr schwergefallen neue Bekanntschaften außerhalb des Schulalltags zu machen, bis sie Smudo im Fitnessstudio gesehen hatte. Mehrere Wochen hatten sie oft zu denselben Zeiten an den Geräten trainiert, ohne ein Wort zu wechseln. Doch Smudo hatte schon beim ersten Mal ihre Blicke bemerkt, umso höher rechnete er es ihr an, dass sie ihn nicht angesprochen hatte, wo er schweißgebadet versuchte seine Ausdauer zu erhalten und einige Kalorien zu verbrennen. Er hätte es gehasst, in diesem Zustand ein Foto mit einem Fan machen zu müssen. So tauschten sie lange nur ein begrüßendes Nicken und ein Lächeln aus. An einem Abend hörte Smudo jedoch, wie Mina einem der Trainer von ihrem neuen Job in der Grundschule erzählte. Das war der Tag, an dem er sie ansprach und nach dem Training auf einen Proteinshake einlud. Mina erinnerte sich, wie überrascht sie gewesen war und wie ihr Herz gerast hatte. Trotzdem hatte Smudo es mit den richtigen Fragen geschafft, sie aus der Reserve zu locken und es war ihr zunehmend leichter gefallen im Gespräch mit ihm zu bleiben. Am Ende hatte er von seinen Töchtern erzählt und gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Nachhilfe zu geben. Zwei Wochen später hatte sie den Vertrag für den Minijob unterschrieben.
„Also, ich hätte noch zwei CDs oder ein Buch offen.“, unterbrach Esther sie in ihren Gedanken und setzte sich neben Mina an den Küchentisch.
„Typisch Lehrerin wähle ich dann wohl das Buch.“ Esther lachte und schrieb ihr den Namen und die ISBN-Nummer auf einen kleinen Notizzettel.
„Keine Sorge, da wird sie sich auf jeden Fall freuen.“
„Hättest du nicht Lust noch zum Abendessen zu bleiben?“, mischte sich Smudo ein, während er das Gemüse im Kühlschrank verstaute.
„Ach, dass ist ein verlockendes Angebot, aber ich muss noch Korrekturen machen und die morgigen Stunden vorbereiten.“, damit leerte sie ihre Tasse.
„Mensch, so richtig Feierabend machst du aber auch selten, oder?“, fragte Esther und legte ihr kurz einen Arm um die Schultern. „Stimmt. Ist schon noch alles sehr anstrengend und viel, aber es macht auch viel Spaß und die Kinder sind für die Mühen am Ende immer sehr dankbar und motiviert bei der Sache.“, erklärte Mina.
„Oh, dass glaube ich dir, Kinder können einem so viel zurückgeben.“, ein seliges Lächeln legte sich auf Esthers Lippen, was Mina nur erwidern konnte.
„Na gut ihr beiden, achso...“, ihr schoss noch ein Gedanke in den Kopf, „… kann ich für Olgas Geburtstag irgendetwas mit vorbereiten? Einen Kuchen backen?“
Esther sah sich kurz zu Smudo um, bevor dieser antwortete. „Nein, brauchst du nicht. Ich denke, wir sind soweit gut vorbereitet.“ Mina nickte, „Ok, gut. Dann sehen wir uns Samstag.“, verabschiedete sie sich.
„Überarbeite dich nicht.“, nickte Esther ihr zu.
„Ich bring dich noch zur Tür.“, sagte Smudo und folgte Mina aus der Küche in den Flur, wo sie sich ihre Schuhe wieder anzog.
Als sie zur Jacke greifen wollte, hing diese jedoch nicht mehr an der Garderobe. Stattdessen hielt Smudo ihr die Jacke zum Hineinschlüpfen hin. Darüber musste sie schmunzeln. „Danke!“ Auch auf Smudos Lippen schlich sich nun ein Lächeln. Mina drehte sich mit dem Rücken zu ihm und zog sich die Jacke nun über. Sie spürte, wie Smudos eine Hand, die zuvor die Jacke am Kragen hochgehalten hatte, noch einen Moment auf ihrem Rücken verweilte. Ganz kurz schloss sie die Augen und atmete tief durch. Als sie sich umdrehte, verschwand die Hand. Dafür zog Smudo sie in eine schnelle Umarmung.
„Mach’s gut, bis Samstag!“, verabschiedete er sie.
„Ihr auch!“, rang sie sich gerade so noch ab.
Fast hätte sie es auf ein Du reduziert. Doch das war zu gefährlich. Sie hoffte, dass je deutlicher sie sich machte, dass er ganz und gar nicht allein war, dieses Kribbeln wieder verschwinden würde. Eilige trat sie vor die Tür und machte sich auf den Weg zur Stadtbahn, nach Hause.
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