Kerker oder Ligusterweg?

von LunaJo
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Albus Dumbledore Harry Potter Minerva McGonagall Petunia Dursley Rubeus Hagrid Severus Snape
14.10.2020
28.10.2020
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18.10.2020 2.153
 
Dumbledore stapfte durch das Gras und streckte sich ein bisschen, denn der Ritt auf dem Motorrad war für einen Zauberer seiner Jahrgangsstufe doch ein wenig ungemütlich gewesen. Vorsichtig rollte er die Schultern und schüttelte behutsam seine Beine aus und langsam wichen die Taubheit und der Schmerz, die ihm durch den Rücken und die Gelenke gekrochen waren.
Dann kniff er ungläubig die Augen zusammen.
„Was haben Sie da gerade gefragt, Teuerste?“ murmelte er heiser.
Minerva wiederholte ihr Anliegen.
Der Schulleiter zog jetzt ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
„Können Sie sich das nicht schon fast denken?“ erwiderte er missvergnügt. „Wer, bei Merlin, wäre wohl in der Lage, sich in eine Ansammlung von Todessern zu mischen, sogar in ein Kommando handverlesener Kapuzenträger, ohne, dass es jemandem dort auffällt?“
Seine Kollegin nickte vorsichtig. Wieder drehte sie den Knopf in ihrer Hand.
„Was haben Sie denn da, Minerva?“ wurde sie in diesem Moment gefragt.
Zögernd hielt sie ihrem Chef den blinkenden Knopf unter die Augen.
„Das habe ich dort drinnen auf der Treppe gefunden“ sagte sie leise. „Und ich meine doch zu wissen,      dass ...“
Dumbledore nahm den Knopf und betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten.

„Ja, das kann nur von seinem Mantel stammen, da haben Sie ganz recht“ bestätigte er. „Er muss nach oben gelaufen sein, denn wie sonst hätte er berichten können, dass der Kleine dort in seinem Bett gesessen hat?“
Sie sahen sich beide an.
„Sie haben ihn wirklich heute zu diesem Einsatz gehen lassen?“ hörte er dann ihre leise Frage. „War das wirklich nötig, Albus?“
Ihr Gegenüber hustete ein wenig.
„Habe ich ihn etwa dazu eingeteilt, Minerva?“ murmelte er abwehrend.
„Das nicht“ erwiderte sie langsam und wenn er richtig zuhörte, klang ihre Stimme ziemlich kühl. „Aber Sie haben seine Dienste dankend in Anspruch genommen. Ohne groß darüber nachzudenken, was das für ihn bedeuten könnte.“
„Was meinen Sie damit?“
Sie zog die Brauen zusammen.
„Wissen Sie das denn immer noch nicht?“ meinte sie dann einigermaßen fassungslos. „Lily liegt dort oben. Und auch James. Aber gerade Lily, Albus. Wenn er dort oben war, hat er das alles gesehen. Und wenn er ganz großes Pech hatte, hat er auch gesehen, wie sie sterben musste … Haben Sie wirklich nicht daran gedacht die ganze Zeit ?“
Der Schulleiter schüttelte den Kopf. Dann griff er sich an die Stirn und musste sich nun erst einmal auf den Rasen setzen.

„Da werde ich jetzt wohl erst einmal zurückkehren“ meinte er nach ein paar Minuten widerwillig. „Und … wieder einmal schauen, wie es ihm geht.“ Er seufzte unhörbar. „Und dabei bleibt uns wieder nur, zu hoffen, dass er schon so viel Feuerwhisky gebechert hat, dass ihm das Password für seinen Giftschrank entfallen ist. Wenn Sie in der Zeit noch ein wenig weitersuchen könnten?“
Minerva lächelte ein wenig.
„Das wird nicht nötig sein, mein Lieber“ erwiderte sie dann.
Dumbledore hob erstaunt den Kopf.
„Aber warum denn nicht, Minerva?“
„Ganz einfach“ meinte sie sanft und lächelte noch immer. „Ganz einfach deshalb, Albus, weil wir beide gerade denselben Weg haben.“

Das Schloss lag still und dunkel vor ihnen, als sie hastig den steinigen Kiesweg entlangeilten, der vom Tor bis hin zur Eingangstreppe führte. Nur die Eingangshalle und die langen Flure wurden des Nachts von Fackeln beleuchtet, in allen anderen Räumen waren diese längst erloschen. Nun ja, in fast allen Räumen. Beim Näherkommen bemerkten sie, dass ganz unten im Kellergeschoss noch zwei schmale Fenster von einem trüben flackernden Lichtschein erhellt wurden.
Sie nickten sich zu, betraten die Eingangshalle und liefen danach die verschlungene Wendeltreppe, die zu den Kerkern des Schlosses führte, hinunter.
Im Flur dort angekommen, hielten sie kurz inne, um wieder zu Luft zu kommen, dann räusperte sich der Schulleiter und fragte: „Und Sie meinen wirklich, Minerva, dass das möglich wäre? Überlegen Sie doch einmal, wie er sich bisher als Lehrer eingeführt hat. Mein Eindruck zumindest ist doch eher so, dass er Kinder förmlich zu hassen scheint. Denken Sie an die zahlreichen Klagen unserer Schüler, dass er sie verspottet, mit viel zu schweren Fragen quält, häufig unangekündigte Klassenarbeiten zu schreiben pflegt und selbst den Kleineren auch schon mal ein Buch um die Ohren schlägt. Ein großartiger Fachmann, keine Frage, aber menschlich, Minerva, pädagogisch, einfach eine Null ...“

„Kann das nicht durchaus auch seine Gründe haben?“ erwiderte sie sanft. „Und bedenken Sie immer, dass Sie ihm diese Stelle haben angedeihen lassen. Unter Zwang gewissermaßen. Genauso wie den Posten als Agent ...“
„Ich glaube, Sie vergessen da gerade einiges, Minerva.“ Auf der Stirn ihres Chefs erschienen wieder ein paar Falten und er blickte mit einmal ziemlich böse und gereizt.
Er kam zu mir gekrochen, Verehrteste, als Todesser und auf Knien, wie Sie sich vielleicht erinnern, und hat mich angebettelt, die schlimmen Fehler wieder gutzumachen, die ihm in bezug auf Lily und ihre Familie bei seinen dunklen Machenschaften unterlaufen sind. Ohrfeigen hätte ich ihn können, in diesem Augenblick, für seine Verrätereien und das wäre, ehrlich gesagt, noch das mindeste gewesen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich ihn förmlich überreden musste, dass unser Schutz sich nicht etwa nur auf Lily, sondern natürlich auch auf den Vater und das Kind erstreckt. Was ist das für ein Mensch, Minerva, der ganz einfach nur an seine Freundin denkt, an sein Vergnügen, das ihm irgendwann genommen wurde und dafür so mir nichts dir nichts zwei andere Menschen in den Tod zu schicken vermag …?“

Er hielt inne, weil er sah, dass seine Stellvertreterin gerade ganz leicht mit dem Kopf schüttelte.
„Könnte es nicht sein, Albus“ hörte er sie dann leise fragen. „Könnte es nicht sein, dass er einfach schrecklich einsam ist? Und wissen Sie, was er vielleicht schon alles erlebt hat? Wissen Sie das? Haben Sie auch nur einen Tag unter Voldemort gedient, mein Lieber? Oder Ihre Freundin an einen anderen verloren? Kein Mensch schüttet ohne Grund tagtäglich Alkohol in sich hinein oder mischt sich Belladonna in den Kürbissaft ...“
Dumbledore seufzte.
„Sie haben ja recht, Minerva“ meinte er begütigend. „Und Sie haben wie immer ein sehr einfühlsames Herz. Trotz allem stellt sich mir aber doch die Frage, ob das alles nun Bedingungen sind, unter denen ein kleiner, gerade schwer traumatisierter Junge letztlich dann gut aufgehoben wäre. Immer vorausgesetzt, dass wir ihn gleich dort finden werden ...“
Minerva lächelte jetzt wieder.
„Kümmern wir uns doch zunächst erst einmal darum“ meinte sie darauf. „Alles andere, mein Lieber, wird sich dann vielleicht schon finden, hoffe ich.“
„Ihr Wort in Godrics Ohr“ erwiderte der Schulleiter, räusperte sich ein paarmal und klopfte dann laut und vernehmlich an eine hohe dunkle Tür aus Holz.

Drinnen blieb es still, so still, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören. Nach mehrmaligem so vergeblichem Pochen hielt Dumbledore inne und rieb sich seine rechte Hand. Dann sah er Minerva fragend an.
„Was meinen Sie, Verehrteste? Versuchen wir dasselbe wie beim letzten Mal?“
Jetzt musste auch sie ein wenig seufzen.
„Was wird uns schon groß weiter übrigbleiben“ meinte sie dann resigniert. „Ich denke doch, dass er auch diesmal die persönliche Verriegelung seiner Wohnung ganz einfach vergessen hat.“
Und so war es tatsächlich. Nach nur einem Alohomora sprang die Tür auf, sie liefen durch einen kurzen dunklen Flur und betraten dann das Wohnzimmer, das, wie schon von draußen zu erkennen, von trübem Fackelschein erhellt war. Es war vollgestellt mit schwarzen wuchtigen Schränken, einem hohen Bücherregal, einem breiten Sofa und einem schwarzen Tisch und vor einem der Schränke saß, in einem abgewetzten Sessel, ein Mann in einer schwarzen Robe, der sehr aufmerksam und konzentriert in einem dicken Buch las.

Beide atmeten sie hörbar auf.
„Guten Abend, Severus“ sagte der Schulleiter dann leise. „Es ist schön, Sie hier bei guter Gesundheit anzutreffen.“
Der Mann im Sessel knurrte etwas Unverständliches. Noch immer steckte er seine Hakennase in das Buch, während ihm seine dunklen, etwas fettigen Haare ins Gesicht fielen und die Augen verbargen, die nach wie vor sehr aufmerksam die Zeilen entlanghuschten.
„Wir … hatten uns ein wenig Sorgen um Sie gemacht“ ergänzte Minerva. „Ich meine, an diesem Abend ...“
„Ach. Wie überaus freundlich von Ihnen“ kam es aus dem Sessel zurück und jedes der gesprochenen Worte triefte förmlich vor Hohn. Es vergingen einige Minuten des Schweigens, in denen nichts weiter zu hören war als das Rascheln der Seiten, die ab und an sehr behutsam umgeblättert wurden.
Dann räusperte sich Minerva.
„Ähm … benötigen Sie noch etwas, mein Lieber?“ erkundigte sie sich verlegen. Severus hob jetzt den Kopf und sie wich unwillkürlich zurück unter dem Blick seiner blutunterlaufenen kühlen schwarzen Augen.
„Nein, danke, Gnädigste“ zischte er sie an. „Ich habe alles, was ich brauche.“ Dann griff er nach dem Glas, das neben seinem Sessel stand und nahm einen großen Schluck. Und als er ihren Blick bemerkte, setzte er frostig hinzu: „Das ist Wasser, werte Frau Kollegin. Warum also, zum Teufel, stehen Sie beide immer noch hier?“
Sie kamen nicht mehr dazu, ihm eine Antwort zu geben, denn in diesem Moment ertönte leises Weinen aus dem Schrank, der hinter dem abgewetzten Ohrensessel stand.

Rings um die schwarzen Augen zuckte es ein wenig. Noch immer blätterten die langen blassen Finger in dem Buch herum. Dann, als das Weinen lauter wurde, sah er wieder auf, kniff die Lippen zusammen und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Was … ist das, Severus?“ fragte Minerva vorsichtig.
Sein Gesichtsausdruck wurde womöglich noch trotziger und er schwieg.
Der Schulleiter räusperte sich.
„Kann es sein, dass Sie dort drin etwas vor uns verbergen wollen?“ erkundigte er sich energisch und auch ziemlich streng.
Als noch immer keine Antwort kam, gab er Minerva einen kurzen Wink, doch noch ehe diese an den Schrank gelangen konnte, war ihr Kollege aufgesprungen, mit einer Gewandtheit, die ihm niemand zugetraut hätte, breitete jetzt die Arme aus, so dass sie schützend vor den beiden Türen lagen und schaute sie finster und wildentschlossen an. Und Minerva wich noch einmal zurück, in dem sicheren Wissen, dass sie jetzt gleich ein schlimmer Fluch erreichen würde, wenn sie auch nur eine einzige falsche Bewegung machte.

Dumbledore stellte sich neben sie und schüttelte den Kopf.
„Severus“ sagte er dann leise und eindringlich. „Kommen Sie zu sich. Hier draußen stehen keine Feinde. Und das in Ihrem Schrank da … das ist ein kleines Kind ...“
„Ja, das weiß ich ...“
Der große dunkle Mann dort hinter dem Sessel fiel förmlich in sich zusammen und es hätte nicht viel gefehlt, dass er jetzt in Tränen ausgebrochen wäre. Doch er straffte sich wieder, drehte sich dann um und öffnete so behutsam, wie er vorhin die Seiten umgeblättert hatte, eine der Türen, bückte sich und sprach ein paar leise, sanfte Worte in den Schrank.
Das Weinen verstummte. Doch als er die Tür wieder schloß, begann es danach um so stärker einzusetzen.
Ein tiefer Seufzer war zu hören. Severus drehte sich noch einmal um, sah in den Schrank hinein, ließ sich auf die Fersen hinunter und als er sich ihnen wieder zuwandte, hielt er ein Bündel im Arm, aus dem ihnen ein kleines Gesicht mit dunklen Haarkringeln verschlafen entgegenblinzelte.

Wieder machte Minerva ein paar Schritte, aber wahrscheinlich hatte sie dies zu schnell getan, denn das Gesichtchen verzog sich und wieder kullerten ein paar Tränen über seine Wangen.
„Lassen Sie ihn“ wurde sie von weiter oben angeknurrt. „Der Kleine hat heute schon genug hinter sich und das wissen Sie auch selber.“
Sie nickte vorsichtig und stellte sich wieder neben ihren Schulleiter. Von dort aus sah sie staunend zu, wie der große grobe Mann dem Jungen über die Haare strich, ihm wieder etwas zuflüsterte und dann Anstalten machte, mit ihm in die Küche zu gehen.
„Er hat Hunger, verdammt“ raunzte er sie an, als er wieder ihre Blicke bemerkte. Und dann, schon etwas milder: „Nun starren Sie nicht so. Haben Sie, bei Merlin, noch kein kleines Kind gesehen?“
Minerva konnte nicht anders, sie schlich ihm nach und konnte dann beobachten, wie der Junge eine Tasse Milch in seine Händchen bekam, die er brav austrank, wie ihm danach vorsichtig der Mund gesäubert und sogar die Finger gewaschen wurden.
Sehr zufrieden saß er jetzt im Arm seines Beschützers, der ihn an vier verblüfften Augen vorbei nun ins Schlafzimmer trug, dort in sein Bett auf ein zweites großes Kissen legte und mit der kleinen bunten Decke zudeckte, die schon griffbereit über seiner Schulter hing.
Anschließend warf er sich daneben, drehte ihnen demonstrativ den Rücken zu und gleich darauf hörten sie ein wenig heiseres Gekrächze, das wohl ein Schlaflied sein sollte und auch so verstanden wurde, denn kurz danach waren dem kleinen Jungen schon die Augen zugefallen und nur wenige Minuten später ertönte lautes Schnarchen neben ihm.

Minerva stand immer noch im Türrahmen, gähnte und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen.
„Kommen Sie“ wisperte sie dem Schulleiter zu, der genauso fassungslos danebenstand. „Ich glaube, es gibt hier heute nacht nichts mehr weiter zu tun. Auch wir können jetzt schlafen gehen, meinen Sie nicht auch?“
„Was für eine gute Idee, Teuerste“ murmelte Dumbledore und auch er fuhr sich über die Augen. Ihm war etwas schwindlig geworden und das lag sicherlich nicht nur daran, dass es bereits vier Uhr morgens war.

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