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Darkest Time - Die Rebellion (Part 2)

von KellyG
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18 / Gen
Elben & Elfen Ritter & Krieger Zauberer & Hexen Zwerge
13.10.2020
01.03.2021
7
24.552
1
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23.02.2021 3.664
 
Kurze Anmerkung: Rohin kennt ihr aus Teil 1 als Rorik Sinderfels. Da der gute aber ursprünglich nicht aus meiner Feder stammt und ich von seinem Schöpfer bisher keine Rückmeldung bekommen habe, ob ich ihn in größerem Ausmaß benutzen darf, musste ich ihn umändern und werde ein paar Charakterzüge abwandeln. In Teil 1 war er nicht so im Fokus, dass ich ihn da umschreiben würde, ich werde ihn jetzt aber zu meinem Charakter machen (und den Namen auch im ersten Teil ändern, sobald der Monat rum ist und ich die Geschichte wieder bearbeiten kann). Also bitte nicht wundern, wenn ihr jetzt statt Rorik Sinderfels Rohin Hohenfels lest (ja, die Änderung ist nicht all zu kreativ, der Name ist bewusst nahe am ursprünglichen Charakter gehalten). Dabei werde ich dann auch den Namen des Königs abändern, aus dem inzwischen nur das "i" gestrichen wurde, um die Assoziation mit Tyrion Lannister zu streichen, von der ich jetzt schon ein paar mal gehört habe.
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ROHIN
~*~

Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Es war erst wenige Stunden her, dass der König ihn vor der Zelle der elfischen Tänzerin postiert hatte, doch noch immer konnte er nicht glauben, dass es tatsächlich wahr sein sollte. Wie sollte es denn auch wahr sein? Nie im Leben hätte die schöne Elfe, die schon seit Jahren den Hof mit ihrem Tanz verzauberte, böse Absichten haben können. Sie war noch ein Kind gewesen, als sie in die Hauptstadt kam, das hatten sie überprüft. Und doch hing sie jetzt in Ketten in der feuchten Zelle hinter ihm, getrennt durch eine dicke Holztür, in der auf Augenhöhe ein schmaler Spalt angebracht war, durch den Wachen sehen konnten, ob der Gefangene sich benahm oder ob etwaige Probleme tatsächlich solche waren oder nur als Falle dienen sollten. Rohin würde sich ein wenig bücken müssen, sollte er hindurch sehen wollen. Eine kleine Unannehmlichkeit, die schon Grund genug war, nicht in die Zelle zu blicken. Zumal es ja auch nichts bringen würde. Als ob die Tänzerin ihm ihr Herz ausschütten würde, wenn er sie nur lange genug anstarrte. Als ob sie gestehen würde – oder eine logische Erklärung würde liefern können. Kaum merklich schüttelte Rohin den Kopf. Er wollte es nicht glauben und doch gab es keine andere Erklärung. Warum sonst hätte sie der Nachricht folgen sollen, die der Verräter der Nachtrose geschickt hatte?     
Als der Mann Alatariel der Spionage und des Hochverrats bezichtigt hatte, hätte Rohin ihn beinahe angegriffen. Mit bloßen Fäusten hatte er auf ihn einprügeln wollen, bis das selbstgefällige Grinsen aus seinem Gesicht verschwand und er die Anschuldigungen gegen die Tänzerin zurück nahm. Der König hatte ihn aufgehalten und hatte einen Beweis gefordert, gemeinsam mit dem Versprechen, dass er ihn doch noch würde verprügeln dürfen, sollte er gelogen haben. Rohin war nicht sicher, ob sie diesen Beweis tatsächlich bekommen hatten oder ob nur unschuldige Neugier die Elfe in die Falle getrieben hatte – aber wenn dem so war, warum hatte sie dann mit keinem Wort die Nachricht erwähnt, die sie her geführt hatte?     

Und dann gab es ja noch mehr: Sie hatten Alatariels Zimmer durchsucht, als sie sich auf den Weg gemacht hatte. Bis zum Schluss hatte Rohin gehofft, sie würde nicht gehen, als er mit Filraen hinter einer Ecke verborgen beobachtet hatte, was geschah. Als sie ihre Kammer verließ, hatte er sich eingeredet, sie würde ausgehen, vielleicht dem Armenviertel, wo sie aufgewachsen war, einen Besuch abstatten, was ihre einfache Kleidung und den kurz unter dem Mantel aufblitzenden Dolch hätte erklären können. Der junge Lichtelf hingegen hatte gezischt, er habe es gewusst, hatte ein paar widerlich rassistische Beleidigungen ausgestoßen, die ihn hatten vermuten lassen, dass der Bengel vergessen hatte, dass sie beide der gleichen elfischen Unterart angehörten, ehe er die Tür zu ihrer Kammer aufgebrochen hatte, kaum dass die Tänzerin außer Sicht war. Rohin hätte gerne noch einen Moment gewartet, wäre sicher gegangen, dass sie nicht plötzlich zurück kam, doch blieb ihm keine Wahl, als dem Jungspund zu folgen, der bereits begonnen hatte, mit einem Messer ihre Strohmatratze aufzuschlitzen. Sollte Alatariel unschuldig sein, würden sie Einiges erklären müssen. Obwohl er sich unwohl dabei fühlte, hatte er die Truhe, die am Fußende ihres Bettes stand, geöffnet und sich einem Haufen Stoff gegenüber gesehen, der sich als Tanzkleidung entpuppte, als er ihn heraus zog, was von einem leisen Klimpern begleitet wurde. Gequält hatte er die Augen geschlossen. Dieses Ensemble hatte sie vor ein paar Tagen zuletzt getragen und darin einen so zauberhaften Tanz vorgeführt, dass es ihm die Sinne geraubt hatte – zum Dank drang er tief in ihre Privatsphäre ein. Langsam legte er ihre Kleidung zurück, wobei sich etwas schmerzhaft in seine Hand drückte. Verwundet hatte er hinab geblickt und entdeckt, dass er blutete. Niemals hätten die kleinen Metallplättchen, die die Tanzgewänder zierten, so scharfkantig sein können oder dürfen. Mit gerunzelter Stirn hatte Rohin sich den Rock der Tänzerin näher angesehen und zu seinem Entsetzen winzige Klingen an einer der unteren Stofflagen entdeckt. So ungern er es sich eingestehen wollte, sah das doch weniger nach Spionage als nach Attentat aus. Alles um ihn herum hatte sich gedreht. Sollte er sich etwa so sehr in Alatariel getäuscht haben? Wie geschlagen war er ein paar Schritte zurück getaumelt, hatte jedoch inne gehalten, als der Boden unter ihm hohl klang. Bei näherer Betrachtung hatte er ein loses Brett entdeckt unter dem sich weitere winzige Klingen fanden, gemeinsam mit Tinte, Feder und Pergament, doch nichts davon war beschrieben gewesen und half ihnen so auch nicht weiter. Als Filraen gesehen hatte, was er gefunden hatte, war er herumstolziert, als hätte er gerade die Anführer der Nachtrose im Alleingang überführt. Rohin hätte ihn am liebsten geschlagen.     

„Sir Rohin, seid Ihr da?“, die geschwächte Stimme der Elfe riss ihn aus seinen Gedanken. Sie klang so zerbrechlich, so harmlos, ganz anders als das Bild, das er sich sein Leben lang von den Feinden des Königs gemacht hatte – und doch sprach alles gegen sie. Gequält schloss er die Augen, schaffte es jedoch, zu schweigen. Er sollte nicht mit ihr sprechen, sollte sich nicht weiter von ihr einwickeln lassen. Er hatte Pflichten und denen hatte er nachzukommen, ohne wenn und aber! Sein Schweigen schien sie jedoch nicht davon abzuhalten, weiter zu sprechen.     
„Es tut mir so Leid, Sir. Ich hätte gerade zu Euch ehrlich sein sollen. Hätte ich mich Euch nur anvertraut... Was müsst Ihr jetzt nur von mir denken?“     
Wenn er das nur selbst wüsste. Er war enttäuscht, erschrocken wie sehr er sich von einem hübschen Gesicht hatte blenden lassen und gleichzeitig konnte er noch immer nicht glauben, dass es wahr sein sollte. Aber wenn sie sich wünschte, sich ihm anvertraut zu haben, musste doch mehr an der Sache dran sein. Nur was hätte er denn dann tun sollen? Hätte sie erwartet, dass er sich gegen den König stellte und sie deckte? Hätte er für sie zum Verräter werden sollen? Konnte sie so durchtrieben sein?     
Unwillkürlich spannte er sich an.     
„Was hätte es gebracht? Sie haben dir wohl kaum das Messer auf die Brust gesetzt, oder?“, fragte er, bevor er sich aufhalten konnte und ballte gereizt die gepanzerte Hand zur Faust. Man sprach nicht mit Gefangenen, schon gar nicht, wenn sie des Verrats beschuldigt waren. Das war seine eigene Regel, die er verfolgte, seit er ein einfacher Knappe gewesen war und hatte es mit seinem Aufstieg weiter so gehalten. Natürlich hatte seine Herkunft ihm den Weg geebnet, dennoch hätte er es ohne harte Arbeit nicht so weit gebracht. Spätestens als es um die Ernennung der Hoheitswache ging, hätte Tyron ihm jederzeit einen Bürgerlichen vorgezogen, wäre er talentierter gewesen. So aber konnte Rohin sich ruhig etwas auf seine Befähigung einbilden. Er hatte sich bewiesen und gezeigt, dass hinter ihm nicht nur ein großer Name steckte.     
Trotz allem ließ er sich jetzt von dieser kleinen Lichtelfe aus dem Konzept bringen. Sie hatte seine Welt auf den Kopf gestellt, hatte ihn übermütig werden lassen. Noch nie zuvor hatte er eine Frau mit in die Räumlichkeiten der Hoheitswache genommen, hatte seine Kollegen dafür verachtet, wie lose sie mit den Zutrittsbeschränkungen umgegangen waren, wenn sie Huren oder schnelle Eroberungen mitbrachten – nur um dann selbst einen feindlichen Spion einzuschleppen. Was immer sie mit ihm anstellte, sie brachte ihn dazu, all seine Regeln zu brechen.     
Das leise Rasseln ihrer Ketten riss ihn aus seinen Gedanken. Kurz linste er nun doch durch die Öffnung in der Tür. Alatariel hatte anscheinend versucht, eine etwas bequemere Haltung zu finden, doch wollten die Ketten das nicht zulassen. Tyron hatte sie geradezu zur Bewegungsunfähigkeit verdammt.     
Langsam richtete er sich wieder auf.     
„Nein, haben sie nicht, da habt Ihr recht. Dennoch hättet Ihr mir vielleicht helfen können oder mich schützen, wenn ich ihnen den Rücken kehre. Die Rose reagiert ebenso ungnädig auf Verrat wie der König.“     
Ihr Geständnis ließ ihn erstarren. Vor dem König hatte sie noch geschworen, unschuldig zu sein. Sie glaubte doch nicht wirklich, er würde nicht berichten, was er gehört hatte? Oder dachte sie, sie hätte ihn genug um den Finger gewickelt, sodass er sie schützen würde? Wenn dem so war, überschätzte sie sich selbst ganz gewaltig!     
„Warum erzählst du mir das? Du weißt genau, dass der König davon erfahren wird!“, er klang zorniger, als er beabsichtigt hatte. Wieder etwas, das diese Elfe in ihm hervor brachte.     
„Weil Ihr ein anständiger Mann seid, Sir Rohin“, so wütend er geklungen hatte, so sanft klang ihre Stimme, „ich weiß, dass ich längst verurteilt bin und nichts dagegen tun kann. Ich will Euch auch nicht in Schwierigkeiten bringen, aber wenigstens Ihr sollt die ganze Geschichte kennen. Macht damit, was Ihr wollt, nur bitte, erlaubt mir, mich wenigstens einem Menschen anzuvertrauen.“     
Zum Ende hin war sie leiser geworden, klang resigniert. Sie wusste, dass sie sterben würde. Der König war nicht zimperlich, was Verräter anging, selbst wenn sie geständig waren. Die Zeit, die sie bisher in der Zelle verbracht hatte, schien ihr die Gelegenheit gegeben zu haben, sich damit abzufinden. Allerdings war er nicht sicher, ob er sie anhören sollte. Sie hatte nicht verdient, ihr Gewissen erleichtern zu dürfen, aber andererseits brannte er darauf, zu verstehen, warum sie alles verraten hatte, was sie in der Hauptstadt hatte. Er zögerte, senkte dann jedoch einen Moment lang den Blick.     
„Na gut. Rede.“     
Noch immer nicht sicher, ob er es wirklich hören wollte, sah er den Gang entlang. Das Letzte, das er jetzt gebrauchen konnte, war eine neugierige Wache, die die Situation falsch verstehen und Unsinn über ihn verbreiten würde – zumal er selbst noch nicht wusste, wie er diese Situation zu verstehen hatte oder warum er Alatariel erlaubte, ihre Geschichte zu erzählen, warum er sie verstehen wollte. Bei jedem Verräter zuvor war es ihm egal gewesen.     
„Danke“, die Elfe klang kraftlos, schwieg einen Moment, bis Rohin nicht sicher war, ob sie noch überlegte, wie sie anfangen sollte oder ob sie es sich anders überlegt hatte, „ich kam bei der Nachtrose zur Welt. Meine Eltern kämpften und fielen in der Huntyel-Rebellion. Ich erinner mich nicht an sie, die Schwester meines Vaters zog mich auf. Sie war eine liebevolle, aber strenge Frau, die mich bei der Herrin der Spione in die Ausbildung gab, kaum dass ich laufen konnte. Sie macht keinen Unterschied im Alter, jeder ihrer Schüler durchläuft die gleiche Ausbildung, egal wie alt. Und da ich so jung war, hatte ich die Grundausbildung früh absolviert. Mit 40 schickte sie mich nach Nejira, wo ich erst im Armenviertel leben und lernen sollte. Ich sollte mit der Stadt vertraut werden, lernen zu tanzen und mich darauf vorbereiten, nahe an den König zu kommen. Ich weiß nicht, wie vertraut Ihr mit Elfen seid, 40 Jahre bei uns sind etwa vergleichbar mit einem achtjährigen Menschenkind. Vor ein paar Jahren kam dann der Befehl, mich unter die Schausteller bei einer Feier zu mischen. Ich glaube, es war der Geburtstag des Prinzen, aber sicher bin ich nicht mehr. Ich war so wahnsinnig aufgeregt, glaubte den ganzen Abend, dass es auffallen müsste, rechnete jeden Moment damit, in Ketten gelegt zu werden. Beinahe hätte meine Angst den ganzen Tanz versaut.“     
Rohin erinnerte sich daran. Es war tatsächlich Gydions 17. Geburtstag gewesen, den Tyron groß hatte feiern lassen, so wie jedes Jahr. Die blutjunge Lichtelfe war unter all den Sängern, Tänzern und Artisten herausgestochen, obwohl sie vergleichsweise einfach gekleidet war. Er hatte neben Falder Gray Dienst gehabt. Der Leibgardist des Prinzen hatte genervt gewirkt, da sein Schützling alles daran legte, seinem wachsamen Blick zu entkommen, während Rohin sich an den König gehalten hatte. Die Unsicherheit der kleinen Tänzerin war spürbar gewesen, doch schob er es darauf, dass es offensichtlich ihr erster Auftritt am Hof war und die hochrangigen Gäste, ebenso wie die Anwesenheit des Königs, sie einschüchterten. Die Scheu hatte sie jedoch bei ihrem Tanz abgelegt, hatte die Blicke aller auf sich gezogen, sogar Tyron hatte aufgesehen und jede einzelne Bewegung mit seinen Augen in sich aufgesogen. Als sie fertig war, hatte er einen Diener damit beauftragt, sie an den Hof zu beordern. Zu seiner Überraschung war der Diener nicht allein mit der Antwort zurück gekommen, hatte sich aber deutlich unwohl in seiner Haut gefühlt, als die Tänzerin ihn begleitete und mit einem unbeholfenen Knicks ihre Dankbarkeit zum Ausdruck brachte. Sie fühle sich geehrt, hatte sie gesagt, fast schon gestottert vor Aufregung. Der Diener war tausend Tode gestorben, doch den König hatte es amüsiert, während ihr Mut ihn gleichzeitig beeindruckt hatte. Seine einzige Forderung war, dass sie an ihrem Knicks arbeitete und das hatte sie getan. Inzwischen knickste sie so mühelos und vollendet, dass selbst die Damen, die ihr Leben lang nichts Anderes gelernt hatten, im Vergleich zu ihr plump wirkten. Damals hatte er sich Sorgen gemacht, ob die Elfe wusste, worauf sie sich einließ, dabei war alles wohl von langer Hand geplant und sie bestens vorbereitet.     
„Ihr wisst, wie es weiter ging. Ich blieb am Hof, bekam gelegentlich Befehle von der Nachtrose übermittelt und schrieb Berichte, um sie bei Laune zu halten. Gleichzeitig lebte ich mich ein, erfuhr zum ersten Mal in meinem Leben etwas wie Freundschaft und Vertrauen, begann mich wohl zu fühlen, auch wenn die Angst erwischt zu werden mein ständiger Begleiter war. Ich begann daran zu zweifeln, ob ich wirklich das Richtige tat, ob es das alles wirklich wert war. Als ich Euch dann noch näher kennen lernte, wurde mir klar, dass ich nicht länger spionieren wollte. Das Leben, das ich vorspielte, ist zu dem geworden, das ich führen wollte. Ich hatte nie eine Wahl, bis dahin hatte sich mir nie erschlossen, dass es auch anders hätte sein können. Es klingt jetzt dumm, aber dank Euch begann ich, zu überlegen. Ich wagte zu träumen. Was, wenn ich die Nachtrose verlassen könnte? Wenn ich ein einfaches Leben führen könnte? Es fing langsam an, sich gar nicht mal mehr so abwegig anzufühlen, aber mir fehlte der Mut. Und dann kam schon die Nachricht über die Berufung des Geistlosen. Natürlich ist die Nachtrose schon eine Weile daran interessiert, was es mit denen auf sich hat aber ich wollte auch selbst wissen, was dahinter steckt, was an all den kursierenden Gerüchten dran ist. Den Rest kennt Ihr wohl besser als ich. Wenn ich eins bereue, dann, dass ich zu feige war, um Hilfe zu bitten und die Nachtrose hinter mir zu lassen. Jetzt ist es zu spät dafür und das muss ich akzeptieren.“     
Schweigen machte sich breit, hing eine Weile schwer in der Luft. Ihre Geschichte machte ihn nachdenklich. Hatte sie tatsächlich vorgehabt, die Seiten zu wechseln? Er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, wo sie geboren war und was man dort aus ihr gemacht hatte. Sie war noch ein Kind gewesen, beeinflussbar und ohne Vergleichsmöglichkeiten. Wenn sie wirklich die Seiten hatte wechseln wollen, war es schon beinahe tragisch, dass sie den Mut dazu nicht rechtzeitig gefunden hatte. Aber konnte er ihr glauben? Sie war immerhin dazu erzogen worden, zu lügen und zu täuschen, doch warum sollte sie das tun? Gerade jetzt im Angesicht des Todes. Sie konnte nicht damit rechnen, gerettet zu werden. Es war gut möglich, dass das eben ihre letzten Worte gewesen waren, warum sollte gerade das gelogen sein?      
Unsicher senkte er den Blick. Er würde dem König davon berichten, sollte der doch entscheiden, was davon zu halten war. Rohin war kein Freund blinden Gehorsams, doch in diesem Fall war es wohl besser, wenn Tyron die Lage einschätzte. Wie Alatariel sein Schweigen einschätzte, konnte er nicht sagen, denn auch sie blieb stumm. Seine Gedanken hingegen kreisten weiterhin. War er schon durcheinander gewesen, hatte ihre Geschichte es nur noch schlimmer gemacht.     
Eine Sache drängte sich jedoch in seinen Kopf, die sie ausgelassen hatte.     
„Wir haben Klingen an deinem Kleid gefunden. Wie erklärst du das?“,er schaffte es, seine Stimme strenger und stärker klingen zu lassen, als er sich fühlte. Nie zuvor hatte er sich so verunsichert gefühlt, nicht einmal als kleines Kind.     
Er glaubte mit allem gerechnet zu haben, doch nicht damit, leises Lachen aus der Zelle zu hören.     
„Ich bin keine Hochgeborene und schon gar nicht wichtig genug, einen Beschützer zu bekommen. Ihr wisst selbst, wie manche der Gäste des Königs mich manchmal ansehen und es sind nicht nur die. Bisher hab ich sie nicht gebraucht, aber ich wollte mich sicher fühlen. Allein dafür hab ich Klingen bei mir getragen. Wer nicht beschützt wird, muss das selbst in die Hand nehmen, versteht Ihr?“     
Fast war er versucht, zu nicken. Die Palastwache wäre dafür zuständig aber auch wenn er es nicht zugeben durfte, waren die meisten dieser Männer genauso gefährlich für Frauen, die allein in Gondril unterwegs waren und nicht von einem großen Namen geschützt wurden. Darauf hätte er früher kommen können und doch wusste er nicht, ob er ihr glauben sollte.     

Kaum merklich atmete er auf, als seine Ablösung um die Ecke kam. Der Mann nickte ihm zu. Rohin kannte seinen Namen nicht, hatte ihn aber schon öfters in der Nähe der Zellen gesehen. Kurz teilte er ihm mit, dass alles ruhig war und die Elfe sich benahm, lachte gezwungen über den dämlichen Spruch, des Mannes, den er vergessen hatte, kaum dass er ihm den Rücken zugewandt hatte.     

Eilig schritt er zum Thronsaal, an ihm vorbei huschende Diener ignorierte er geflissentlich. Eine junge Frau ließ beinahe die Stoffe fallen, mit denen ihre Arme beladen waren, als sie ihm auswich. Geradeso klammerte sie sich daran und nuschelte eine Entschuldigung, obwohl er es war, der sie fast umgerannt hatte. Normalerweise würde er einen Moment lang anhalten und der Dienerin versichern, dass es seine Schuld gewesen war, aber dafür war im Moment keine Zeit. Er wusste nicht, was er denken sollte und hasste dieses Gefühl mehr, als er zugeben wollte. Es dauerte nicht lang und er kam an der Seitentür zum Thronsaal an, durch die die Hoheitswache sich zweimal am Tag ablöste. Filraen kam ihm dadurch entgegen, was wohl hieß, dass Sebastian, der über Mittag Dienst hatte, seinen Posten bereits bezogen hatte.     
Der junge Elf hob erstaunt den Kopf, als Rohin ihm entgegen kam. Er wirkte erschöpft und so, als habe er sich alle Mühe gegeben, nicht zu weinen. Anscheinend war der König bester Laune und hatte den vorlauten Rotzlöffel gedemütigt, wo er nur konnte. Der Bengel würde sich noch ein dickes Fell wachsen lassen müssen.     
„Sir Hohenfels, was führt Euch her?“, fragte der junge Lichtelf, dessen Stimme sehr viel dünner klang, als er es von ihm gewohnt war, weshalb er nur abwinkte und ihn damit abspeiste, dass er den König sprechen musste. Der Junge nickte zögerlich, bohrte aber nicht weiter, sondern machte, dass er weg kam.     
Rohin seufzte leise, straffte die Schultern und klopfte kurz an, bevor er in den Saal trat. Sebastians Blick huschte kurz zu ihm, wandte sich aber wieder ab, als er erkannte, wer zu ihnen gestoßen war. Der König ignorierte ihn, sondern musterte den Bittsteller kalt, der vor dem Thron Schweißausbrüche erlitt. Die Nervosität war dem Mann anzusehen, der heftig zusammen zuckte, als Tyron sein Gesuch ablehnte und hinaus warf. Kurz sah er so aus, als wollte er protestieren, doch besann er sich eines Besseren und nahm die Beine in die Hand.     
Kaum waren die großen Tore hinter ihm ins Schloss gefallen, wandte der König sich ihm zu.     
„Sir Hohenfels, ich hatte nicht vor morgen mit Euch gerechnet. Was gibt es?“, sein Blick war noch immer kühl, regelrecht lauernd. Rohin war kein Idiot. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste, falsche Furcht aber nicht angebracht war.     
Ruhig trat er vor den König, verneigte sich steif und gab wieder, was Alatariel gesagt hatte. Seine Meinung dazu ließ er kurz einfließen, ließ sie aber nicht zum Hauptbestandteil seiner Schilderung werden.     
Als er geendet hatte, runzelte Tyron die Stirn, strich nachdenklich über sein Kinn und schwieg einen Moment. Sebastian warf ihm einen besorgten Blick zu. Der Bogenschütze hatte ihn schon immer besser lesen können, als ihm lieb war.     
„Ich werde das hübsche Elfchen noch einmal anhören. Seid morgen zu Eurer Schicht hier, dann lasse ich sie vorführen und werde entscheiden“, beschloss der König letzten Endes und entließ Rohin, der sich kein Stück schlauer fühlte, als zuvor.
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