Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Song To Say Goodbye

von Tyoldi
SongficFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Jean Descole
12.10.2020
12.10.2020
1
2.046
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
12.10.2020 2.046
 
You are one of God's mistakes

You crying, tragic waste of skin

I'm well aware of how it aches

And you still won't let me in

Now I'm breaking down your door

To try and save your swollen face

Though I don't like you anymore

You lying, trying waste of space




Erschöpft sah Descole von seinen Unterlagen auf und blickte Raymond erwartungsvoll an. Sein Diener und gleichzeitig guter Freund stand nun schon seit einigen Sekunden schweigend in der Tür, scheinbar auf etwas wartend.
"Ist etwas?", zischte der Wissenschaftler leicht genervt. Sein Ton klang schärfer als beabsichtigt; dennoch entschuldigte er sich nicht. Es gab so zu viel zu planen und zu erledigen - gelinde gesagt war er einfach zu gestresst, um sich mit solchen Nichtigkeiten wie verletzten Gefühlen zu beschäftigen.
Jetzt war nicht die Zeit für Sentimentalität.

"26 Stunden", antwortete Raymond trocken, ohne auf den ruppigen Ton seines Herrn einzugehen, "26 Stunden ohne Schlaf - ich würde empfehlen, eine Pause einzulegen."
"Nicht nötig", Descole winkte ab und verdrehte die Augen, "Für Pausen hab ich keine Zeit. Mein Bruder darf keinen Verdacht schöpfen - er muss glauben, dass es sich tatsächlich bloß um eine Forschungsreise handelt. Vor allem dürfen er und seine kleine Kindergartengruppe meine wahre Identität nicht bemerken. Es gibt zu viel, was schief gehen könnte... Wir dürfen da nicht leichtfertig rangehen. Unser Ziel ist zu wichtig, um...-"
"Mit Verlaub, ich kenne das Ziel", unterbrach Raymond ruhig. Verständnis schwang in seiner Stimme mit - vor allem war er jedoch besorgt.

Er erkannte seinen Freund nicht mehr wieder. Die ständige Gereiztheit war er gewohnt, doch diese aggressive und zunehmend rücksichtslose Art war kaum noch zu ertragen. Seit Descole es sich in den Kopf gesetzt hatte, Targent zu zerstören, schreckte er vor nichts zurück - nicht mal davor, seinen eigenen Bruder in Gefahr zu bringen. Er schien nicht zu bemerken, dass er sich der gleichen Mittel bediente wie die Organisation, die er so sehr hasste und die ihm alles genommen hatte.

Und obwohl er seinem Herrn immer treu ergeben sein würde und Descole als seinen besten und einzigen Freund bezeichnete, machte ihn dieses Verhalten wütend. Es war ermüdend, dass seine Stimme kaum noch Gehör fand; hilflos musste er mitansehen, wie sich die wichtigste Person in seinem Leben selbst vergaß.



Before our innocence was lost

You were always one of those

Blessed with lucky sevens

And a voice that made me cry




"Mein Herr", setzte Raymond erneut an, "Layton hat Kontakt mit uns aufgenommen. Er scheint fasziniert von Ihrer Schilderung über die lebende Mumie und schreibt, es sei ihm eine Ehre, sich mit dem berühmten Professor Sycamore zu treffen. Allerdings-"
"Tatsächlich? Na, das sind doch gute Neuigkeiten!", fiel Descole ihm ungeduldig ins Wort, "Wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen bezüglich der Bostonius? Wir sollten so schnell wie möglich ein Datum für die Zusammenkunft festlegen, ansonsten holen wir Targent nie ein. Ich denke, du solltest unsere werten Gäste allein abholen, während ich in Snøborg auf euch warte. Auf diese Weise kannst du schon mal einschätzen, ob mein Bruder wirklich im Dunkeln tappt oder nicht doch etwas ahnt. Nochmal, das darf unter keinen Umständen passieren. Ich sollte das Konzept unserer Tarnung dringend ein letztes Mal überarbeiten, bevor..."

Ohne den Satz zu beenden, blätterte der Archäologie fahrig in seinen Unterlagen, nur um dann unvermittelt aufzustehen. Seine Augen wanderten fieberhaft umher, als würde er nicht genau wissen, wonach er suchte.
"Raymond, i-ich...-", stotterte Descole. Verwirrt nahm er wahr, wie sich seine Finger an der Schreibtischkante festkrallten. Sein Puls stieg spürbar, er konnte sein Herz bis zum Hals schlagen hören. Panisch versuchte er, ruhiger zu atmen, was ihm jedoch nicht gelang.

Er kannte dieses Gefühl. Dunkel erinnerte er sich daran, wann er zum ersten Mal eine Panikattacke erlitt - als sein Bruder adoptiert wurde und er alleine in dem riesigen Haus seiner entführten Eltern zurückblieb.
Ein zweites Mal, als seine Frau und seine Tochter bei einem tragischen "Unglück" ums Leben kamen. Damals wurde es so schlimm, dass er sich gezwungen sah, sein Leid mit einem Therapeuten zu teilen.

Das durfte sich auf keinen Fall wiederholen... Diese schwächlichen Anfälle würden ihm seinen Plan zerstören.
Verzweifelt drehte er sich um - aus dem Augenwinkel sah er Raymond auf sich zukommen.
"Descole! Was soll ich tun? Muss ich einen Arzt rufen? ", rief der Butler erschrocken. Die Worte erreichten ihn nur dumpf, wie durch einen Schleier hindurch.
Erschöpft sank er zu Boden und schüttelte unmerklich den Kopf. Raymond kniete sich langsam neben ihn und sah ihm in die Augen. Er schien zu begreifen was los war. Nach einigen Sekunden setzte er sich seufzend und legte einen Arm um die Schultern seines zitternden Freundes.
Dankbar lehnte sich Descole gegen ihn und verharrte in dieser Position.



You were Mother Nature's son

Someone to whom I could relate

Your needle and your damage done

Remains a sordid twist of fate

Now I'm trying to wake you up

To pull you from the liquid sky

'Cause if I don't we'll both end up

With just your song to say goodbye




Nach einer unbestimmten Zeit des Schweigens räusperte Raymond sich leise.
"Na los, sprich es aus", ging Descole auf ihn ein. Seine Stimme klang müde und er machte keine Anstalten sich aus der Umarmung zu befreien; dennoch entging Raymond nicht der zynische Unterton.
"Wie Sie wünschen, mein Herr", erwiderte der Butler wie gewohnt höflich und dennoch mit einem neckischen Grinsen auf den Lippen, "Wobei ich vermute, dass Sie meine Meinung bereits kennen."
"Erkenne ich da einen Anflug von Schadenfreude?", fragte der Angesprochene belustigt.
Raymond schmunzelte: "Derartige Gefühle liegen nicht in meiner Natur."

"Hm, sicher. Wie auch immer... Du weißt, wie sehr ich deinen Rat schätze, Raymond - aber du weißt auch, warum ich das hier mache", entgegnete Descole sachlich, während er sich aufrichtete und seinen langjährigen Gefährten ansah.
"Ich bin mir nicht sicher, ob Ihr Ziel dies alles wert ist", gab Raymond sanft zu bedenken, "Niemand kann sein ganzes Leben nach Vergeltung streben. Es wird Ihnen nicht das geben, wonach Sie sich wirklich sehnen."
Hustend lachte Descole und hob amüsiert die Augenbrauen: "Und was genau soll das sein, Dr. Freud? Bitte, erleuchte mich."

Raymond seufzte frustriert und schwieg eine Weile, ehe er sich traute, die wohlüberlegten Worte auszusprechen: "Sie sind einsam. Doch anstatt Ihrem Bruder die Wahrheit zu erzählen und um seine Vergebung zu bitten, scheinen Sie ihr bestmögliches zu tun um ihn noch weiter von sich zu stoßen. Professor Layton könnte Sie mit großer Wahrscheinlichkeit sogar unterstützen, würde er alle Fakten kennen. Warum machen Sie es sich selbst so schwer?"

Die darauffolgende Antwort war wie erwartet: "Ich habe keine andere Wahl. Hershel wird meinen Plan, Targent zu zerstören nicht gutheißen - er würde einen... Nun, sagen wir einen weniger drastischen Weg bevorzugen."
"Sie meinen einen weniger gewalttätigen Weg? Mein Herr, Sie haben jegliches Maß aus den Augen verloren. Nennen Sie die Dinge beim Namen."

Erstaunt verzog Descole das Gesicht; Raymond verlor nie seine Fassung.
"Wie lange hast du darauf gewartet, mir dies zu sagen?", fragte der Wissenschaftler ruhig. Als er keine Reaktion bekam, fügte er hinzu: "Mir ist bewusst, dass einige meiner unlängsten Entscheidungen etwas... radikal erscheinen mögen. Ich bin durchaus fähig zur Selbstreflexion."
"Tatsächlich?", brummte Raymond ironisch.
"Würdest du etwa Gegenteiliges behaupten?", witzelte Descole, ehe er wieder ernst wurde.

"Diese Organisation hat mein Leben zerstört. Ich habe nichts mehr... Nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Mein einziges Ziel ist die Rache an Targent... Ich kann diese Bastarde nicht einfach davonkommen lassen. Sie werden den Schmerz, den sie meiner Familie zugefügt haben, hundertmal stärker heimgezahlt bekommen; nichts anderes verdienen sie! Oh, Bronev und seine bescheuerte Sekte werden sich wünschen, sie hätten mich nicht herausgefordert! Ja, sie werden leiden, allesamt! Targent und ihr verdammtes Aslant... Sie alle werden meinen Zorn spüren!"

Kopfschüttelnd beobachte Raymond, wie sich Descoles Hände zu Fäusten verkrampften. Seine Stimme veränderte sich merklich und man konnte buchstäblich den Wahnsinn in seinen Augen erkennen - es war, als wäre ein Schalter umgelegt worden.
"Wenn jeder Feuer mit Feuer bekämpfen würde, ginge die ganze Welt in Rauch auf", kommentierte der Butler schlicht.

Noch immer saßen die Beiden nebeneinander auf dem Boden; jedem Anderen würde Raymond empfehlen, in solchen Momenten etwas Abstand zu gewinnen. Es war definitiv eine Gratwanderung - allerdings kannte er seinen Herrn zu lange, um wirklich eingeschüchtert zu sein.

Es dauerte eine Weile, ehe sich Descole entspannte und Raymond irritiert anblickte.
"Lemony Snicket? Ernsthaft?"
"Dieser Mann hat ein Zitat für jede Situation."
"Scheint so", murmelte Descole und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
Dann sah er zurück zu Raymond.
"Tut mir leid", flüsterte er. Tränen schimmerten in seinen Augen; er wirkte völlig ausgelaugt.
Beschwichtigend nickte Raymond: "Ist schon in Ordnung, ehrlich. Ich frage mich nur... Was kommt danach?"
"Wonach?"
"Nachdem wir uns an Targent gerächt haben."
"Raymond... Du musst nicht hier sein. Ich möchte dich zu nichts zwingen. Das wäre nicht fair."

"Ich werde immer an Ihrer Seite sein. So schnell werden Sie mich nicht los", versicherte Raymond und fügte dann feixend hinzu: "Außerdem sind Sie ohne mich vollkommen aufgeschmissen."
"Das ist nicht zu leugnen", bestätigte der Wissenschaftler und griff sichtlich erleichtert nach der Hand seines Freundes.
Dieser erwiderte die Geste und hob dann fragend die Augenbrauen: "Ihnen ist hoffentlich bewusst, dass Sie zuweilen wie ein Psychopath klingen? Sowas schreckt die meisten Menschen ab."
Lachend verstärkte Descole den Händedruck kurz, ehe er aufstand und sich in dem Arbeitszimmer umsah.
"Eine Pause schadet vermutlich nicht", räumte er widerwillig ein. Insgeheim gab er Raymond recht; Schlafentzug machte wohl jeden reizbar und er musste sich eingestehen, dass er selbst besonders empfänglich dafür war.

"Descole, eins müssen Sie mir versprechen. Wenn das alles vorbei ist... Ich bitte Sie, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Bruder. Jetzt gerade kommt es Ihnen unrealistisch vor, aber es wird ein Punkt kommen, an dem... -"
"Raymond."
"Ich meine es ernst. Targent ist zerstört, Ihr Plan ist aufgegangen - was dann? Sie werden sich einen neuen Grund suchen müssen, jeden Morgen aufzustehen. Ich werde nicht zulassen, dass Sie Ihr Leben wegwerfen. Sie glauben es im Moment vielleicht nicht, aber auch Sie können wieder Glück empfinden; Sie müssen es nur zulassen. So wie es jetzt ist, muss es nicht für immer sein."
"Okay."
"Denken Sie darüber... Wie bitte? Okay?", überrascht hielt Raymond inne.
"Ja. Versprochen."







diese Idee geistert schon länger in meinem Kopf herum - jetzt bin ich sie endlich losgeworden.
schreiben macht echt Spaß, aber ich hätte nicht gedacht, dass es auch so anstrengend sein kann.
wie oft hab ich mir einzelne passagen ganz anders vorgestellt... wie oft hab ich dinge x mal überarbeitet, weil mir ein bestimmtes wort nicht gefiel... Wie oft hab ich ganze Szenarien weggelassen, weil ich mich anscheinend nicht artikulieren kann :D

daher freue ich mich über jede noch so kleine Anmerkung, Kritik, Lob... Keine falsche scheu vor reviews!

dieses Kapitel basiert nur sehr lose auf 'Song To Say Goodbye' von Placebo; das Lied war eine Inspirationsquelle für mich, weswegen ich den Text hier eingebaut habe.

https://youtu.be/e7bxXjQL3cY

der Song wurde von dem Sänger als Brief an sich selbst verfasst, um quasi das eigene Leben zu retten.
hier interpretiere ich es eher so, dass Raymond sich damit an Descole wendet, aber das kann jeder anders sehen.

Ich finde, es gibt viel zu wenig fanfics über Raymond und Descole... die Verbindung der beiden stellt sowieso ein einziges Mysterium dar. Und ich würde richtig gerne eine längere Geschichte schreiben, aber ich hab schon für ein Kapitel ewig gebraucht... Es würde sich also um Jahre handeln bis die Story fertig ist :'D
Mal schauen.

Bleibt alle gesund und danke fürs Lesen!




*alle Rechte der Charaktere liegen bei Level5, die Rechte des zitierten Songs bei Placebo
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast