Nur mit dir kann ich sein

von Peppy1602
GeschichteAllgemein / P18
12.10.2020
27.10.2020
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17.10.2020 4.739
 
Die Nacht war kurz und kräftezehrend und ich erwachte gegen sieben Uhr morgens aus einem unruhigen und traumgeplagten Schlaf. Die Sonne war schon aufgegangen und tauchte das weiße Schlafzimmer mit der hellrosa Bettwäsche und Lampenschirmen in ein goldenes Licht, das von den Schatten der Blätter unterbrochen wurde, die vor dem Fenster im Wind tanzten.
Das Poolhaus lag schön und ruhig am Ende des großen Gartens zwischen uralten Eichen, die ihre langen Ästen darüber ausbreiteten wie ein zusätzliches Dach. Da der Sommer in South Carolina unter anderem sehr drückend werden konnten, war es die perfekte Platzierung für ein solches Gästehaus, obwohl ich mir sicher war, dass mein Vater schon vor Jahren eine Klimaanlage hatte einbauen lassen.
Ich drehte mich um und vergrub mein Gesicht in den weichen Kissen.
Es war Sonntag, ich war müde und hätte nichts gegen ein oder zwei Stunden mehr Schlaf einzuwenden gehabt. Doch sobald ich die Augen schloss, sah ich sofort wieder die Bilder vor mir, die mich in der Nacht um den Schlaf gebracht hatten.
Breite, muskulöse Schultern die wie ebenmäßiges Mahagoniholz schimmerten wechselten sich mit Augen aus flüssiger Schokolade ab, die ein süßliches Ziehen in meinem Bauch verursachten.
Ich schnaubte verächtlich und riss die Augen wieder auf. Es war zwecklos.
Um nicht weiter an Nathan Harris zu denken, sprang ich aus dem Bett und beschloss Laufen zu gehen.

Innerhalb von fünf Minuten stand ich auf der kleinen Sonnenterasse des Poolhauses. Die Sonne schien mir warm auf die nackten Schultern, die mein neongelbes Tanktop nicht bedeckten. Ich entsperrte den Bildschirm meines Smartphones, um die Musik auf meinen Kopfhörern zu starten, doch das Erste, was aufblinkte, war eine Nachricht von Lee.
Ich verzog das Gesicht, weil sich erneut das Gefühl in meinem Bauch ausbreitete, dass ich ihn betrogen hatte. Schnell wischte ich die Nachricht beiseite, ohne sie zu lesen und startete meine perfekt abgestimmte Playlist, die mich durch die nächsten zehn Meilen treiben würde.

Während ich anfänglich zu leichter Popmusik durch das vornehme Viertel trabte, in dem ich aufgewachsen war, lief ich am Strand, zu harten Technobeats. Der Sand gab unter meinen Füßen nach, weswegen ich mein Tempo nur mit Mühe halten konnte. Als ich den Strand verließ, um dem Waterford Park mit seinen vielen Springbrunnen zu durchqueren, brannten meine Oberschenkel wie Feuer und ich musste meine Geschwindigkeit drosseln.
In Havard war es wesentlich einfacher die zehn Meilen herunter zu spulen. Es gab endlose Wege über den Campus und den angrenzenden Park. Alles war eben und gepflastert. In Charleston hingegen wechselte der Untergrund genauso häufig wie die Steigungen.
Es war eigentlich die passende Metapher.
Die Wege in Havard waren monoton, anspruchsvoll ohne schwierig zu sein und unfassbar langweilig. Charlestons Wege hingegen verlangten mir ordentlich etwas ab und bewirkten, dass ich unsicher war und stolpernd zu scheitern drohte.

Ich lief zwischen den Springbrunnen, die jeweils von einem Streifen Rasen umrandet wurden, Slalom, um auf dem ebenen Wegen des Parks meinen Trott wieder zu finden und meinen Puls anzupassen. Gerade als ich den großen Brunnen mit der Meerjungfrau in der Mitte, umrundete, musste ich einem anderen Läufer unsanft ausweichen.
Ich hatte auf meine Füße gestarrt, so wie ich es immer tat, wenn ich mich auf meine Atmung konzentrierte. Als ich dann den Kopf hob wäre ich fast mit einem älteren Mann, der mit wesentlich weniger Tempo vor sich hinlief, zusammengestoßen.
Erschrocken sprang ich nach rechts, trat aber genau auf die Rasenkante und knickte um. Während ich unsanft zu Boden fiel, schrie ich vor Schmerz auf. Mein Knöchel brannte höllisch, viel stärker als meine Oberschenkel nach dem Lauf auf dem Strand.
Ich hielt mir das Bein und schaute grimmig dem alten Mann hinterher, der der unbeirrt weiter lief, ohne auch nur auf mich zu achten. Ich hätte ihm am liebsten einen Stein an seinen gleichgültigen Kopf geschleudert.

„Alles ok?“ Nathans Stimme lies mich zusammenzucken.
Sobald ich meinen Kopf drehte, starrte ich geradewegs in die dunklen Augen, die mich seit gestern verfolgten. Nathan Harris hockte sich neben mich und stützte seine Ellbogen auf die Knie. Er war so nah, dass ich ihn riechen konnte. Es war eine sinnraubende Mischung aus Schweiß und Aftershave. Seine Oberarme waren so muskulös, wie es gestern die Wölbung unter seinem Jackett versprochen hatte und der Rand seines enganliegenden, blauen Laufshirts dehnte sich gefährlich über seinem Bizeps.
Sprachlos starrte ich ihn dümmlich an, während er mich mit besorgtem Blick musterte.

Innerlich konnte ich mein Unglück kaum fassen. Hatte ich mich doch gerade erst aus dem Bett in meine Laufschuhe gezwungen, um Nathan Harris zu vergessen oder zumindest diesen unmöglichen Gedanken zu entkommen, stolperte ich nun geradewegs in die nächste Begegnung mit ihm hinein.
Unwillkürlich wurde mir klar, wie ich aussehen musste.
Meine hellgraue Leggins hatte Grasflecken, mein Top klebte mir an meinem verschwitzten Leib und ich konnte fühlen, wie meine langen, blonden Haare sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatten und jetzt wild von meinem schwitzigen, hochrotem Kopf abstanden.
„Ja, ja.“, presste ich schnell hervor und zog mein Bein näher heran. Mit den Fingern befühlte ich meinen schmerzenden Knöchel.
„Kannst du aufstehen?“, fragte Nathan und richtete seine Augen auf mein Gelenk, das ich mit meiner Hand bedeckte.
„Ja, ja.“, wiederholte ich und versuchte aufzustehen. Ich biss die Zähne zusammen, fest entschlossen, dass ich nicht auf seine Hilfe angewiesen sein würde. In dem Moment hatte ich panische Angst, dass er mich berühren könnte.

„Janey?“, mein Vater tauchte hinter Nathan auf, der sich gemeinsam mit mir erhoben hatte, fast so als wollte er darauf vorbereitet sein, mich aufzufangen, falls ich fallen sollte.
Dad trug seine Sportshorts aus den siebziger Jahren, die er jeden Sonntag für seinen Dauerlauf anzog.
Ich verstand jetzt, warum meine Mutter sich immer darüber beschwerte. Seine milchigen, sehnigen Beine wurden durch den kurzen Schnitt der roten Shorts nicht gerade vorteilhaft betont.
Ähnlich besorgt wie Nathan schaute er mich an. „Hast du dir weh getan? Kannst du laufen?“

Dianas Bemerkung kam mir in den Sinn, dass Nathan ihr Vater sein könnte. Ich war nicht sicher, wie alt Nathan tatsächlich war, aber ich war sicher, dass Diana mit ihrer Aussage nicht ganz so weit von der Wahrheit entfernt lag.
Mein Vater war im März einundfünfzig Jahre alt geworden und als ich Nathan so ansah, im direkten Vergleich mit meinem Dad, der sich sicherlich optisch ganz gut gehalten hatte, vermutete ich, dass sein Alter irgendwo zwischen Ende Dreißig und Mitte Vierzig liegen musste.

„Janey?“ Dad legte mir seine Hand auf meine Schulter. Die Besorgnis in seinem Blick wurde stärker.
„Ja, alles gut. Ich bin nur umgeknickt.“, sagte ich schnell und klopfte mir den Schmutz von der Hose.
Heimlich verlagerte ich das Gewicht auf meinen Fuß, um zu testen, ob ich Recht hatte. Das Glück im Unglück war mir hold und ich konnte das Bein mit nur geringen Schmerzen belasten.
Ich strich mir die Strähnen zurück und zog mein Haargummi fester. Mein Blick blieb vehement auf meinem Vater liegen, damit ich nicht Gefahr lief, dass Nathan Harris‘ Anblick mir noch weitere Unannehmlichkeiten bescherte.
Zu dem Zeitpunkt war ich mir ziemlich sicher, dass sich zu den breiten Schultern und den schimmernden Augen jetzt auch noch sein praller Bizeps und sein unheimlich anziehender Geruch gesellen würden.

Fast verzweifelt schüttelte ich den Kopf.
„Es geht mir gut, alles ok.“, sagte ich bestimmt und straffte die Schultern.
„Sicher? Wir können auch gemeinsam nach Hause laufen, Janey.“, bot mein Vater an.
„Ja, Frederick hat Recht, wir können die Runde gemeinsam zu Ende laufen.“ Nathan nickte und stemmte seine Fäuste in die Seite. Durch die Bewegung wurde mein Blick auf seinen Bauch gelenkt.
Das war mir zu viel. Ich stöhnte innerlich auf.
Ich musste weg, weit weit weg.
„Nein, vielen Dank. Aber ich muss noch ein bisschen.“ Wie zur Bestätigung schaute ich auf meine Pulsuhr. „Mir fehlen noch ungefähr vier Meilen.“

Entschlossen drängte ich mich an den beiden vorbei. „Wir sehen uns zu Hause, Dad.“
Ohne mich noch einmal um zu drehen lief ich den großen Bogen aus dem Waterford Park hinaus. Mein Knöchel schmerzte mehr, als ich gedacht hatte, aber ich biss die Zähne zusammen und steigerte schnell mein Tempo, damit ich möglichst viel Abstand zwischen mir und Nathan Harris schuf.



Nach dem unfreiwilligen Aufeinandertreffen blieb mir leider noch elendig viel Zeit, bis ich mich auf den Weg zum Barbecue bei den Greens machen konnte. Also surfte ich im Internet und versuchte mich auf einen historischen Roman zu konzentrieren, der in der Kolonialzeit in Indien spielte, während ich meinen Knöchel mit einer Packung Eisbeutel kühlte.
Doch das alles nützte nichts. Ständig schweiften meine Gedanken ab, ließen die Bilder in meinem Kopf wie einen immer wiederkehrenden Film abspielen und machten mich schlichtweg wahnsinnig.
Es war nicht nur grotesk, es war einfach lächerlich. Grimmig dreinblickend saß ich auf dem Sofa und starrte an die Decke.
Eine solche Anziehungskraft hatte noch kein Mensch auf mich ausgeübt, dessen war ich mir sicher. Das dies jetzt passierte, musste einfach etwas damit zu tun haben, dass ich wieder in Charleston war.
Ich weiß noch, wie ich dort saß und mir einredete, dass ich eine intelligente junge Frau war, die solche Gefühle ganz rational erklären könnte. Wenn ich damals gewusst hätte, wie falsch ich lag, hätte ich mir so manches Leid ersparen können.
Doch damals wusste ich es noch nicht. Ich befand mich sicherlich in einer Lebenskrise, aber das alles hatte rein gar nichts mit Nathan Harris zu tun oder konnte erklären, warum er so auf mich wirkte.

Ich spielte alle Möglichkeiten in meinem Kopf durch und kam zu dem Punkt, dass ich einfach nicht glücklich war und mir unterbewusst etwas suchte, dass dieses frustrierende Gefühl aufbrechen würde.
Schon zu dem Zeitpunkt war ich mir bewusst darüber, dass meine Beziehung zu Robert Lee nicht gerade das war, was ich mir vorgestellt hatte.

Robert Lee Campbell, Sohn aus gutem Hause, war mit Sicherheit ein absoluter Frauenschwarm. Als Quaterback der Collegeauswahl verfügte er über alle Merkmale des heißbegehrten Junggesellen: Er war gut gebaut, hatte ein hübsches Lächeln, einen tollen Geschmack, Sinn für Humor und war intelligent.
Und, anders als es Diana scherzhaft angemerkt hatte, war er auch noch ein ziemlich guter Liebhaber.
Immer hatte ich mich in seinen Armen wohl und geborgen gefühlt und dort oben in Havard, war es bestimmt so, dass ich seine Nähe suchte. Ich würde ihm auch nicht absprechen, dass er mich damals geliebt hat, aber rückblickend würden wir beide wohl sagen, dass wir nicht wirklich viel in diese Beziehung investiert hatten. Wir schätzten einander nicht so, wie wir es sollten, wie man es tun würde, wenn man aufrichtig liebt.
Und irgendwie zeigte diese Beziehung, die vor Oberflächlichkeiten, die ich selbst heraufbeschworen hatte, nur so strotze, mit dem Finger auf mich.
Sie zeigte mir deutlich, was mir fehlte, obwohl sie mir vorgaukelte, ich würde es bereits besitzen.


Mittags schlich ich mich ins Haupthaus. Ich hatte einen Bärenhunger, weil ich seit dem vermasselten Abendessen nichts mehr zu mir genommen hatte. In der Küche im Poolhaus hatte ich zwar einen übervollen Kühlschrank, aber ich war zu Hause. Ich war in der Thompson Villa in Charleston. Also erwartete mich in der Küche das köstlichste Sandwich, das ich jemals gegessen hatte.

Als ich in die Küche trat wurde ich prompt von einem begeisterten Aufschrei begrüßt.
„Oooh, meine liebe Hailey!“ Iwona, unsere polnische Köchin kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Es tat gut ihr freundliches, rundes Gesicht zu sehen und ich schloss sie ebenso herzlich in die Arme wie sie mich. Ich drückte den kleinen rundlichen Körper an mich, der mich immer an Weihnachtsplätzchenbacken erinnert.
Als kleines Mädchen hatte ich Stunden mit Iwona in der Küche verbracht. Die mittlerweile graugewordene Frau war ein Engel auf Erden und verstand ihr Handwerk.
„Oh mein Kind!“ sie klatschte in die Hände. „Komm setzen, setzen. Hast du schon gegessen? Ach, vergiss. So wie aussiehst, du brauchst noch einen ordentlichen Schlag von Iwonas Zuwendungen, nicht wahr?“ Sie zwinkerte mir zu und strahlte über das ganze Gesicht. Schmunzelnd setzte ich mich an die Küchentheke.
„Ich würde für eins deiner berühmten Sandwiches sterben, Iwona.“, gab ich zu.
Die rundliche Köchin lachte verzückt. „Na, das will ich auch meinen. Keiner macht so gut Sandwich wie Iwona. Nicht wahr, nicht wahr?“
„Wie recht du hast.“, nickte ich und schaute fasziniert dabei zu, wie sie mit flinken Händen ein Thunfisch-Sandwich zubereitete, das himmlisch schmecken würde.

Keine zwei Minuten später stellte sie den Teller vor mich auf die Arbeitsfläche und nickte eifrig.
„Komm, essen, Hailey.“ Sie runzelte die Stirn. „Hast nicht viel gekriegt, da oben, nicht wahr?“
Ich konnte es nicht abwarten und bis herzhaft in das köstliche Brot.
„Doch, schon.“, nuschelte ich mit vollem Mund.
„Na, na, na, Hailey.“ Iwona hob den Zeigefinger. „Manieren! Du bist feine Dame und feine Dame nicht sprechen beim Essen.“
Sie sah urkomisch aus, wie sie mich mit einem finsteren Blick belegte. Ihr harter Akzent tat sein Übriges. Ich musste mich zusammenreißen nicht laut los zu lachen und das Thunfisch-Sandwich in der Küche zu verteilen.
„Abendessen gestern war nicht so schön, nicht wahr?“, meinte sie, nachdem ich artig aufgekaut hatte.
„Nicht wirklich. Aber das Essen war sehr gut.“
„Hm, dein Teller war noch voll, Hailey. Glaube nicht, dass du weißt wie gut.“
„Naja,“, verzog ich das Gesicht. „Meine Familie hat auch alles daran gesetzt mir den Appetit zu verderben.“
Iwona legte den Kopf schief. „Nun, Frauen oft schwierig zusammen. Aber dein lieber Vater, der hat damit nichts zu schaffen, nicht wahr. Bin froh, dass du gekommen bist zum Helfen bei ihm. Mister Thompson war sehr aufgeregt und glücklich.“ Sie tätschelte meine Hand.
Da ich nicht antwortete, sondern erneut kräftig in das Sandwich bis, nickte Iwona nur zufrieden.
„Gut, Hailey, immer gut essen. Gesund und genug. Immer.“ Der drohende Blick war mir nicht entgangen.
Ich kaute genüsslich auf meinem Essen herum und ließ mich von dem Geschmack verzücken. Meine Erinnerungen hatten mich nicht getäuscht. Das war wirklich das beste Sandwich, dass ich jemals gegessen hatte.

„Was wünscht du dir heute Abend, Hailey?“, fragte Iwona, nachdem ich den letzten Bissen heruntergeschluckt hatte.
„Oh, nichts.“ Ich leckte mir über die Lippen und lehnte mich pappsatt zurück. „Ich bin heute bei den Greens zum Barbecue eingeladen.“
Iwona lächelte. „Wunderbar. Ja, Olivias Barbecue sind bekannt. Soll gute Rippchen sein.“
„Fantastische Rippchen.“, zwinkerte ich.
Die Köchin nickte und schnappte sich meinen Teller. Dann grinste sie übers ganze Gesicht.
„Vielleicht lernst Dianas Freund kennen.“, meinte sie plötzlich
Verständnislos runzelte ich die Stirn. „Diana hat keinen Freund.“
„Doch, doch, bin sicher.“, nickte Iwona eifrig. „Habe gesehen. Hübscher Mann, ja wirklich. Groß und stark.“
Ich wusste nicht wovon sie sprach. Diana hatte nichts von einem Freund erzählt und erst gestern hatte sie gesagt, dass sie noch keinen gefunden hatte, der zu ihr passen würde.
Abwinkend schüttelte ich den Kopf, weil mich Iwona irritiert anschaute. Sie musste sich geirrt haben. Ganz sicher hätte Diana mir erzählt, wenn sie jemanden kennen gelernt hatte und es gab keinen Grund, warum meine beste Freundin mich anlügen sollte.
„Das muss ein Missverständnis sein.“ Ich rutschte vom Stuhl. „Aber ich wird‘s ja erfahren, oder? Bis bald Iwona und vielen Dank.“
„Sicher, sicher. Bis Bald, Hailey.“, nickte sie nur, als ich die Küche wieder verließ.

Ihre Bemerkung begleitete mich den Rest des Nachmittags auf Schritt und Tritt. Immer wieder überlegte ich, was oder wenn Iwona gesehen haben könnte. Es erschien mir völlig unlogisch, dass Diana in diesem Punkt lügen sollte.
Während ich mich schließlich für das Barbecue zurecht machte und mir meine hüftlangen blonden Haare zu einem lockeren Dutt zusammensteckte, war ich der Überzeugung, dass Iwona nur eine kleine flüchtige Bekanntschaft von Diana gesehen haben könnte.
Sicher hätte sie mir davon erzählt, wenn es mehr als ein kleiner Gute-Nacht-Kuss gewesen war.

Doch als ich mir eine Jeans und T-Shirt anzog, war ich mir da nicht mehr ganz so sicher. Diana erzählte mir eigentlich alles. Selbst die Entfernung zwischen uns hatte dem keinen wirklichen Abbruch getan, zumindest hatte ich das bis dahin geglaubt.
In meinen Gedanken kam ich nicht weiter, also beschloss ich abzuwarten, bis ich bei den Greens ankam. Da konnte ich immer noch mit Diana sprechen oder würde vielleicht sogar wirklich den ominösen Mann sehen.
Ich griff nach meiner Handtasche und den Schlüsseln und verließ kurz nach halb Vier das Haus.





Seit ich Diana kenne, waren die Barbecues ihrer Familie eine beinahe legendäre Veranstaltung, obwohl sie gerade im Sommer so regelmäßig stattfanden, dass man im Oktober beinahe froh war, keine Rippchen mehr sehen zu müssen.
Es verhielt sich immer ungefähr wie mit dem Weihnachtsessen. Man freute sich das ganze Jahr darauf, gen0ß es in vollen Zügen, als die Zeit endlich gekommen war und war dennoch heilfroh, wenn man nach all der Völlerei endlich wieder etwas ganz normales, in normal großen Portionen auf den Tisch bekam.
Nach meiner zweijährigen Abstinenz konnte ich es auf jeden Fall kaum erwarten das herrlich rauchige Fleisch mit der süßlichen Soße zu kosten.
Ich konnte den unverwechselbaren Geruch von Olivia Greens Rippchen schon riechen, als ich vor dem Haus hielt, in dem Diana aufgewachsen war. Hinter dem hohen Holzpaneelen, die den Garten des kleinen Hauses umrandeten und vor Einblicken schützten, stieg weißer Rauch auf, der allen Nachbarn zeigte, dass Olivia Green ihren Grill befeuert hatte.

Der Anblick beschwörte in mir eine süße Erinnerung auf, wie es mein eigenes Elternhaus nicht vermochte. Typisch für die Wohngegend, in der Diana lebte, war das Haus komplett aus Holz errichtet worden. Es verfügte über eine kleine Veranda vorn zur Straße und nach hinten zum Garten. Die Fassade bestand aus Holzplanken, die einmal einen grünlichen Farbton gehabt hatten, jetztjedoch einfach nur noch grau wirkten. Auch wenn das Haus meiner besten Freundin nicht unbedingt hübsch anzusehen war, hatte es eine so viel wärmere Wirkung auf mich, wie mein eigenes Zuhause.
Natürlich lag das an den Menschen, die das Haus mit Leben füllten und daraus erst wirklich ein Zuhause machten und irgendwie war es ein tröstlicher Gedanke, dass dieses Gefühl nicht erkauft werden konnte.

Dianas Mutter stieß die Tür auf und kam freudestrahlend auf die kleine Veranda.
„Oh, Hailey!“, rief sie und klatschte in die Hände. „Du bist es tatsächlich!“
Ich musste lächeln, während ich auf sie zu ging. Olivia Green hatte sich kein Stück verändert. Sie war nicht besonders groß und ganz anders als ihre Tochter hatte sie einige gute Polster auf den Hüften. Ihre Haut war viel dunkler als Dianas, aber sie hatten die gleichen großen, wunderschönen Augen.
„Hallo, Olivia.“, sagte ich und schloss sie in die Arme.
„Oh, Sweetie!“ Olivia presste mich stark an sich. „Es tut so gut dich zu sehen. Lass dich anschauen! Jesus, du bist ja eine richtige junge Frau geworden. So erwachsen!“ Ihre braunen Augen funkelten mich nur so an.
Ihre Herzlichkeit war Balsam für meine Seele.
„Komm rein, James ist schon ganz aufgeregt. Wir alle waren das, als Dee uns erzählt hat, dass du vorbeikommst. Ach, beim Allmächtigen, ich bin glücklich!“ Sie zog mich einfach mit ins Haus, ihre Hand legte sich fest um meine und ließ mich erst los, als ich auf die Veranda trat, die zum Garten führte.

Obwohl ich nur gefühlte Bruchteile einer Sekunde das Haus von innen gesehen hatte, war ich trotzdem sicher, dass sich nichts verändert hatte. Im Garten jedenfalls war alles, wie ich es in Erinnerung hatte. Ein großer Gartentisch mit Picknickbänken stand auf einem Teil des Rasens, direkt neben der gepflasterten Stelle, auf dem der große Grill stand.
James, Dianas Vater, stand direkt daneben, eingehüllt in eine graue Schürze, die von Flecken übersät war und winkte mit seiner Grillzange.
„Hailey!“, rief er.
„Hallo.“ Ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er hatte sich im Gegensatz zu seiner Frau sehr verändert. Sein Bauch wölbte sich mittlerweile gefährlich unter der Schürze und er hatte einige Haare verloren und doch war es, als wäre ich nie fort gewesen. Sein tiefes Lachen, das er von sich gab, als er direkt auf mich zu ging, war dasselbe geblieben.
„Ich umarme dich mal nicht, Kleine. Ich bin ganz schmutzig.“, lachte er. „Aber gut dich zu sehen, wirklich.“

„Jetzt kriegt euch mal wieder ein.“, motzte Diana hinter mir. „Sie war schließlich nicht im Krieg, sondern nur in Havard. Und sie ist auch nicht seit Jahrzehnten verschollen, sondern war nur zwei Jahre nicht zu Hause.“ Sie trug eine große, dampfende Auflaufform zum Tisch.
Der Geruch ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. „Ist das etwa…?“
„Mein Süßkartoffelauflauf?“ Dianas Mutter wackelte mit den Augenbrauen. „Natürlich, Sweetie. Natürlich.“
„Oh.“, schwärmte ich verzückt und ging zu Diana herüber, um mehr von dem Geruch einzuatmen. Dieser Süßkartoffelauflauf war bei weitem das Beste, was ich jemals in meinem Leben gegessen hatte. Er übertraf sogar Iwonas Thunfischsandwich.
Früher hatte ich regelmäßig meinen verhassten Geigenunterricht geschwänzt, nur um diesen Auflauf zu essen.
Jedes Mal, wenn Olivia den Auflauf zum Abendessen plante, ließ sie Diana einen schönen Gruß an mich ausrichten. Es war mein Zeichen, dass es Zeit war die klassische Ausbildung zu torpedieren und stattdessen mit Diana den Bus zum Standrand zu nehmen.
Ich griff zu einem Löffel und wollte ihn gerade durch die herrliche Käsekruste stecken, als mir Diana einen kräftigen Klaps auf die Finger verpasste.
„Au!“
„Finger weg!“, blitzte sie mich an. „Hier wird nicht aus den Schüsseln gegessen. Du wartest gefälligst, bis das Essen fertig ist. Denk an deine Erziehung!“
Als Antwort streckte ich ihr die Zunge raus, nur um im nächsten Moment laut zu lachen.

„Oh, Kinder!“, Olivia kam zu uns herüber und stellte eine große Schüssel Salat auf den Tisch. „Man könnte meinen, ihr Zwei seid wieder zwölf Jahre alt. Diana, hol lieber deine Brüder und du Hailey, du kannst die Teller verteilen.“
Das Schmunzeln in ihrem Gesicht war unübersehbar und führte dazu, dass ihr ernster Ton völlig unterging.
Ich fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr. Das Geplänkel, die Art wie alle miteinander umgingen, die Freude, die mir entgegengebracht wurde und das Gefühl, dass nichts davon an irgendwelche Erwartungen gebunden war, erfüllte mich mit einer Leichtigkeit, die meine Mundwinkeln nach oben zog und mir ein tiefes, ernstgemeintes Lächeln aufs Gesicht zauberte.
Ich war einfach glücklich, hier in dem Garten eines einfachen Hauses, gefüllt mit Leben und Liebe.


Wenig später saßen wir alle gemeinsam an dem großen Gartentisch, teilten Rippchen und Süßkartoffelauflauf und lachten gemeinsam über alte Geschichten die Dianas Vater erzählte. Es war so, als wäre ich nie weggewesen. Louis und Jordan, Dianas kleinere Brüder, löcherten mich mit Fragen über Havard und das Leben in Massachusetts. Klein ist vielleicht eine etwas falsche Beschreibung, da die beiden zwar drei und fünf Jahre jünger waren, mich jedoch um mindestens einen Kopf überragten.
Verständlicher Weise waren sie enttäuscht über meine langweiligen Ausführungen über das Collegeleben, denn sicher erzählte ich nichts über die Partys oder Ausschweifungen, vor dem auch ein Elite-College nicht verschont blieb. Somit verloren sie ziemlich schnell das Interesse an mir, ganz im Gegensatz zu ihren Eltern.

„Nun, Hailey,“ James wischte sich den Mund mit einer Papierserviette ab ohne mich aus den Augen zu lassen. „Diana hat mir erzählt, dass du die nächsten Wochen bei deinem Vater in der Kanzlei arbeiten wirst.“
Die Bemerkung lies das fast berauschende Glücksgefühl, das jegliche andere Gedanken vertrieben hatte, verschwinden.
„Stimmt.“, nickte ich und legte meine Gabel zur Seite.
James Green betrachtete mich nachdenklich. „Warum tust du das?“
Die Frage überraschte mich, obwohl sie völlig logisch erschien. Ich glaube, kein anderer hat mich damals danach gefragt.
„James!“, zischte Olivia und warf mir einen entschuldigenden Blick zu. „Tut mir leid, Hailey. Der alte Mann ist unmöglich.“
„Nein, ist schon gut.“, sagte ich. Fest schaute ich zu James herüber, der an der Stirnseite des Tisches saß, genauso wie es mein Vater bei uns zu Hause hielt. „Ich brauche ein Praktikum für meine Bewerbungen nach dem College.“
„Hm.“ Er runzelte die Stirn. „Und in Massachusetts gibt’s keine Kanzleien?“
Jetzt war ich es, die ihre Stirn kraus zog. „Doch natürlich.“
Unwillkürlich blinzelte ich. Seine Bemerkungen irritierten mich immer mehr, weil ich nicht die leiseste Ahnung hatte, worauf er hinauswollte.
„Versteh mich nicht falsch, Hailey,“ sagte James. „Ich freu mich unglaublich, dich mal wiederzusehen. Aber wenn einer nicht hierhergehört, dann bist du das.“ Ernst schaute er mir in mein verblüfftes Gesicht. „Lass dir hier ja nicht einen passenden Ehemann andrehen, der dich an diese Stadt fesselt, Kleine.“
„Dad!“, rief Diana entrüstet. Ihre Stimme bildete das perfekte Gegenstück zum Gesichtsausdruck ihrer Mutter. „Bist du verrückt geworden?“
Verständnislos hob James die Hände. „Was denn? Ich hab‘ doch recht. Ich kenne niemanden, der schneller die Beine in die Hand genommen hat, als Hailey Thompson, Charleston hinter sich zu lassen. Und ausgerechnet im besten Heiratsalter kehrt sie zurück.“

Völlig fassungslos starrte ich ihn an. Ich konnte nichts sagen. Und das nicht unbedingt, weil seine Beschreibung über mein fluchtartiges Verhalten richtig war, sondern weil mir in dem Moment nichts anderes im Kopf herumschwirrte als Nathan Harris.
„Dad, Zweiundzwanzig ist ganz sicher kein heiratsfähiges Alter! Wir leben nicht mehr in den Achtzigern!“, protestierte Diana.
Ihre Brüder konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.
Ungläubig schaute ich zwischen James und Diana hin und her. Die Situation war so unwirklich, dass ich fast in das Lachen der Jungs mit eingefallen wäre, doch stattdessen seufzte ich.
„Ich habe nicht vor zu heiraten. Und erst recht nicht in Charleston.“, sagte ich bestimmt.
Nathans Augen flackerten in Gedanken auf.
Genervt schüttelte ich den Kopf. Diese Hirngespinste raubten mir langsam den Verstand und ich schwor mir, dass ich, sobald die drei Monate vorüber waren, meine Beine in die Hand nehmen und Charleston hinter mir lassen würde, ganz so wie James Green meine erste Abreise vor zwei Jahren beschrieben hatte.


„Sorry nochmal für meinen Dad.“, sagte Diana geknickt, als sie mich am späten Abend zu meinem Auto begleitete.
„Ach, vergiss es einfach.“, winkte ich ab. Nachdenklich schaute ich meine Freundin an.
Genau wie gestern trug sie ihre Haare geglättet und offen. Es war immer noch komisch sie so zu sehen. Man sagt ja immer, dass Frauen ihre Frisur änderten, sobald sie eine Veränderung in ihrem Leben vornehmen und ich fragte mich, ob das der Grund dafür gewesen war, dass sich Diana von ihrem lockigen Afro getrennt hatte.
Iwonas Bemerkung fiel mir wieder ein. War es heute Nachmittag noch mein Hauptgedanke gewesen, so hatte ich es augenblicklich vergessen, als ich dieses Haus betreten hatte. Etwas zerknirscht darüber, dass so etwas meine Gefühle und mein verzweifelter Versuch mich in der familiären Atmosphäre zu verstecken, bewirken konnten, schaute ich zu Boden.

Ich hatte keinen Freund gesehen, wir waren unter uns geblieben. Und auch keiner der Anwesenden hatte irgendetwas gesagt, das darauf hindeutete, dass Diana jemanden kennen gelernt oder tatsächlich einen Freund hatte.
Iwona musste sich geirrt haben.
Doch als ich wieder hochschaute und Diana so ansah, war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob das stimmte. Etwas hatte sich verändert. Eventuell war es auch nur so, dass wir in den zwei Jahren, in denen ich nicht einmal zu Besuch gekommen war, doch eine gewisse Entfremdung durchgemacht hatten, die keiner von uns wahrhaben wollte.

„Morgen geht es also los?“, fragte Diana und steckte die Hände in die Gesäßtaschen ihrer Jeans.
„Jepp.“ Ich verzog das Gesicht. „Morgen, pünktlich um acht Uhr treffe ich mich mit meinem Dad in der Auffahrt. Ganz klassisch fahren wir gemeinsam in die Kanzlei.“
Diana schmunzelte. „Fantastisch. Nicht nur, dass du den ganzen Tag mit ihm verbringen wirst, du kannst nicht mal in deiner Pause nach Floppys runter und dir ein großes Eis kaufen.“ Sie grinste jetzt. „Und ich wette, du bist spätestens um elf soweit, dass du lieber direkt neben an, in Connors Bar, gehen willst und dich sinnlos besaufen möchtest.“
Die Vorstellung ließ mich laut auflachen. Sie kannte mich besser als sonst jemand.
„Bestimmt. Aber ich naja, drei Monate werde ich schon irgendwie überstehen, hoffe ich zumindest.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wenigstens hast du in ein paar Wochen Geburtstag. Ich glaub ich schenk dir so nen schicken Flachmann, den alte Männer immer mit sich rumtragen, um sich ständig mit Whiskey voll laufen lassen zu können.“
Wir prusteten gemeinsam los vor Lachen. Olivia hatte gar nicht so Unrecht damit, dass wir uns benahmen wie zwei Zwölfjährige. Und es war mir egal. Es war schön, es fühlte sich befreiend an.

Als unser Lachen verebbte, schaute ich wieder nachdenklich zu Diana herüber. Ja, sie war dieselbe wie damals und ja, sie hatte sich völlig verändert.
In dem Moment beschloss ich, dass ich sie nicht fragen würde, ob an Iwonas Bemerkung etwas dran war. Viel lieber wollte ich es von ihr hören, wenn es wahr sein sollte, wenn sie dazu bereit war. In diesen Augenblicken wollte ich einfach nur eine unbeschwerte Zeit mit ihr verbringen, genießen, dass wir uns hatten.
Und irgendwie die nächsten Wochen mit meiner Familie überstehen.
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