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All In

von Saya
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
OC (Own Character) Wonho
12.10.2020
07.11.2020
12
19.227
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12.10.2020 1.963
 
Ich genieße die Ruhe um mich herum, als ich von meiner Freundin nach Hause gehe. Es ist keine Menschenseele zu sehen, keine Passanten, keine Touristen und nur wenige Autos. Hier und da begegnet mir mal jemand mit seinem Hund. Aber es ist kein Wunder, das nicht viel los ist. Erstens ist es bereits 22 Uhr und zweitens habe ich den Weg am Hafen entlang gewählt, wo die Fischer ankommen und andere Menschen, die dort arbeiten. Der Weg ist nicht allzu weit, weswegen ich mir trotz der späten Stunde kein Taxi nehme, sondern es vorziehe, einen Spaziergang zu machen. Die Beleuchtung ist noch nicht angegangen, weswegen die Straße in einem leicht schummrigen Licht daliegt. Ich spüre die letzten Funken der gerade untergehende Sonne und ihre Bemühungen, noch mal Wärme mit ihrem Schein zu spenden. Es ist dennoch kühl für Spätsommer, weswegen ich meine Jeansjacke enger um meinen Körper wickle.
Morgen steht mir ein harter Tag bevor, weswegen ich diesen Weg noch mal benutze, um durchzuatmen und Kraft zu sammeln. Lisa hat angeboten, mich nach Hause zu bringen. Ich bin so aufgewühlt gewesen, dass sie mich nicht alleine gehen lassen wollte. Doch ich habe ihr klar gemacht, dass ich gerade Zeit für mich allein brauchte.
Tja, nächstes Mal höre ich auf sie.
Gedankenverloren hole ich meinen brustlangen, geflochtenen Zopf nach vorne und zupfe an einigen der herausstehenden dunkelblonden Strähnen herum, als ich gegen etwas pralle. Nein, nicht gegen etwas, sondern jemanden. Ein Typ Ende 30 versperrt mir den Weg und grinst mich süffisant an.
„Ganz allein unterwegs?“, fragt er wachsam, während hinter ihm zwei weitere Männer erscheinen, die mich ähnlich überheblich ansehen. „Ja, was dagegen?“, frage ich zurück und versuche, meine Worte fest klingen zu lassen. Doch es gelingt mir nicht ganz. Zum Ende hin wird meine Stimme höher. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. 'Zeig keine Schwäche!', schärfe ich mir ein, doch in den nächsten Minuten ist dieser Gedanke verflogen.
Er lacht, wobei es eher wie ein Grollen klingt. Bedrohlich und scharf. Sofort stellen sich die feinen Haare in meinem Nacken auf und mein Inneres zieht sich zusammen. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, mime die Toughe, indem ich ihm mein Kinn entgegenstrecke, das er dann packt und es ganz nah an sich zieht. Ich merke einen warmen Luftzug an meiner Wange und rieche seinen muffigen Atem, den säuerlichen Alkoholdunst, woraufhin sich mir der Magen umdreht. „Nein, ganz im Gegenteil! Das macht es mir umso leichter.“, höhnt er und packt mit der anderen Hand meinen Oberarm. Er zieht mich an sich, während ich noch nicht ganz verstehe, was hier vor sich geht.
„Du kommst schön mit!“, meint einer der anderen mit unterdrückter Gier in der Stimme und allmählich packt mich die Angst vollkommen. „Verdammt lass mich los!“, belle ich lautstark, gefolgt von einem: „Nimm deine ekligen Finger von mir!“
Er hält mich fest und will mich zu einem Kleinbus schleifen. Erst in diesem Moment begreife ich, wie ernst meine Lage tatsächlich ist. Die schiere Angst packt mich und ich versuche, mich von ihm loszureißen. Ich strample und zapple. Schlage um mich. Trete. Doch statt damit irgendwie Erfolg zu haben, macht der Typ kurzen Prozess mit mir: Er verpasst mir eine schallende Backpfeife.
Mein Kopf fliegt zur Seite und ich sehe einen Augenblick Sterne.
Danach packt er mich grober und mit beiden Armen. Er betatscht meinen Körper. Neugierig, taktlos, plump. Als ich wieder versuche, mich gegen ihn aufzulehnen und ihm zu entkommen, wird er noch skrupelloser.
'Es ist alles zwecklos!', geht es mir panisch durch den Kopf.
Ich sehe hilfesuchend zu den anderen zwei Männern, doch die grinsen mich nur an und mir rutscht das Herz gänzlich in die Hose.
Als wir fast beim Van angekommen sind, bin ich kurz davor, in Hysterie auszubrechen.
Dann allerdings höre ich eine andere, tiefere Stimme, die im perfekten Englisch knurrt: „Lasst sie sofort los!“ Ich kann nicht sehen, woher die Stimme kommt, geschweige denn, zu wem sie gehört. Erst als das Arschloch sich samt mir umdreht, sehe ich mehrere grün, braun, schwarze Uniformen – das sind Männer vom Marinestützpunkt hier um die Ecke.
„Wer will mich dazu zwingen?“, fragt mein Peiniger und lacht wieder hämisch auf, als seine Kumpels Messer zücken. Nun bin ich wirklich kurz davor, in Panik überzugehen. Einige Tränen lösen sich aus meinem Augenwinkel und ein klägliches Wimmern kommt aus meinem Mund.
Der eine Soldat hebt den Kopf leicht an. Er trägt ein schwarzes Cap, das vorher seine Augen verdeckt hat. Sie sind dunkelbraun, auch wenn ich das nur erahnen kann, aufgrund der Distanz, der aufkommenden Dunkelheit und weil er die Augen zu Schlitzen verengt hat.
Er sieht die Arschlöcher direkt an, schaut einen Moment auf die Messer und richtet dann sein Cape, sodass es sein Gesicht wieder nahezu verdeckt. „Steckt die weg und lasst das Mädchen in Ruhe, oder ihr werdet sehen, was ihr davon habt!“, erklärt er, während die anderen Soldaten sich neben ihm aufbauen. Sie sind in der Überzahl und vermutlich besser in Form als diese schmierigen Typen hinter mir. Dieses Mal hat der Mann einen deutlichen Akzent; koreanisch, wenn ich richtig liege; als müsse er sich wirklich zusammenreißen, Englisch zu sprechen und vor allem höflich dabei zu bleiben.
„Und dieses zuckersüße Mäuschen“, das Arschloch streicht mir gierig über das Gesicht, während seine andere Hand meinen Oberarm wie ein Schraubstock umschließt, „einfach so an einen Koreaner verschwenden?!“ Es ist als Beleidigung gemeint, aber keiner der Männer geht drauf ein. Sie verziehen dabei nicht einmal die Miene, besonders nicht der Mann mit dem Cape. Stattdessen stellt er sich ebenfalls gerader hin. Er ist nicht viel größer als ich, vielleicht 10 Zentimeter, aber seine Statur kommt nun noch besser zur Geltung. Er hat ein wirklich breites Kreuz und muskulöse Schultern, Arme und Beine, was ich durch die Uniform hindurch sehen kann. Denn sie spannt über seiner Brust. Na ja, es wirkt so, als könnte sie generell eine Nummer größer sein.
„Das ich nicht lache...!“, beendet mein Peiniger seine Beleidigung, woraufhin der Soldat mehrere große Schritte auf uns zu macht, sodass dann nur noch einer fehlt, um bei mir zu sein. Ich bemerke, wie mein Hintermann sich wappnet. Ja, er lacht fast schon erfreut, als würde ihn eine handfeste Prügelei genauso erfreuen, wie eine Frau zu vergewaltigen.
Unsere Blicke, meiner und der des Koreaners, treffen sich und als er sieht, wie einige weitere Tränen meine Wangen hinunterrollen, bricht er den Blickkontakt ab. Kurz frage ich mich, ob er mir nun seine Hilfe verwehrt, aber ich irre mich. „LASS SIE GEHEN!“, bricht es eine Sekunde später und lautstark aus ihm heraus, ehe seine Faust das Gesicht meines Peinigers trifft. So unerwartet, dass dieser mich einfach so freigibt und ich dann auch schon grob auf dem harten Erdboden aufpralle. Ein Schmerzensschrei entweicht meiner Lunge. Ich sehe abermals einen Moment Sterne und ein höllischer Schmerz wütet durch meinen Rücken. Breitet sich von meiner Wirbelsäule aus bis hin in meine Zehen, Fingerspitzen und Haare.
Hinter mir artet es tatsächlich in eine handfeste Prügelei aus, bei der ich Knochen brechen höre und andere Geräusche, die ich nicht unbedingt wahrnehmen möchte. Auch allen vieren versuche ich unter Schmerzen Distanz zwischen die Männer und mich zu bringen, ehe mich jemand unerwartet packt.
Ich schreie und will mich wehren, als ich den Koreaner neben mir sehe.
„Alles gut, ich tu dir nichts!“, erklärt er angespannt, aber auch total sanft. Seine Stimme klingt wie Honig und ein süßes Gefühl erfüllt mich. Rettung. Sicherheit.
Er schlingt seinen Arm um meine Hüfte und hilft mir auf. Doch als ich stehe, lässt er mich nicht los, da er scheinbar fürchtet, dass ich umkippe.
Ich bin ihm so nahe, dass ich sein wild schlagendes Herz spüre, genauso wie seinen stoßweise gehenden Atem. Ich höre ein dumpfes Geräusch, das tief aus seiner Brust zu kommen scheint und wie ein Knurren klingt, als er sich nochmal zu dem Geschehen umdreht, das immer noch in Gange ist.
„Geht es dir gut?“, will er von mir wissen und betrachtet flüchtig meinen Körper, als müsse er sich vergewissern, dass ich keine Blessuren habe. Ich nicke und seine Augen blitzen zu meinen Angreifern. Dann bellt er etwas auf Koreanisch, was mich darauf schließen lässt, das er der Anführer dieser Einheit ist. Denn sofort lassen sie von den Männern ab, die sich stolpernd und humpelnd zu ihrem Van machen und noch irgendwelche Drohungen rufen, die ich allerdings nicht verstehe.
„Ich weiß, nach dem, was gerade passiert ist, sollte ich das nicht fragen bzw. du solltest es nicht beantworten, aber ich möchte dich gerne sicher nach Hause bringen. Wo wohnst du?“ In seiner Stimme schwingt Besorgnis und Ehrlichkeit mit. Fürsorge und Mitgefühl. Aber auch noch etwas anderes, das ich nicht deuten kann.
Wachsam sehe ich ihn an und nenne ihm meine Straße, denn ich habe sofort das Gefühl, dass ich ihm blind vertrauen kann. Er ist niemand, der irgendetwas ausnutzen oder jemandem zu seinem Vorteil benutzen würde. Er ist freundlich, höflich und aufopfernd. Er würde eher eine Kugel für jemanden kassieren, als zusehen zu müssen, wie ein anderer leidet. Ich weiß das instinktiv und es verschlägt mir den Atem. Ich will mich in Bewegung setzen, doch taumle und er umschließt meine Taille fester. „Langsam.“, erklärt er und lächelt mich sanft an, sodass mir das Herz aufgeht. Er strahlt so viel Stärke und gleichzeitig Verständnis und Wärme aus, dass ich nicht anders kann, als ich ebenfalls anzulächeln. Mein Kummer von vorhin ist wie weggeblasen.
„Ja, du hast recht. Man wird immerhin nicht jeden Tag von irgendwelchen Arschlöchern bedroht und fast entführt.“, antworte ich ehrlich und wieder dringt ein Geräusch wie ein Knurren aus seiner Brust, weswegen ich schnell weiterspreche. „Danke! Ihr wart zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Verrätst du mir deinen Namen?“, frage ich und sehe ihn offen, wie ich eigentlich immer bin, an. „Lee Hoseok.“, antwortet er und schlingt seinen Arm noch etwas fester um mich.
„Es freut mich sehr, Hoseok. Ich bin Emma.“
Ich höre die Jungs hinter uns leise murmeln, während Hoseok und ich eher weniger reden. Er fragt mich ein paar Mal, ob alles in Ordnung sei und es mir wirklich gut geht, was ich jedes Mal gleich beantworte: „Mir geht es wirklich gut, mach dir keinen Kopf.“ Als wir an der Pforte zu meinem Haus ankommen, bleiben die Männer dort stehen, während Hoseok mich bis zur Eingangstür bringt.
„Hier wohnst du also?“, fragt er und wirft einen Blick auf den Garten und das Haus. Ich nicke, erzähle aber nicht, dass ich jetzt wieder und notgedrungen hier wohne. Dass ich es eigentlich nicht will, weil es das Haus meiner verstorbenen Mutter ist und darin zu viele Erinnerungen sind.
„Verschließ gleich die Tür hinter dir. Wir werden noch einen Moment hier warten, um sicherzugehen, dass diese Typen uns nicht gefolgt sind. Dir nicht gefolgt sind und vor allem dir nicht nochmal schaden können!“, erklärt er und seine Anspannung ist quasi greifbar für mich.
Er sieht es als seine Pflicht an, mich eine Zivilistin zu beschützen.
„Danke wirklich! Ohne dich wäre ich nun nicht mehr hier...“, erkläre ich und sehe ihn fest an. Er nickt und nach einem gedehnten Moment, in dem er mich ansieht und beobachtet, lächelt er dann.
„Jederzeit wieder! Das ist immerhin mein Job.“, lautet seine Antwort, die mir irgendwie einen Stich versetzt. Dann verabschiede ich mich und verschließe, wie von ihm gefordert, sofort die Tür hinter mir.
Mein Weg führt mich als Erstes ins Badezimmer, wo ich mir mein Spiegelbild anschaue und bemerke, wie abgekämpft ich aussehe. Ich wirke nur noch wie eine billige Kopie meiner selbst.
Daher beschließe ich, unter die Dusche zu springen, um den Dreck und die Tränen abzuspülen und vielleicht wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Denn nicht nur die letzten Tage haben mich völlig fertiggemacht. Besonders der heutige Tag hat dem Ganzen noch mal die Krone aufgesetzt.
 
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