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Requiem - Grabgesänge

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
11.10.2020
02.02.2021
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11.10.2020 2.182
 
War es nicht ironisch, dass man die einfachsten Dinge erst dann wirklich zu schätzen lernte, wenn man sie unwiederbringlich verloren hatte?

Angof lehnte sich mit dem Rücken gegen die dunklen, kantigen Gitterstäbe des Käfigs, in dem er saß, und starrte auf seine Hände herunter, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. Wie als Antwort darauf wanden sich die Ranken unter seiner verrottenden Haut – grau und trocken und leblos, und immer wieder blätterten Teile davon ab wie alte Farbe und enthüllten faulendes Fleisch und Knochen und dornige Auswüchse – wie wütende Schlangen und jagten neue Wellen von Schmerzen durch das, was von seinem Körper übrig geblieben war.

Wäre er noch lebendig gewesen, dann hätte ihn diese Pein schier um den Verstand gebracht. Doch selbst jetzt, wo beinahe jegliches Gefühl aus seinem verdorrten Körper gewichen war, reichte es aus, um ihm ein schmerzerfüllte Zischen zu entlocken.

Immer wenn er dachte, er kannte jede Art und Weise, auf die die Ranken ihn quälen konnten, schienen sie eine perverse Art von Genugtuung darin zu finden, ihn eines Besseren zu belehren. Waren die Ranken lebendig? Zweifellos. Hatten sie einen eigenen Willen? Das stand außer Frage. Genossen sie es, ihn zu peinigen? Fragte man Angof, dann ja.

Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war … etwas anderes verdiente er gar nicht.

Nur langsam ließ der Schmerz wieder nach, ohne jedoch völlig zu weichen. Das tat er niemals. Angof atmete tief durch, obwohl er es weder musste noch es ihm irgendetwas brachte. Vielleicht war es nur eine dumme Angewohnheit, eine Erinnerung daran, dass er vor langer Zeit einmal etwas anderes gewesen war als diese monströse Kreatur, die die Bezeichnung ‚Mensch‘ nicht länger verdiente.

Angof schloss für einen Moment die Augen. Er hatte fast vergessen, wie es war, ohne Schmerzen zu existieren – ohne die verdorbenen Ranken, die sich durch seinen Körper fraßen, sich durch seine Eingeweide wanden und sich dort durch das verrottende Fleisch bohrten, wo einst Adern entlanggelaufen waren. Jene Zeit, in der er noch nicht dem Herrn der Gewalt gedient hatte, erschien ihm wie ein ferner Traum.

Er unterdrückte ein Seufzen. Nun … er hatte all das weggeworfen.

Ein Leben ohne Schmerzen, das Gefühl eines Herzschlags in seiner Brust, frische, klare Bergluft, die seine Lungen füllte … Freundschaft, Liebe, Respekt, der nicht aus Angst geboren war … all das hatte er für seinen törichten Kreuzzug geopfert, ohne wirklich zu wissen, was er aufgab.

Aber diese Erkenntnis kam wohl zu spät.

Mit einem stummen Seufzen schlug Angof die Augen wieder auf. Was brachte es schon, einer verlorenen Vergangenheit nachzuhängen? Er hatte seine Seele an Molag Bal verkauft. Und wofür?

Seine Ranken hatten Glenumbra Stück für Stück vergiftet, während sein Kult mehr und mehr Untote erschaffen hatte. Die Werwölfe, die er unter seine Kontrolle gebracht hatte, waren in Camlorn eingefallen und hatten die Stadt an sich gerissen. Und doch waren all seine Pläne am Ende gescheitert.

Vielleicht hätte er deswegen verbittert sein sollen. Vielleicht sollte er seine Bezwinger hassen und selbst hier und jetzt noch ihren Untergang planen.

Doch die Wahrheit war … er war müde. So unglaublich müde.

Selbst der Magier, der ihm den Todesstoß versetzt hatte … was er ihm gegenüber verspürte, waren nicht Hass, Bitterkeit oder Rachsucht. Nein, Angof war diesem Mann dankbar.

Denn was für ein Leben hatte er überhaupt noch gehabt? Gefangen in diesem elenden Tot-und-doch-nicht-tot-Zustand, nur noch davon besessen, zu zerstören und zu versklaven… Der Tod war eine Erlösung gewesen, nicht mehr und nicht weniger.

Zumindest hätte er das sein sollen.

Aber … Angof gehörte dem Gott der Intrigen, mit Leib und Seele. Und Molag Bal sammelte immer ein, was ihm geschuldet wurde.

Also hatte er sich hier wiedergefunden, in Kalthafen, in dieser Zelle, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Schwarze Felswände ragten um ihn herum auf, und nur vereinzelte Fackeln, die mit blauen Flammen brannten, spendeten ein wenig Licht. Neben seinem standen noch zwei weitere Käfige aus dunklem Metall in dieser Höhle.

Er hatte keine Möglichkeit, das Verstreichen der Zeit zu messen. Vergingen Tage, Monate, vielleicht sogar Jahre? Es hätten Äonen sein können, für Angof machte das keinen Unterschied. Er war tot. Weder Hunger noch Durst plagten ihn, und selbst Schlaf blieb ihm verwehrt.

Aber irgendwann bekam er Gesellschaft.

Obwohl er im Nachhinein lieber darauf verzichtet hätte.

Die Hochelfe mit dem rotgoldenen Haar, gehüllt in sichtlich kostbare Gewänder, stellte sich ihm hochnäsig als Estre von Errinorne, Sippenhochfürstin von Himmelswacht und Gemahlin des Prinzen Naemon, vor. Dann begann sie, sich lang und breit darüber auszulassen, warum die Altmer allen anderen, niederen Völkern überlegen waren.

Als sie dann begann, den Mer zu verfluchen, der sie getötet hatte – Angof war dankbar dafür, dass er kein Altmeris sprach, denn was auch immer raboth gravia rot heißen mochte … nett war es sicherlich nicht –, blendete er sie aus, so gut er konnte.

Was ihm allerdings mehr schlecht als recht gelang. Ihre schrille, fast näselnde Stimme schmerzte in seinen Ohren, und es schien ihm, als würde eine Ewigkeit verstreichen, bis ihr endlich die Beschimpfungen und Beleidigungen ausgingen.

Irgendwann fing Estre dann scheinbar aus schierer Langeweile an, ihn auszufragen. Angof gab sein Bestes, sie nicht zu beachten, und wenn er doch antworten musste, so tat er es möglichst einsilbig. Vielleicht hätte sie noch ewig so weiter gemacht – herablassende Fragen gemischt mit lautstarken Beschwerden darüber, dass die Unterbringung in einem Käfig einer Adligen ihres Standes einfach nicht angemessen war –, doch überraschend kurze Zeit später gesellte sich ein dritter Gefangener zu ihnen.

Der Neuankömmling war ein Nord in dunkler Robe. Haar und Bart waren bereits ergraut, obwohl er vielleicht gerade einmal ein paar Jahre älter war als Angof selbst. Er schien sehr von sich selbst überzeugt zu sein, und grummelte etwas von einem verdammten thund-alf, dem er das Herz bei lebendigem Leibe herausreißen würde, sollten sich ihre Wege noch einmal kreuzen.

Es dauerte nicht lange, bis der Nord – Thallik Wurmvater, ein treuer Diener des Wurmkults, wie er sich selbst bezeichnete – und die Hochelfe anfingen, sich zu streiten.

Angof seufzte stumm und presste die Kiefer zusammen. War das die Strafe für sein Versagen? Bis ans Ende der Ewigkeit hier in diesem Käfig zu sitzen und zuhören zu müssen, während sich die anderen Beiden wie Kinder zankten?

Sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihn zu beachten – was ihm ganz lieb war. Zwar hätte er es vorgezogen, einfach zu gehen und sie sich selbst zu überlassen, aber selbst die unnatürliche Stärke seines untoten Körpers reichte nicht aus, um die Stäbe des Käfigs zu verbiegen. Er hatte es versucht.

Also war er hier gefangen, und ihm blieb gar nichts anderes übrig, als das Gezanke seiner Mitgefangenen zu ertragen.

Estre, die selbsternannte Schleierkönigin, so erfuhr er durch Zuhören, war der Ansicht, dass Waldelfen und Khajiit kaum mehr waren als Sklaven. Die Gründung des Dominions war ihr demzufolge ein Dorn im Auge gewesen. Über Jahre hinweg hatte sie Gleichgesinnte um sich geschart, mit dem Ziel, Königin Ayrenn, die Schwester ihres Gatten, zu stürzen und an Prinz Naemons Seite zu regieren.

Dieser Plan war jedoch durch einen von Ayrenns Getreuen, einen kürzlich aus Cyrodiil zurückgekehrten Soldaten, zunichtegemacht worden.

Und obwohl ihre Familie eigentlich Mehrunes Dagon die Treue hielt, hatte sie einen Pakt mit dem Wurmkönig Mannimarco geschlossen – was letztendlich dazu geführt hatte, dass ihre Seele nach ihrem Tod nach Kalthafen statt in die Totenländer gelangt war.

Angof schüttelte den Kopf. Diese Hochelfe war so sehr von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt, dass es schon beinahe wieder lächerlich war.

Thallik hingegen war eines der ranghöchsten Mitglieder in Mannimarcos Orden des Schwarzen Wurms gewesen, und hatte sein Bestes getan, Tod und Zerstörung in Rift zu verbreiten. Wenn Angof seinen Worten Glauben schenken konnte, dann war es ihm gelungen, den Geist eines uralten Riesen zu erwecken und auf die einheimische Bevölkerung loszulassen. Beinahe jedenfalls.

Auch sein Plan war auf beeindruckende Weise in sich zusammengefallen, doch hier lag die Schuld nach Thalliks Worten bei einem umherreisenden, dunkelelfischen Abenteurer.

Vielleicht, dachte Angof bei sich, sollte der selbsternannte Wurmvater die Schuld eher bei sich und seiner eigenen Unfähigkeit suchen, die nur noch von seinem Machthunger übertroffen wurde.

Nicht, dass er diese Gedanken laut aussprach. Das fehlte ihm gerade noch, dass Estre und Thallik ihren Streit beilegten und ihre ganze aufgestaute Wut an ihm ausließen.

Was allerdings nicht bedeutete, dass er nicht darüber nachdachte, den beiden mit seinen Ranken langsam und genüsslich die Luft abzuschnüren. Sie schienen, als hätten sie es durchaus verdient, und vielleicht würden sie dann endlich Ruhe geben.

Angof versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass er schon Leute für weitaus weniger getötet hatte.

Aber bei allen Geistern, diese beiden gingen ihm auf die Nerven.

Ein Räuspern, das beinahe – aber wirklich nur beinahe – höflich zu nennen gewesen wäre, unterbrach den neuesten Streit seiner Mitgefangenen.

„So viel Energie, so viel … Leidenschaft!“ Angof blickte ruckartig auf und verengte misstrauisch die Augen, während er den Neuankömmling musterte. Würde er nun endlich erfahren, warum er hier war? „Die werdet ihr in meinem Spiel brauchen, wisst Ihr?“

Verwirrt blinzelte Angof. Auch Estre und Thallik sahen nicht so aus, als wüssten sie, wovon dieser Fremde sprach.

Er war groß gewachsen und von kräftiger Statur, doch von seinem Körper war nur die untere Hälfte seines Gesichts zu sehen. Der Rest blieb unter einer schweren, kantigen Plattenrüstung von grau-schwarzer Farbe verborgen. An seinem Gürtel trug er zwei grausam gekrümmte Schwerter mit gezackten Schneiden.

Einen Moment lang hielt Angof ihn für einen Menschen – bis er kühl lächelte und dabei nadelspitze Zähne entblößte.

„Ich bin der Beobachter“, begann er mit heiserer, irgendwie metallisch klingender Stimme zu erklären, „und ihr Maden seid hier, weil ihr meinen Herrn enttäuscht habt.“

Angof rührte sich nicht. Also … war das hier doch eine Bestrafung. Eine Bestrafung für sein Versagen, Glenumbra zu erobern. Damit hatte er schon fast gerechnet. Dennoch regte sich Widerstand in ihm. Ein winziger Teil seines Selbst begehrte dagegen auf, weiter ein Sklave zu sein. Aber egal wie sehr er sich dagegen wehren mochte … hier an diesem Ort war er machtlos. Sein Schicksal lag nicht mehr in seiner Hand – das hatte es nicht mehr getan, seit er den Pakt mit Molag Bal geschlossen hatte.

Seine Mitgefangenen hingegen begannen, lautstark gegen die Worte des Beobachters zu protestieren, bis er sie mit einer scharfen Geste zum Schweigen brachte. „Genug!“, zischte der Daedra drohend und legte die Hände hinter dem Rücken zusammen.

„Ihr seid allesamt Versager. Aber unser Meister ist gnädig. Fürst Bal ist bereit, euch drei nutzlosen Insekten eine zweite Chance zu geben.“ Angof blickte zu den anderen Beiden. Estre wirkte, als würde sie genau abwägen, welche Vorteile sie daraus ziehen konnte. In Thalliks Augen hingegen stand ein gieriges Funkeln.

„Was für eine ‚zweite Chance‘?“, fragte Angof schließlich weitaus ruhiger, als er sich fühlte. Ein Daedra bot niemals etwas umsonst an – das hatte er auf schmerzhafte Weise lernen müssen.

Der Beobachter lächelte. „Ganz einfach“, sagte er belustigt. „Ihr werdet mein Spiel spielen. Der Sieger erhält seine Freiheit, und die Verlierer… Nun ja. Ich glaube kaum, dass ich das weiter ausführen muss, oder?“ Sein Lächeln wurde breiter.

Angof schüttelte stumm den Kopf. Das … schien zu leicht, um wahr zu sein. Wo war der Haken an der Sache?

„Ein Spiel gewinnen?“ Thallik lachte herablassend. „Das ist wohl kaum eine Herausforderung…“

Die Hochelfe rollte nur die Augen. „Ihr seid dümmer als ich dachte“, bescheinigte sie ihm kühl, „und das will schon etwas heißen.“ Widerwillig gab Angof ihr Recht. Nicht, dass er das jemals zugeben würde…

„Die Regeln sind einfach“, unterbrach der Beobachter die beiden, bevor sie erneut anfangen konnten, sich zu streiten. „Ihr drei Versager werdet gegeneinander spielen, doch ihr könnt nicht selbst am Spiel teilnehmen. Jeder von Euch wird seine Truppen und einen … Champion befehligen. Euer Ziel ist es, die gegnerischen Champions zu töten. Wessen Champion getötet wird, der hat das Spiel verloren. Derjenige, der am Ende übrig bleibt, hat gewonnen.“

Das klang in der Tat einfach … zu einfach. Angof wusste nicht, was er davon halten sollte.

Scheinbar dachte Estre genauso. „Und das ist wirklich alles?“, fragte sie misstrauisch und verschränkte die Arme.

„Natürlich sind die Regeln … dehnbar.“ Der Beobachter zuckte die Schultern. „Wo bliebe denn sonst die Spannung? Die Aufregung? Der Spaß?

Also … konnte er die Regeln nach Belieben ändern? Angof verlagerte unruhig sein Gewicht. Das gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht. Er wollte das hier nicht. Er wollte einfach nur seinen Frieden finden.

Doch … für ein Monster wie ihn gab es keinen Frieden. Er verdiente ihn nicht.

Aber vielleicht … vielleicht… Wenn er in diesem Spiel wirklich seine Freiheit gewinnen konnte…

Molag Bals verderbte Magie hatte ihn zu der Kreatur gemacht, die er heute war – vielleicht konnte dieselbe Magie ihm seine alte Gestalt zurückgeben. Vielleicht konnte er wieder er selbst werden.

Irgendwo in Kalthafen musste der Schlüssel zu seiner Erlösung versteckt liegen.

Und wenn … falls … es ihm gelang, wieder menschlich zu werden … vielleicht konnte er dann zumindest versuchen, seine Verbrechen wiedergutzumachen.

Vielleicht.

Dieses Wort war alles, an was er sich noch klammern konnte.

Also nickte er stumm, und sah aus dem Augenwinkel, wie Estre und Thallik das Gleiche taten. Der Beobachter klatschte in die Hände. „Vortrefflich!“, murmelte er und grinste düster. „Dann mögen die Spiele beginnen!“




Altmeris

raboth gravia rot – widerwärtiger, verfaulter Goblin


Nord

thund-alf – Dunkelelf
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