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Vom Regen in die Traufe

GeschichteAngst, Tragödie / P16 / Mix
Bahorel Enjolras Eponine Grantaire Joly Montparnasse
11.10.2020
11.10.2020
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Vom Regen in die Traufe

Grantaire nippt an seinem Glas. Sofort erfüllt ein rauchiger Geschmack seinen Mund. Er schließt die Augen und genießt, wie die samtige Flüssigkeit seine Zunge umspielt. Mit leichter Wehmut schluckt er und der Alkohol brennt sich den Weg in seinen Bauch. Eine wohlige Wärme beginnt Grantaire zu durchströmen.
„Hast du nicht genug, mein Freund?“
Bahorel lässt sich neben ihn fallen. Er sieht ihn allerdings nicht an, sondern betrachtet, ähnlich Grantaire, das Treiben in der Bar vor sich.
„Meine Gedanken sind noch die meinen und ich kann mit dem Finger meine Nasenspitze berühren. Ohne zu zittern.“
„Und das ist der ultimative Beweis für deine Trinkfestigkeit?“
„Jap.“
Bahorel brummt. Offensichtlich ist er mit der Einschätzung nicht einverstanden. Unbehelligt nimmt Grantaire einen weiteren Schluck. Er setzt sein Glas ab und stellt mit Bedauern fest, dass es leer ist. Vielleicht ist es gut so. Er sollte die Gelegenheit nutzen.
„Ich werde den Rückzug antreten.“
„So früh? Wir sind doch gerade erst angekommen. Selbst Enjolras ist noch nicht geflüchtet.“
Unweigerlich wendet sich Grantaire bei der Erwähnung dem Träger diesen Namens zu. Er sitzt mit Combeferre an der Bar und hat einen bedauernswerten Unwissenden in eine Diskussion verwickelt. Selbst von seinem Platz in der Ecke, kann Grantaire das Feuer in Enjolras’ Augen erkennen. Alles, was er für ihn übrig hat, ist Eis.
„Ich habe noch ein Kunstprojekt, dass ich bis morgen abgeben muss“, schwindelt Grantaire. „Wir sehen uns übermorgen.“
Bevor Bahorel protestieren kann, schnappt er sich seine Jacke. Beim Rausgehen verabschiedet er sich bei allen Freunden, welche seinen Weg kreuzen und denen er nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann. Mit einem leeren Gefühl im Herzen tritt er in die klare Nacht des sterbenden Herbstes.
„War das R, der gerade gegangen ist?“ Mit einem Nicken bestätigt Bahorel die Vermutung von Feuilly. Leise flucht er. „Ist dir auch aufgefallen, dass er sich in letzter Zeit immer häufiger isoliert?“
„Ich befürchte, dass es kaum noch zu übersehen ist.“
„Redet ihr über Grantaire?“
Éponine lässt sich auf Bahorels anderer Seite fallen. Falls ihr das leere Glas kein Hinweis ist, dann ist es spätestens das Nicken der beiden Männern.
„Hat er dir erzählt, warum er in den letzten Wochen kaum noch Zeit mit uns verbringt?“
„Nein. Heute ist es angebliche ein Kunstprojekt, beim letzten Mal brauchte ein Freund Hilfe beim Umzug und davor ist der Hund seiner Oma gestorben. Ich weiß allerdings aus sicherer Quelle, dass er quietschfidel ist. Musichetta hatte sie im Park gesehen.“
„Vielleicht braucht er nur etwas Zeit für sich“, sagt Feuilly. „Wir sollten nicht gleich das Schlimmste vermuten.“
Keiner der drei kann verhindern, dass sie an die Geschehnisse des letzten Winters zurückdenken. Grantaire hatte sich zurückgezogen, trank mehr als sonst und wenn er ausnahmsweise mit einem von ihnen redete, sprach aus ihm der Selbsthass und die Hoffnungslosigkeit.
„Ich dachte wirklich, er hätte es überwunden.“ Traurig lässt Éponine den Kopf hängen. „Ihm ging es den Sommer über gut. Er war der alte R. Ich will nicht, dass sich der letzte Winter wiederholt. Oder Schlimmeres.“
Bahorel legt einen Arm um Éponines Schulter. „Wir werden das nicht zulassen. Dafür sorge ich.“
Éponine nickt und lässt ihren Kopf auf Bahorels Schulter sinken. Seine Worte hatten es allerdings nicht geschafft, das Ziehen in ihrer Magengegend zu vertreiben.

„Hiermit ist das heutige Treffen beendet. Wir sehen uns nächste Woche wieder.“
Enjolras lässt seinen Blick schweifen, für den Fall, dass jemand einen Einwand hat, doch da sich keiner zuckt, lässt er sich auf seinen Stuhl zurückfallen. Er schließt die Präsentation und fährt den Laptop herunter. Heute war ein wirklich gutes Treffen. Bis zum Protest gegen die zunehmende Polizeigewalt und die Korruption der Politiker ist es noch eine Weile und sie machen große Fortschritte. Es wird nicht nur einen Politiker geben, der nach ihrer Demonstration bei der anstehenden Wahl Probleme haben wird, wiedergewählt zu werden.
Die Zuhörer beginnen den Raum zu verlassen. Zumindest jene, die nicht zum ursprünglichen Kern gehören. Seine Freunde bleiben, wie immer, etwas länger, um Zeit miteinander zu verbringen. Einer von ihnen scheint allerdings andere Pläne zu haben.
„Grantaire.“
Neugierig blickt Enjolras zu dem vertrauten Lockenkopf, der soeben dabei ist sich auf die Tür zuzubewegen. Ein wild diskutierendes Pärchen versperrt ihm allerdings den Weg, dennoch versucht er sich an ihnen vorbeizupressen. Enjolras runzelt die Stirn. Es ist unmöglich, dass R Jehans Ruf nicht gehört hatte. Jehan scheint denselben Gedanken zu haben. Er lehnt sich zu Bahorel und Joly, die neben ihm sitzen, und sagt etwas. Die beiden nicken.
„Grantaire!“
Der Ruf der drei Männer ist wahrlich nicht zu ignorieren. Belustigt verfolgt Enjolras, wie Grantaire stehen bleibt. Das Rollen der Augen ist förmlich hören. Mit einem genervten Gesichtsausdruck wendet sich R zu seinen Freunden zurück, welche ihn mit einem breiten Grinsen entgegensehen.
„Was?“, zischt er.
„Wir dachten, dass du mit uns etwas trinken gehen könntest. Du weißt schon. Der Abend ist noch jung und wir auch.“
„Ich kann nicht. Ich hab“, Grantaires Augen suchen die Decke nach einer Idee ab, „eine Hausarbeit in Kunstgeschichte, die ich beenden muss.“
Offensichtlich zufrieden mit dieser Antwort, wendet sich Grantaire um. Doch so schnell lässt ihn Jehan nicht entkommen. Er eilt zu Grantaire und packt ihn am Arm.
„Bleib.“
Obwohl mit der Leichtigkeit des Sommerwindes gesprochen, gleichen die Worte einem Befehl. Die beiden starren sich an und für einen Moment sieht es aus, als würde sich Grantaire einfach losreißen. Ein leises Seufzen ertönt.
„Meinetwegen. Aber ich kann nicht lange bleiben. Mein Pädagogik-Aufsatz wartet auf mich.“
Verwirrt legt Enjolras den Kopf schief. Ist es nicht Kunstgeschichte gewesen? Bevor er weiter darüber nachdenken kann, tritt Ferre an den Tisch. Sie reden kurz über den Inhalt des nächsten Treffens und als er wieder zu dem Tisch blickt, sind die anderen gegangen. Achselzuckend schiebt Enjolras den Vorfall beiseite und klappt den Laptop zu.

Grantaire hat einen Kater. Zu seinem Leidwesen ist es kein flauschiger Vierbeiner, sondern ein pochender Kopfschmerz. Stöhnend dreht er sich auf seine andere Seite und zieht wieder die Decke über sich. Wenn er nur etwas länger schläft, verschwindet der Alkohol von ganz alleine aus seinem Körper und mit ihm die Beschwerden.
„Bist du wach?“
Und da gehen sie dahin, seine Pläne. Grummelnd öffnet er die Augen und blickt zur Tür. Entschuldigend lächelt Joly.
„Ich hatte dich stöhnen gehört und dachte, dass du das hier vielleicht gebrauchen könntest.“
Joly öffnet nun gänzlich die Tür und tritt ein. In der einen Hand hält er ein Glas Wasser und in der anderen eine Tablette. Er hält Grantaire beides unter die Nase. Grummelnd setzt er sich auf. Er nimmt die Tablette mit einem Schluck Wasser ein und drei Schlucke darauf ist das Glas leer. Er reicht es Joly zurück und begibt sich wieder in die Waagerechte.
„Danke“, nuschelt Grantaire.
Doch offensichtlich ist Jolys Arbeit nicht getan. Joly lässt sich neben ihn auf das Bett fallen, was er mit einem Laut des Protestes quittiert. Schweigend blickt Joly auf ihn hinunter. Grantaire windet sich unter seinem Blick und versucht sich aus seiner Decke zu befreien, doch sie hält ihn fest umschlungen. Seufzend und entkräftet gibt er auf. Er ist ein Gefangener seines eigenen Bettes.
„Was willst du?“, grummelt er.
„Ich mache mir Sorgen um dich. Ich möchte nicht, dass sich der letzte Winter wiederholt.“
Grantaire schluckt schwer. Natürlich ist es Joly, der ihn irgendwann darauf anspricht. Er hatte die Blicke seiner Freunde bemerkt, doch hatte er gehofft, dass sie ihn in Frieden lassen. Immerhin hatte er nicht vorgehabt in den nächsten drei Tagen von einer Brücke zu springen.
„Ich auch nicht“, antwortet er schließlich. „Und das wird es nicht. Mir geht es gut. Momentan ist nur alles etwas stressig, aber das legt sich wieder.“
Joly mustert ihn mit einem kritischen Blick, bevor er kurz nickt und aufsteht. Erleichtert wirft Grantaire die Decke von sich. In der Tür dreht sich Joly noch mal zu ihm um.
„Zieh dich an. Chetta hat dir Frühstück gemacht.“

Enjolras fühlt sich nicht wohl. Seine Haare kleben an seinem Kopf, das Wasser steht in seinen Schuhen und selbst seine Unterwäsche scheint nass zu sein. Es ist einfach nur eklig.
Er stößt die Tür zum Musain auf. Die trockene Wärme ist eine Wohltat für seine Haut. Seine Füße folgen dem altbekannten Pfad, während er seine Tasche öffnet und mit einem besorgtem Blick seinen Laptop begutachtet. Zum Glück scheint er verschont worden zu sein.
„Wolltest du Gene Kelly die Show stehlen?“
Enjolras blickt auf und bedenkt Courfeyrac mit einem wütenden Blick. „Nein. Wenn ich einen Regenschirm gehabt hätte, hätte ich ihn nicht weggegeben.“
„Und ich dachte, du kämpfst für das Wohl der Bürger.“
Enjolras ignoriert seinen dämlichen Freund und geht an ihm vorbei. Er lässt seine Tasche auf den Stuhl fallen und setzt seinen Weg zum Bad fort. Er muss Schadensbegrenzung betreiben. Als er nach einigen Minuten wieder herauskommt, haben sich die anderen eingefunden. Courf grinst breit, als sein Blick auf ihn fällt, verkneift sich allerdings jeglichen Kommentar. Sein Glück, dass er zur Abwechslung intelligent handelt.
Enjolras lässt den Blick über die Versammelten schweifen. Neben bekannten Gesichtern entdeckt er einige neue und als ihm das Fehlen von einem der regelmäßigen Gäste auffällt, runzelt er die Stirn. Er geht zu Joly, der sich mit Musichetta und Bossuet einen Tisch teilt.
„Hey, Enj.“ Joly mustert Enjolras’ Haare, deren Spitzen noch immer Tropfen auf dem Dielenboden des Cafés verteilen. „Der Regen hat dich heftig erwischt. Du solltest dir etwas Trockenes anziehen. Nicht, dass du dir eine Erkältung zuziehst.“
Enjolras ignoriert Jolys Besorgnis, um seine eigene kundzutun. „Wo ist R?“
Bossuet und Joly tauschen einen Blick aus, während Chetta leise seufzt.
„Ist ihm etwas passiert? Geht es ihm gut?“
„Körperlich ja. Emotional eher weniger. Der Winter kommt. Es wird wieder schlimmer.“
„Verdammt“, murmelt Enjolras und lässt sich auf den freien Stuhl fallen. „Und ich dachte, es wäre besser geworden.“
„War es auch“, bestätigt Musichetta. „Die Sonne hatte ihm wirklich gut getan, doch nun mit dem Regen und den immer kürzer werdenden Tagen, wird sein Gemütszustand wieder schlechter.“
„Vielleicht sollte er wirklich einmal einen Arzt aufsuchen.“
„Wenn du derjenige sein möchtest, der ihm das vorschlägt“, sagt Joly „dann halte ich dich nicht auf. Ich hatte es letztes Jahr versucht und danach hatte er mich eine Woche lang gemieden. Ein Meisterwerk, wenn man bedenkt, dass wir in einer Wohnung leben.“
Enjolras lässt die Nachricht sacken. Er fährt sich mit den Händen durch die Haare. Er hat jetzt keine Zeit sich Sorgen über Grantaire zu machen. Die nächsten Wahlen stehen bevor und sie müssen jetzt handeln, um die Bürger von Paris auf den richtigen Weg zu führen. Sie dürfen keine Zeit verschwenden.
„Ich rede mit ihm, wenn er beim nächsten Treffen auftaucht. Vorerst müssen wir anfangen.“
Joly scheint nicht zufrieden mit der Antwort zu sein, dennoch tritt Enjolras an seinen Platz am vorderen Ende des Raumes. Wie geplant hält er seine Rede, dennoch kann er nicht verhindern, dass seine Gedanken abschweifen. Ohne, dass es ihm aufgefallen war, hatte sich der zynische und nicht wirklich stille Begleiter Jolys mit der Zeit in einen seiner engsten Freunde verwandelt. Er vertraut ihm ebenso, wie er Ferre, Courf oder einem der anderen vertraut und verlässt. Er schätzt ihn sowie seine Meinung und eben jene nicht zu hören, macht ihm bewusst, wie sehr er sich auf Grantaire verlässt. Sie sind zwar nicht oft auf derselben Seite bei einer Diskussion, wenn es um die Ziele ihrer Gruppe geht und vor allem, wie sie erreicht werden sollten, doch außerhalb der Treffen ist Grantaires Humor und Verstand unbezahlbar.
Ohne es wirklich zu bemerken, beendet er seinen Vortrag und Combeferre übernimmt das Wort. Er redet über anstehende Proteste und Plakate, welche verteilt werden müssen, doch Enjolras hört ihm nicht zu. Stattdessen beginnt er leise seine Sachen zu packen. Er flüstert Courf zu, dass er gehen müsse, da ihm langsam kalt wird. Grinsend nickt jener und Enjolras stiehlt sich aus dem Raum.
Draußen regnet es noch immer, doch etwas Nasses, kann nicht nasser werden. Er schlägt den Kragen seines Mantels hoch und hofft, dass sich Jolys Befürchtungen nicht bestätigen.

„Grantaire!“
Erneut klopft Enjolras gegen die Haustür der Wohnung, welche Grantaire, Joly, Bossuet und inzwischen Musichetta bewohnen. Er hatte von der Straße aus kein Licht in den Fenstern gesehen, doch das hat nichts zu bedeuten. Er kennt Grantaires Vorlieben.
„R! Mach die Tür auf. Ich weiß von Joly, dass du hier bist.“
Er lauscht, ob er eine Antwort erhält, doch erneut dringt nur Stille durch die Tür.
„Verdammt.“
Er kramt in seiner Tasche und zieht seinen Schlüsselbund hervor. Er hatte sich geschworen, dass er ihn nie einsetzt, doch was Grantaire veranstaltet, ist lächerlich.
„Ich komme jetzt rein.“
Er steckt den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn betont langsam herum, sodass die anderen Schlüssel laut gegen den Türrahmen schlagen. Er öffnet die Tür. Blind tastet er nach dem Lichtschalter. Er klappt ihn nach oben und augenblicklich springen die Lampen an.
„R?“
Er durchquert das Wohnzimmer und geht auf die Tür zu, hinter welcher sich das Reich des angehenden Künstlers verbirgt. Er legt seine Hand auf die Türklinke und drückt sie herab. Wenn R noch immer nicht weiß, dass er da ist, besteht ein ernsthafter Grund zur Sorge. Die Tür geht auf, doch das Zimmer ist leer. Sicherheitshalber überprüft er Bossuets und Jolys Zimmer, doch auch in ihnen finden sich keine Hinweise über den Verbleib von Grantaire.
Enjolras runzelt die Stirn. Von Joly weiß er, dass Grantaire hier sein müsste, doch da dies nicht der Fall ist, beginnt sich ein flaues Gefühl in seinem Magen auszubreiten. Er zieht sein Handy aus der Tasche und wählt Grantaires Nummer.
„Die gewählte Rufnummer ist zurzeit nicht …“
Genervt legt Enjolras auf. Wo zur Hölle steckt der Kerl? Grantaire würde niemals sein Handy ausmachen. Die Angst, das ihm etwas zugestoßen ist, macht sich in ihm breit. Tief atmet Enjolras durch. Noch gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Es gibt gewiss eine logische Erklärung für Grantaires Untertauchen. Er verlässt die Wohnung und macht sich auf den Rückweg zum Musain. Er weiß, dass das Treffen vor kurzem geendet hatte und wahrscheinlich sind seine Freunde noch in der Nähe. Gerade, als er um die Ecke der Straße biegt, sieht er die Tür des Cafés aufgehen. Er beschleunigt seinen Schritt und rennt auf die kleine Gruppe zu.

„Enj?“, ruft Courf aus, als er ihn erblickt. „Ich dachte, du bist nach Hause gegangen? Ist etwas passiert?“
„Ich bin bei eurer Wohnung vorbei gegangen“, sagt er mit einem Blick auf Chetta, Bossuet und Joly. „Ich wollte mit R reden, doch er war nicht da.“
„Wie meinst du das?“, fragt Joly. Eine Falte der Sorge hat sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet. „Als wir losgegangen sind, war er in seine Hausarbeit vertieft.“
„Vielleicht ist er in eine Bar gegangen“, wirft Jehan ein.
Enjolras schüttelt den Kopf. „Ich hatte versucht ihn anzurufen, doch sein Handy ist ausgeschaltet.“
Joly zieht sein eigenes Handy aus der Tasche und wählt die Nummer seines Freundes. Er erhält dasselbe Ergebnis. Nervös kaut er auf seiner Unterlippe.
„Ihm wird doch wohl nichts zugestoßen sein?“
Ratlos zuckt Enjolras mit den Schultern.
„Vielleicht sollten wir ihn suchen“, schlägt Cosette vor. „Er wird bestimmt zu Fuß unterwegs sein. Wir könnten die Bars im Umkreis eurer Wohnung absuchen.“
Sofort stimmen die anderen zu. Sie teilen sich in Gruppen auf und teilen sich auf, um den Bezirk so gut wie möglich absuchen zu können. Bevor sich Enjolras mit Courf und Ferre auf die Suche begeben kann, hält ihn Joly am Arm zurück.
„Boss, Chetta und ich werden seine Lieblingsorte absuchen. Meldet euch sofort, wenn ihr ihn findet.“
„Ihr auch.“
Mit diesen Worten trennen sich ihre Wege. Enjolras wird mit Grantaire ein ernstes Wort reden, wenn sie ihn finden. Sie alle in solche Angst zu versetzen ist etwas, was er kein zweites Mal hätte durchführen sollen. Beim letzten Mal hatte er nur keinen Anschiss bekommen, weil er mit einer Unterkühlung und Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet war. Er sah einfach zu erbärmlich aus, um ihm die Meinung zu geigen.
Ein Regentropfen landet auf Enjolras’ Nase. Er setzt sich in Bewegung und folgt Courfeyrac und Combeferre. Stetig nimmt der Regen zu und wo sich zuvor ein Rinnsal seinen Weg über das Kopfsteinpflaster suchte, reißt ein Strom den Unrat der Straße mit sich und zieht ihn in die Kanalisation.

Es herrscht Stille im Musain. Obwohl das Café längst geschlossen ist, sind die Lichter des Hinterzimmers hell erleuchtet. Nach ihrer erfolglosen Suche sind die Freunde übereingekommen sich erneut hier zu treffen. Warum, ist ihnen selbst nicht klar. Sie haben keine Ideen, keinen Plan und keine Ahnung was geschehen ist.
„Wir sollten nach Hause gehen.“ Keiner rührt sich. „Morgen wird er bestimmt wieder auftauchen.“
Combeferre klingt nicht überzeugt von seinen eigenen Worten. Doch, genau wie die Anderen, weiß er, dass sie im Moment nichts ausrichten können.
„Wenn er morgen nicht zurückkehrt, gehen Boss und ich zur Polizei“, sagt Joly schließlich.
„Denkt ihr, er hat …“, unfähig den Satz zu beenden, wedelt Marius undefinierbar mit seiner Hand in der Luft.
Dennoch verstehen seine Freunde, was er ihnen zu bedeuten versucht.
„Nein“, sagt Éponine mit fester Stimme. „Wie kannst du nur so etwas sagen?“
Cosette eilt ihrem Liebsten zur Hilfe. „Ép, er hat es nicht böse gemeint. Du weißt, wie sich Grantaire momentan verhält. Er macht sich Sorgen, wie wir alle.“
„Dennoch würde er nie … nicht einfach so.“  
Mit einem Schrei der Wut und Verzweiflung springt Éponine auf und verlässt das Musain.
Mit hochroten Wangen sackt Marius in seinem Stuhl zusammen. „Tut mir leid.“
„Mach dir keinen Kopf. Du hast nichts Falsches gesagt. Und du weißt, wie Éponine sein kann.“
Beschwichtigend legt ihm Bahorel eine Hand auf die Schulter und drückt sie leicht, bevor er durch die Tür verschwindet. Der Reihe nach verlassen die Freunde das Gebäude, mit der Hoffnung im Herzen, dass der nächste Tag Besserung verspricht.          

Die Sonne des nächsten Morgens wird von dunklen Regenwolken verdeckt. Entgegen der Prophezeiung des Wetterberichtes zieht ein Gewitter auf. Auch in anderer Hinsicht werden die Hoffnungen der Freunde enttäuscht, denn von Grantaire keine Spur zu entdecken.
„Wir haben die Polizei verständigt“, erklingt Jolys Stimme über das Telefon. „Sie werden jetzt nach ihm suchen.“
Schwer lässt sich Combeferre auf das Sofa fallen, welches der Mittelpunkt von Courfs, Enj und seiner Wohnung ist. Fragend blicken seine beiden Mitbewohner von ihren Croissants auf. Ferre schüttelt den Kopf.
„Was soll ich nur tun?“, fragt Joly.
Combeferre hat keine Antwort und offensichtlich erwartet Joly keine. Er beginnt zu schluchzen und Ferre kann die Verabschiedung kaum verstehen. Langsam lässt er das Telefon sinken. Das Tuten des Belegttons hallt unnatürlich laut durch die Wohnung.
„Und?“, fragt Courf sofort.
„Sie haben die Polizei informiert.“
„Jetzt ist es also offiziell. Grantaire wird vermisst.“

Zum wiederholten Mal ist Grantaire bemüht sich aus seinen Fesseln zu befreien, doch der Kampf gegen den Kabelbinder ist ein aussichtsloser. Ein belustigtes Schnauben ertönt.
„Falls du Houdini bist, fahre fort. Falls nicht, spare dir die Mühe.“
„Lass mich frei.“
„So weit waren wir doch schon.“
„Das ist wirklich lächerlich. Was willst du von mir?“
Seufzend lässt sich Montparnasse auf dem Stuhl fallen, den er vor Grantaire in Position gebracht hatte. Galant überschlägt er seine Beine.
„Gueulemers Schlag war wohl doch etwas zu stark.“ Mit gespielten Mitgefühl betrachtet er die Wunde an Grantaires Stirn. „Also von Anfang an. Du hilfst mir den Plan deiner Freunde zu vereiteln und ich lasse dich gehen.“
„Ich verstehe es einfach nicht. Ich weiß, dass ihr etwas gegen uns habt, doch ich hätte nie gedacht, dass du in der Lage wärst, jemanden zu kidnappen.“
„Das liebe Geld, mein Freund, ist eine unaufhaltsam treibende Kraft.“
„Aber wieso entführst du mich? Die Treffen sind nicht wirklich geheim. Du hättest dich einfach dazusetzen können.“
„Du hast es noch immer nicht verstanden.“ Traurig lässt Montparnasse den Kopf hängen. „Wir wissen längst, was ihr vorhabt.“
„Und was mache ich dann hier?“
„Wenn ich es dir verrate, macht es keinen Spaß mehr. Nein. Du bleibst hier und denkst darüber nach, was dein Platz im Leben ist und ich kümmere mich um deine Freunde.“
„Wenn du auch nur in ihre Nähe kommst, dann schwöre ich …“
„Was? Willst du mit Luft nach mir werfen? Falls du es vergessen hast, du bist gefesselt und wahrlich nicht in der Lage dich irgendwo hinzubewegen. Selbst ohne Fessel, was könntest du schon ausrichten?“
Grantaire bliebt nichts anderes übrig, als mit funkelnden Augen Montparnasse zu beobachten. Jener erhebt sich von dem Stuhl und verschwindet mit einem spöttischen Grinsen um die Ecke des Tunnels.
Als die Schritte verhallt sind, verschwindet Grantaires Kampfgeist und er lässt den Kopf gegen die kalte Steinwand hinter sich fallen. Der stechende Schmerz in seinem Kopf bringt ihn um. Hinzu kommt, dass er keine Ahnung hat, aus welchem Grund er von Montparnasse und seiner Gruppe gefangen gehalten wird. Und das in der Kanalisation. Dem stinkenden, kalten und verwinkelten Gedärm von Paris. Hätte sich Montparnasse nicht ein Lagerhaus aussuchen können, wie jeder normale Entführer?
Doch die Patron-Minette ist nicht normal. Grantaire ist oft genug Zeuge geworden, wie Enjolras und seine Freunde mit ihnen zusammengeprallt sind. Mit ihren komplett gegensätzlichen Ansichten und Machenschaften, welche sich außerhalb des Gesetzes bewegen, haben sie ihnen oft genug Schwierigkeiten verursacht.
Bevor er sich jedoch den Kopf zerbricht wieso sie ihn entführt haben, sollte er sich Gedanken machen, wie er sich aus diesen Fesseln befreien kann. Erneut zieht er an dem Kabelbinder, doch er erreicht nichts, außer das sie tiefer in sein Handgelenk einschneiden. Wütend schlägt er gegen das Rohr, an welches seine Hände gefesselt wurden. Ein dumpfer, hoffnungsloser Ton hallt durch den Tunnel.

Ungeduldig geht Bahorel vor dem Tresen der Polizeiwache auf und ab. Trotz des langen Wartens, hat sich keiner der Beamten dazu herabgelassen, ihnen ihre Fragen zu beantworten.
„Bahorel“, sagt Bossuet schließlich genervt. „Setz dich. Du machst mich total nervös.“
„Ich geh da jetzt rein.“
„Lass das. Das hat doch keinen Sinn.“
Bahorel ignoriert ihn. Festen Schrittes umrundet er den Tresen. Er läuft den dahinterliegenden Gang hinunter und überfliegt die Namensschilder. An einer Tür, auf welcher in großen Lettern Javert steht, bleibt er stehen. Der Name kommt ihm bekannt vor. Ohne Anzuklopfen reißt er die Tür auf und tritt ein.
„Suchen Sie überhaupt nach ihm?“
Mit geballten Fäusten baut sich Bahorel vor dem Polizisten auf. Jener blickt, ohne mit der Wimper zu zucken, von seine Rechner auf.
„Und der Grund, dass Sie ungebeten in mein Büro gestürmt sind, ist?“
„Mein Freund, Grantaire, wird vermisst.“
„Der Fall ist mir bekannt und soweit ich weiß, wird er soeben bearbeitet.“
„Aber Sie haben ihn noch immer nicht gefunden!“
„Junger Mann, es gibt keinen Grund laut zu werden. Wir tun alles, was in unserer Macht steht. Menschen, die verschwunden sind, auftauchen zu lassen, gehört allerdings nicht dazu.“
„Bahorel.“ Bossuet legt ihm eine Hand auf die Schulter. Schwer schluckt Bahorel, um die Worte, welche auf seiner Zunge ruhen, herunterzuschlucken. „Es tut mir furchtbar leid, dass mein Freund hier einfach hereingeplatzt ist. Sie müssen verstehen, dass wir uns große Sorgen machen.“
Der Gesichtsausdruck von Javert verliert aufgrund Bossuets beschwichtigender Worte einiges an Härte. Dennoch ist es ersichtlich, dass sie kurz vor einem hochkantigen Rauswurf stehen.
„Ich verstehe Ihre Sorge, doch Sie müssen warten, bis wir Sie informieren. Und das können wir erst, wenn Sie uns die Zeit geben, etwas herauszufinden.“
„Wir wissen Ihre Mühe zu schätzen“, beeilt sich Bossuet zu sagen und packt Bahorel am Arm.
„Lass mich los“, zischt Bahorel und reißt sich los.
Ohne sich zu verabschieden, stürmt er aus dem Büro. Er ignoriert die Beamten, welche ihm pikiert hinterherrufen, als er sich an ihnen vorbeischiebt. Diese unnützen Polizisten können ihm gestohlen bleiben.
„Bahorel, warte!“
Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilt Bahorel die Stufen hinunter, welche ihn aus dem zweiten Stock des Behördengebäudes auf den Boden der Tatsachen bringen. Irgendwo da draußen befindet sich Grantaire und kein Mensch schert sich um seinen Freund. Er stößt die Türen auf. Sofort schlägt ihm ein starker Wind entgegen. Zur Abwechslung zeigt sich der Herbst von seiner stürmischen Seite.
„Bahorel. Bitte bleib stehen. Ich …“
Ein Schrei ertönt. Bahorel wirbelt herum. Er sieht gerade noch, wie Bossuet die Stufen hinunterkullert. Stöhnend kommt er am Fuß der Treppe zum Erliegen.
„Boss! Verdammt. Was machst du nur?“
Bahorel eilt zu ihm hinüber. Zu seiner Erleichterung öffnet Bossuet die Augen und blickt zu ihm auf..
„Aua.“
„Alles in Ordnung?“
Bahorel reicht ihm die Hand, welche Bossuet dankend ergreift. Ihm entfährt ein erstickter Schrei, als er seinen rechten Fuß belastet.
„Nein. Ich fürchte, ich habe ihn mir erneut verstaucht. Wie wunderbar.“
„Wie konnte das passieren?“, fragt Bahorel.
Er legt sich Bossuets Arm über die Schulter, sodass sich jener auf ihn lehnen kann. Humpelnd und mit schmerzverzerrten Gesicht kämpft sich Bossuet Schritt für Schritt voran.
„Weil ich einem dickköpfigen Trottel hinterherrennen musste.“
„Tut mir leid. Ich hätte auf dich warten sollen.“
„Schon okay. Ich verstehe dich. Mir geht es doch genauso.“
Ein unbedachter Schritt und erneut schießt der Schmerz durch Bossuets Bein. Zischend atmet er ein.
„Schon okay“, sagt Bossuet, als er Bahorels besorgten Seitenblick bemerkt. „Ich hatte schon schlimmere Verletzungen.“
„Das bezweifle ich keine Sekunde.“ Bossuet quittiert den Versuch eines Scherzes mit einem flüchtigen Lächeln. „Ich werde Feuilly anrufen. Er kann dich nach Hause fahren.“

„Kommt es mir nur so vor oder ist der Wasserspiegel tatsächlich gestiegen?“
Grantaire erhält keine Antwort. Fortwährend schenken ihm Babet und Claquesous ihre Ignoranz, während sie mit ihrer Partie Rommé fortfahren. Als würde das Grantaire in seinem Monolog aufhalten.
„Regnet es noch immer? Das letzte Mal, dass ich frische Luft und nicht diesen Mief hier gerochen habe, ist eine Weile her. Ich schätze das war, als ihr mich auf dem Weg zum Musain entführt hattet.“ Er schnaubt leise. Weniger aus Amüsement, als aus Unglaube. „Ich hätte an dem Tag einfach zuhause bleiben sollen. Es regnete und ich war sowieso viel zu spät für das Treffen. Ich könnte jetzt so schön in meinem Bett liegen.“
Grantaire schüttelt den Kopf und verweht damit die bequemen Gedanken. Er muss sich erst mit der harten Realität beschäftigen.
„Warum habt ihr eigentlich mich gewählt? Nicht, dass ich mich nicht für eure Gastfreundschaft bedanke, aber es ist doch etwas kalt hier unten. Kann ich vielleicht eine Decke bekommen? Oder ihr lasst mich frei, denn diese Scheiße, die ihr hier veranstaltet, ist absolut bescheuert!“
Den letzten Satz schreit er heraus. Genervt lässt Babet seine Karten auf den Tisch fallen.
„Halt die Klappe.“
Für einen fadenscheinigen Mann, hat Babet eine erstaunlich kräftige und angsteinflößende Stimme. Zufrieden, endlich eine Reaktion erhalten zu haben, lehnt sich Grantaire zurück gegen die Wand.
„Ja, ja. Noch grinst du“, sagt Babet, während er auf ihn zukommt. „Mal sehen wie lange noch. Spätestens, wenn du feststellst, dass du nicht mehr lebend aus der Sache herauskommst, wird dir das Lachen vergehen. Du nutzloses Stück Scheiße.“
Babet verpasst ihm eine Ohrfeige, die Grantaires Kopf herum schnippen lässt. Er schmeckt Blut. Angewidert spuckt er es neben sich aus. Klasse! Jetzt hat er sich auch noch seine Wange aufgebissen. Er sieht wieder zu dem Tisch. Lautes Gelächter ertönt. Achtlos wirft Babet seine Karten auf den Tisch. Offensichtlich hat Claquesous gewonnen.
Obwohl seine Entführer keinerlei Ähnlichkeiten mit seinen Freunden haben, wandern bei diesem Anblick seine Gedanken zu ihnen. Er fragt sich, ob sie inzwischen festgestellt haben, dass er verschwunden ist. Wahrscheinlich glauben sie, dass er bloß eine Sauftour gestartet hatte und in irgendeinem Krankenhaus seinen Rausch ausschläft. Zugegeben, dass wäre nicht ganz abwegig. Joly wird sich gewiss Sorgen machen. Ob Rausch oder nicht, sein Freund würde keinen Stein umgedreht lassen, bis er ihn findet. Boss und Chetta haben gewiss alle Hände voll zu tun, damit er nicht durchdreht.
Dabei war er in den letzten Wochen kein guter Freund gewesen. Er hatte sich zurückgezogen und ihnen mehr als einmal die kalte Schulter gezeigt. Er hatte einfach keine Lust gehabt etwas mit ihnen zu unternehmen. Oder überhaupt erst das Bett zu verlassen. Falls er das hier überleben sollte, hat er bei ihnen einiges gutzumachen.
Sein Blick wandert zum Abwasserkanal. Die ersten Wellen des reißenden Stromes beginnen über den Rand zu schwappen. Hoch spritzt das dreckige Wasser auf und landet auf dem Stein. Wenn es in dieser Geschwindigkeit weiter steigt, wird es nicht mehr lange dauern, bis der gesamte Gang unter Wasser steht und mit ihm Grantaire.

Kaum dass die Tür aufgeht und Jolys Blick auf Bossuets schmerzverzerrtes Gesicht fällt, ist er an seiner Seite.
„Was ist geschehen?“
Fordernd blickt er in Bahorels Augen.
„Ich bin unschuldig. Er ist gestolpert und eine Treppe heruntergefallen.“
Er hilft Bossuet sich auf das Sofa zu setzen. Vorsichtig zieht Joly seinem Liebsten den Schuh aus und untersucht den Knöchel.
„Du hättest ins Krankenhaus gemusst. Vielleicht ist etwas gebrochen? Oder ein Band abgerissen.“
Bossuet legt seine Hand auf Jolys, welche seinen Fuß abtastet.
„Mach dir keine Sorgen. Es ist nur verstaucht.“
„Ich werde ihn trotzdem verbinden. Nur um sicher zu gehen.“
Lächelnd lässt Bossuet seinen Freund gewähren, während es sich Bahorel und Feuilly auf dem freien Sesseln bequem machen.
„Habt ihr etwas herausgefunden?“, fragt Joly, als er sicher ist, dass ihm Bossuet nicht unter den Händen wegsterben wird.
„Leider nein. Sie bearbeiten den Fall.“
Bahorel schüttelt den Kopf. Seine Wut ist längst nicht verraucht. Die Enttäuschung sitzt sogar noch tiefer.
„Im Kühlschrank gibt es Bier. Bedien dich ruhig.“
Joly bemüht sich um ein Lächeln, doch seine Stimme klingt angespannt. Dennoch ist es keine schlechte Idee. Möglicherweise bringt ihn ein Bier auf andere Gedanken. Bahorel steht auf und geht zum Kühlschrank hinüber. Er öffnet die Tür, doch sein Blick bleibt an einem der Bilder hängen. Es ist ein Foto seiner Freunde. Ihre lächelnden Gesichter versetzen ihm einen Stich. Ob sie jemals wieder alle zusammen lächeln werden? Wütend schlägt er die Tür wieder zu. Er wird erst wieder etwas trinken, wenn Grantaire neben ihm sitzt.

Für Montparnasse fühlen sich die Tunnel wie ein Nachhausekommen an. Trotz der nassen Wände versprühen die zahlreichen Gänge eine konstante, behagliche Wärme. Die Schatten haben ihm schon immer Trost gespendet. Man kann in ihnen einfach abtauchen und die Welt darüber vergessen.
„Was ist jetzt eigentlich der Plan?“
Montparnasse verdreht die Augen. Er sollte Gueulemer einen Brief schreiben. Dann muss er es nicht wie ein kaputter Plattenspieler tausende Male wiederholen.
„Wir halten Grantaire fest und machen seinen kleinen Freunden etwas Angst, damit sie den anstehenden Protest sausen lassen.“
Laut knurrt Montparnasse, als ihm Gueulemer die Taschenlampe ins Gesicht hält. Eilig richtet jener den Lichtkegel auf den Boden.
„Denkst du, dass das reichen wird, um Enjolras Einhalt zu gebieten?“
„Keine Ahnung. Ist mir doch egal. Wir wurden bezahlt, um den Protest aufzuhalten. Jetzt warten wir erst einmal ab und wenn es nicht funktioniert entwickeln wir einen Plan B.“
„Ja, aber warum Grantaire? Es erschien mir nie, als wären sie beste Freunde. Enjolras würde niemals seine Ziele für ihn aufs Spiel setzen.“
Montparnasse runzelt die Stirn. Manchmal ist Gueulemer cleverer, als man dem einfach gestrickten Mann zugute halten könnte. Dennoch ist er dumm genug, um das offensichtliche zu übersehen.
„Enjolras vielleicht nicht, doch er braucht seine Freunde, um den Protest abzuhalten und sie würden niemals einen ihrer eigenen Leute im Stich lassen. Selbst, wenn es ein derart unwichtiges Mitglied wie Grantaire ist. Somit können wir sie ausschalten, ohne uns zu verraten.“
„Das könnte funktionieren.“
„Natürlich funktioniert es. Ich habe den Plan gemacht.“
„Deswegen bist du der Boss.“
Lächelnd blickt Montparnasse zu Gueulemer auf. Seine weißen Zähne blitzen im Licht der Taschenlampe auf. „Ganz genau.“
„Werden wir ihn wieder frei lassen?“
Montparnasse zuckt mit den Achseln. „Mal sehen. Vielleicht entdecken ihn seine Freunde, bevor er verdurstet. Ansonsten finden ihn die Ratten.“

„Was soll das, Enjolras?“
Der Angesprochene blickt zu Éponine auf. Mit vor der Brust verschränkten Armen hat sie sich vor ihm aufgebaut und blickt auf ihn herab. Seufzend schließt Enjolras seinen Laptop.
„Was soll was?“
„Das Treffen. Wieso findet es statt? Wir sollten lieber nach R suchen!“
„Denkst du nicht, dass ich das nicht auch will?“, schreit Enjolras.
Alle Anwesenden wenden sich ihm zu. Enjolras ignoriert sie. Verblüfft lässt Éponine die Arme fallen.
„Ich würde nichts lieber tun, als ihn zu suchen“, sagt Enjolras, dieses Mal in einem leiseren Tonfall. „Doch ich kann nicht. Wir sind kein kleiner Treff aus zusammengewürfelten Studenten mehr. Wir sind eine ernstzunehmende Gruppe, die etwas in der Welt erreichen kann. Und wird. Sieh dir an, was wir alles geschafft haben. Es gibt Menschen, die sich für uns interessieren. Selbst die Presse schreibt Artikel über uns. Wenn wir jetzt, so kurz vor den Wahlen, Schwäche zeigen, schwindet unsere Chance etwas auszurichten. Dann haben wir sie für fünf Jahre verpasst. Jahre, in denen die falschen Menschen in den falschen Posten unsere Leben verändern können. Und das nicht zum Guten. Ich werde Grantaire suchen. Ich werde ganz Paris nach ihm durchkämmen, doch das werde ich erst machen, wenn das Treffen für heute beendet ist.“
Erwartungsvoll blickt Enjolras zu Éponine auf. Sie sieht nicht überzeugt aus.
„Na schön. Wenn du denkst, dass dies der richtige Weg ist, bitte schön. Aber frage dich irgendwann einmal, ob die Opfer, die du bringst, den Wert deiner erreichten Ziele aufwiegt.“
Éponine wendet sich um und verlässt das Hinterzimmer des Musains. Die Hälfte der Anwesenden sieht aus, als wollen sie es ihr gleichtun. Seufzend versenkt Enjolras seinen Kopf in den Händen.
„Ist alles in Ordnung?“
„Nein.“ Dennoch richtet sich Enjolras auf. Er fährt sich durchs Haar und öffnet seinen Laptop. Combeferre setzt sich auf den Stuhl neben ihm. „Bitte. Halt mir jetzt keinen Vortrag.“
„Hatte ich nicht vor.“ Ferre legt eine Hand auf seinen Arm. Enjolras wendet sich ihm zu. „Ich bin für dich da. Das weißt du. Ich unterstütze dich in jeder Entscheidung, die du treffen musst. Heute musstest du eine schwierige treffen. Ein Balanceakt zwischen der Zuneigung deiner Freunde und dem Wohl womöglich aller Bürger von Frankreich. In meinen Augen hast du eine schlüssige Entscheidung getroffen. Wir können nicht viel für Grantaire ausrichten, außer hoffen, dass er wieder auftaucht oder die Polizei ihn findet. Doch hier in diesem Raum können wir etwas gegen die Politik ausrichten, die dabei ist unsere Erde zu zerstören. Es war also eine logische Entscheidung.“ Enjolras nickt zustimmend, doch Ferre hat noch nicht geendet. „Du musst dich jetzt nur fragen, ob du deiner Logik oder deinem Herzen folgen willst.“
Ohne ein weiteres Wort steht Ferre auf und gesellt sich zu Jehan und Feuilly. Enjolras blickt auf das Skript vor sich. Jedes Wort hat er mit seinem Herzblut geschrieben. Für eine gerechtere Welt. Entschlossen steht er auf.
„Es freut mich, dass ihr heute zahlreich erschienen seid. Im heutigen Treffen widmen wir uns dem anstehenden Protest, um der Korruption in unserer verdorbenen Politik Einhalt zu gebieten.“
Enjolras’ Blick wandert über die Gesichter seiner Zuhörer. Ihm entgeht nicht Combeferres enttäuschter Blick. Er fährt fort.
„Zumindest sollte dies das Thema sein, doch heute müssen wir uns mit einem wichtigeren Thema beschäftigen. Eines unserer Mitglieder, einer meiner Freunde, wird vermisst. Wir wissen nicht wo er zuletzt gesehen wurde, noch aus welchem Grund er verschwunden ist. Wir hoffen natürlich, dass er wieder auftaucht oder mit einer passenden Erklärung auf der Türschwelle steht, doch Warten war noch nie meine Stärke. Ich möchte, dass ihr uns bei der Suche helft.“
Er hebt seine Tasche auf den Stuhl und zieht einen Stapel an Zetteln hervor. Er hatte eigentlich geplant sie nach dem Treffen zu verteilen, doch dank der Planänderung kommen sie eher zum Einsatz. Er hätte überhaupt nicht so lange warten sollen. Enjolras legt sie auf den Tisch vor sich.
„Ich weiß, dass die meisten von euch aus einem anderen Grund hier seid, doch ich hoffe, dass ihr uns helfen werdet. Verteilt diese Zettel. Fragt jeden, den ihr kennt, ob er ihn gesehen hat. Wenn ihr etwas erfahrt, mag es noch so irrelevant sein, ruft uns an. Meine Nummer steht auf dem unteren Rand. Ansonsten bleibt mir nur zu sagen, dass das zweite Treffen diese Woche abgesagt ist. Wir sehen uns nächste Woche.“
Enjolras lässt sich auf seinen Stuhl fallen. In dem Raum herrscht Stille. Keiner rührt sich und niemand wag es zu atmen. Enttäuschung macht sich in ihm breit. Ein Stuhl kratzt über die hölzernen Dielen und eine junge Frau tritt nach vorn. Enjolras kennt ihren Namen nicht.
„Danke.“
Das Lächeln, welches sie ihm schenkt, erfüllt sein Herz mit Erleichterung. Sie nimmt sich eine Handvoll Blätter und verlässt den Raum. Ermuntert durch ihren Einsatz stehen weitere Leute auf und treten nach vorne. Der Stapel mit der Vermisstenanzeige schwindet rasch, bis sich vor Enjolras nur die leere Tischplatte erstreckt. Das Bild von Grantaires Grinsen hat sich jedoch in sein Gedächtnis gebrannt.

„Sie haben eine Spur. Die Polizei hat tatsächliche einen Hinweis.“
Aufgeregt stürmt Marius in die Wohnung von Enjolras, Combeferre und Courfeyrac. Augenblicklich schnippen elf Köpfe zu ihm herum.
„Was haben sie gesagt?“
„Ein Zeuge, der Grantaire gesehen hatte, hat sich gemeldet. Nur eine Querstraße vom Musain entfernt. Er meinte, dass vier Männer auf ihn zugegangen sind und mit ihm in einer dunklen Seitengasse verschwunden sind. Er dachte sich nichts dabei. Sie wirkten wie Freunde auf ihn, doch jetzt, wo er gesehen hatte, dass Grantaire vermisst wird, kam er auf die Idee, dass es vielleicht nützlich sein könnte. Die Polizei vermutet jetzt, dass Grantaire entführt wurde.“
Damit hatte niemand gerechnet. Ihre Vorstellungen reichten von einer Alkoholvergiftung, über einen Unfall bis hin zu einem Szenario, welches eine Brücke beinhaltete, doch niemals hätte einer von ihnen gedacht, dass Grantaire entführt werden würde.
„Hatte er gesagt, wie die Männer aussahen?“, fragt Joly, nachdem er die Information verarbeitet hatte.
Marius kaut auf seiner Unterlippe, bevor er mit der Information herausrückt. „Einer von ihnen war groß und dünn, ein weiterer stämmig gebaut und die anderen beiden durchschnittlich.“
„Oh mein Gott!“, entfährt es Musichetta.
„Was will die Patron-Minette von ihm?“ Alle wenden sich Enjolras zu. „Ich werde mich gleich unbeliebt bei einigen von euch machen, aber es macht keinen Sinn. Wenn sie wirklich darin verwickelt sind und uns stoppen wollen, wäre es unnütz Grantaire zu entführen. Warum nicht mich?“
„Mir ist es egal, warum sie es getan haben. Ich werde sie suchen und wenn ich sie gefunden habe, werde ich ihnen zeigen, was ich mit Menschen anrichte, die meinen Freunden ein Haar krümmen.“
Bahorel steht auf, doch Jehan packt ihn am Arm. „Überstürze nichts. Das sollte keiner von uns tun. Wissen wir denn genau, dass es die Patron-Minette ist? Es könnten auch andere Leute sein oder der Mann hatte nicht Grantaire gesehen, sondern nur irgendjemand anderen.“
„Sollen wir das etwa vergessen und weiter untätig warten?“
„Ich sage nicht, dass wir dem Hinweis nicht nachgehen sollen. Ich möchte nur nicht, dass wir irgendetwas überstürzen. Montparnasse ist niemand, mit dem man sich anlegen sollte. Bisher hatte er uns nicht viel angetan, weil wir ihm nie direkt im Weg standen und seine Geschäfte gefährdeten.“
Jehan lässt Bahorels Arm los. Folgsam setzt sich jener wieder.
„Wir sollten einen Plan machen“, sagt Ferre. „Jehan, hast du noch eine Nummer von Montparnasse?“ Widerstrebend nickt jener. „Gut. Es kann nicht schaden, ihn anzurufen.“
Jehan steht auf. Bevor er das Wohnzimmer in Richtung von Courfeyracs Zimmer verlässt, hält ihn jener am Arm fest.
„Schaffst du das?“
„Ja. Mach dir keine Sorgen. Es ist nur ein Anruf.“
Jehan küsst Courf auf die Wange, bevor er in dessen Zimmer verschwindet, um den schwersten Anruf seines Lebens zu führen. Währenddessen entsteht im Wohnzimmer eine Symphonie der Ungeduld. Enjolras’ Wippen mit dem Fuß gibt den Takt vor, Feuillys Klopfen mit den Finger auf dem Couchtisch bildet den Rhythmus und Ferres Knabbern an seinen Nägeln vervollständigt die Melodie. Ihr wird jäh Einhalt geboten, als die Zimmertür mit einem leisen Knarren aufgeht. Sofort ist Courfeyrac an Jehans Seite. Sein Gesicht ist kreidebleich und Tränen rinnen ihm über die Wangen. Mit einem lauten Schluchzen lässt er sich gegen Courf fallen.
„Sie haben ihn“, presst er hervor. „Wie kann er nur. Wie kann er ihm das antun?“
Beruhigend fährt ihm Courf durch die Haare. Nachdem er sich etwas beruhigt hat, setzt Jehan seine Freunde über Montparnasses Worte in Kenntnis.
„Er hat gesagt, dass er bezahlt wird, um uns daran zu hindern unseren Protest durchzuführen. Er meint, dass er wusste, dass wir uns nur aufhalten lassen, wenn keiner von uns daran teilnimmt. Er wollte uns nur lang genug beschäftigt halten, bis die Wahlen vorüber sind.“
„Ist er verrückt? Die ist in einigen Monaten!“, schreit Bahorel erbost auf.
Unwillkürlich zuckt Jehan zusammen, als würde die Wut ihm gelten. Courfeyrac umarmt Jehan fester und wirft Bahorel einen finsteren Blick zu. Entschuldigend hebt er die Hände.
„Zudem hat er gesagt, dass wenn wir Grantaire lebend wiedersehen wollen, wir unsere Gruppe auflösen müssen. Wir dürfen uns nie wieder versammeln. Wenn wir das nicht tun, dann wird Grantaire untergehen.“
Erneut vergräbt Jehan seinen Kopf in Courfeyracs Brust. Er hat seine Nachricht überbracht. Die Stimme seines ehemaligen Freundes zu hören war härter gewesen, als er gedacht hatte. Emotionen, welche er jahrelang vergraben hatte, kochen erneut in ihm hoch. Courf fährt ihm durch die Haare.
„Hey, ganz ruhig. Er kann dir nichts mehr anhaben.“
Jehan schüttelt den Kopf. „Wie kannst du mir das versprechen. Sieh nur, was er mit Grantaire angestellt hat. Und wir wissen nicht einmal, was er ihm noch antun wird.“
„Und er wird dafür büßen. Das verspreche ich dir.“
Er presst Jehan einen Kuss auf den Scheitel, der ihn nur umso fester umklammert.
„Jehan.“
Combeferres sanfte Stimme veranlasst Jehan sich von Courf zu lösen. Er fährt sich mit seinem Hemdsärmel über das Gesicht, um die feuchten Spuren der Tränen zu verwischen.
„Als er das mit dem untergehen sagte, waren das Montparnasses genaue Worte?“
„Ja. Wieso?“
Combeferre runzelt die Stirn und kaut auf seiner Unterlippe. Erwartungsvoll blicken seine Freunde ihn an.
„Es regnet seit Wochen in Strömen und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern. Was ist, wenn er das mit dem Untergehen wortwörtlich meinte?“
„Worauf willst du hinaus?“, fragt Bossuet verwirrt, doch Jehan scheint zu wissen, was Combeferre meint.
„Die Kanalisation. Er hat R in die Kanalisation gebracht.“
„Wie kommt ihr darauf?“
„Er war schon immer von den verwinkelten Tunneln fasziniert. Selbst zu Beginn seiner kriminellen Laufbahn hatte er sie gerne als Versteck genutzt. Er hatte mich sogar einmal mitgenommen.“
„Selbst wenn er dort sein sollte“, sagt Joly verzweifelt, „bringt uns das keinen Schritt weiter. Die Kanalisation ist beinahe genauso groß wie Paris selbst.“
Zustimmend nickt Jehan. „Stimmt. Aber ich weiß, dass er einige Gänge bevorzugt. Und ich kenne den Eingang, den er am meisten genutzt hatte.“

„Glaubt ihr wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, fragt Marius. „Sollten wir nicht lieber die Polizei informieren?“
Courfeyrac verdreht die Augen. „Wie hilfreich war die Polizei bisher?“
„Marius hat recht“, sagt Chetta. „Er hat Waffen und er wird sich nicht scheuen sie einzusetzen.“
„Macht euch keine Sorgen. Wir gehen nur einem Hinweis nach. Vielleicht ist Montparnasse nicht einmal hier. Falls doch, können wir noch immer die Polizei rufen.“
Éponine knipst ihre Taschenlampe an und setzt den ersten Schritt die Treppe hinab. Die anderen folgen ihrem Beispiel und nacheinander begeben sie sich in die Tiefe. Sie folgen der Treppe bis zum ersten Tunnel und diesem bis zur nächsten Kreuzung. Ratlos schwenken sie die Taschenlampen die drei Gänge hinab.
„Jehan?“
„Keine Ahnung. Es ist zu lange her.“
„Sollen wir uns aufteilen?“, fragt Feuilly.
„Das halte ich für keine gute Idee. Wir sollten zusammenbleiben.“
Enjolras’ Vorschlag wird angenommen. Dennoch stehen sie vor der Entscheidung, welche Weg sie wählen sollen.
„Mein Bauchgefühl sagt mit geradeaus“, sagt Marius. Verwirrt wenden sich die Anderen zu ihm um. „Was? Mein Bauchgefühl ist genauso gut, wie Rätselraten.“
Achselzuckend wendet sich Bahorel um und folgt der vorgegebenen Richtung. Marius’ Ahnung folgend wandern sie durch die Tunnel.
„Hier stinkt es.“ Musichetta rümpft die Nase. „Das muss einer der Haupttunnel sein.“
„Wenn sie sich irgendwo verstecken, dann hier“, mutmaßt Jehan.
„Marius’ Bauchgefühl ist anscheinend doch für etwas zu gebrauchen.“
„Hey!“
Grinsend wendet sich Bahorel zu dem protestierenden Mann um. Es kann allerdings nicht über die Traurigkeit in seinen Augen hinweg täuschen.
Kurz darauf tritt die Gruppe aus dem Tunnel auf eine erhöhte Plattform. Von jener führt eine Treppe zu einem schmalen Steg, der an der Wand des Tunnels entlang läuft, doch anstatt der üblichen Steine sehen sie nur dunkelbraunes Wasser.
„Igitt!“, entfährt es Cosette. „Wollt ihr da wirklich runter? Das ist gefährlich. Wenn ihr ausrutscht, werdet ihr mitgerissen.“
Ratlos blicken sich die Freunde an. Keiner von ihnen hat eine Ahnung, was sie nun tun sollen. Sie wissen nicht einmal, was sie versuchen zu erreichen. Vielleicht und sogar höchst wahrscheinlich ist Grantaire nicht hier.
„Ich gehe. Ihr könnt hier warten.“
„Ich komme mit dir.“ Überrascht blickt Bahorel zu Enjolras. „Er ist auch mein Freund“, sagt er in einem verteidigendem Tonfall.
„Ich komme auch mit“, schreitet Joly ein, bevor weitere Diskussionen ausbrechen können.
Die drei Männer begeben sich die Treppe hinab. Kaum, dass sie die unterste Stufe verlassen haben, bahnt sich das Wasser einen Weg in ihr Schuhwerk. Und es wird mit jedem Schritt schlimmer. Da der Gang leicht abschüssig, steigt das Wasser stetig höher und höher. Bald hat es ihre Oberschenkel erreicht.
„Vielleicht sollten wir umdrehen“, sagt Joly. „Hier unten ist nichts.“
„Grantaire!“
„Was soll das?“, zischt Enjolras.
„Was?“, verteidigt sich Bahorel. „Montparnasse wird wohl kaum hier unten sein.“
„Dennoch sollten wir nicht …“
Joly legt Enjolras eine Hand auf den Arm. „Pst!“
Er dreht seinen Kopf, um die Geräusche des Tunnels besser hören zu können, doch außer des Rauschens des Wassers, kann er nichts vernehmen. Vielleicht hatte er sich verhört. Er setzt zum Sprechen an, doch da ertönt es erneut. Ein erstickter Schrei nach Hilfe.
„Grantaire!“, ruft Bahorel erneut. Dieses Mal mit Panik in der Stimme.
Eilig preschen die drei nach vorne. Das Wasser steigt immer höher und sie kommen mit jedem Schritt schwerfälliger voran. Ein erneuter Ruf ertönt. Dieses Mal ist er ganz in der Nähe.
„Halte durch, R!“
Mit erneuter Kraft kämpfen sie sich voran.
„R? Wo bist du?“
Sie erhalten keine Antwort.
„Grantaire! Verdammt.“
Inzwischen reicht ihnen das Wasser bis zur Brust. Sie müssen ihre Schritte mit Schwimmzügen unterstützen, um überhaupt voranzukommen. Plötzlich ertastet Bahorel etwas in dem Wasser, was sich weder wie Abfall, noch wie die steinerne Wand anfühlt. Er bleibt stehen und tastet sich vor. Es sind eindeutig Haare.
„Oh mein Gott! Ich glaube, ich hab ihn.“
Er lässt seine Hand tiefer gleiten, bis er an den Achseln ankommt. Er zieht an ihnen, um Grantaires Kopf über die Wasserlinie zu bringen, doch etwas hält ihn auf.
„Er steckt fest“, presst er hervor.
Enjolras tritt neben ihn und folgt seinen Armen bis zu Grantaire. Von dort aus lässt er seine Hände weiterwandern.
„Er ist gefesselt. Es fühlt sich an wie Kabelbinder.“
„Beeilt euch. Er ertrinkt!“
Enjolras ignoriert Jolys panischen Einwurf. Sie müssen einen kühlen Kopf bewahren, sonst ist Grantaire verloren. Eilig schluckt er seine eigenen Befürchtungen hinunter.
„Hast du ein Messer?“, fragt er Bahorel.
„Linke Hosentasche.“
Enjolras zieht das Messer heraus und lässt es aufklappen. Er tastet erneut nach den Fesseln und als er sicher ist, dass Grantaires Hände außer Reichweite sind, schneidet er sie durch. Augenblicklich taucht Grantaires Gesicht im Kegel von Jolys Taschenlampe auf.
„Wir müssen ihn sofort zurückbringen.“
Dieses Mal steht die Strömung auf ihrer Seite. Sie kommen schnell voran und erst, als das Wasser zu flach ist, um Grantaire zu ziehen, legt Bahorel ihn über die Schulter. Er versucht zu ignorieren, wie kalt Grantaires Haut ist. Oder wie reglos sein Körper.
„Macht Platz!“, ruft Joly, als ihre Freunde nur wenige Meter von ihnen entfernt sind.
Bahorel sprintet die Stufen hinauf und lässt Grantaire auf dem Absatz sinken. Sofort fällt Joly neben ihm auf die Knie und beginnt mit Thoraxkompressionen. Combeferre folgt seinem Beispiel und geht neben Grantaires Kopf zu Boden.
„26, 27, 28, 29, 30.“
Joly hält inne und wartet ab, bis Ferre zwei kräftige Atemzüge in Grantaires Lungen stößt. Dann beginnt der Kreislauf von vorne.
„Ich rufe einen Krankenwagen.“
Éponine wendet sich um und rennt den Weg zurück in Richtung Ausgang. Musichetta blickt ihr hinterher. Wenn es Joly und Ferre nicht schaffen Grantaire wiederzubeleben, dann stehen seine Chancen schlecht. Sie blickt zu Joly. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Sie sieht wie seine Muskeln unter der Anstrengung zittern, dennoch fährt er fort. Tränen tropfen auf seine Hände. Bahorel geht auf Grantaires anderer Seite auf den Boden. Als Ferre an der Reihe ist, schubst er Jolys Hände aus dem Weg und übernimmt selbst die Herzdruckmassage.
Geschafft fällt Joly nach hinten. Er starrt auf das leblose Gesicht von Grantaire. Mit jedem Stoß, den Bahorel auf seinen Körper ausübt, wackelt sein Kopf hin und her. Er ergreift Grantaires Hand. Die Haut ist bleich und eiskalt. In diesem Moment wird ihm bewusst, dass er tot ist. Sein Herz pumpt kein Blut, seine Lungen befördert keinen Sauerstoff und seine Augen keine Wärme. Ein Klagelaut bricht über Jolys Lippen und hallt von den Mauern wieder. Kalt und unbeeindruckt umspannen sie die Freunde. Sie werden die Jahrhunderte überdauern. Was kümmert sie das Leiden der Menschen?
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