Der gefallene Engel

GeschichteDrama, Romanze / P16
Carlisle Cullen OC (Own Character)
10.10.2020
29.10.2020
17
44.775
16
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Dieses Kapitel
6 Reviews
 
17.10.2020 4.806
 
Lela Luminosa (mein Lieblingsstalker), katharinahaupt711, Tardisgirl und natürlich Yoschi- danke für eure Worte. Erneut haben sie mich dazu gebracht auch das nächste Kapitel vorzuziehen. Ich war sehr unschlüssig ob Lilys Reaktion gerechtfertigt, zu viel des Guten oder zu wenig ist, daher bin schon sehr gespannt was ihr dazu sagt!





Verdutzt starrte sie auf das Dach.

Sie hätte schwören können, dass einige Schindeln gefehlt hatte.

Sie war höchstens eine halbe Stunde beim Fluss um Wasser zu holen. Schließlich seufzte sie und schüttelte den Kopf. Vielleicht spielten ihr auch ihre Gedanken einfach einen Streich.

Sie hatte die Hütte seit über einem Jahr nicht mehr betreten, als sie 12 war hatte sie sie gefunden und bemerkt, dass die Jäger, die sie während der Saison genutzt haben nicht mehr kamen. Entweder hatten sie etwas besseres gefunden oder der Wildbestand war es nicht mehr Wert. Schließlich waren die Tiraden ihres Vaters zu viel und sie zog ein.

Die Hütte bestand aus einem Raum mit einem Fenster, darin waren Schlafkojen, und ein alter Ofen aus Gusseisen. Die Matratze war derart dreckig, dass sie sie sicher einen halben Tag lang ausgeklopft hatte und immer noch umgab sie der Staub in Wolken.

Als sie Alex kennen gelernt hatte und seinem Werben endlich nachgegeben hatte, hatte sie ihm ihre Hütte gezeigt. Sie erinnerte sich noch genau daran. Es war eher ihr letzter Ausweg, denn sie war sich sicher, sollte er sehen wie sie lebte würde er sie auslachen und umdrehen. Er würde sie nie wieder ansprechen und die Schule würde sich ihr Maul über sie zerreißen.

Aber das tat er nicht.

Alex lachte nicht.

Tatsächlich war das erste was er tat, das instabile Hochbett abzumontieren und zu  einem Einzelbett umzufunktionieren. Er reparierte das Dach, den Ofenabzug, das Fenster.

Er urteilte keine Sekunde lang.

Im Gegenteil, er blieb so oft er konnte bei ihr. Erst als der Winter kam, sprach er immer öfter davon, dass sie zu ihm kommen sollte. Die Hütte war für die Sommermonate ideal aber die Winter waren brutal, sie war einfach nicht dafür gebaut worden. Schließlich gab sie nach und sie zog zu ihm ein.

Seine Eltern waren zunächst skeptisch aber Alex ließ sich nicht davon abbringen. Das war etwas, was so typisch Alex war.

Er stand zu ihr, egal was die anderen sagten.

Es war ihm egal.

Es spielte für ihn keine Rolle was die anderen dachten- er wusste was er dachte.

Lily seufzte zittrig. Der Gedanke an ihm bohrte sich in ihr Herz und sie spürte den Schmerz als wäre es gestern gewesen. Seine Abwesenheit wurde nun immer klarer und die Gewissheit, dass er nie wieder kam, war so schrecklich, dass sie es sofort verwarf.

Sie starrte auf den Schriftzug den Alex über die Tür geschrieben hatte.

Magicbus

Es war von seinem Lieblingsbuch, Into the Wild. Er hatte es bestimmt hundert male gelesen und als sie es las, starrte er gebannt auf ihr Gesicht und fragte andauernd, an welcher Stelle sie war. Sie wusste er bewunderte den jungen Mann und er trauerte um ihn. Alex hätte nie alles hinter sich lassen können, dazu liebte er seine Familie und seine Freunde viel zu sehr.

Aber nichtsdestotrotz bewunderte er ihn. Sie hatten immer wieder Pläne gemacht einen Roadtrip quer durch die USA zu machen. Vielleicht ein paar Plätze aus dem Buch besuchen. Komplett unabhängig und frei. Sie hatten noch so viel vor. Mühsam schluckte sie den Gedanken hinunter. Ihr Geist war gerade nicht der beste Ort, soviel war klar.

Schließlich begann sie die Decken und Matratzen so gut sie konnte auszuklopfen. Das Wetter machte ihr einen Strich durch die Rechnung und sie beschloss, dass es besser war auf einer staubigen Matratze zu schlafen als auf einer nassen.

Mehr als ihr lieb war drifteten ihre Gedanken zu einer gewissen Person ab und sie schüttelte wütend den Kopf. Wie war es möglich, dass es genauso schmerzte wie der Verlust von Alex? Wie war es überhaupt passiert, dass der Arzt so wichtig für sie geworden ist?

Er machte es deutlich, dass er nicht ans sie dachte. Warum sollte sie auch nur eine Sekunde damit verschwenden über ihn nachzudenken?

Immer wieder ertappte sie sich dabei wie sie an seine honigfarbenen Augen dachte, den gütigen Blick und das unwiderstehliche Lächeln. Es brach jedes mal aufs neue ihr Herz. Es war mehr als das. So viel mehr. Selbst in ihrem Alter wusste sie, dass ein Mensch wie er nicht oft zu finden war. Er hatte eine Art an sich, die so einzigartig und anziehend war, dass Lily es nicht vergleichen konnte. Wenn er mit ihr sprach, war es, als ob sie die wichtigsten Person auf der Welt war. Als ob ihre Gedanken zählen würden. Er sah sie an, als wäre sie das faszinierendste was er je gesehen hatte. Das konnte kein Mensch vorspielen. Oder doch? Konnte es sein, dass sie sich so geirrt hatte?

Sie starrte auf das Bargeld was sie vor sich liegen hatte. Es würde vermutlich für ein paar Wochen reichen, jedoch musste sie die Medikamente bezahlen, das heißt es würde weit aus knapper werden.

Was sie dann tun würde, wusste sie nicht.

Um Geld bitten war eine Sache die sie nicht tun würde, eher würde sie verhungern. Aber sie konnte sich dann immer noch den Kopf darüber zerbrechen. Eine Kriese nach der anderen, sagte Alex Mutter immer. Meist im Bezug auf Essen und nicht auf Armut und Herzschmerz, aber es traf nicht weniger zu.

Mit ihrem Bein würde es auch sehr schwer werden eine Arbeit zu finden, vor allem eine mit ihrer Ausbildung. Oder besser gesagt ihrer fehlenden Ausbildung. Sie spürte die Müdigkeit in ihr hochsteigen, der Marsch  vom Krankenhaus bis zur Hütte war lange und beschwerlich, vor allem der Weg durch den Wald. Der Regen hatte den Waldboden derart aufgeweicht, dass ihre Krücke ständig stecken blieb und sie nicht einmal überlegte ob sie sie einfach wegwerfen sollte.

Sie steckte noch einen Holzscheitel in den Ofen und hoffte, dass er zumindest bis Mitternacht durchhalten würde. Vorsichtig legte sie sich auf die Matratze. Ihr Bein schmerzte wieder und sie wusste, dass es das nicht tun sollte.

Aber was hätte sie tun sollen?

Hätte sie sich ein Taxi genommen, hätte sie kein Geld zu essen oder für Medikamente. Sie starrte an die Decke und erinnerte sich an die unzähligen Nächte mit Alex.

Alex.

Alex hätte sie nie zurückgelassen.

Niemals.

Lily musste schlucken und spürte eine Träne, wie sie sich ihren Weg über ihre Schläfe bahnte. Sie vermisste ihn. Sie vermisste ihn so sehr, dass ihr der Atem wegblieb. Warum musste er sterben und warum blieb sie am Leben.

Und warum konnte sie nicht aufhören an Carlisle zu denken. Selbst unter all dem Schmerz, unter all der Trauer war er immer noch da. Als ob ihr Unterbewusstsein ihn immer hervorwühlte und ihn ihr präsentierte. Aber warum? Er war fort.

Und was hatte sie erwartet?

Warum sollte Dr. Cullen auch nur eine Sekunde überlegen?

Was war sie für ihn außer eine Patientin?

Warum sollte er auch nicht gehen, es war sein gutes Recht.

Es zeichnete sich ein Muster in ihrem Leben ab. Jeder ging. Ihre Mutter, ihr Vater, ihre Freunde, Alex und nun Dr. Cullen. Die einzige Konstante war sie. Vielleicht war sie verflucht.

Ihre Lider wurden schwerer und sie spürte wie sich der Schlaf immer mehr annäherte.

Auf einmal riss sie die Augen auf.

Da war es.

Ein Klopfen.

Ihr müdes Gehirn dachte sofort an Alex und die Hoffnung wurde sofort von Trauer überwältigt. Alex würde nie wieder an ihre Türe klopfen.

Zögerlich warf sie die dicke Decke von sich und richtete sich auf.

Erneut ertönte das Klopfen. Unsicher blickte sie auf den Schürharken neben dem Ofen. Immerhin konnte sie nicht wissen wer es war. Vielleicht war es auch Chief Swan der sie gefunden hatte und nachsehen wollte ob alles in Ordnung war. Der Gedanke beruhigte nur minimal ihr rasendes Herz und schließlich griff sie das schwere Eisen und humpelte zur Tür. Das Schloss war nicht stabil genug, wenn jemand hinein wollte, könnte er das. Es hätte also keinen Sinn das Klopfen zu ignorieren. Sie hielt sich an der Türschnalle an und sperrte auf. Als sie die Tür öffnete keuchte sie auf.

Der Anblick hatte rein gar nichts an der Wirkung verloren. Absolut rein gar nichts.

Seine blonden Haare waren durchnässt, saßen jedoch trotzdem perfekt. Seine Wangenknochen, prägnant und edel, seine elegante lange Nase und sein perfekt geschwungener Mund.  Die lavendelfarbenen Augenringe.

Und seine Augen.

Dunkler als sonst und mit einem Ausdruck, der ihr Herz zerreißen würde, wäre es nicht schon gebrochen.

„Dr. Cullen?“

Ungläubig starrte sie die Figur vor sich an. Tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf. Von den Gefühlen wollte sie erst gar nicht anfangen.

Was machte er hier?

Woher wusste er wo sie war? Keiner kannte die Hütte, keiner außer Alex.

Er wirkte niedergeschlagen und sie ärgerte sich, dass sie seine Erscheinung bis ins Mark traf. Sie spürte ihren Herzschlag, der in ihre Ohren pochte und auch ihr Körper der sofort reagierte.

Offenbar war es ihrem Unterbewusstsein komplett egal, dass er einfach gegangen war. Es spielte keine Rolle, dass er offensichtlich nichts für sie empfand.

Wütend schluckte sie.

Sie hasste diese Abhängigkeit und sie hasste es, dass sie nicht einmal wütend auf ihn sein konnte.

„Lily.“

Ihr Name klang eher wie ein Gebet und sie konnte fühlen, wie ihre Wangen heiß wurden. Lily schluckte. Wenn er nicht so umwerfend aussehen würde, würde sie ihm die Tür direkt vor der Nase zuknallen aber etwas in ihr hielt sie zurück und es hatte nur wenig mit seinem Aussehen zu tun.

„Was wollen Sie hier.“

Er starrte sie verdutzt an als hätte er sich das gerade selbst gefragt. Seine Finger spielten mit dem Saum seines Hemdes und ihr fiel auf einmal auf, wie unpassend er für das Wetter gekleidet war. Zudem war er komplett durchnässt. Er musste frieren aber sein Körper wirkte nicht als ob ihm kalt wäre.

Im Gegenteil, er stand ihr gegenüber als würde er die Kälte nicht einmal bemerken.

„Darf ich hinein kommen?“

Lily wollte sofort ja sagen aber etwas hielt sie zurück. Das Misstrauen kroch in ihr hoch und sie verengte die Augen.

„Warum?“

Er sank sichtlich zusammen und ließ seine Schultern hängen, eine Geste die mit seinen blutunterlaufenen Augen einen herzzerreißenden Anblick darboten. Sein Anblick tat weh.

Schrecklich weh.

Der Schmerz durchzog sie und sie musste sich zusammen reißen nicht einfach einzubrechen.

„Ich möchte mit dir reden. Ich kann alles erklären.“

Vermutlich hätte sie Angst haben sollen, ein Mann stand mitten im Wald vor ihrer Türe, ohne Jacke, ohne Auto. Nur mit einem teuren Markenhemd, Hose und noch teureren Lederschuhen.

Es hatte etwas von Serienmörder.

Aber seltsamer Weise hatte sie keine Angst. Im Gegenteil.

Ihr sonst so unfehlbarer Instinkt drängte sie zu ihm und erkannte in ihm eine Art Sicherheit die sie sich nicht erklären konnte.

Ihr Warten lies ihn unruhig werden und er kniff seine Brauen zusammen, seine perfekte geformten Brauen.

Es war unfair.

Wie sollte sie ein Chance haben wenn ein Gott vor ihrer Tür stand und mit ihr sprechen wollte?

Schließlich nickte sie und sie war selbst überrascht, wie leicht es ihr fiel. Sie trat zur Seite und er ging in einer flüssigen Bewegung in die Wärme der Hütte. Von seinem Kinn tropfte der Regen in dem er offenbar viel zu lange gestanden da und Lilys Finger zuckten.

Was war mir ihr los?

„Also?“

Ihre Stimme war hart, sie hatte sie gut trainiert, doch sie hatte nicht erwartet, dass er zusammen zuckte. Und schon gar nicht hatte sie das Schuldgefühl erwartet, was seine Reaktion in ihr auslöste.

Sie humpelte zu ihrem Bett und setzte sich mich verschränkten Armen darauf. Die Müdigkeit wurde von ihrer Neugierde überdeckt, obwohl sie immer noch den Marsch in ihrem Körper spürte und ihr Knie unangenehm pochte.

Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen aber es kam ihr nicht so vor, als ob er tatsächlich seine Umgebung wahrnehmen würde. Es war eher, als ob er sich sammeln musste.

Schließlich blickte er auf ihr Bein und öffnete den Mund. Sofort schloss er ihn und legte seinen Kopf schief. Offenbar überlegte er ob er etwas sagen sollte. Schließlich erhob er erneut seine Stimme.

„Du solltest das Bein hochlegen.“

Sie spürte immer noch das Pochen in ihrem Knie und wusste, dass er Recht hatte. Wie konnte er auch nicht, immerhin war er Arzt. Obwohl sie es ihm zu Fleiß machen wollte, siegte ihre Vernunft und sie legte ihr Bein auf das Bett.

Erleichtert atmete er aus und wieder ein. Seine Augen verdunkelten sich erneut und Lily fragte sich wieder, was das für eine seltsame, eigentlich körperlich unmögliche Reaktion von ihm war.

„Es gibt kein Angebot in Boston.“

Er sagte das, als würde das alles erklären. Als würde das sein Verhalten erklären. Lily legte ihren Kopf schief. Was sollte sie mit der Information anfangen?

Er schien nervös und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn das letzte Mal so gesehen hatte oder ob sie ihn überhaupt so gesehen hatte. Lily überlegte ob sie etwas sagen sollte, aber sie blieb still. Immerhin hatte er Erklärungsbedarf und nicht sie. Außerdem fing ihr Kopf unangenehm zu pochen an.

„Der Grund warum wir weggehen müssen-“

„Also gehst du tatsächlich weg.“

Sie konnte nicht anders. Ungläubig starrte sie ihn an. Er war den ganzen Weg hier her gekommen um ihr noch einmal das Herz zu brechen? Warum?

Sofort schüttelte er den Kopf.

„Nein! Ich meine ja, eigentlich schon, aber du musst verstehen-“

„Ich muss gar nichts. Warum bist du hier? Um es mir rein zu würgen?“

Die Wut die in Lily hochstieg war übermächtig. Sie war an einem Tag zweimal darauf reingefallen. Zweimal. Er schüttelte erneut den Kopf und seufzte. Wie kann man so dumm sein. Wie konnte sie tatsächlich glauben, dass er ihr Ritter auf dem weißen Pferd war. Dass er sie retten würde.

„Warum dann? Oder hattest du noch etwas Zeit und dachtest dir- Hey schauen wir mal bei dem naiven Pflegefall vorbei und lachen eine Runde.“

Ihre Stimme war hart und als sie sein Gesichtsausdruck sah, bereute sie ihre Worte. Er sah aus, als hätte sie ihn geschlagen und sie verstummte sofort.

„Ich würde niemals über dich lachen, Lily.“

Er blickte sie starr an und schließlich seufzte sie.

Sie glaubte ihm, zu ihrer eigenen Überraschung. Sie wusste, dass sie ihm unrecht tat aber ihn anzusehen tat so weh, dass sie nicht anders konnte. Sie musste ihren Schmerz irgendwie rauslassen.

„Warum bist du hier?“

„Um es dir zu erklären.“

„Was zu erklären? Dass du aus einem unerfindlichen Grund gehen musst?“

„Ja das auch.“

„Was auch? Was? Wie hast du mich überhaupt gefunden?“

Er schien seine Worte abzuwägen und blickte ratlos drein. Noch immer stand er wie angewurzelt am anderen Ende der Hütte. Es war fast so, als ob er unbedingt Freiraum geben wollte, aber warum? Lily konnte sich keinen Reim daraus machen und ihr Kopf schmerzte. Der Tag war lange, zu lange und sie war müde.

„Ich.. ich bin nicht der für den du mich hältst.“

Auf einmal sah er unfassbar traurig aus und Lily brach es fast das Herz. Sie wollte ihn nicht so sehen, egal wie wütend sie auf ihn war.

„Du bist verheiratet.“

Sein Kopf schnellte hoch und er starrte sie verwirrt drein, als ob es absolut absurd war so etwas anzunehmen.

„Nein, natürlich nicht.“

„Dann was?“

„Ich bin nicht gut für dich.“

Lily schnaufte.

„Es liegt nicht an mir es liegt an dir? Ist es das?“

Sie hasste Klischees.

„Diesmal stimmt es.“

„Carlisle, es ist spät. Ich bin müde, ich habe Hunger, mein Bein tut weh. Auch wenn es nicht so aussieht aber ich habe gerade wichtigeres zu tun als herum zu raten, warum ich nicht gut genug für dich bin.“

Ihre Stimme war zu beginn fest und wütend, flaute aber ab wie ein Sturm der schwächer wurde. Den letzten Satz flüsterte sie fast und erneut breitete sich ein schmerzerfüllter Gesichtsausdruck auf seinen feinen Zügen aus.

„Du bist nicht.. nein Lily du verstehst nicht.“ Er klang verzweifelt und seine Augen funkelten verräterisch feucht.

„WAS? Was verstehe ich nicht?“

Ihre Geduld war am Ende.

Als wäre die Tatsache, dass er ging nicht schlimm genug, als wäre ihre gesamt Situation nicht hoffnungslos genug, jetzt musste sie auch noch mit ihm diskutieren warum genau er sie nicht wollte und warum er gehen musste. Seine Augen rasten durch den Raum und sie konnte sehen, dass er langsam aufgab.

„Ich bin ein Vampir.“

Seine Stimme war so leise, dass sie sie fast nicht hörte. Er sah zu Boden, als hätte er Angst vor ihrer Reaktion. Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

Auf einmal lachte sie auf.

Seine Augen fanden ihre und sie sah erneut das helle ockergelb darin.

„Carlisle. Du musst dich nicht rechtfertigen warum du gehst. Es geht mich auch eigentlich nichts an.“

„Nein, ich meine es ernst.“

Er sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Gerade er, der behauptete er wäre ein Vampir. Lily dachte, dass es die schlechteste Ausrede war, die sie je gehört hatte.

„Du bist ein Vampir.“

Er nickte erneut und sah wie verwirrt an.

„Mit Blut, Sonne, Schlössern und Umhängen und alles.“

Carlisle begriff offenbar, dass sie ihn nicht ernst nahm.

„Nur Blut. Manche leben tatsächlich in Schlössen und tragen Umhänge.“

Er sagte es beiläufig, als wäre das das normalste auf der Welt. Sie rieb sich ihre Hände an ihrer Hose.

„Gut. Danke für die Information.“

„Du glaubst mir nicht.“

Seine Stimme war ernst und Lily wurde frustriert.

„Nein. Natürlich glaube ich dir nicht!“

Wer würde so einen Schwachsinn glauben, dachte sie sich. Als wäre das überhaupt möglich, dass jemand wie er so eine finstere Kreatur war.

„Darf ich es dir beweisen?“

Er trat vorsichtig an sie heran, als würde sie vor Angst jederzeit zurückweichen.

Als könnte sie je vor ihm Angst haben.

Zögerlich nahm er ihre Hand und sie wehrte sich nicht. Die Berührung löste etwas in ihr aus, was sie sofort wieder vergessen wollte. Seine Finger waren wie immer kalt, aber der Kontakt war so angenehm, dass sie ihn nicht unterbrechen konnte.

Er kniete sich zu ihr und überragte sie nur noch ein klein wenig.

Seine Nähe brachte ihr Herz dazu bis in ihre Ohren zu Pochen und sie spürte ihr Blut, welches in ihre Wangen rauschte.

Zögerlich führte er ihre Hand zu seiner Brust und Lily stockte der Atem. Sein Körper war genauso kalt wie seine Hände und hart.

Sehr hart. Als wäre er aus Stein.

Sie starrte auf ihre Hand und ihre Gedanken überschlugen sich.

Doch neben den ganzen Eindrücken die über sie hineinprasselten, das Gefühl seines Körpers, seine Augen welche fast schwarz waren, sein Duft welcher sie umgab, drängte sich etwas anderes.

Etwas was sie anbrüllte.

Etwas stimmte nicht.

Sie zog ihre Brauen zusammen und drückte ihre Hand fester gegen seine Brust. Sie fuhr etwas nach rechts und nach links und suchte. Sie suchte verzweifelt einen Herzschlag.

Aber sie fand keinen.

Es brauchte einige Sekunden bis sie ihre Hand wieder wegzog, auch wenn ihr Unterbewusstsein unglücklich murrte. Nach einigen Momenten fanden ihre Augen die seinen und sie spürte wie sich ihr Brustkorb zusammenzog.

Der Blick den sie nicht deuten konnte verschwand und wurde von einem besorgten Blick abgelöst.

„Lily.“

Sie lehnte sich leiht zurück und fühlte ihren Kopf leicht werden.

„Lily! Du musst atmen.“

Er schien hin und her gerissen zu sein ob es besser wäre ihr Abstand zu geben oder bei ihr zu bleiben, doch schließlich ergriff er ihre Hand und drückte sie an der Schulter in die Matratze. Seine Berührung beruhigte sie sofort und sie spürte die Atemluft ihre Lungen fluten.

„Du bist ein Vampir?“

Ihre Stimme klang schwach und fremd. Sie sagte es eher zu sich selbst als zu ihm.

Er nickte.

„Ja.“

Seine Stimme klang so traurig, dass es ihr das Herz zerriss. Erneut setzte sie sich auf und drückte sich gegen seine Hand auf ihre Schulter. Ihr Herz raste immer noch aber sie konnte zumindest atmen.

„Aber... du arbeitest in einem Krankenhaus?“

Verdutzt starrte er sie an und erst jetzt wurde ihr bewusst, wie unwichtig diese Frage war. Viel wichtiger war was er hier bei ihr tat.

„Ich möchte Menschen helfen. Meine Familie und ich.. wir trinken Tierblut.“

Lily wusste nicht warum, aber sie glaubte ihm. Sie glaubte ihm aufs Wort. Er hatte so etwas an sich,  etwas was einen dazu brachte ihm sofort zu vertrauen.

„Also bin ich kein Mitternachtssnack?“

Sie konnte nicht anders. Sie musste die Situation mit Humor erträglicher machen. Es war ihr Schutz den sie brauchte um nicht den Verstand zu verlieren. Es zeigte Wirkung und er lachte laut auf. Obwohl es nicht so lange her war, hatte sie vergessen wie es klang.

Es war wie eine Symphonie.

Er schüttelte den Kopf und von seine Haaren tropfte immer  noch immer  der Regen hinab.

„Nein.“

Er blickte sie durchdringend an als er auf einmal stockte. Er wandte seinen Kopf zur Türe, als hätte er etwas gehört.

„Rose bringt etwas zu essen.“

„Rose?“

Essen.

Wie auf Stichwort meldete sich ihr Magen und knurrte gierig. Als hätte dieser nicht das Drama welches sich gerade abspielte mitbekommen.

Auf seinen Lippen breitete sich ein Lächeln aus und sie schmolz dahin.

Er hatte es so einfach.

Es war so einfach sich wieder von ihm einlullen zu lassen, es war so einfach zu glauben, dass sie ihm etwas bedeutete. Er war wie eine Droge und je mehr sie bekam, desto mehr wollte sie, egal welche Konsequenzen es hatte.

Er stand auf und öffnete die Tür.

Vor der Tür stand der größte Mann den Lily je gesehen hatte.

Er war gigantisch.

Seine Schultern waren breit und selbst Carlisle, der mehr als gut gebaut war, verlor seine Wirkung neben ihm. Das einzige was so gar nicht zur Erscheinung passte, war sein Grinsen.

Das Grinsen welches von zwei Grübchen begleitet wurde und ihm sofort ein liebenswertes Aussehen gaben.

Er ignorierte Carlisle und strahlte sie an als wäre sie das interessanteste was er je gesehen hatte.

„Hier hat jemand Hunger!“

Triumphierend hielt er eine Tüte in die Luft.

„Gib ihm endlich das Essen, Emmett.“

Hinter dem Bären erschien eine Frau.

Frau war zu wenig.

Es war eine Göttin.

Lilys Mund fiel auf und sie starrte die Schönheit unverhohlen an.

Es war sie schönste Frau die sie je gesehen hatte. Sie sah Lily mit einem gelangweilten Blick an, aber Lily konnte dahinter mehr erkennen. Sie war ebenfalls interessiert nur zeigte sie es nicht so offensichtlich wie der Bär in der Tür.

„Wie gefällt dir das Dach?“

Die tiefe Stimme vibrierte in der kleinen Hütte und sie sah ihn fragend an. Nach ein paar Momenten fand sie schließlich ihre Stimme wieder.

„Es ist toll?“

Innerlich stöhnte sie, wie unmelodisch und schwach ihre Stimme im Vergleich zu diesen Göttern klang.

Sofort breitete sich ein glücklicher Gesichtsausdruck auf seinen kindlichen Zügen aus und er streckte seine muskulöse Brust vor stolz raus.

„Ich habe es repariert.“

Seine Stimme hatte den selben Klang, als hätte er gerade gesagt, dass er das Heilmittel gegen Krebs gefunden hatte.

„Danke.“

Sie schenkte ihm ein leicht nervöses Lächeln und er wurde sofort verlegen. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und winkte lässig ab, als hätte er nicht vor einer Sekunde stolz damit angegeben.

„Keine Ursache.“

„Danke Emmett, Rosalie. Das war sehr nett von euch.“

Carlisle Stimme klang im Vergleich zu dem bärenartigen Grollen sanft und hell. Er nahm Emmett das Essen ab welcher ein wenig enttäuscht aussah als Carlisle die Tür langsam schloss.

„Möchtest du etwas essen?“

„Nein.“

Ihr Magen knurrte und Carlisle sah sie mit zwei hochgezogenen Brauen an.

Lily verfluchte Stumm ihren Körper und verdrehte die Augen.

„Nicht jetzt zumindest.“

Carlisle stellte die Tüte sachte auf den Tisch ab und es war so, als ob er gehofft hätte die Ablenkung noch ein wenig länger nutzen zu können.

Er zog ein Gesicht, als ober sich einem Tribunal stellen musste und Lily fragte sich, wovor er Angst hatte.

Er war schließlich hier nicht die Mahlzeit. Wobei er definitiv nach einer aussah. Lily verdrehte aufgrund ihrer eigenen Gedanken die Augen.

Es war absurd.

Sie wusste sie sollte Angst haben.

Sie wusste, sie sollte kreischend davon laufen, nicht, dass sie es könnte aber sie konnte zumindest davon humpeln.

Oder irgendwie anders angemessen reagieren und sie wusste, dass ihr Selbsterhaltungstrieb offenbar gerade nicht anwesend war.

Aber sie konnte einfach keine Angst vor ihm haben.

Alles an ihm zog sie an, seine Stimme, sein Aussehen, sein Duft, seine Art. Es war als ob er für sie gemacht worden war, wie ein Köder.

Selbst nachdem er so ungalant versucht hatte sich aus ihrem Leben davon zu stehlen, konnte sie nicht anders als das zu empfinden was sie tat. Seine schiere Anwesenheit reichte aus um ihre Ängste und Sorgen wegzuwischen und sie fragte, sich ob das vielleicht eine Art Zauber war unter dem sie stand.

Sie spürte nicht nur ihre Fassade bröckeln. Auch ihr Körper war erschöpft.

„Warum erzählst du mir das? Wenn ihr ohnehin weg wollt?“

Sie konnte ihm die Ablenkung nicht gönnen, sie musste es wissen.

„Ich will nicht weg.“

Er stellte es sofort klar als wäre es ein wichtiges Detail was sie wissen musste, selbst wenn es nichts änderte.

„Aber du musst, oder?“

Er seufzte und sie hatte so das Gefühl, dass es eher einstudiert war als wirklich notwendig. Er zögerte und warf ihr wieder einen Blick zu, als wäre er unsicher was er tun sollte.

„Ich sollte. Darf ich?“

Er zeigte auf den einzelnen Stuhl der an dem Tisch stand. Sie nickte und fragte sich, ob er noch immer Zeit schinden wollte. Zu ihrer Überraschung nahm er den Stuhl und rückte ihn zu ihr.

Er setzte sich in einer flüssigen Bewegung und sie erinnerte sich sofort an die Stunden, indem er bei ihr saß und sie sich über Harry Potter unterhielten. Ihr Kopf pochte und sie zog die Decke um ihre Schultern. Sofort lagen seine Augen auf ihr und er musterte sie mit intensivem Blick. Sie unterdrückte ein Gähnen doch es blieb ihm nicht verborgen.

„Vielleicht sollte ich morgen-“

„NEIN!“

Ihre Stimme war ungewohnt laut und er hielt sofort ein.

„Nein. Bitte.“

Sie wusste wie erbärmlich sie klang und sie hasste es aber in diesem Moment konnte sie sich nicht darum kümmern. Ihr Bein tat noch immer weh und die Wunde pochte. Der Hunger war auf einmal weg und ihr Kopf wurde heiß. Dennoch war das letzte was sie wollte, dass er verschwand. Vermutlich auch deshalb, da sie dachte wenn sie morgen aufwachen würde, würde sie das alles als seltsamen Traum abtun und immer noch alleine sein.

Das konnte sie nicht riskieren.

„Du hast leichtes Fieber.“

Lily nickte, soviel hatte sie schon mitbekommen.

Es war nicht hoch genug um sie wirklich zu beeinträchtigen, aber genug um ihren Kopf langsam zu machen.

Als er stand, fing ihr Puls zu rasen an. Die Panik kroch in ihre hoch und schnürte ihre Kehle zu. Er würde wieder gehen. Sofort setzte er sich wieder hin und griff nach ihrer Hand. Der Kontakt ließ sie aufatmen. Er blickte sie mitleidig an und fasste mit seiner zweiten Hand auf ihre Stirn. Die Kälte war seltsam angenehm und Lily stöhnte auf. Sie schloss unweigerlich die Augen und spürte die Müdigkeit über sie hinabgleiten. Kämpfend riss sie die Augen auf.

Sie konnte nicht schlafen, nicht jetzt.

Er schien ihren Kampf zu bemerken und strich über ihre Wange.

„Ich hole dir ein Wasser und bleibe hier bis du wieder aufwachst.“

Sie wollte ihm glauben, ihr Körper wollte ihm glauben, damit er endlich ruhe fand aber ihr Misstrauen meldete sich erneut. Auf einmal bewegte er sich so schnell, dass ihre Augen es nicht erfassen konnte. Ein Wind glitt durch das kleine Zimmer der Hütte und er hatte auf einmal ein großes Glas Wasser in der Hand. Sie hatte nicht die Kraft es zu analysieren.

Er reichte es ihr und sie trank gierig. Ihre Finger fanden erneut  seine und er starrte fasziniert auf ihre schweißnasse Hand, als wäre es etwas kostbares.

„Schlaf, ich verspreche, ich bin hier wenn du aufwachst.“

Er drückte sie sanft zurück in die Matratze und ließ dabei nie ihre Hand los.

Ihre Augen wurden immer schwerer und sie spürte nur nebenbei, wie er ihr eine Tablette in die Hand drückte.

Sie schluckte sie ohne zu Fragen und trank erneut einen großen Schluck. Mit kraftlosen Fingern umklammerte sie seine größere Hand und ihr müder Geist beschwichtigte sie, dass sie es schon merken würde wenn er verschwand. Mit einem letzten Blick auf sein engelsgleiches Gesicht schlief sie ein, nur um von ihm zu träumen. Sie hörte seine Stimme, fern und doch so nah. Sie war wie fließender Honig, süß und samtig, und hüllte sie ein in die Dunkelheit die sie umgab.

Es war so einfach ihm zu glauben, auch wenn sie wusste, dass sie es bereuen würde. Aber sie konnte nicht anders als ihn zu vertrauen. Er würde sie nicht so offen anlügen. Sie bildete sich ein ihn zu kennen und wie hatte Alex immer gesagt? Einbildung war auch eine Bildung.
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