Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fallstudie Liebe

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Het
Lotta Teichert Tina Teichert
10.10.2020
10.10.2020
1
2.198
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
10.10.2020 2.198
 
Kaum fiel die Schlafzimmertür hinter ihr ins Schloss, begann Tina Teichert zu weinen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie nicht einmal klischeemäßig ihre Augen damit bedecken konnte. Sie steuerte auf das Bett zu, ihr Ehebett. Es roch nach Hanno, vertraut und mit einem Mal so abstoßend.
Tina stolperte über eines seiner Hemden – das musste ihm am Morgen vom Bügel gefallen sein, sonst ordnete Hanno seine Kleidung fast ebenso penibel wie seine Akten – und schluchzte prompt erneut auf. Ihr eigener Ehemann und eine andere. Diese Schlampe.
Wäre sie hier, dann hätte Heidrun vermutlich entsetzt die Luft angehalten und „Tina!“ murmelnd den Kopf geschüttelt. Und sie hätte an ihrer Stelle garantiert nicht wie eine Idiotin nachgefragt und sich auf ein Gespräch mit Hanno eingelassen. Betrogen hatte er sie, betrogen wie in Heidruns Rosamunde Pilcher-Romanen, betrogen wie in gefühlt jedem zweiten Adele-Song. Tina ließ sich aufs Bett fallen, auf ihre vertraute rechte Seite, und vergrub das verweinte Gesicht im Kissen.
Hätte das jemand erwartet? Natürlich nicht. Eher, dass sie ihn betrog. Hanno, der so hart dafür gearbeitet hatte, Rechtsanwalt zu werden. Der sich auch als Gegenspieler von Edwin und Günter nie unterkriegen ließ. Der ständig Joschuas und Lottas Lehrer verwechselte – nur ihre Noten nicht. Noten, Zahlen, Daten, damit konnte ihr Mann umgehen.
Sich selbst im Arm haltend, drehte Tina sich auf den Rücken. Es tat gut, Arme um ihren zitternden Körper zu spüren. Sie würde sich so lange über die Schultern streichen und an die schräge Decke schauen, bis sie nicht mehr den Wunsch hegte, Hannos verlogene Visage als Zielscheibe für seine Gesetzbüchersammlung zu benutzen.

„Mama?“
Verdammt, dachte Tina. Ihre Tochter hatte gemerkt, dass etwas nicht stimmte.
Die Tür schwang zögerlich auf. Ohne einen Laut, denn nach ewigem Quietschen hatte Tina sie vor zwei Wochen geölt. Zwei Wochen. Damals hatte sie noch nichts von… davon gewusst.
„Mama, geht es dir gut?“
„Klar.“ Sie schaute komplett angezogen mit einem Auge aus dem Kissen auf. „Wie war’s in der Schule?“
„Mama“, sagte Lotta zum dritten Mal und schüttelte den Kopf. Die Geste ließ sie Heidrun ähnlicher erscheinen, als Tina es je für möglich gehalten hätte.
Mit ruhigen Schritten trat Lotta auf das Bett zu und setzte sich an Tinas Fußende. „Hast du dich wieder mit Papa gestritten?“
Diese klugen Oberstufentöchter! Tina setzte sich notgedrungen auf. „Ein wenig.“
„Das sieht aber nicht nach ein wenig aus.“
„Lotta, lässt du mich bitte einfach in Ruhe? Ich brauche etwas…“, Tina fiel nichts anderes ein, „…Ruhe.“
„Papa kam eben mit dem Fahrrad an mir vorbei.“
„Er hat das Fahrrad genommen?!“ Durch Tinas Herz fuhr mit Wilhelm Tell-Präzision ein Pfeil der Eifersucht.
Hanno fuhr selten Fahrrad. Er trat immer dann in die Pedale, wenn er eine lange Strecke fahren wollte. Zum Nachdenken, sagte er. Die gleichmäßige Bewegung helfe ihm, sich selbst zu erden. Und welche andere lange Strecke als die zu… ihr könnte er zurücklegen wollen?
„Ja. Und er hatte den großen Korb auf dem Gepäckträger“, fügte Lotta hinzu. „Mama, komm schon! Wenn du es mir nicht erzählen willst, dann machen wir eben einen Spaziergang.“
„Um Hanno zu begegnen?“
„Ich glaube, Papa ist schon zwei Kilometer weiter. So, wie der in die Pedale gestiegen ist…“

Lottas letzte Bemerkung reichte aus, um Tina zum Aufstehen zu bewegen. Sonderlich bequem war es in ihrem Dreiviertelrock und der geknöpften Bluse sowieso nicht. Sie brauchte Bewegung, keine Ruhe.
In der Küche kochte Tina sich einen starken Tee. Sonst Kaffeetrinkerin, wollte sie einen klaren Kopf behalten. Das Wasser sprudelte in der Kanne und Tina hielt kurz ihr Gesicht darüber, sodass warmer Wasserdampf ihre Tränen wegspülte.
„Hier, deine Lieblingsjeans.“ Ihre Tochter tauchte, selbst in Kapuzenpullover und Jeanshose, im Türrahmen auf. „Und ich hab dir deine Windjacke rausgelegt.“
„Danke, Lotta“, sagte Tina gerührt. „Kommst du wirklich mit? Ich dachte, du hast morgen den Vokabeltest in Englisch…“
„Of course. It is the First Officer’s duty to protect the Captain“, erwiderte Lotta in Anlehnung an die Serie Star Trek, die sie beide irgendwann zu schauen begonnen hatten, als Lotta krank zuhause geblieben war.
„Aha, ich bin also der Captain? Und wer ist Hanno?“
„Der ist egal. Vielleicht irgendeiner von den Typen in den roten Shirts, die bei Missionen immer anstelle der Hauptfiguren draufgehen.“
Tina musste lachen. „Du als Erste Offizierin, ich als Captain… und Joschi ist dann wohl der Chefingenieur. Dann fehlen uns ein Wissenschaftsoffizier und ein Kommunikationsoffizier.“
„Kommunikation kann Edwin übernehmen, der quatscht sowieso jeden zu Tode. Opa ist unser Wissenschaftsoffizier. Er kennt sich wirklich gut mit Giften und Chemikalien aus. Und er hat mir letztens geholfen, als ich mit diesen Summenformeln nicht weiter kam.“
„Echt? Opa hat dir geholfen?“
Lotta ging voraus zur Tür, während ihre Mutter die letzten Schlucke Tee trank. „Wenn Edwin nicht dazwischen redet, hat Opa auch mal was zu sagen.“
„Nun denn, Erste Offizierin: Landeanflug starten!“

Sie gingen nebeneinander in Richtung des plätschernden Bachs, der eine Straßenkreuzung weiter verlief. Tina spürte, dass Lotta ihren Schritt dem ihrer Mutter anpasste und sich etwas zurückhielt, und sie war ihr dankbar.
Ihre Gedanken hatten sich ebenfalls beruhigt. Es gab keinen Grund, sauer auf Hanno zu sein. Das würde Tina nur selbst wahnsinnig machen. Nein, sie würde – ganz im abgeklärten Juristen-Stil – die Faktenlage betrachten und einen Ablaufplan, wie Hanno immer sagte, erstellen.
Lotta bog nach rechts auf ihren üblichen Feldweg ein und rannte beinahe einen Golden Retriever über den Haufen. „Ups, sorry!“
„Alles okay?“
„Jaja.“ Sie hielt dem freilaufenden Hund, der an ihr schnupperte, eine Hand hin und er leckte sie begeistert ab.
„Igitt, Lotta!“
„Ich hab Taschentücher dabei.“
Ihre Tochter kraulte den Hund unter seinem Kinn, was er mit einem sanften Grummeln quittierte. In unmittelbarer Nähe sah Tina keine Besitzer und begann bereits, sich Sorgen zu machen, ob der Hund irgendwo entlaufen war.
Dann, als würde er Tinas Traurigkeit spüren, ging der Golden Retriever zielstrebig auf sie zu und stupste ihr Knie an. Und eine solche Kontaktaufnahme konnte Captain Tina Teichert natürlich nicht unbeantwortet lassen. Sie hatte schließlich auch ein Herz… obwohl…
Der Hund kam näher. Mangels Armen schmiegte er lediglich seinen Kopf an ihren Arm, doch schon diese Geste der Zuneigung half. So legte der Captain ebenfalls den Arm um ihn und fuhr mit den Fingern über seinen Kopf.
Wann hatten die Tränen erneut zu fließen begonnen? Tina wusste es nicht. Sie spürte einzig, wie sie sich einen Weg ihre Wange hinunter bahnten, ihr eigenes Bett gruben. Ein Requiem an Hannos Vertrauensbruch. Sie schniefte in das weiche Hundefell.
An ihrer anderen Seite kam ein Arm hinzu, gleich darauf ein zweiter. Die halb hündische, halb menschliche Umarmung war Tina eine ganze Stunde Meditation wert.

„Ach, hier bist du. Anno!“
Tina schreckte zurück. War das etwa seine andere Frau? Hatte sie sie ertappt? – Moment, wobei eigentlich?
Ein weiteres Anstupsen, ein tiefer Blick aus braun schimmernden Augen und der Retriever lief zu seiner Besitzerin zurück, die erneut: „Anno!“ rief. Ein seltsamer Name für einen Hund. Tina war wütend auf sich selbst und auf ihre Reaktion.
„Entschuldigung, er ist fast mit mir zusammengestoßen“, erklärte Lotta und verdeckte ihre Mutter, die mit Tränenbachbetten auf den Wangen nach ihrer Taschentuchpackung kramte, so gut wie möglich.
„Ich bin nur kurz stehen geblieben, um zu telefonieren, und er hat wohl mal wieder einen spannenden Geruch verfolgt.“ Annos Besitzerin lachte. „Danke, dass ihr auf ihn aufgepasst habe!“ Und etwas leiser: „Ist mit deiner Mutter alles in Ordnung?“
„Ach ja… Ähm… Wechseljahre.“
Lottas wenig schlagfertige (und inkorrekte!) Antwort bekam Tina auch halb in ihrer Jacke verschwunden mit. Sie verdrehte die Augen. Da, endlich hatte sie die Taschentücher.
Der freundliche Retriever und seine Besitzerin passierten die beiden, während Tina sich die Augen abtrocknete. Zum Glück hatte sie am Morgen (in weiser Voraussicht, vielleicht?) kein Make-up aufgetragen.
„Geht’s wieder?“, fragte Lotta.
„Jaja.“ Tina steckte die Packung zurück in ihre Außentasche, wo sie sie definitiv finden würde. „Tut mir leid. Du kannst ja nichts dafür.“
„Wer dann? Papa?“
„Der und seine…“ Diesmal schaffte Tina es, das unfreundliche Wort nicht auszusprechen, und lief voran.
Lotta und ihre langen Beine hielten mühelos Schritt. „Hat er dich betrogen?“
„Ja.“ Das Wort kam ihr leichter über die Lippen als erwartet. Vielleicht hatte Annos Trost geholfen, die Situation klarer zu sehen.
„Liebst du ihn?“
Tina stutzte. „Fehlt da nicht ein ‚noch‘?“
„Warum?“
Manchmal war ihre eigene Tochter zu logisch für Tinas Vorliebe. Dass sie Hanno liebte, war doch klar. Oder dachte Lotta etwa, die beiden hätten sich voneinander entfernt?
Ganz im Gegenteil. In letzter Zeit waren sie ein super Team gewesen, hatten ihre Streits in Kürze lösen können und Tina hatte sich so glücklich gefühlt wie selten zuvor. Genau das sagte sie Lotta auch.

„Das ist keine Antwort auf meine Frage“, konterte ihre Tochter. Sie wäre an Tinas Stelle definitiv cool geblieben. Tina beneidete sie um ihre Nonchalance.
„Ja, ich liebe Hanno. Wolltest du das hören?“
Lotta fing ein vorbeiwehendes Ahornblatt auf und betrachtete es. Tiefrot wie ein Sonnenuntergang am Horizont, nur an der Spitze und der rechten oberen Kante ein wenig gelb.
„Was wolltest du denn sagen?“
„Lotta, du weißt doch, dass ich nicht so gut mit Logik kann. Ich bin die Emotionale in dieser Ehe.“
„Ich glaube, du bist die Logische. Papa tut nur so. Typisch Juristen: Sie verstecken sich hinter Absätzen und Paragraphen. Dabei ignorieren sie völlig, was ihr Herz sagt.“
Tina war überrascht. Sie wollte Lotta nicht fragen, woher ihre Tochter diese Erfahrungen hatte, aber neugierig machte es sie schon. Und bisher hatte sie eher sich und Joschua als die gefühlsorientierten Teicherts gesehen.
„Er hat sich einer anderen Frau zugewandt, einer, die nicht ständig mit ihm diskutiert. Ich vertraue ihm nicht mehr, Lotta. Verstehst du das?“
„Was müsste er tun, damit du ihm wieder vertraust?“, kam die Gegenfrage.
„In der Zeit zurückreisen und eben nicht mit dieser Frau… reden?“
„Nur reden?“ Jetzt war Lotta überrascht. Sie steckte das bunte Ahornblatt in ihre Brusttasche, wo es nicht vom Wind fortgetragen werden konnte, und zog die Augenbrauen zusammen.
„Ja. Das macht mich so fertig. Wenn sie geknutscht hätten… oder Sex gehabt, oder rumgemacht, oder so etwas… Das wäre was anderes.“
„Aber das hier ist emotional, oder? Papa hat mit ihr über seine Gefühle gesprochen.“
„Sieht so aus.“
Eine Weile liefen sie schweigend weiter, beide in Gedanken und dank Lottas scharfen Augen glücklicherweise nicht im schlammigen Graben versunken. Der Weg führte über ein abgeerntetes Feld, an dem sich einige Raben gütlich taten. Über ihren Köpfen durchstieß die Sonne energisch ein dichtes Wolkenband und malte lange Schatten auf ihre Wanderschuhe.
„Kann es sein, dass das ein Test ist?“, schlug Lotta vor.
„Von wem? Gott oder so?“
„Mama!“ Ihre Tochter verdrehte die Augen, als wäre die Idee total abwegig. (Ehrlich gesagt hatte Tina ihren Mann vor allem zu Beginn seiner Anwaltskarriere häufiger als Test des Teufels gesehen, aber das erwähnte sie nicht.)
„Sorry“, entschuldigte Tina sich. „Du meinst, wenn Hanno zu mir zurückkehrt und nie wieder an diese andere Frau denkt, erhält unsere Ehe grünes Licht? Wie eine Straßenkontrolle? Alles okay, Sie dürfen weiter lieben?
„Hey, das ist viel besser als mein Vergleich. Danke!“
Tina lachte. Obwohl es an der Situation eigentlich nichts Witziges gab, wollte sie in diesem Moment lachen, gegen die aufstiebende Herbstbrise, gegen ihre eigenen Zweifel. Lotta hatte Recht. Wenn Hanno ihr sagte, dass er sich für sie entschieden hatte, stimmte das.
Alles würde in Ordnung kommen, wusste sie, während Lotta mit einstieg und sie sich die Seiten hielten. Heute Abend, wenn Hanno von seinem Fahrradausflug nach Hause kam, würde sie mit ihm reden. Und sich in der Zwischenzeit ein Wettrennen mit Lotta liefern, die ihr mehr geholfen hatte, als sie ahnte.
Solange Captain Tina Teichert und ihre Tochter, Erste Offizierin Lotta Teichert, dieses Raumschiff steuerten, war der Kurs auf Liebe gesetzt.



A/N: Hallo! :-) Wenn ihr mich von Apfel gegen Stamm kennt, dann wisst ihr, dass ich von Hannos Betrug ebenso überrascht war wie Tina. Da es in meiner Hauptgeschichte eher um den Fall als ihre Beziehung geht (obwohl Tina im aktuellen Kapitel durchaus viel darüber nachdenkt), habe ich spontan einen Oneshot über ihre unmittelbare Reaktion auf Hannos Geständnis
geschrieben. Unterstützt durch Lotta findet Tina den Glauben an ihre Liebe wieder :)
Es gibt zwar keine endgültige Lösung bzw. Lotta hat diese auch nicht parat, aber wichtig war mir der Zusammenhalt von Mutter und Tochter. Wie im vierten Kapitel geschrieben, hat Hanno eben nicht nur seine Frau, sondern seine Familie betrogen.
Wenn man Fallstudie Liebe am Nachmittag vor Apfel gegen Stamm annimmt und davon ausgeht, dass Hanno erst spät nach Hause kam und Tina vor der Arbeit am nächsten Morgen nicht mehr mit ihm reden konnte, passt der Oneshot auch in die zeitliche Abfolge der Hauptgeschichte.

Der eigentliche Anlass für diese Geschichte: Ich würde Apfel gegen Stamm sehr gerne in einer eigenen Rentnercops-Kategorie veröffentlichen, allerdings braucht es für diese mindestens drei Geschichten aus dem Fandom, soweit ich weiß.
Zwei weitere Oneshots sind skizziert (siehe mein Profil ;D). Da ich mich aktuell auf die Rentnercops-Geschichten konzentriere, um den Fall möglichst kohärent und flüssig darzustellen, kommt der nächste Oneshot vielleicht schon in einer Woche. Für Halloween ist auf jeden Fall eine passende Geschichte (und vielleicht auch ein Fall? Ein kleiner? :D) geplant. Dann wieder mit der Truppe aus dem 12. Dezernat.
Danke fürs Durchlesen und liebe Grüße von Flane :)
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast