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Die Herrin der Wölfe

von Maja Lito
GeschichteFamilie, Fantasy / P16 / Het
10.10.2020
15.04.2021
21
50.340
37
Alle Kapitel
134 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
10.10.2020 2.124
 
Ihr Lieben,

herzlich willkommen zu einer neuen Story aus meiner Feder. Ich freue mich, dass ihr ihr reinschaut.

Was gibt es zu der Story zu sagen? Sie wird am Ende bei 50 Kapiteln landen, die fertig geschrieben sind und nur noch (teilweise) durch die Beta müssen. Ihr könnt euch also sicher sein, dass ich nicht abbrechen werde :). Veröffentlichung wird voraussichtlich einmal die Woche sein, wahrscheinlich immer am Donnerstag. Ausnahmen bestätigen die Regel ;)

Und nun warte ich mal gespannt auf eure Reaktionen.

Liebe Grüße
Maja



**********

Sophie

„Bist du bald fertig?“
Meine beste Freundin Julie steckt den Kopf in mein Zimmer und mustert mit hochgezogenen Augenbrauen das Chaos, das rund um mein Bett herrscht. Dann grinst sie.
„Sieht jedenfalls nicht danach aus. Na komm, Sophie. Reiß dich zusammen, ich möchte gern bald los.“
Ich nicke und stehe langsam auf. Immer noch habe ich den Ring meiner Großmutter in der Hand. Er war der Grund, der mich vor einer halben Stunde davon ablenkte, weiter meinen Koffer zu packen. Julie sieht das und verzieht mitleidig das Gesicht.
„Ist es wieder einer dieser Momente?“
Ich nicke nur, mehr ist nicht notwendig. Julie versteht mich auch so.
„Nimm ihn mit. Ich meine, klar, wir werden nicht so viel Zeit haben. Hoffe ich wenigstens. Ich werde ausrasten, wenn die Partys nicht so gut wie angekündigt sind. Aber zwischendurch haben wir bestimmt auch mal ein paar Minuten Ruhe, in denen du weitergrübeln kannst.“
Ich überlege kurz und verkneife mir eine Menge Kommentare, die mir durch den Kopf gehen. Diesen Urlaub mache ich nur meiner besten Freundin zuliebe mit, ich habe absolut keine Lust. Aber sie wünscht sich das seit Jahren und deshalb kann ich nicht kneifen. Wahrscheinlich liegt sie richtig, ich sollte den Ring einfach mitnehmen. Letztlich merke ich, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, ihn zurückzulassen.

Julie verschwindet wieder und ein paar Sekunden später höre ich es aus unserer Küche scheppern. Ich habe keine Ahnung, ob sie gerade den halben Hausstand einpackt, wahrscheinlich will ich es auch nicht so genau wissen. Auf gar keinen Fall werde ich jetzt nachsehen gehen. Ich sehe mich lieber in meinem kleinen Zimmer um und versuche, mir einen Überblick zu verschaffen, was ich noch einpacken muss.
Es ist Hochsommer, wir haben seit einer halben Woche Semesterferien und dementsprechend kann ich die dicken Klamotten wohl getrost zuhause lassen. Stattdessen wandern diverse T-Shirts, Tops, kurze Hosen und Röcke in den Koffer. Außerdem alles, was ich an Schwimmkleidung besitze. Die wird bestimmt notwendig sein, denn wir haben mit zwei weiteren Freundinnen zusammen ein kleines Haus an einem See gemietet. Es soll sich laut Julie um einen Geheimtipp handeln, in einem Feriengebiet, das eigentlich nicht dafür bekannt ist, besonders großartig für Leute unseres Alters zu sein. Allerdings findet dort einmal im Jahr ein großer Surfwettbewerb statt und Julie hat herausgefunden, dass die Woche davor und danach überall in der Umgebung diverse Partys stattfinden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glauben soll und habe mich selbst nicht informiert, aber ich werde es bald ohnehin erleben. Also kann ich die paar Stunden auch noch in Ruhe abwarten.
Einen Moment lang atme ich tief durch, denn eigentlich würde ich viel lieber zu meinem Vater fahren, anstatt mich ins Partyleben zu stürzen. Obwohl Julie bestimmt richtig liegt, dass mir ein bisschen Ablenkung wirklich guttun wird.

Es ist jetzt einen Monat her, dass meine Großmutter gestorben ist. Ihr Tod kam für uns nicht überraschend, sie war schon lange Zeit schwerkrank, trotzdem habe ich daran extrem zu knabbern. Ich denke, dass es an dem Umstand liegt, dass meine Großmutter gleichzeitig so etwas wie eine Ersatzmutter für mich war. Wir standen uns sehr nah und bevor ich aufgrund des Studiums in einen anderen Bundesstaat zog, haben wir uns beinahe täglich gesehen.
Meine Mutter verschwand etwa ein halbes Jahr nach meiner Geburt spurlos und ließ mich und meinen Vater allein zurück. Daraufhin ist meine Großmutter zu uns gezogen. Sie hat nicht im gleichen Haus gewohnt, weil sie der Meinung war, dass das nicht klappen würde, aber ihre Wohnung lag nur eine Straße weiter. Ganz am Anfang fand ich das richtig doof, daran erinnere ich mich noch.
Ich habe sie immer angefleht, bei uns einzuziehen, weil mein Vater mir mit drei oder vier Jahren nicht erlaubt hat, allein zu ihr zu gehen. Dafür war ich seiner Meinung nach zu klein. Ich hätte es daher viel praktischer gefunden, wenn sie bei uns gewohnt hätte. Jahre später, da muss ich bereits im Teenageralter gewesen sein, habe ich sie mal gefragt, wieso sie nicht bei uns wohnen wollte. Immerhin waren zwei Haushalte wirklich unpraktisch. Sie verbrachte die meiste Zeit bei uns, während mein Vater arbeitete, und versorgte mich.
Sie sagte mir, dass sie immer die Hoffnung gehabt hätte, dass mein Dad eine andere Frau kennenlernen würde und dass sie der Entwicklung einer Beziehung nicht im Weg stehen wollte. Ich fand das unsagbar lieb von ihr. Und ich konnte ihre Argumente total verstehen, ich glaube, eine neue Flamme von meinem Vater wäre absolut nicht begeistert gewesen, wenn sie erfahren hätte, dass seine Schwiegermutter bei ihm wohnte.
So weit ist es allerdings nie gekommen. Mein Vater hat bisher keine andere Frau in sein Leben gelassen, dabei ist meine Mutter inzwischen mehr als einundzwanzig Jahre fort. Ich weiß nicht, was ihn abhält, kann mir aber nicht vorstellen, dass er wirklich daran glaubt, dass sie noch zurückkehrt. Ich habe diese Hoffnung jedenfalls schon lange aufgegeben. Letztlich wüsste ich auch überhaupt nicht, was ich einer Frau sagen wollen würde, die mich als Kleinkind hat sitzenlassen.
Ich kann mich glücklich schätzen, einen tollen Vater zu haben und eben meine Großmutter, die nicht nur meine Ersatzmutter, sondern auch so etwas wie eine beste Freundin war. Mit ihr konnte ich wirklich über alles sprechen, es gab keine Tabuthemen, was ich für eine Frau ihres Alters eigentlich immer gewundert hat. Deshalb hat es mich kaum überrascht, als bei der Testamentsvorlesung verkündet wurde, dass ich ihren Ring erbe. Mein Dad hat ihr Haus bekommen und auch ein bisschen Geld, das sie gespart hatte. Ich bekam den Mondstein.
Ich glaube nicht, dass der Ring tatsächlich so heißt, aber so hat sie ihn zeit ihres Lebens genannt. Ich erinnere mich wirklich an keinen einzigen Augenblick, an dem sie ihn nicht trug.

Ich habe ihn bisher nicht angezogen. Und ich kann nicht mal genau sagen, warum das so ist. Er liegt in seiner Schachtel, ich schaue ihn am Tag mindestens zehn Mal an, aber ich kann ihn einfach nicht tragen. Dabei weiß ich nicht mal, ob er wertvoll ist. Für mich ist er es auf jeden Fall.
Julie sagte, als sie ihn das erste Mal sah, dass er wie ein Verlobungsring aussieht. Damit liegt sie einigermaßen richtig, finde ich. Der Ring ist sehr dünn und auf seiner Oberseite ist ein einzelner Diamant eingefasst. Wobei ich nicht glaube, dass es sich um einen echten Diamanten handelt, denn soweit ich weiß, glänzen die nicht mit einem bläulichen Stich. Der Mondstein tut das allerdings.
Ich erinnere mich gut daran, wie ich als Kind bei meiner Großmutter auf dem Schoß saß und den Ring bewundert habe. Sobald es dunkel wurde, schien er von innen heraus zu schimmern. In späteren Jahren dachte ich immer, dass ich mir das sicher eingebildet hätte, weil ich noch so klein war. Aber das stimmt nicht. Auch jetzt glänzt und schimmert er stärker, wenn ich ihn nachts aus seiner Schachtel hole.
Dieser Umstand, und dass ich, sobald ich ihn ansehe, meine Großmutter tierisch vermisse, ist jedoch nicht alles. Was mich noch viel mehr beschäftigt, ist die Inschrift. Ich wusste, bis ich ihn erbte, nicht mal, dass er eine Gravur hat. Davon hat meine Oma mir nie etwas erzählt. Nach ihrem Tod habe ich sie entdeckt und bekomme sie kaum aus dem Kopf.
Im ersten Moment hatte ich gedacht, dass darin vielleicht der Name eines ehemaligen Liebhabers meiner Großmutter stand und sie deshalb niemals darüber gesprochen hat. Das Thema Männer war bei ihr nie wirklich eins. Ich weiß nur, dass mein Großvater schon verstorben war, bevor meine Mutter meinen Vater kennenlernte. Danach hatte sie, soweit ich es mit bekommen habe, nie einen Freund und über meinen Opa hat sie nicht geredet. Ich nahm an, dass sie dieses Gesprächsthema schmerzen würde, also habe ich nie gefragt. Jedenfalls nicht sie, meinen Vater hingegen schon. Der weiß allerdings ebenfalls nicht mehr und erzählte mir nur, dass auch meine Mutter niemals über ihren Vater gesprochen hat.

„Sophie! Beeilung! In einer halben Stunde wollen wir los! Und vorher müssen wir noch aufräumen, damit wir nicht in zwei Wochen in ein Schlachtfeld zurückkommen!“
Julies Stimme schallt quer durch unsere kleine Wohnung und ich nicke automatisch, obwohl sie das gerade nicht sehen kann. Wahrscheinlich sollte ich ihr dankbar dafür sein, dass sie mich so antreibt. Denn damit lenkt sie mich auch ab. Sie hat Recht, es wäre schlau, kein absolutes Chaos zu hinterlassen. Das würde die Rückkehr auf jeden Fall unangenehm werden lassen. Nach Hause zu kommen und erstmal aufräumen zu müssen, ist ganz sicher keine Traumvorstellung. Zumal wir es beide gern ordentlich haben und darauf in der Wohnung achten. Insbesondere in der Küche, die gleichzeitig so etwas wie unser Wohnzimmer ist.
Julie und ich kennen uns schon seit Kindertagen und haben die gesamte Highschoolzeit gemeinsam in einer Klasse verbracht. Die Entscheidung, auch zusammen auf ein College zu gehen, fiel sehr schnell. Dank unserer Eltern war es uns möglich, uns eine kleine Wohnung in Campusnähe zu mieten und nicht auf Zimmer in den Wohnheimen angewiesen zu sein. Nun wohnen wir seit zwei Jahren hier und obwohl ich meine Bedenken hatte, klappt es prima. Jede hat ihr eigenes Zimmer, Bad und Küche teilen wir uns. Die Küche ist zum Glück sehr groß, dort haben wir einen langen Tisch und sogar ein kleines Sofa stehen. Und seit neuestem auch einen Fernseher. Wie gesagt, die Küche ist unser Wohnzimmer. In diesem Raum verbringen wir definitiv mehr Zeit als in unseren eigenen Bereichen.

Ich werfe schnell die letzten Klamotten in den Koffer und mache mich dann auf den Weg in unser Badezimmer, um da einen Kulturbeutel zu packen. Währenddessen frage ich mich, ob ich Julie wohl dazu überreden kann, auf dem Weg raus aus der Stadt an der Bibliothek zu halten. Ich schätze, meine Chancen stehen richtig schlecht. Also werde ich lieber gar nicht erst etwas in der Richtung erwähnen. Dabei würde ich so gern noch einmal kurz anhalten, um in der Bibliothek zu schauen, ob ich ein Buch über Runendeutung finde.

Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass die Gravur des Rings kein Name oder Wort ist. Die Zeichen sind verschwommen und kaum zu lesen, aber sie sehen nicht wie unsere gewohnten Buchstaben aus. Ich würde dementsprechend gern herausfinden, ob es sich möglicherweise um Runen handelt.
Ich weiß gar nicht so genau, weshalb die Inschrift mich nicht loslässt. Da ist ein unbestimmtes Bauchgefühl, das mir sagt, dass ich dieses Rätsel unbedingt lösen muss. Und das versuche ich seit beinahe einem Monat.
Zuerst habe ich wirklich gedacht, es sei ein Name. Ich habe alle möglichen und unmöglichen Kombinationen von Buchstaben ausgetestet, die wenigstens annähernd der Gravur glichen, aber dabei ist absolut nichts herausgekommen.
Anschließend habe ich Fotos gemacht. Es hat ewig viel Zeit gekostet, ein vernünftiges Abbild von der Inschrift zu bekommen und noch mehr, Experten aufzutreiben, die mir vielleicht helfen konnten. Ich habe allerdings nur Absagen kassiert, nicht einer hatte so etwas vorher schon gesehen. Die gängigste Vermutung lautete, dass es sich um Fantasiezeichen handeln könnte.
Das glaube ich jedoch nicht, das passt nicht zu meiner Großmutter. Da mit der Übergabe des Rings auch die Anweisung verbunden war, ihn irgendwann an meine älteste Tochter weiterzugeben, muss die Inschrift etwas zu bedeuten haben. Nur was?

„Sophie, verdammt! Steh da nicht so herum, sondern komm in Wallung!“
Julie taucht in der Badezimmertür auf und sieht mich kopfschüttelnd an. Ich weiß, dass sie es nur gut meint, sie möchte mich gern von meiner Trauer ablenken. Und gleichzeitig freut sie sich riesig auf den gemeinsamen Urlaub, für den wir beide länger gespart haben. Ich gebe zu, sie hilft mir enorm, denn sie strahlt so viel Fröhlichkeit aus, als sie jetzt leise kichert, dass ich gar nicht richtig schlecht drauf sein kann. Ich beiße also die Zähne zusammen und nicke. Sie hat ja Recht. Vor uns liegt ein Urlaub, der uns zwei unbeschwerte Wochen bringen soll. Das haben wir uns nach der Lernerei und den Abschlussprüfungen wirklich verdient. Es tut mir bestimmt gut, mal abzuschalten. Und der Ring läuft ja nicht weg. Ich habe im Grunde noch jahrelang Zeit, mich damit zu beschäftigen. Wäre da nur nicht dieses nagende Gefühl in meiner Magengegend, dass ich dringend Antworten brauche.
Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Jetzt muss ich mich erstmal darauf konzentrieren, meinen Koffer zu Ende zu packen, sonst stehe ich nachher ohne Unterwäsche da.
 
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