Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

… Ochi Chernye …

von unwichtig
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
09.10.2020
23.04.2021
31
55.131
4
Alle Kapitel
35 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
09.10.2020 1.845
 
Irgendwie wusste ich das von Anfang an - diesen Auftrag hätte ich besser nicht angenommen. Aber ich hatte mich mal wieder bequatschen lassen. ”Auf dem Rückweg kommst Du doch eh am Great Slave Lake vorbei - dann kannst Du sie doch auch mitnehmen?” Die Stimme von Ayana klang schmeichelnd, verführerisch, bettelnd. Wer es nicht besser wusste, hätte sie am Telefon für ein sechzehnjähriges Mädchen halten können, das gerade seinen Vater um den Finger wickelte. Und genau so kam ich mir auch vor. ”Du weißt aber schon, dass mich das einen ganzen Tag zusätzlich kosten würde? Von Sawmill Bay nach Boundary Bay könnte ich es in acht Stunden nonstop schaffen. Das ginge gerade so. Zumal der Wetterbericht für morgen Rückenwind vorhergesagt hat. Dann wäre ich morgen Abend zurück in Vancouver. Wenn ich aber über Yellowknife fliege, müsste ich zusätzlich noch einmal übernachten. Weil ich dann länger am Stück unterwegs wäre als ich mich konzentrieren könnte. Wozu ich nach sieben Wochen Busch gerade überhaupt keine Lust habe. Egal, wer da zurück nach Vancouver will. Soll er doch einen Linienflug nehmen.” ”Sie. Es ist ein Frau, die zurück nach Vancouver muss.” ”So what? Von mir aus auch die Päpstin. Ich will nicht. Basta.” Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, aber Ayana war mir irgendwie - wie so häufig in solchen Fällen - immer einen Schritt voraus. ”Du könntest Deine Ladung in Yellowknife Micky übergeben. Der ist uns eh noch einen Gefallen schuldig. Und Du hättest für den Rückflug eine leichte und aufgeräumte Maschine.” ”Aber eine zusätzliche Übernachtung an der Backe, auf die ich gerade so gar keine Lust habe. Soll doch Micky die Frau mitnehmen.” ”Du weißt ganz genau, dass Micky keine Personen befördert. Bestenfalls Lebendfracht.” ”Dann ist doch alles bestens, Ayana. Deine Madame steigt in eine Frachtkiste, bohrt ein paar Luftlöcher hinein und alle sind zufrieden. Sie kommt günstig nach Vancouver, Micky hat nur eine Lebendfracht zu transportieren und ich muss nicht noch einmal extra übernachten.” Ich hörte, wie mein Vorschlag am anderen Ende der Leitung zunächst ein fassungsloses, wenn auch leicht amüsiertes Luftschnappen auslöste, bevor ein nur mühsam unterdrücktes Kichern erklang. Ein deutliches Zeichen dafür, dass mich Ayana mal wieder nicht so wirklich ernst nahm. ”Ayana, verdammt, ich will nach Hause. Zusatzauftrag hin, Zusatzauftrag her. Egal wie gut er bezahlt ist. Es ist mir schnuppe. Verstehst Du das nicht?” ”Doch, aber es ist ein Notfall. Sie hängt da oben in ihrem Camp fest. Und sucht jetzt händeringend jemanden, der sie nach Vancouver mitnimmt.” Ich verstand gerade nur Bahnhof. ”Ein Notfall? Dann soll sie ein Ambulanzflugzeug anfordern. Die sind besser auf Notfälle eingerichtet, als ich.” Und schüttelte den Kopf. In einem Camp festhängen? Wie sollte denn das bitte gehen? Das hatte ich ja noch nie gehört. Und ich war schon ein paar Jahre als Buschpilot in Kanadas Nordwesten unterwegs.

Wundert es Sie, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass ich dennoch über Yellowknife flog? Sofern Sie Vater einer halbwüchsigen Tochter sein sollten, wahrscheinlich nicht. Aber Ayana war weder meine Tochter, noch halbwüchsig. Ayana war Angehörige der First Nation und ziemlich ausgewachsen. Mit Mitte vierzig war sie selber Mutter zweier halbwüchsiger Töchter. Alleinerziehend und in meinen Augen mit einer ausgesprochen aparten Erscheinung gesegnet, ließ sie sich von ihrem Nachwuchs offenkundig regelmäßig coachen, was Bitten, Betteln und Überreden anging. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum sie mich doch immer wieder rumkriegte.
Abgesehen davon war sie das geborene Organisationstalent. Sie hatte die Administration meines kleinen Flugunternehmens bestens im Griff. Ohne sie wäre ich schlicht und ergreifend aufgeschmissen gewesen. Was auch der Grund war, warum ich sie noch nicht vor die Tür gesetzt hatte. Ich hätte es mir einfach nicht leisten können. Als Buschpilot war ich viel zu viel unterwegs, um daneben auch noch den ganzen Papierkram und die Organisation zu erledigen. Und ich mochte Ayana. Auch wenn sie zwanzig Jahre älter war als ich und meine Mutter hätte sein können. Oder vielleicht gerade deshalb? Keine Ahnung, letztlich war es auch egal. Unsere Zusammenarbeit funktionierte unterm Strich mehr als reibungslos, was mich so manches Mal über Manches hinwegsehen ließ. Sofern Sie selbständig oder in leitender Position sein sollten, wissen Sie, was ich meine.
Mit achtzehn Jahren war ich mit meinen Eltern aus Deutschland in die USA gekommen, hatte dort angefangen, Maschinenbau zu studieren. Und nebenbei meine PPL zu machen. Die ich nach meinem erfolgreichen Abschluss am M.I.T. zur CPL erweiterte. Das war vor mittlerweile über vier Jahren. In Vancouver konnte ich ein kleines Flugunternehmen mit einer gut gepflegten Turbo Porter günstig übernehmen. Inklusive Ayana. Die mich bereits bei unserem ersten Kennenlernen adoptierte, ich war von der ersten Sekunde an so etwas wie ihr Sohn. Widerstand zwecklos. Seitdem wickelte mich Ayana regelmäßig um einen ihrer Finger, organisierte mein Unternehmen und meine Flüge, flog ich kreuz und quer durch das nordwestliche Kanada, transportierte vorrangig Fracht von A nach B. Und hin und wieder auch Passagiere, deren Destinationen zu weit entfernt von den Linienflughäfen lagen, bzw. nur mit Buschflugzeugen zu erreichen waren.
Wobei ich in der letzten Zeit häufiger mit dem Gedanken spielte, aufzuhören. Ich war jetzt sechsundzwanzig, stand kurz vor meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag und wollte eventuell zurück in die Heimat meiner Eltern, nach Deutschland. Allerdings war das noch nicht wirklich spruchreif. Weshalb ich gegenüber Ayana auch noch nichts erwähnt hatte. Das Drama hob ich mir wohlweislich lieber für später auf…

Momentan stand ich erst einmal auf dem Vorfeld der General Aviation des Yellowknife Airport und lud meine Fracht in eine von Micky’s Maschinen um. Für kanadische Verhältnisse war es heute mit vierundzwanzig Grad richtig warm und ich schwitzte ganz gut, als ich den Laderaum meiner Porter endlich freigeräumt, durchgewischt und mit einer Reihe Passagiersitzen bestückt hatte. Was meine Laune nicht unbedingt hob. Hätte ich doch schon fast ein Drittel der Strecke nach Vancouver hinter mir haben können. Stattdessen erklärte mir Ayana gerade per Telefon, dass ich mir doch bitte etwas Nettes anziehen möge, wenn ich die Kundin abholen würde. Was mich nur noch wütender werden ließ. ”Du glaubst doch nicht im ernst, dass ich mich hier auch noch neu einkleide, nur um irgendeine Tussi nach Vancouver zu fliegen? Ayana, ich war sieben Wochen am Stück im Busch, ich habe keine frischen Sachen mehr im Gepäck, Du weißt, wie ich am Ende solcher Touren immer aussehe.” Was sie jedoch völlig ungerührt ließ. ”Ja, weiß ich. Deshalb gebe ich Dir ja auch den Tipp. Und ich weiß auch, wie Du dann meist riechst. Du solltest vorher besser auch noch duschen.” Ich schnappte nach Luft ob ihrer Unverblümtheit, was sie allerdings geflissentlich ignorierte. Dafür redete sie lieber weiter. ”Du brauchst eh mal wieder ein oder zwei neue Jeans und ein paar vernünftige T-Shirts und Hemden. Ob du die jetzt in Yellowknife oder in Vancouver kaufst? Zumal Du noch reichlich Zeit hättest. Im Camp auf Big Island wirst Du erst gegen 15:00 Uhr erwartet. Also fahr lieber ins Städtchen und kauf Dir etwas Schönes.”
Bevor ich noch irgendetwas hätte erwidern können, hatte Ayana sicherheitshalber auch schon aufgelegt. Und ich stand da. Wobei sie nicht ganz unrecht hatte. Ich wollte mir schon länger ein paar neue Jeans und Hemden kaufen, war allerdings wegen meiner Arbeit in den letzten Monaten einfach nicht dazu gekommen. Was mich aber auch nicht weiter gestört hatte, da meine alten Klamotten im Busch völlig ausreichten. Jetzt hätte ich eine Chance, mir neue zu kaufen. Allerdings würde ich Yellowknife nicht gerade als ein Shoppingparadies bezeichnen. Selbst für einen ausgemachten Einkaufsmuffel wie mich war das Angebot am besten noch mit eingeschränkt beschrieben. Auch wenn das Städtchen schon lange nicht mehr das Goldgräbernest am Ende der Welt war, das es vor hundert Jahren vielleicht noch gewesen sein mochte. Dafür konnte man hier ganz hervorragend Funktions- und Outdoorkleidung kaufen. Die Leute hier wollten Qualität, wussten, was gut war, Schund, wie er in Vancouver so häufig angeboten und von den Touristen gerne gekauft wurde, schaffte es hier gar nicht erst in die Auslagen. Warum nicht also ein paar neue Garnituren Arbeitsklamotten kaufen? Ich wusste, was ich wollte, daher würde es schnell gehen und Zeit hatte ich auch noch genug. Es war ja erst zehn Uhr vormittags.

Drei Stunden später hatte es sich, wie im Weatherforecast prognostiziert, wieder zugezogen, die Temperatur war deutlich gefallen, es sollte heute im Verlauf des Tages sogar noch regnen und ich war wieder am Flughafen. Auf dem Rückweg hatte ich noch einen Abstecher ins hiesige Hallenbad gemacht, war jetzt frisch geduscht und rasiert und trug neue Outdoorhosen, ein neues T-Shirt und kariertes Flanellhemd, sowie komplett neue Unterwäsche und Socken. Zwei weitere, neue Arbeitsgarnituren verstaute ich im Laderaum der Porter, meine alten Sachen sortierte ich gleich aus, behielt nur das, was ich in Notfällen noch mal würde anziehen können.
Nicht, dass Sie jetzt auf irgendwelche komischen Ideen bezüglich meiner Körperhygiene kommen. Die ist schon völlig in Ordnung. Aber jeder, der schon mal ein paar Tage in Folge fernab jeglicher Campingplätze oder sonstiger Zivilisation genächtigt hat, weiß, dass dann Toilettenaktivitäten schon mal auf das Notwendige reduziert werden. Solange, bis sich wieder die Gelegenheit für eine ausgiebige Dusche oder ein Bad ergibt. Der sich damit manchmal einstellende, etwas herbe Geruch fällt im Freien nicht weiter auf. Und mir selber schon mal gar nicht. Zumal dieser Zustand auch bestenfalls nur ein paar Tage anhält. Danach bietet sich selbst im wilden Nordwesten Kanadas meist doch wieder die Gelegenheit, eine Dusche oder ein Bad zu nehmen.
Allerdings verschiebe ich das schon mal gerne auf später, wenn es mich, so wie jetzt, nach sieben Wochen Busch in Folge nur noch nach Hause zieht. Dann sind mir Aussehen und Geruch ziemlich egal, dann will ich nur noch zurück in meine vier Wände, die Seele baumeln lassen. Und das bitte am besten im eigenen Bad, in der eigenen Wanne. Was mir im Moment fürchterlich fehlte. Und meine Laune doch deutlich dämpfte, auch wenn ich mit meinen Einkäufen ganz zufrieden war und mich nach der ausgiebigen Dusche im Hallenbad wieder deutlich frischer als noch gestern Abend fühlte.

Egal, träumen und/oder fluchen würde mir jetzt auch nichts helfen. Ich atmete einmal tief durch, bevor ich mich auf den Weg zum Tower machte, um mich für den bevorstehenden Flug briefen zu lassen. Ich wurde gegen 15:00 Uhr am Camp auf Big Island erwartet, würde dort wassern müssen. Rechnete ich eine Stunde für Anlanden, Übernahme von Passagier nebst Gepäck und Start, sollte ich gegen 16:00 Uhr wieder unterwegs nach Vancouver sein. Der Wind hatte natürlich gedreht, war nicht mehr so günstig wie gestern, da hätte ich noch Rückenwind gehabt, aber immerhin nur auf Nord bis Nordwest. Ich sollte unterwegs also Seitenwind mit einer Rückenwindkomponente haben. Und daher die Strecke von Big Island nach Boundary in ungefähr sechs bis sieben Stunden schaffen können. Was bedeutete, dass ich nachts und nach IFR fliegen müsste. Weshalb ich einen Composit-Flugplan eingereicht hatte. Von Yellowknife per VFR nach Big Island, von dort Start per VFR, Flugregelwechsel auf IFR auf der Höhe von Zama Lake, voraussichtlich gegen 17:00 Uhr, danach per IFR bis nach Vancouver. Mit dem Autopiloten sollte der Flug ganz erträglich werden. Und dann endlich, endlich, wieder ein paar Tage nur für mich…
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast