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What if...

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
09.10.2020
09.11.2020
8
15.917
7
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
22.10.2020 2.369
 
Hallo alle, nun gehts auch hier weiter. Crowley hat sich, meiner Meinung nach, genug selbst gequält und daher folgt der Auftritt des Verursachers seiner Pein ;)
Ganz viel Spaß euch...


Teil 4



Plötzlich klingelte etwas in der Stille der Wohnung. Crowley brauchte ein wenig Zeit, um die Quelle dieser unerträglichen Störung seiner erquickenden Gedanken auszumachen. Dann rieselte die Erkenntnis langsam in sein Bewusstsein. Das Telefon. Sein alkohollahmes Hirn teilte ihm mit, dass er es einfach klingeln lassen sollte. Doch plötzlich schlug eine zweite Welle der Erkenntnis wie ein Blitz ein. Der Engel. Er war der Einzige, der diese Nummer kannte. Wie von der Tarantel gestochen sprang der Dämon auf, stolperte beinahe über die Zeugnisse seines ausufernden Alkoholgenusses und schaffte es, obwohl seine Glieder ihm nicht mehr so gut gehorchten, wie er es gewöhnt war, in Rekordzeit zum Telefon. Irgendwie hatte er es sogar geschafft, seine Hose wieder zu schließen, denn obwohl der Engel ihn nicht würde sehen können, war ihm eine offenstehende Hose in der Situation doch recht unangenehm. „Engel, ich bin dran. Was ist los? Stimmt etwas nicht? Ich kann in einem Wimpernschlag in Glasgow sein! Beweg dich nicht! Bin schon unterwegs.“, und während er das sagte, klemmte er den Hörer des Telefons zwischen Kinn und Schulter ein, um sich nebenbei wieder völlig zu bekleiden. Dieser Schwall an Aussagen wurde am anderen Ende mit einem leisen Lachen quittiert. „Das ist nicht lustig, Engel. Was immer es ist, raus mit der Sprache. Wir kriegen das schon hin. Nichts kann so schlimm sein, dass wir das nicht schaffen.“ „Crowley, mein Lieber, es ist alles tiptop. Beruhige dich bitte. Ich bin nur schon wieder zurück. Dieser Sammler, zu dem ich fahren wollte, stellte sich unterwegs als Scharlatan heraus. Und somit habe ich mir die lange Fahrt gespart und habe unterwegs direkt wieder die Heimfahrt angetreten. Und nun stehe ich hier in St. Pancras und hatte die leise Hoffnung, dass du vielleicht die Zeit erübrigen könntest, mich abzuholen. „Em, natürlich, Engel. Ich bin in ein paar Minuten da.“ „Danke, mein Lieber. Ich warte am Bahnsteig auf dich.“ Dann hatte Arziraphale auch schon aufgelegt.

In Windeseile hatte sich Crowley daraufhin wieder hergerichtet. Er hatte sich ausgenüchtert, denn auch wenn er volltrunken hätte fahren können, wollte er dem Engel so nicht unter die Augen treten. Es war etwas anderes gemeinsam geradezu lächerlich betrunken zu sein. Aber ein nüchterner Engel, der sich mit einem sturzvollen Dämon konfrontiert sah, war definitiv nichts, was Crowley heute Abend testen wollte. Danach hatte sich Crowley in vorzeigbare Kleidung gewundert. Die alte hatte durch das Herumlungern auf dem Sofa und den kurzen Exkurs in delikatere Gefilde, auch wenn dieser jäh unterbrochen worden war, ein wenig gelitten.

Wie immer umfing sie seine schlanke Gestalt mehr als kleidend. Die enge, schwarze Hose saß perfekt, der Gürtel mit der Schlangenschnalle wirkte geradezu sündhaft. Das dunkle Hemd war tailliert, die oberen Knöpfe standen offen und gaben so den Blick auf den Beginn seines Schlüsselbeins frei. Darüber lag eine schwarze Lederjacke. Automatisch griff er nach einer der vielen dunklen Sonnenbrillen auf der Anrichte in seinem Flur und setzte sie auf. Er fuhr sich mit einer Hand durch das rote Haar und schon saß es wieder perfekt. Das Dämonendasein hatte manchmal besonders attraktive Vorteile. Im Vorübergehen schnappte er sich die Schlüssel zu seinem Bentley und dann rauschte er auch schon aus seiner Wohnung.

Wie beflügelt legte er den Weg von Mayfair zum St. Pancras zurück. Vergessen waren die tristen Gedanken, denen er in den letzten Stunden nachgehangen hatte. Es gab nur noch Vorfreude. Das warme Gefühl in seiner Brust schwoll mit jedem zurückgelegten Kilometer mehr und mehr an. Und, da der Bentley wie immer auf wundersame Weise wusste, welche Musik von Queen der Stimmung seines Besitzers am ehesten entsprach, gab er in diesem Moment „Don’t stop me now“ zum Besten. Freddy Mercury wurde vom leisen Summen der dämonischen Stimme begleitet, nicht dass es ihm aufgefallen wäre, dass er das tat und vermutlich wäre jeder, der ihn darauf angesprochen hätte, eines qualvollen Todes erlegen.

Ein paar wenige Wunder , die alle Ampeln auf Grün schalten ließen und eventuell volle Streckenabschnitte leerten, später kam der Bentley mit quietschenden Reifen und einer neuen Bestzeit vor dem Bahnhof zum Stehen. Im absoluten Halteverbot – natürlich. Crowley sprang schwungvoll hinaus und setzte seinen Weg in Richtung seines Engels zügig fort. Die Türen wurden, Portalen gleich, aufgestoßen und ein Dämon, der offenkundig recht zufrieden mit sich wirkte, durchschritt die Hallen. Einen Blick später wusste er, dass der Zug, den der Engel genommen haben musste, auf Gleis 3 angekommen sein musste.

Die Nacht hatte mittlerweile schon lange Einzug über London gehalten und es waren nur noch sehr wenige Menschen in der Bahnhofshalle unterwegs. Crowley lief an den geschlossenen Geschäften vorbei und jeder Passant, der seinen Weg auch nur annähernd kreuzte, wich automatisch aus und konnte sich die Schauer, die ihm den Rücken herunterliefen, nicht erklären.

Crowley war mittlerweile am Beginn des Bahnsteigs 3 angekommen. Er drehte sich nach rechts, um den Bahnsteig entlang laufen zu können, und dann sah er Arziraphale in einiger Entfernung stehen. Der Engel stand völlig allein auf dem Bahnsteig, die Hände in typischer Manier hinter dem Rücken verschränkt. Eine altmodische Reisetasche aus Leder stand zu seinen Füßen. Wie immer sah ein wenig aus der Zeit gefallen aus. Das helle, warme und einladende Beige hob sich stark ab von der grauen, fast kalten Umgebung. Und es passte perfekt zu dem, was Crowley bei diesem Anblick fühlte. Arziraphale fühlte sich nach Geborgenheit, Wärme, ja, Zuhause an. Crowley setzte seinen Weg fort, seine Schritte waren aber bei Weitem nicht mehr so schnell wie zuvor. Mit wiegenden Hüften, die Hände in den Hosentaschen versenkt, überbrückte er nach und nach die Meter. Doch so entspannt, beinahe unbeteiligt, wie er dabei aussah, war er bei Weitem nicht. Ein weiteres Mal stellte er sich die Frage: „Was wäre, wenn…?“

Was wäre, wenn er nun einfach auf den Engel zuginge? Wenn er nicht, wie sonst üblich in gebührendem Sicherheitsabstand anhielte? Wenn er die Grenze der natürlichen, privaten Zone des Engels übertreten würde? Wenn er seine Arme ausstrecke, sie um die Hüfte des Engels legen würde. Was wäre, wenn er den Engel näher ziehen würde? Würde der Engel dies geschehen lassen? Was würde passieren, wenn er ihn küssen würde? Seine Lippen vorsichtig auf die himmlischen Lippen legen würde und den Engel so schnell nicht mehr loslassen würde. Diese und viele weitere Fragen formten sich in dem Kopf des Dämons, während er weiterhin, äußerlich unbeeindruckt einen Schritt vor den Nächsten setzte.

Was er in seiner Grübelei nicht mitbekam war, dass der Engel seinen irdischen Körper ebenfalls in Bewegung gesetzt hatte und nun gemessenen Schrittes auf Crowley zuging. Mittlerweile knetete er seine Hände vor dem Körper. Die Augen waren fest auf den Dämon vor ihm gerichtet und die Lippen waren zu einem strahlenden Lächeln geworden, welches nur so vor Wärme strotzte. Als Crowley sich dessen bewusst wurde, wurden seine Schritte noch ein wenig langsamer. Der Mut schien ihn zu verlassen. Sein Hirn umkreiste die Fragen des „Was wäre, wenn…?“ noch immer. Schließlich kam er zum Stehen und er sah den Engel einfach nur an, während dieser näher und näher kam.

Der Engel war nun nur noch wenige Schritte von ihm entfernt und Crowley hatte nicht das Gefühl, dass er stoppen würde. Drei Schritte noch. Crowleys Gedanken rasten. Sein Herz schlug so schnell, dass er meinte, seine Brust würde zerspringen. Zwei Schritte noch. Crowleys Blick wanderte schnell zwischen den blauen Augen, in denen das Amüsement und die Freude blitzte, und den Mund, diesem wunderschön geschwungenen Mund, der ihn anlächelte. Ein Schritt noch. Die Hände des Engels wurden angehoben. Sie griffen nach der dunklen Brille im Gesicht des Dämons und nahmen sie vorsichtig ab. Arziraphale faltete die Bügel der Brille unter dem prüfenden und gleichsam irritierten Blick Crowleys und steckte sie anschließend in die Tasche von Crowleys Lederjacke. Für einige Momente standen sie sich einfach nur einander gegenüber. Crowleys Gesicht zeigte sehr deutlich, dass die Situation für ihn recht unangenehm zu sein schien. Ungeschützt vor den Blicken möglicher Passanten, obwohl ihnen beiden klar war, dass niemand in diesem Moment stören würde, viel mehr aber sorgte er sich, dass der Engel nun seinen Blick völlig ungefiltert sehen konnte.

Und was Arziraphale im Gesicht des Dämons sah, ließ ihn offensichtlich den Körperkontakt erneut aufnehmen. Er nahm die Hände des Dämons in seine. „Crowley, mein Liebster, danke, dass du so schnell gekommen bist.“ Liebster??? LIEBSTER??? In Crowley schallte diese Anrede wieder und wieder und wieder. Sein Blick schien genau das wohl zu spiegeln, denn Arziraphale gluckste leise fröhlich vor sich hin und drückte die Hände des Dämons leicht. „Ich habe dich vermisst.“, sprach der Engel dann weiter. „Em, ok, danke.“, antwortete Crowley völlig überrumpelt ob des unerwarteten Geständnisses. Sein Hirn zermarterte sich schon wieder in dem Versuch zu ergründen, was hier gerade vor sich ging. Was tat der Engel da nur? Und dann würde seine Gedanken jäh unterbrochen, denn da spürte er weiche Lippen auf den seinen. Der Engel, sein Engel küsste ihn. Auf dem Bahnsteig 3 des Bahnhofs St. Pancras. Mitten in der Öffentlichkeit, wo sie von allen gesehen werden konnten. Die Welt stellte bis auf Weiteres ihre Bewegung ein und nach einem kurzen Moment des Überrumpeltseins erwiderte Crowley den Kuss.

Er gab nach, er gab endlich seinem Verlangen nach, dem Engel nahe zu sein. Und so viele Male er sich selbst gegeißelt hatte, und dem Verlangen nicht nachgegeben hatte, so sehr genoss er dieses eine Mal, in dem ihm das Nachgeben durch die Initiative des Engels so viel leichter gemacht worden war.

Sie küssten sich, langsam, genießend, ein Versuch 6000 Jahre des Wollens nachzuholen. Arziraphale sah dabei, wie immer, wenn man denn Crowley gefragt hätte, nahezu perfekt aus, genauso, wie er aussah, wenn er ein köstliches Stück Gebäck genoss. Er hatte die Augen genießerisch geschlossen, feine Lachfältchen umzogen seine Augen. Crowley konnte den Blick nicht abwenden, so gern er dem Impuls, die eigenen Augen zu schließen, nachgegeben hätte, aber der Anblick vor ihm war derart verlockend, dass er sich ihm nicht zu entziehen vermochte. Plötzlich entkam dem Engel vor ihm ein leises Stöhnen, ein winziges Geräusch, für andere kaum wahrnehmbar, aber für Crowley bedeutete es in diesem Moment die Welt. Es war ein Versprechen, dass das, was hier gerade passierte nur der Anfang war und dass der Engel es offensichtlich mindestens genauso genoss wie Crowley selbst. Der Dämon zog den Engel ein wenig näher an sich heran und intensivierte den Kuss. Seine gespaltene Zunge bat vorsichtig um Einlass, den der Engel nur zu gern gewährte. Um sie herum hätte eine neue Apokalypse ausbrechen können und es wäre keinem von ihnen auch nur ansatzweise aufgefallen.

Keiner von Beiden hätte später sagen können, wie lange sie dort gestanden hatten, bis dass sich ihre Lippen kurz trennten. Arziraphale zeigte dem Dämon ein Lächeln, welches vermutlich Satan selbst hätte erweichen können und fragte ihn: „Crowely, Liebster, meinst du wir sollten uns ein anderes gemütliches Plätzchen suchen? Ich meine, St. Pancras ist natürlich ein wundervolles Gebäude, aber gemütlich sind Bahnhofshallen im Allgemeinen eher nicht.“, er gluckste schon wieder. „Was immer du willst, Engel.“, überschlug sich Crowleys Stimme geradezu. Seinem Engel konnte er schon unter normalen Umständen kaum etwas ausschlagen, aber in Anbetracht der aktuellen Ereignisse war sein Hirn im Prozess seiner Handlungskontrolle derart unterpräsentiert, dass der Engel ihn um die Weltherrschaft hätte bitten können und er hätte es, ohne mit der Wimper zu zucken, möglich gemacht.

Und so setzten sie sich in Bewegung. Die ersten Meter gingen sie noch Hand in Hand, dann fand Crowley sein eigentlich recht übersteigertes Selbstbewusstsein wieder und legte den Arm besitzergreifend um die Schulter des kleineren Wesens neben ihm. Dieser schaute lächelnd zu ihm herauf, legte seinerseits einen Arm um die Hüfte und hakte einen Finger in einer der Gürtelschlaufen des Dämons ein, was diesem beinahe einen kurzen Aufschrei der Überraschung entlockt hätte. Dieser Engel tat einfach nie das, was man von ihm erwartete. Und diese Annäherung an die dämonische Kehrseite war definitiv eine Überraschung, mit der dieser nicht gerechnet hatte.

Am Bentley angekommen, öffnete Crowley seinem himmlischen Begleiter galant die Beifahrertür, sodass sich dieser auf die Bank im Inneren fallen lassen konnte. Crowley umrundete das Fahrzeug, strich gewohnheitsmäßig liebevoll auf der Motorhaube entlang und hielt kurz inne, bevor er die Tür öffnete. Er nahm einen tiefen Atemzug, den er nicht benötigte, der sein Gemüt aber trotzdem etwas beruhigte,  dann stieg er auch ein. „Wo darf es hingehen, Engel? Ich fahr dich hin, wo auch immer du möchtest.“, bot Crowley an. „Nun ja, wir könnten entweder zu mir oder zu dir in die Wohnung fahren.“ Crowley dachte kurz darüber nach, in welchem Zustand er seine eigentlich chic eingerichtete Wohnung zurückgelassen hatte. Weinflaschen belagerten den teuren Teppich im Wohnzimmer und die vor seinem plötzlichen Aufbruch achtlos abgelegte Kleidung war in der gesamten Wohnung verstreut. Aber dann erinnerte er sich daran, dass er eigentlich ein Dämon ist, sodass dies kein allzu großes Problem sein dürfte. Trotz allem sorgte ein innerer Impuls dafür, dass er sagte: „Engel, wenn du magst, fahre ich uns zu dir.“ Arziraphale bekam als himmlisches Wesen, dass er nun mal war, mit, dass Crowley weniger sagte, als er dachte und hakte nach. „Aber bei mir ist doch viel weniger Platz. Meine Wohnung darüber ist noch viel enger. Bei dir ist es doch wesentlich angenehmer.“ „Em, ja das stimmt natürlich.“, sagte Crowley leise, beinahe etwas peinlich berührt, „aber bei dir fühlt es sich mehr nach Zuhause an.“, murmelte er nur noch und blickte nach vorne auf die Straße, die vor ihnen lag, denn er wollte das Gedicht des Engels bei dieser Beichte lieber nicht sehen. Dieser lachte aber nur warm, umfing mit beiden Händen das Gesicht Crowleys und zwang ihn so sanft ihn anzusehen. „Dann wird es Zeit, dass wir deine Wohnung auch zu einem Zuhause machen, Liebster.“ Damit drückte Arziraphale einen weiteren Kuss auf den leicht offenstehenden Mund des Dämons und forderte ihn mit einem ermutigenden „Nun denn, lass uns aufbrechen“ auf, die Fahrt zu beginnen. Der Dämon startete noch immer leicht dümmlich aus der Wäsche guckend den Motor und fuhr in Richtung Mayfair los. Er war derart überrumpelt von dem, was ihm da in der letzten Stunde widerfahren war, dass er glatt vergaß, dass sich Dämonen nicht an die Straßenverkehrsordnung halten.
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