Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Leben nach Tom Riddle (?) - Ginnys Weg

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Mix
Alecto Carrow Amycus Carrow Ginevra Molly "Ginny" Weasley Harry Potter Luna Lovegood Neville Longbottom
09.10.2020
11.06.2021
33
297.544
29
Alle Kapitel
270 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
11.06.2021 10.625
 
Hey, ihr Lieben!

Einen sonnigen Freitag wünsche ich euch! Ich hoffe, ihr habt Glück mit dem Wetter und könnte es genießen. Ich werde es auf jeden Fall später :D

Das letzte Kapitel kam ja sehr gut an, also denke ich mal, auch das hier wird euch gefallen. Wenngleich es nicht so extrem positiv ist, sondern auch sehr emotional. Der Titel verrät euch auf jeden Fall schon mal, wo es hin geht ;)

Liebe Grüße

Kriegsdrache

Was bisher geschah...

Nach den turbulenten Ereignissen im Ministerium sucht Ginny die Ruhe bei ihrer Familie. Da kommt Teddys vierter Geburtstag gerade recht. Die ganze Familie, samt Andromeda, trifft sich im Fuchsbau und wie zu erwarten, geht es drunter und drüber. Beim Essen kommen die Erwachsenen jedoch auch auf ernste Themen zu sprechen, wie der Umstrukturierung des Ministeriums durch Hermines Hand. Percy zeigt sich überaus erfreut über die neue Ministerin, wohin gegen Arthur seine Bedenken äußert wie sehr diese Befragungen das Misstrauen unter den Mitarbeitern schürt. Molly allerdings würde sich lediglich freuen, wenn Ron und Hermine wieder zueinander finden würden, was unfreiwillig zur Sprache gebracht wird. Ron rächt sich und tischt allen Unwissenden die Neuigkeit auf, dass Ginny wieder in festen Händen ist. Ginny ist nicht erfreut, dass ihre Familie nicht vorsichtiger ist beim Wahren dieses Geheimnisses. Wie aufs Stichwort taucht der ominöse Freund bei der Party auf, auf Ginnys Einladung. Viktor wird von allen freundlich begrüßt und besonders Fleur freut sich über ein Wiedersehen. Ginny sucht einen ruhigen Moment mit ihm und zeigt ihm ihr altes Zimmer. Sie versöhnen sich nach dem kleinen Streit, bei dem Viktor vorgeschlagen hatte England zu verlassen und Ginny bittet ihn stattdessen mit ihr zu bleiben. Der schöne Moment wird jedoch zerstört, als ausgerechnet Harry zur Party dazustößt. Die beiden Liebenden beschließen sich mit der Situation arrangieren zu wollen und begrüßen ihn höflich. Dabei blitzt jedoch auch Viktors Eifersucht durch, was Ginny nicht gefällt. Aufgrund eines anstehenden Quidditchtrainings muss Viktor bald aufbrechen, was Ginny wieder an einen anderen Konflikt erinnert, der ebenfalls zwischen ihnen schwelt. Dafür taucht jedoch ein weiterer Gast plötzlich auf. Es handelt sich um Fleurs kleine Schwester Gabrielle. Trotz ihres jungen Alters ist diese allerdings sehr gereift und hat ihre Schwärmerei für Harry noch lange nicht aufgegeben. Ginny fällt auf wie sehr sich die Französin an ihren Ex ran wirft und verurteilt ihr Verhalten scharf. Später belauscht sie ein Gespräch, bei dem Gabrielle deutlich ihre Absichten offen legt und Harry sogar ungefragt küsst. Ginny ist entsetzt und hört zu wie Harry versucht zu erklären, dass er Ginny immer noch liebt, auch wenn es schmerzhaft ist und er Gabrielles Gefühle nicht erwidern kann. Ginny erkennt, dass sie ebenfalls eifersüchtig ist, obwohl sie es nicht sein sollte. Der Abend endet in Teddys Bettchen mit einer Gute-Nacht-Geschichte der beiden Paten, die beide einander näher kommen lässt und alte Gefühle wieder aufleben lässt. Und die eine Frage, ob das möglicherweise eine Vorschau auf ihrer aller Zukunft ist...

Und jetzt...

Hatte sich der April zu Teddys Geburtstag recht warm und sommerlich gezeigt, so bescherte er England im weiteren Verlauf wieder viel kalte Luft und eisige Schauer. Es schien, als hätte es den einen Sommertag nie gegeben.
Mittlerweile war dieser Tag für mich auch seltsam weit entfernt. Wie ein Bruchstück aus einem anderen Leben. Einer anderen Zeit… Der Krieg war an diesem Tag nicht existent oder wichtig gewesen. Ebenso wenig wie die kommenden Prüfungen, vor die wir alle gestellt werden würden.
Einerseits wünschte ich mich zurück zu diesen wunderbaren Stunden. Meine Familie war um mich herum gewesen und ich hatte sie alle in Sicherheit gewusst. Viktor hatte sie kennen gelernt und er war akzeptiert worden. Immer, wenn es mir schlecht ging, erinnerte ich mich an unseren flüchtigen Kuss in meinem Zimmer, während die Welt in Ordnung gewesen war.
Doch, wenn ich an diesen Tag dachte, erinnerte ich mich zwangsweise auch an ihn. Sir Luckless.
Ich zermarterte mir den Kopf, versuchte zu begreifen, was an diesem Nachmittag vorgegangen war. Erst das mit Gabrielle und dann diese seltsame Situation beim Vorlesen. Was war da nur geschehen?
Wenige Stunden zuvor hatte ich noch in Viktors Armen gelegen und plötzlich kam dieses merkwürdige Gefühl auf, als Teddy zwischen uns eingeschlafen war und er mich angeschaut hatte. Ich konnte es nicht begreifen. Natürlich hasste ich Harry nicht mehr, hatte ihm auf gewisse Weise sogar verziehen, aber das bedeutete doch nicht zwangsläufig, dass ich ihm näher kommen wollte. Er war mein Ex und ich hatte Viktor.
Mir wurde klar, dass ich ein gefährliches Spiel spielte. Auf einen Schlag konnte ich alles verlieren, was ich mir über Jahre erarbeitet hatte. Und ich wollte das mit Viktor nicht riskieren. Er war mir zu wichtig. Und das mit Harry…
Möglicherweise war er mir einfach zu nah und begegnete mir zu oft. Er war ein Teil meiner Vergangenheit und offenbar hatte ich unterschätzt wie tief das ging. Aber ich wollte mich nicht nochmal da hinein ziehen lassen. Oder mich einlullen lassen wie Ron es so charmant genannt hatte.
Aus diesem Grund sagte ich alle geplanten Treffen mit ihm ab. Ich redete mich raus mit Erkältung, Unwohlsein oder den bevorstehenden Quidditcheinheiten. Er sollte Mrs Mollison ohne mich aufsuchen und allein weiter forschen. Natürlich war er enttäuscht darüber, verstand nicht, warum ich auf einmal einen Rückzieher machte, aber er beklagte sich nicht.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Nicht ihm gegenüber, sondern gegenüber der Sache, die wir zusammen bekämpften. Wir hatten doch beschlossen unsere persönlichen Querelen zurück zu stecken. Aber ich wollte nichts riskieren. Ich wollte nicht noch einmal mit ihm allein sein.
„Beehrst du uns auch noch mit deiner Anwesenheit, Weasley?“
Ich hob den Blick und hatte das Gefühl zu meinem Drillzartschent aufzusehen. Der Schweiß lief mir den Nacken herunter, das Handtuch, das lose über meine Schultern hing, konnte ihn nicht aufhalten. Die Knie zitterten mir, aber ich stand dennoch auf.
„Du bist nicht in Form.“, sagte Gwenog geringschätzig und betrachtete mich.
„Bin ich nicht. Keine Einwände.“, stieß ich hervor und massierte mein Zwerchfell, während mein Körper mich mit Seitenstechen quälte.
„Und noch schlimmer: Du bist abgelenkt. Nicht fokussiert.“, setzte Gwenog nach.
Ich nickte, sah ihr dabei aber nicht in die Augen. Sie wusste nicht wie recht sie wirklich damit hatte.
Ich riss mir das Handtuch runter und pfefferte es mutlos auf die Bank unter mir. Aber Gwenog hielt mich fest, als ich mich nach meinem Besen bückte.
„Oh nein, keine Chance. So lass ich dich nicht fliegen.“, sagte sie entschieden.
„Bitte, Gwen.“, erwiderte ich leise. „Fliegen tut mir immer gut. Es bringt mich in die Spur.“
„Das musst du mir nicht erklären. Du bist ein Flug-Junkie. Aber ich reduziere jedes Verletzungsrisiko auf das Nötigste, verstanden. Also fliegst du erst, wenn ich sehe, dass du voll da bist.“
Wir sahen einander finster in die Augen. Ich war versucht mich los zu reißen und einfach auf den Besen aufzuspringen. Was konnte sie schon tun? Sie konnte unmöglich ihre beste Jägerin verletzen.
Aber Gwen war nicht nur mein Kapitän, sie war auch meine Freundin. Ich wollte mich nicht wiedersetzen, weil ich wusste, dass sie nur das Beste für mich und das Team wollte. Ich ließ den Besen los und er fiel sanft ins weiche Gras.
Gwen zeigte sich ein wenig versöhnlicher und richtete ihre Armschoner.
„Ich bin nicht gerade der einfühlsamste Mensch auf dieser Welt, aber… falls du über irgendwas reden willst…“, sagte sie langsam und schaute dabei ihrem Team zu, dass durch die Luft preschte. „Selbst, wenn es… Weiberkram ist.“
Sie verzog das Gesicht, als würde sie Essig schmecken.
Ich lächelte unwillkürlich.
„Ist das nicht ein sehr überholtes altmodisches Wort?“
„Erfüllt zumindest seinen Zweck.“, erwiderte sie schulterzuckend. „Und? Was ist nun? Was beschäftigt dich?“
Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick, doch sie hatte keine Chance. Ich war viel zu geübt darin meine Gefühle zu verbergen vor der Außenwelt.
„Nichts von Bedeutung.“, antwortete ich.
Gwen nickte.
„Was immer es ist. Klär es vor dem nächsten Spiel. Ich brauch dich mit hundertprozentiger Konzentration auf dem Feld.“
Sie griff sich selbst ihren Besen, schwang sich drauf und sauste in die Luft. Ich blickte ihr ein wenig wehmütig nach und mich überkam erneut der Drang es ihr einfach nachzutun.
Stattdessen ging ich jedoch an das Bodentraining, das ich mit Janani zusammen absolvierte. Es war schweißtreibend und atemraubend. Doch ich hielt den Blick fest auf den im Gras liegenden Besen gerichtet.
Gwen hatte Recht. Ich war ein Flug-Junkie. Fliegen war meine Droge, von der ich nicht los kommen wollte. Das einzige, was half, was mich erdete, wenn alles um mich herum im Chaos zu versinken drohte. Und ich spürte, dass genau das langsam passierte. Ich konnte es nicht abschütteln, egal wie sehr ich mich versuchte zu fokussieren.
Auf den Boden, Liegestütze.
Bomben, die explodierten.
Hoch mit dir, mach nicht schlapp.
Atkins, die nach ihrem letzten Atemzug röchelte.
Ein Sprung in die Luft, sanft abfedern, denk an deine Sprunggelenke.
Hermine im Scheinwerferlicht, die Augen der Welt auf sie gerichtet.
Sprint vorwärts, trotzdem gleichmäßig atmen oder willst du Seitenstechen?
Amycus Stimme aus dem Radio, Alectos höhnisches Lachen im Hintergrund.
Boden an der Markierung berühren, zurück und Tempo!
Teddy in meinen Armen: beschütz den Jungen, er ist alles, was dir bleibt!
Atme gegen das Steinstechen, runter auf den Boden… komm schon…
Geh mit mir nach Bulgarien, lass uns weg von hier.
Wieder Liegestütze, spann die Muskeln an, sie krampfen.
Halt dich aus allem raus, weißt du nicht, was auf dem Spiel steht?
Atme, Ginny. Hoch mit dir.
Wenn Sie sich noch weiter in all das verwickeln lassen, kann ich Ihnen irgendwann nicht mehr helfen.
Sprung!
Wir dürfen sie nicht gewinnen lassen.
Vorwärts, Tempo, Tempo!
Ich brauche deine Hilfe, Ginny. Ich glaube, wir können sie zusammen besiegen.
Atme regelmäßiger, du hyperventilierst!
Sie ist wie meine Sonne, auch wenn es unerträglich ist…
Ich mag es nicht, wenn du mit ihm zusammen arbeitest.
Ginny, bitte verzeih mir… Du warst das Beste an meinem Leben… ich werde dich immer lieben.
Ginny, ich schenke dir mein Herz.
Ginny…
Ginny!
Die Stimmen in meinem Kopf nahmen Überhand und prasselten auf mich nieder mit der Macht eines donnernden Wasserfalls. Ich stürzte zu Boden und ins taunasse Gras. Sie drangen in mich ein, sie rissen und zerrten alle an mir bis ich kaum noch atmen konnte. Ich flehte, dass der Boden sich auftun würde und mich verschlucken würde und presste mein Gesicht in die Erde.
Plötzlich berührte mich jemand an der Schulter und ich zuckte zusammen. Jananis dunkle Augen betrachteten mich besorgt, doch ich wünschte sie einfach nur weg. Zusammen mit allen anderen Menschen auf dieser Welt.
„Ginny, was ist denn mit dir?“, fragte sie leise und ich zuckte wieder zusammen.
„Sag meinen Namen nicht…“, flüsterte ich bebend und klammerte mich an die Grashalme.
„Hey, ihr da! Was ist denn da los?“, rief Gwenogs Stimme aus der Luft.
Ich stöhnte. Weder wollte ich mich rechtfertigen, noch darüber sprechen, was gerade passiert war. Ich wollte einfach nur allein sein…
„Alles gut, Gwenog!“, rief Janani hoch und winkte ab. „Sie ist nur ausgerutscht, ich bring sie zur Krankenstation.“
Janani schob die Arme unter mich und zwang mich aufzustehen. Sie hatte mehr Kraft, als ich ihr zugetraut hätte und führte mich ohne ein Wort zu verlieren vom Platz. Ich stolperte mehr, als dass ich wirklich ging. Die ganze Zeit hielt ich den Blick auf die Tür gerichtet, die uns vom Feld herunter bringen würde. Mir war bewusst, dass mich alle beobachten würden. Nicht nur mein eigenes Team. Nein, Jean war auch da, zusammen mit einem Abgeordneten der Liga. Wir standen jetzt alle unter Dauerbeobachtung.
Die Tür zur Freiheit öffnete sich und wir traten in die kühlen Gänge der Arena. Sofort grummelte mein ohnehin flauer Magen und ich krümmte mich. Janani zerrte mich in eines der angrenzenden Badezimmer und ich übergab mich in ein Waschbecken.
Ein paar Sekunden, während mein Körper alles hervor würgte, war mein Kopf endlich mal frei. Ich konnte an nichts denken und empfand sogar Erleichterung. Doch, als es endete, fühlte ich mich hundeelend.
Schwach taumelte ich zu einer Bank und ließ mich darauf nieder. Jananis Anwesenheit rückte in weite Ferne. Ich hörte nur wie Wasser aus dem Hahn plätscherte.
„Leg den Kopf in den Nacken.“, sagte sie und ich öffnete blinzelnd die Augen.
Sie stand mit einem Waschlappen vor mir und ich ergab mich ihrer Führung. Der kühle Waschlappen landete auf meiner erhitzten Stirn und ich seufzte. Die Bank knarrte leicht, als Janani sich neben mich setzte.
„Danke…“, krächzte ich in die Stille. „Und tut mir leid, dass du… das sehen musstest.“
„Es gibt Schlimmeres.“, erwiderte sie leichthin und betrachtete mich immer noch besorgt. „Aber was ist denn los?“
„Ich hab vielleicht was Schlechtes gegessen.“, sagte ich ausweichend.
Janani hob lediglich die Augenbrauen.
„Hör mal, ich werd´s nicht Gwenog sagen, was, wie du weißt, schon ein Vergehen ist. Aber ich glaub nicht, dass man sich so verhält, wenn man sich den Magen verdorben hat. Du bist ständig abwesend und woanders in Gedanken. Denkst du nicht, du solltest es mir wenigstens sagen, wenn ich dich schon nicht verrate?“
Ich drehte den Kopf und blickte sie schweigend an. Die Wahrheit war, ich mochte Janani. Und ich wusste, dass Geheimnisse und Lügen unseren Teamzusammenhalt schwächten. Als Team mussten wir gemeinsam arbeiten wie eine gut geölte Maschine. Wir mussten uns blind aufeinander verlassen können.
Doch ich wusste nicht wie ich Janani vertrauen sollte, ohne ihr zu viel anzuvertrauen. Ich fühlte mich nicht bereit mein Innerstes mit jemandem zu teilen.
„Es ist keine eine Sache, die ich benennen kann.“, sagte ich schließlich. „Es ist ein Chaos aus hunderten Dingen, die ineinander verstrickt sind.“
„Und das wächst dir jetzt über den Kopf.“, mutmaßte Janani und ich nickte dankbar.
„Ja, das tut es. Ich dachte eigentlich, ich hätte alles unter Kontrolle, aber… es zeigt sich, dass Kontrolle vermutlich nur eine Illusion ist. Ich hatte sie nie. Ich hatte lediglich Glück.“
„Wäre es denn so schrecklich die Kontrolle zu verlieren?“, fragte Janani und zuckte mit den Schultern. „Nichts im Leben ist doch wirklich kontrollierbar. Natürlich ist das manchmal beängstigend, aber es wird dadurch doch auch spannend, oder nicht?“
Ich schmunzelte und nahm den Lappen von der Stirn.
„Gegen ein bisschen Langeweile hätte ich gerade nichts einzuwenden.“, murmelte ich. „Die Kontrolle vollkommen aufzugeben… ich wüsste nicht, was das bedeuten würde. Alle Mauern würden einreißen, Chaos, Anarchie, ich würde Menschen verletzen, womöglich sogar Leben gefährden. Ich weiß nicht, ob ich das riskieren könnte.“
Janani nickte und biss sich nachdenklich auf die schmale Unterlippe. Das Licht der hereinscheinenden Sonne ließ ihre grüne Uniform und die dunkle olivefarbene Haut mystisch schimmern.
„Ich weiß nicht genau, was du gerade durchmachst. Du musst es mir auch nicht sagen. Ich kann dir nur raten dich nicht selbst zu bekriegen.“, sagte sie. „Dein Stress überträgt sich schon auf deinen Körper, das ist weder gesund noch gut. Irgendwas versucht anscheinend mit aller Macht aus dir hervorzubrechen und du hinderst es. Was immer es ist, es kann unmöglich so schlimm sein, dass es noch mehr Leiden und Schmerzen rechtfertigt.“
„Glaub mir, es würde alles auf den Kopf stellen…“, flüsterte ich kopfschüttelnd.
„Dann ist es so.“, erwiderte sie schlicht. „Dann soll es vielleicht so sein. Dann gibst du die Kontrolle halt auf und tust, was du wirklich tief in dir willst. Die Welt wird sich weiter drehen.“
Sie drückte kurz meine Schulter, stand auf und ging mit einem zuversichtlichen Lächeln. Ich war ihr dankbar für ihre Worte, aber auch dafür, dass sie mir Zeit zum Nachdenken gab. Denn die brauchte ich wirklich.
Ich hievte mich selbst von der Bank hoch und schleppte mich wieder zum Waschbecken. Zum Glück verlangte mein Magen keine Wiederholung. Was mich auch gewundert hätte, denn er war nun leer. Ich wagte es kaum in den Spiegel zu sehen und tat es dann trotzdem.
„Sieh dich nur an…“, murmelte ich verachtend. „Du bist Spielerin, dein Lebenstraum hat sich verwirklicht. Deiner Familie geht’s gut… du hast einen tollen Freund… und trotzdem verhältst du dich wie eine Wahnsinnige… Was stimmt nicht mit dir?“
Herausfordernd starrte ich in diese braunen Augen, die ebenso provokant zurück starrten. Ich presste die Hände gegen die kalte Oberfläche des Spiegels.
„Sag schon!“, zischte ich und suchte in meinen Augen eine Antwort zu erkennen. „Sag es mir, bitte… Damit ich es eliminieren kann…“
„Eliminieren… Du hast noch immer nicht gelernt, kleine Ginny…“
Ich schloss die Augen und mein Atem beschlug den Spiegel. Wenn ich mich nur konzentrierte… vielleicht würde er dann von allein verschwinden. Wenn ich mich kontrollierte, meine Atmung regulierte, ganz so wie Dr. Preston es mir beigebracht hatte, dann –
„Jagst du immer noch diesem Hirngespinst nach?“, höhnte er und trat von hinten an mich heran. „Es gibt keine Kontrolle. Magie bedarf keiner Kontrolle.“, flüsterte er mir zu und seine dunkle Aura durchdrang mich bis ins Knochenmark.
„Wie werde ich dich los? Gib mir den Schlüssel, bitte…“, erwiderte ich zitternd und presste die Augen fest aufeinander.
Wenn ich sie öffnen würde und ihn sehen würde, würde es real werden. Der Alptraum würde mich einsaugen wie ein gefräßiges Monster.
„Es gibt keinen Schlüssel, törichte kleine Ginny…“, flüsterte er grinsend und schlich von der anderen Seite an mich heran. „Obwohl… ein Mittel mich ein für alle Mal los zu werden, gibt es vielleicht.“
Meine Augenlider flatterten verräterisch. Nein, das war eine Falle. Er spielte nur mit meiner Hoffnung.
„Öffne die Augen, mein Liebchen…“, raunte er mir zu. „Öffne die Augen und ich verrate es dir… den einen Weg wie du mich verbannen kannst…“
Ich kämpfte mit mir, doch er gewann. Ich wusste es. Sein nach Tod stinkender Geruch, die Kälte seiner Hände, das Wissen wie nah er mir war, ich musste fliehen. Quälend langsam öffnete ich die Augen einen Spaltbreit und riss den Mund auf wie um zu schreien. Doch kein Laut entwich mir.
Grüne Augen starrten mich durch den Spiegel an, doch es war Riddles Grinsen, sein Körper. Er packte mich am Genick und drückte mich gegen den Spiegel, sodass ich seine Freude sehen konnte.
„Töte Harry Potter…“, flüsterte er mir ins Ohr und hauchte mir einen Kuss in den Nacken.
Und dann lachte er. Das Lachen war eine Symphonie aus Riddle, Amycus und Alecto und ließ die Spiegel um mich herum bersten. Er wusste, er hatte gewonnen. Denn der eine Weg, den er vorschlug… war undenkbar für mich.








Nach dem abgebrochenen Training erkundigte sich Gwenog noch nach mir, ebenso wie der Ministeriumsabgeordnete. Ich erzählte auch ihnen nur von einem verdorbenem Magen und versprach in Zukunft mehr auf mich zu achten. Janani bestätigte meine Geschichte, sodass keiner zweifelte. Nun, vielleicht bis auf Gwenog mit ihren scharfen Augen. Doch vor dem Abgeordneten verlor sie kein Wort.
Ich wurde für den Tag entlassen und war erleichtert die Arena verlassen zu dürfen. Jedoch nicht ohne Begleitung. Dimitri war wieder zurück an meiner Seite. Einerseits mochte ich den Riesen langsam, andererseits mochte ich seine Funktion als Bodyguard überhaupt nicht. Ich brauchte Ruhe, um fokussiert zu bleiben. Wenn die ganze Zeit ein wuchtiger Mann um mich herum war, erinnerte mich das zu oft an die Gefahr, in der ich möglicherweise schwebte, wenn ich das Haus verließ.
Mein einziger Trost war, dass auch die anderen inzwischen einen Bodyguard zur Seite gestellt bekommen hatten. Das Ministerium scheute offenbar keine Kosten und Mühen, um ihre Spieler zu beschützen. Doch so effektiv wie die Bodyguards auch waren, ich fragte mich, was sie ausrichten konnten, wenn die Todesser wirklich angreifen würden.
Wie fast jeden Tag seit ich wieder Quidditch spielte, begleitete mich Dimitri also nach Hause. Eigentlich würde ich ohne ihn einfach nach Hause flohen, doch da wir zusammen nicht in den Kamin passten, mussten wir den umständlichen und viel gefährlicheren Weg des Apparierens nehmen.
Auch diesmal zog ich es vor lieber zu schweigen, während wir die altehrwürdige Arena in Holyhead verließen. Das war vielleicht noch das Sympathischste an Dimitri. Er redete nicht besonders viel. Er verrichtete stillschweigend seine Arbeit und gab nur ab und an kurze knurrige Ansagen.
Zudem war es manchmal wirklich eine Erleichterung, wenn ich erschöpft vom Training kam, nicht darauf achten zu müssen, ob sich draußen irgendwas Unheimliches regte in den Schatten. Ich konnte mich einfach auf Dimitri verlassen und ein wenig entspannen.
So brachte er mich auch heute wortlos zum Gartentor in Bextleyheath und sah zu wie ich den Schutzzauber löste. Seine eng beieinander stehenden Augen schweiften dabei grimmig über jede Hecke, die im seichten Abendwind sich wiegte.
„Morgen, selbe Zeit.“, sagte er mit seiner rauen Stimme und ich nickte lediglich.
Vielmehr hatten wir gar nicht zu klären, also öffnete ich das inzwischen quietschende Gatter. Das Quietschen war neu, doch Neville, Ron und ich hatten beschlossen, dass es sehr hilfreich sein konnte, falls wirklich mal jemand unseren Schutzwall überwinden sollte.
Ich suchte lustlos in meiner Tasche nach meinem Schlüssel und winkte Dimitri noch flüchtig, bevor ich hinein ging. Er würde sicher noch fünf Minuten warten, um ganz sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war.
Seufzend schloss ich die Tür hinter mir. Doch meine Erleichterung wieder daheim zu sein, hielt nicht besonders lange an. Denn ich bemerkte einen leichten Lavendelduft, der in der Luft hing, ebenso zwei Stiefelletten samt einem leichten Mantel in einem Pflaumenton, die unsere Garderobe überquellen ließ.
Kurz verharrte ich regungslos im Flur, fragte mich, ob ich einfach wieder gehen sollte, doch da trat Neville schon in den Gang.
„Ginny? Du bist schon zurück?“, rief er mir zu.
„Ja, bin ich.“, erwiderte ich und schälte mich aus den Klamotten. „Also solltet ihr euch lieber schnell anziehen und alle Beweise vernichten.“
„Was denkst du eigentlich von uns?“, erwiderte Neville kopfschüttelnd, als ich ihm nach kam und die Küche betrat.
„Ich denke, dass ihr zwei frisch Verliebte seid, die es nicht erwarten können, wenn sie auch nur zwei Minuten allein sind.“, sagte ich feixend. „Hey, Hannah.“
„Hey!“, grüßte die Blondine mich begeistert vom Küchentisch aus.
„So schlimm sind wir nun auch wieder nicht.“, sagte Neville und zwinkerte Hannah flüchtig zu, die sich kichernd ihr Rotweinglas nahm.
Ein wenig neidisch blickte ich auf ihr Candlelight-Dinner, das noch den stärksten Romantiker erblassen lassen würde. Zwei hohe Stielkerzen standen in der Mitte des Tisches, den Neville sogar mit einer feinen Decke ausgekleidet hatte. Selbst Rosenblätter waren auf dem Weiß verteilt, während eine noch volle Rose in einer staubigen Vase auf seine Angebetete wartete.
„Wow... Ich glaube, ich habe unterschätzt wie romantisch du sein kannst. Hannah, du bist ein echter Glückspilz.“
„Das weiß ich.“, erwiderte sie mit rosigen Wangen und strahlte zu Neville rüber.
„Na gut, ich schnappe mir einfach einen Joghurt und verziehe mich dann mal nach oben.“, fuhr ich fort und ging um den Tisch herum zum Kühlschrank.
„Du musst doch nicht gehen!“, warf Neville sofort ein.
„Bleib ruhig, Ginny!“, bestätigte Hannah.
Ich schaute die beiden verdutzt an.
„Ich will euch euer Date nicht kaputt machen. Neville hat sich auch so viel Mühe gegeben, ich bin sicher keine gute Gesellschaft heute“
„Und wir wollen dich nicht in deinem eigenen Haus vertreiben.“, warf Hannah dazwischen und ergriff Nevilles Hand. „Ihn hier habe ich noch oft genug für mich. Setz dich ruhig dazu.“
Sie lächelte mich freundlich an und Neville schob einen weiteren Stuhl an den kleinen Küchentisch heran. So langsam verstand ich, warum Neville sie so mochte.
„Okay, wenn ihr meint.“, sagte ich und gab mich geschlagen.
Ich setzte mich und Neville holte einen weiteren Teller und tat mir von dem übrig gebliebenen Essen auf.
„Wie war das Training?“, fragte er dabei beiläufig. „Gab´s was... Neues?“
„Nicht wirklich.“, erwiderte ich und fragte mich, ob ich meinen kleinen Aussetzer verbergen konnte. Und wollte. „Ich glaube, sie setzen das nächste Spiel auf Ende Mai. Heißt, uns bleiben nur noch ein paar Wochen.“
„Ich finde es unglaublich, dass sie die Spiele wirklich stattfinden lassen wollen.“, sagte Hannah und spielte gedankenverloren mit einer Locke. „Gerade erst wegen dem heute“
„Hannah!“, kam es warnend von Neville und ich sah wie er ihr einen warnenden Blick zu warf und sie schuldbewusst verstummte.
„Wegen was heute?“, wiederholte ich. „Ist wieder was passiert?“
„Nichts Gravierendes. Nur wieder einer dieser Vorfälle.“, antwortete Neville ausweichend. „Ich wollte es dir nicht erzählen, damit du dich nicht aufregst oder dir Sorgen machst. Du musst dich ja schließlich auf das kommende Spiel konzentrieren.“
Er stellte den Teller vor mir ab und setzte sich neben Hannah. Doch auch wenn mein Magen knurrte, hatte ich nicht das Bedürfnis mein dampfendes Essen auch nur anzusehen.
„Wie soll ich mich konzentrieren können, wenn ich weiß, dass schlimme Nachrichten mir vorenthalten werden?“, sagte ich vorwurfsvoll. „Keine Geheimnisse, du kennst die Regeln.“
Neville seufzte und nickte gequält. Hannah hielt sich raus, wofür ich ihr sehr dankbar war. Das war eine Sache zwischen mir und Neville.
„Ich weiß... es war auch nicht meine Absicht dir das vorzuenthalten. Aber... dir geht es momentan schon nicht gut und ich weiß, diese Nachrichten nehmen dich dann noch mehr mit. Ich will nicht, dass du dir beim Quidditch noch etwas tust, weil du mit den Gedanken woanders bist.“, erklärte er.
„Das passiert schon nicht. Wofür bin ich denn Profi?“, erwiderte ich und versuchte zu ignorieren, dass mein Magen sich unangenehm wand.
„Okay, kommt nicht nochmal vor.“, sagte Neville versöhnlicher und wurde danach schnell wieder ernst. „Also... es ist so, dass heute Morgen, kurz nachdem du weg warst, die Nachricht rein kam von einem Massenmord in einer Muggelsiedlung kurz vor London. Sie gehen davon aus, dass es die Todesser waren. Nicht zuletzt... wegen ihrer recht eindeutigen Botschaft.“
„Welche Botschaft?“, fragte ich und glaubte nicht mehr atmen zu können.
„Jedes der Opfer trug eine Botschaft, die in ihre Unterarme eingeritzt waren. Es war Schlammblut, was da stand.“, endete Neville mit finsterer Miene.
Auch lange nachdem das Wort verhallt war, schien es in unserer Küche noch festzuhängen. Es setzte sich in jede Nische und tränkte den glücklichen Ort, der unser zu Hause so oft war, mit Niederträchtigkeit und Schmutz.
„Aber das waren Muggel...“, sagte ich schließlich. „Muggel werden nicht so bezeichnet, wieso“
„Im Radio haben sie gesagt, sie werten es als Botschaft an Hermine.“, erläuterte Neville. „Die Todesser sind offenbar sehr zornig über ihre Ernennung.“
„Was zu erwarten war...“, murmelte ich müde und schob den Teller von mir. „Okay... ich sollte vielleicht nochmal ins Ministerium.“
„Ginny, Ron ist schon den ganzen Tag bei ihr.“, sagte Neville. „Er sorgt sich um sie, du brauchst nicht nochmal los zu machen.“
„Es geht hier nicht um Müssen oder nicht.“, erwiderte ich. „Hermine braucht mich jetzt, ich muss sie sehen“
„Hermine ist nicht länger nur unsere Hermine!“, sagte Neville schneidend. „Und du kannst nicht ins Ministerium spazieren wie du möchtest. Zutritt ist nur noch mit triftigem Grund oder Einladung möglich. Selbst Ron musste auf Hermines Einladung warten. Sie ist umlagert von ihren Beratern und Sekretären, sie kann jetzt nicht mit dir reden.“
Die Hände auf dem Tisch wollte ich vehement widersprechen. Es war unfair. Ich hatte doch geschworen für sie da zu sein und jetzt durfte ich nicht. Ich fragte mich, ob sie in Zukunft nur noch Hermine, die Ministerin, sein würde. Und was von unseren Hermine bleiben würde...
„Das ist doch Wahnsinn...“, murmelte ich mit erstickter Stimme. „W-Was wird als nächstes kommen? Wann werden wir endlich erlöst sein?“
„Möglicherweise sind wir nah dran ihr Hauptquartier zu identifizieren!“, warf Hannah plötzlich unvermittelt ein.
„Was?“
„Ja, Harry hat das beim letzten Ordenstreffen erwähnt!“, fuhr sie aufgeregt fort. „Er wirkte recht zuversichtlich.“
Sie schaute uns beide an und versuchte ein optimistisches Lächeln, das nicht ganz gelingen wollte. Neville wirkte nicht überzeugt, ebenso wenig wie ich.
„Selbst, wenn wir es wirklich finden sollten, heißt das nicht, dass es auf einen Schlag aufhören wird.“, sagte ich und stand abrupt auf.
Mir war der Appetit vergangen. In meinem Kopf überschlugen sich Schlagzeilen, Fahndungen und Fotos von Gräueltaten, die inzwischen unseren Alltag beherrschten. Erst gestern war bekannt geworden, dass Richter Cavendish, der Malfoy und die anderen letztes Jahr verurteilt hatte, als verschwunden galt. Zudem wurden weitere Schläfer bei den engsten Vertrauten des Gamots gefunden. Das Böse drückte von allen Seiten auf uns ein und schnürte uns die Kehle zu. Wie lange würden wir so noch atmen können?
„Da ist noch etwas.“, sagte Neville und ich wünschte, ich könnte einfach Reißaus nehmen. Nicht hören müssen, was er für weitere schlimme Dinge zu verkünden hatte.
Er holte zwei Briefe von dem Fenstersims herunter. Ich erkannte die gebrochenen Siegel von Hogwarts und dem Ministerium.
„Wegen der jährlichen Trauerfeier… sie wollen wissen, ob wir kommen.“, sagte Neville angespannt.
„Seit wann schicken die Einladungen?“, stieß ich mit zugeschnürter Kehle hervor.
„Sie wollen wohl das Risiko eines weiteren Anschlags verhindern und die Anzahl der Trauerenden möglichst gering halten.“, erklärte Neville.
Ich schnaubte und konnte mich selbst vor Hannah nicht mehr zurückhalten.
„Dann schreiben sie uns jetzt vor, wer das Recht hat um seine Verstorbenen zu trauern? Wer die Erlaubnis erhält zu kommen?“
„Euch werden sie es sicher nicht verwehren!“, sagte Hannah und lächelte mich zuversichtlich und mitfühlend an.
„Ja, weil wir das Glück hatten genug zu verlieren.“, rutschte es mir raus und ballte die Fäuste.
Hannah war sofort betroffen, Neville wollte schon zu einer Entgegnung in meine Richtung ansetzen, aber ich war nicht bereit für einen Streit. Ich floh. Hannah war ein liebes Mädchen, ich mochte sie, aber sie verstand nicht, worum es hierbei ging. Dass ich keineswegs an mich dachte.
Während ich die Treppe hoch hastete, hatte ich das Gefühl zu ersticken. War es denn schon wieder soweit? Den ganzen Tag war ich mit den Gedanken woanders gewesen, aber daran hatte ich nicht gedacht.
Und dann auch noch dieser elende Brief! Das hochoffizielle Siegel, als würden sie uns anschreien wollen: Ja, vergesst es nur nicht! Das Jubiläum naht!
In wenigen Tagen war der April vorüber und machte Platz für einen sonnigen frühlingsverheißenden Mai. Doch während andere Menschen diesem Monat mit Freude entgegen sahen, war er für mich die schlimmste Zeit des Jahres.
Ich konnte mich genau erinnern wie damals vor vier Jahren der Schnee langsam geschmolzen war. Wie wir uns gefreut hatten… Der Anfang des Frühlings war vielleicht auch das Ende des Krieges? Ja, es war so gekommen… Doch vorher hatten sie uns alles genommen…
Ich taumelte in mein Zimmer, war kurz versucht mich wieder ins Bad zu retten, aber was sollte ich schon hervor würgen? Entkräftet warf ich die Tür zu und presste mich an das kühle Holz.
Jedes Jahr war es eine Herausforderung gewesen. Eine Überwindung. Doch dieses Jahr würde es anders werden. Denn die letzten Jahre hatte ich mich in die Illusion geflüchtet wir würden in Frieden leben und ihre Tode waren nicht umsonst gewesen. Jetzt jedoch…
Wofür waren sie gestorben? Sie hatten für eine bessere gerechte Welt gekämpft. Eine Welt ohne Krieg und Leid und Angst… Aber wir hatten versagt. Wir hatten den Frieden verwirkt, das Unrecht geschehen lassen, die Angst siegen lassen. Was für einen Sinn hatte ihr Tod gehabt?
Keinen. Sie waren umsonst gestorben. Und diese Erkenntnis brachte mich fast um. Ich wusste, diesmal würde es anders werden. Ich hatte Angst zurück zu kehren. Nach Hogwarts. Zu ihren Gräbern. Aber ich würde es müssen. Ich hatte geschworen jedes Jahr zurückzukehren. Und meine Versprechen hielt ich. Wenn ich es denn konnte.

In der Nacht des 2. Mais schlief ich nicht. Ich tat es niemals. In dieser Nacht waren die Alpträume allgegenwärtig und schlimmer. Ich spürte Schmerzen, die nicht da waren. Dr. Preston nannte es Phantomschmerzen. Ich versetzte mich so tief in meine Erinnerungen, dass ich alles erneut spürte.
Zusammengekauert hatte ich die ganze Nacht auf meinem Teppich gesessen. Um mich herum die wenigen Dinge, die mir geblieben waren. Da war die glitzernde Haarspange, die mir Bree geschenkt hatte. In ihren Zangen hing sogar noch eine Strähne ihres kastanienfarbenen Haares. Daneben lag eine lange gebogene Feder, die einmal Colin gehört hatte. Wenn ich sie ansah, erinnerte ich mich jedes Mal daran wie er beim Nachdenken sich selbst mit der Spitze am Kinn gekitzelt hatte. Der goldene Armreif mit den hübschen Sternen eingraviert hatte einmal Harriet gehört. Es war ein Wunder, dass Amanda ihn mir überlassen hatte. Und dann war da der weinrote Pulli mit dem eingestickten gelben F. Einer der Pullis, die Mum uns Weasley Kindern immer gestrickt hatte.
Fred hatte ihn an seinem letzten Weihnachten getragen. Selbst nach vier Jahren hatte ich manchmal das Gefühl, wenn ich mich konzentrierte, dass sein Duft immer noch zwischen den Fasern hing. Als würden auch sie ihn nicht gehen lassen wollen.
Jedes Jahr in der Nacht zum 2. Mai reihte ich die einzelnen Erinnerungsstücke nebeneinander auf und ließ mich von der Trauer durchströmen, die ich sonst so gut verbarg. Wie ich vorausgeahnt hatte, war es dieses Jahr schwerer. Doch skurrillerweise auch leichter. Denn ich war nicht allein.
Zu meiner Rechten saß Neville, zur linken Luna. Wir sprachen kaum, wir waren einfach nur füreinander da. Und wenn einer eine Träne verdrückte, reichten wir wortlos ein Taschentuch weiter.
Ich wünschte mir im Stillen, dass es mit allen Menschen so sein würde. Doch die wenigsten verstanden, dass es nicht notwendig war darüber zu reden. In all den Jahren hatten wir schon alles mögliche über Trauer und Verlust gesagt. Wir hatten einander aufgebaut, die Ängste geteilt und einander gut zugesprochen. Jetzt gab es nichts mehr zu sagen. Wir wussten, dass es irgendwann besser werden würde.
Im ersten Jahr, beim ersten Jubiläum, hatte ich geweint und geschrien. Ich hatte alles nochmal durchlebt, hatte geglaubt, es würde irgendeinen Weg geben wie wir sie wieder erwecken konnten. Und dann wiederum hatte ich nur bei ihnen sein wollen. Ich hatte das nicht länger ertragen wollen.
Beim zweiten Mal hatte ich nur noch geweint und nach Erlösung gefragt. Beim dritten Mal hatte ich den ganzen Tag nicht einen Ton gesagt. Heute Nacht sagte ich ebenfalls nichts und weinte nur stumm.
Ja, es wurde besser. Es war nicht mehr so schmerzlich wie beim ersten Mal. Aber es wurde niemals leichter oder erträglich. Ich akzeptierte den Schmerz und nutzte diesen einen Tag besonders, um ihrer aller zu gedenken. Damit ich den Rest des Jahres mein Leben weiter leben konnte, obwohl ich es manchmal nicht wollte. Aber das war die Herausforderung am Leben.
Als die Nacht um war, wusste ich, dass das Schwerste noch kommen würde. Gemeinsam mit Neville, Luna und Ron bereitete ich mich auf die Reise nach Hogwarts vor. Aus Sicherheitsgründen würden wir direkt über das Flohnetzwerk nach Hogwarts wechseln, was mir aber nur recht war. An einem Tag wie heute wollte ich mich nicht auf meine magischen Fähigkeiten verlassen müssen.
Pünktlich gegen zwölf brachen wir auf. Das traditionelle Schwarz war keine Vorschrift zu diesem speziellen Anlass, aber viele trugen dennoch dunkle Farben. Aus Respekt. Ron wählte zumindest ein dunkelblaues Hemd, das um die Mitte zu sehr spannte und Neville einen schwarzen Cardigan. Und Luna… kam in Gelb.
„Dezent.“, kommentierte ich ihr luftiges Sommerkleid lediglich, bevor wir den Kamin betraten.
„Eher so strahlend und überraschend wie das Leben!“, erklärte sie beschwingt.
„Wie angemessen gegenüber den Toten…“, schnaubte Ron augenrollend und ich boxte ihn in die Seite.
„Hör auf, sie hat halt eine andere Auffassung vom Tod und Trauern.“, zischte ich ihm zu. „Außerdem… schadet ein bisschen Farbe nicht an diesem Tag. Fred hätte es gefallen.“
Ich lächelte verkrampft und Ron seufzte. Das konnte er nicht entkräften. Ich sah zu wie Neville und Luna gemeinsam in den grünen Flammen verschwanden und trat nun mit meinem Bruder über den Kaminrost. Ron hakte sich stillschweigend bei mir unter und ich verkniff mir jeden Kommentar. An diesem Tag stritten wir nicht, das war ein ungeschriebenes Gesetz.
Vor unseren Augen verschwand unser vertrautes Wohnzimmer und innerhalb von Sekunden rasten wir von England nach Schottland. Direkt in das Kathedralen artige Büro des Schulleiters.
„Morgen, Professor!“, sagte Ron und half mir sogar aus dem Kamin heraus.
„Es ist Mittag, Mr Weasley.“, schallt ihn Professor McGonagall, die bei ihrem eichenen Schreibtisch stand und ungeduldig auf ihre goldene Taschenuhr blickte. „Erklärt Ihre Unkenntnis über die Tageszeit auch Ihre Verspätung?“
„Sorry…“, sagte Ron betreten und griff sich verlegen in den Nacken.
„Kommt schon, wir haben nicht mehr viel Zeit.“, drängte Neville ungeduldig.
Wir verließen eilig das Büro unter dem strengen Blick von McGonagall, die bereits auf die nächsten Gäste wartete. Ron hielt mir die Tür auf, blickte auf seine Lehrerin zurück und gluckste: „Manchmal vermisse ich sie echt, die alte Gonnie…“
„Ich hoffe sehr, ich habe mich verhört!“, schallt es aus dem Büro, doch ich riss schnell die Tür zu, bevor Ron sich noch Nachsitzen einhandeln konnte.

Wenig später gelangten wir auf dem Hogwarts Gelände an. Es waren deutlich weniger Trauergäste gekommen, als die Jahre davor, aber das lag wohl an der Situation und an der Zeit, die allmählich verstrich. Mein Vater hatte mir vor zwei Jahren erklärt, dass einige der Trauernden irgendwann begannen mit dem Geschehenen abzuschließen und nicht mehr an den Verlust erinnert werden wollten. Deshalb kamen sie auch nicht mehr, weil es zu viele Wunden aufreißen würde.
Ich hatte damals nicht verstanden wie Leute sich dafür entscheiden konnte. Es hatte sich für mich wie Ignoranz angefühlt und ich war wütend auf diese unbekannten Menschen gewesen. Heute war meine Wut verblichen und meine eigene Naivität gewichen.
Ich konnte verstehen, dass es schmerzhaft war immer wieder den Verlust zu spüren. Die Schmerzen zu durchleiden. Es würde nicht nach fünf oder zehn Jahren aufhören. Nein… Dass mein Bruder tot war würde eine Tatsache bleiben, die mich mein ganzes Leben begleiten würde.
Manchmal… gab es auch für mich Tage, an denen ich zurück in ein Leben ohne Verlust und Schmerz wollte. Aber Freds Tod dafür vergessen… Nein, das war undenkbar.
In gewisser Weise hatte dieser schreckliche Tag sogar sein Gutes. Egal, wo auf der Welt wir uns gerade befanden, ob wir stritten oder gerade nicht miteinander sprachen, am 2. Mai kamen wir Weasleys zusammen. Bill kam mit Fleur und der kleinen Victoire, die gerade heute zwei geworden war, Charlie stieß sonnengebräunt zu uns und Percy klebte mal wieder an Audrey und wirkte das erste Mal nicht so niedergeschlagen. Ron und ich vertrugen uns an diesem Tag und Mum und Dad waren froh nicht allein zu sein. Lediglich George war schweigsam, in sich gekehrt und mürrisch. Aber das kannten wir zu Genüge und wie sooft schlug ich ihm vor später eine Runde um den See zu laufen. Das war ein Ritual, das wir immer durchzogen und das ihn zumindest ein bisschen aufheiterte. Als ich es vorschlug, versuchte er sogar ein kleines Lächeln.
Im Gegensatz zur eigentlichen Trauerfeier vor vier Jahren gab es heute kein offizielles Programm. Die Trauergäste wurden im Büro der Schulleiterin empfangen und sich dann sich selbst überlassen. Jeder durfte die Gräber besuchen und das taten wir auch. Die anderen Gäste, die wir nur einmal im Jahr sahen, grüßten wir wie vertraute Nachbarn. Inzwischen kannte man so viele von ihnen. Und das nur, weil ein grausames Schicksal uns alle verband.
Die Sonne stand weit oben im Zenit, als weitere Gäste zu unserer kleinen Gruppe dazu stießen. Ich war nicht sonderlich überrascht, dass Rolf und Hannah gekommen waren, um Neville und Luna zu unterstützen. Auch, wenn es mir kurz einen Stich ins Herz versetzte.
Ich hatte Viktor auch gebeten zu kommen. Aber er hatte keine Zeit gehabt. Quidditch Training. Ob es denn sehr wichtig sei, hatte er gefragt. Nein, hatte ich gesagt. Halb so wild.
Doch das war es. Es war der wichtigste Tag im Jahr und er war nicht hier. Ich verdammte mich selbst, dass ich nicht deutlicher gemacht hatte, was mir das bedeutete. Dass es sehr wohl wild war! Aber ich würde das auch ohne ihn schaffen. Hatte ich ja all die Jahre zuvor auch.
„Na, was kommt denn da für ein Star?“, sagte Neville schmunzelnd und deutete rüber zur anderen Seite der Gräber.
Das Herz sackte mir ein paar Meter in die Tiefe. Eigentlich bis in die Kniekehle, wenn ich genau war. Ich hatte gewusst, dass er kommen würde und doch hatte ein kleiner Teil von mir auf das Gegenteil gehofft.
Mit zerknirschtem Blick stiefelte Harry über den Rasen, gefolgt von einem buckligen kleinen Fotografen, den ich als Gus vom Tagespropheten identifizieren konnte.
„Bringt man jetzt neuerdings Paparazzi zur Trauerfeier mit?“, spottete Ron großkotzig und Harry warf ihm einen genervten Blick zu.
„Kommen Sie schon, Gus, geben Sie mir mal ein bisschen Privatsphäre!“, fauchte er und der Zauberer schwirrte böse grummelnd ab.
Harry raufte sich die Haare und schaute uns Abwartende entschuldigend an.
„Ist nicht auf meinem Mist gewachsen.“, sagte er. „Der Tagesprophet will eine Story über mich bringen“
„Wie du Gräber besuchst?“, entfuhr es mir.
„Natürlich nicht.“, sagte er entschieden. „Aber sie waren der Meinung, dass ich vielleicht in der Schule eine kleine Zusatzstunde halten könnte. So zum Thema Duellieren. Darüber machen sie wohl die Story.“
„Oh, dann unterrichtest du wieder? Find ich klasse, du warst immer ein toller Lehrer.“, sagte Neville prompt.
„Nein, das ist eine einmalige Sache. Also hoffe ich.“, erwiderte Harry und fühlte sich offenbar unwohl, dass ihn alle so ansahen.
„Harry, Lieber, weißt du, ob Hermine auch kommen wird?“, fragte Mum in die Stille hinein und versuchte offenbar die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken.
„Ich denke nicht. Sie erstickt schier in Arbeit.“, erwiderte Harry. „Außerdem haben ihre Berater ihr davon abgeraten.“
Er führte das nicht weiter aus und keiner wollte das Thema vertiefen. Ich mochte den Gedanken nicht sonderlich, dass Hermine nicht kommen würde. In den letzten Jahren war auch ihre Anwesenheit an diesem Tag tröstlich gewesen. Ich wusste, mir würde ihre kluge und mitfühlende Sicht auf die Vergangenheit fehlen.
Nichtsdestotrotz versuchte ich das Beste aus der Situation zu machen. Als Maggie noch mit Dean aufkreuzte, schloss sich eine kleine Gruppe aus Ron, Neville, Hannah, Luna, Rolf, Maggie und Dean zusammen, um gemeinsam über das Feld der Gräber zu laufen. Harry folgte uns ebenfalls, aber er blieb trotzdem irgendwie immer ein bisschen abseits. Als würde er nicht dazu gehören.
Meine Eltern und Brüder blieben bei Freds Grab und unterhielten sich miteinander. Vielleicht nicht so ausgelassen wie früher, aber es war auch kein starres Miteinander, was mich freute.
Es wehte ein leichter Wind und ich ließ den Blick schweifen über die grünen Wiesen, in denen bereits Pusteblumen und Gänseblümchen um jeden freien Zentimeter kämpften. Der See lag im glitzernden Sonnenlicht und nicht mal der Kraken kam heute raus, um die Sonne zu genießen. Das tat er an diesem Tag nie. Als würde selbst ein Wesen wie er spüren, dass an diesem Tag etwas Besonderes haftete.
Das Schloss hinter uns thronte auf seinem Felsen wie eh und je. In der Ferne konnte ich die Tribünen des Quidditchfeldes erkennen und noch weiter dahinter die Peitschende Weide, die freudig ihre langsam blühenden Äste ausstreckte.
Ja, nach Hogwarts zurück zu kehren, war nach all den Jahren immer noch etwas Besonderes. Es war seltsam, dass mir nie bewusst gewesen war wie viel Zeit wir alle hier verbracht hatten. Sieben Jahre, die ganze Jugend. In dem höchsten Turm des Schlosses hatte ich geschlafen, in der Großen Halle gegessen, gelernt in den zahllosen Klassenzimmern und der Bibliothek, dort am Rande des Sees meine schönsten Momente nach dem stressigen Schulalltag verbracht. Wenn ich jetzt so drüber nachdachte, war es eigentlich gar nicht stressig gewesen.
Ich hatte ein Dach über dem Kopf gehabt, für das ich nicht zahlen musste, ich war mit Essen versorgt gewesen und Hauselfen hatten meine Kleidung gewaschen und geflickt. Ich hatte tagtäglich meine Freunde um mich gehabt und hatte nicht fürchten müssen, dass wir uns entfremdeten oder nicht mehr oft genug sahen. Beziehungen waren einfach so zwischen Hausaufgaben, Nachsitzen und Quidditch-Traning entstanden. Nahezu alles hatte sich irgendwie ergeben. Doch warum hatte ich die Schulzeit dann als so stressig wahrgenommen?
Die Wahrheit war, dass ich heute eine andere Ginny war. Ich machte mir mittlerweile keine Gedanken mehr um mein Aussehen, um irgendwelche Tuscheleien in den Gängen oder darum, dass sich meine Freunde von mir abwenden könnten. Heute war ich mit mir und meinem Körper im Reinen, mir war bewusst, dass halb England über mich als Spielerin sprach und meine Freunde würden mich nicht verlassen. Selbst, wenn uns Meilen oder Länder trennten.
Mit all dem Wissen und der Erfahrung würde ich liebend gern noch einmal Hogwarts besuchen. Einfach, um all diese Selbstverständlichkeiten ganz neu zu erleben und wertzuschätzen. Doch ich wusste, es gab kein Zurück. Für alles im Leben gab es eine Zeit. Und meine Schulzeit gehörte der Vergangenheit an.
Ich lächelte, noch ganz in Gedanken versunken und bemerkte, dass die anderen bereits weiter gewandert waren. Seufzend strich ich mir das Haar aus dem Gesicht und stutzte. Denn der Wind trug einen mir nur zu bekannten Duft zu mir rüber.
„Geht es dir gut?“, fragte Harry und kam zu mir.
Ich sah ihn an und verspürte das Bedürfnis mal nicht zu sagen „Es geht mir gut“. Einfach ehrlich sein. Das wollte ich. Aber das durfte ich gerade ihm gegenüber nicht.
„Einigermaßen.“, antwortete ich stattdessen wie ich es schon oft getan hatte.
„Ist ein merkwürdiges Gefühl zurück zu sein.“, sagte er und schaute zu Hogwarts hoch.
Etwas Ehrfürchtiges und Ängstliches lag in seinem Blick. Ich fragte mich, ob er sich wirklich fürchtete. Ich unterdrückte den Drang zu fragen.
Er wandte sich wieder mir zu und seine Augen bekamen diesen besonderen Ausdruck, der inzwischen zuverlässig alle Alarmsignale in mir auslöste.
„Ich weiß, es ist vielleicht nicht der richtige Tag oder Zeitpunkt, aber können wir mal reden? Unter vier Augen?“, fragte er.
„Worüber?“, fragte ich unvermittelt.
Er sah mich lange an ohne zu blinzeln.
„Du weißt worüber.“, sagte er leise.
Natürlich wusste ich es. Harry war nicht dumm. Auch er hatte bei Teddys Geburtstag gemerkt, dass irgendwas passiert war. Doch ich versperrte mich dagegen. Dann war es halt kurz seltsam zwischen uns gewesen. Wir waren ein Ex-Paar, dass zusammen mit einem Kind, das nicht das ihre war, in eine Vater-Mutter-Kind-Situation geschlittert war. Das wäre mit jedem Ex skurill gewesen, sagte ich mir selbst. Vor allem da wir beide noch so jung waren und es gar keine Aussicht gab, dass dieser Vorfall Realität werden würde.
„Es gibt da nichts zu bereden.“, sagte ich jedoch kühl. „Wir haben unserem Patensohn vorgelesen. Was soll daran ungewöhnlich sein?“
Ich wollte keine Diskussion aufkommen lassen und ging an ihm vorbei. Doch blitzschnell schoss Harrys Hand vor und er hielt mich am Unterarm fest.
„Du weißt genau, was war!“, flüsterte er und seine grünen Augen blitzten wütend, weil ich es abstritt.
„Du steigerst dich da in etwas rein. Ich bin nicht deine Gabrielle.“, erwiderte ich und riss mich von ihm los.
Ich wusste nicht, warum ich Gabrielle plötzlich erwähnte. Seit sie wieder abgereist war, hatte ich keinen Gedanken an sie verschwendet. Doch jetzt schlich sie sich wieder in meinen Kopf. Und wie sie Harry abgeknutscht hatte.
„Ich bilde mir das nicht ein.“, sagte Harry mit Nachdruck, doch ich hatte genug.
Ich wandte mich ab und lief eilig unserer Trauergruppe nach. Mein linker Unterarm brannte wie Feuer. Schnell schob ich den Ärmel meiner Bluse herunter. Als könnte ich so Harrys Fingerabdrücke von mir entfernen.
Was dachte der sich eigentlich? Dass er mit irgendwelchen Andeutungen um sich werfen konnte? Er interpretierte eindeutig was in etwas nicht dagewesenes. Klar wollte er irgendwas zwischen uns sehen. Er hatte ja auch Gefühle für mich.
Ich atmete durch und schloss zur Gruppe wieder auf. Maggie beobachtete mich bereits von Weitem und zog kritisch die Augenbraue hoch.
„War was?“, fragte sie und schaute hinter mich, wo mir Harry langsam über das Gras folgte.
„Nur eine Meinungsverschiedenheit.“, erwiderte ich ausweichend.
Es gefiel mir gar nicht wie sie alle untereinander Blicke tauschten und auch Ron diesen misstrauischen Blick aufsetzte. Genau sowas hatte ich verhindern wollen. Dass die Leute anfingen uns wieder seltsam anzuschauen und zu hinterfragen, was wir als Exen miteinander zu schaffen hatten.
Nichts, wollte ich in die Welt schreien. Harry Potter ist mir egal!
Selbstredend würde mir niemand glauben.
Zum Glück behielten alle ihre Gedanken bei sich und wir begannen unsere schweigsame Runde über den Friedhof. Immer wieder blieben wir stehen und entzifferten die Inschriften auf den langsam verwitternden Steinen. Hin und wieder blieben wir stehen, um die Namen zu lesen und uns zu erinnern.
„Oh, hier ist Megans. Ihre Familie lebt jetzt in Spanien. Es kommt kaum noch jemand her, um sich um das Grab zu kümmern.“, sagte Hannah traurig und ging in die Knie.
Sie zog einen Kreis mit dem Zauberstab durch die Luft und ließ gelbe Blumen zu einem Kranz gewunden erscheinen, die sie an den Grabstein lehnte. Mit feuchten Augen richtete sie sich wieder auf.
„Da ist Richie.“, sagte Ron und wir gingen weiter. „Echt schade. Ich mochte den Typ.“
„Wie ist er eigentlich gestorben?“, fragte Harry in die Runde, während Neville ebenfalls Blumen niederlegte.
Keiner von uns hatte eine Antwort zu geben, was mich traurig stimmte. Richie war ein Gryffindor gewesen, einer unseres Teams, ein loyales DA-Mitglied. Und wir wussten nicht mal wie er gestorben war. Ob er allein gewesen war. Ob er wie ein Held gestorben war.
Unsere Wege führten uns weiter und immer wieder blitzten uns vertraute Namen entgegen. Doch die schwersten standen uns noch bevor. Irgendwann glitt Luna an meine Seite und ergriff meine Hand. Ich drückte sie fest, als ich einen leicht abgesackten kleinen Grabstein erblickte, der überwuchert war von Moos.
Ich war froh, dass ich nicht allein war und meine Freunde dicht bei mir blieben. Maggie half mir das Moos zu entfernen und Neville zog magisch das Unkraut aus der Erde. Rolf reichte mir ein Taschentuch und ich begann den Grabstein zu reinigen bis ich die Inschrift lesen konnte.

Colin Creevey, 1981-1997
Mutig bis zum Ende.


Mein Hals stach, als hätte ich hunderte Nadeln geschluckt. Aber sich um Colins Grab zu kümmern, hatte etwas Beruhigendes. Ich fühlte mich ihm seltsam nah in diesem Moment.
Gemeinsam mit den anderen legten wir auch auf Colins Grab Blumen in allen Farben. Ich mochte es sehr, dass alles so bunt war. Genauso hätte er es haben wollen.
Auch Harriet und Anastasia besuchten wir und gelangten schließlich zu Brees Grab. Es strahlte auf einer kleinen hügeligen Ebene und war überlagert von Blumen. Offenbar sorgte ihre Familie gut für die Instandhaltung.
Trotzdem ließen wir ein wenig Wasser über die vertrockneten Blüten fließen und ich putzte nochmal die Inschrift. Ich erinnerte mich gut wie ich sie zusammen mit Brees Eltern angefertigt hatte. Das war ein besonderer Tag gewesen.

Bree Turner, 1981-1997
Eine wahre Gryffindor.


Obwohl ihre Eltern noch viele andere Ideen gehabt hatten, war ich bei diesem Punkt eisern gewesen. Ich wollte, dass alle Welt wusste, wer Bree wirklich gewesen war. Ich wollte jedem, der verächtlich oder spöttisch über sie reden würde, den Mund verbieten. Egal wie sie gewesen war, sie war am Ende eine echte Gryffindor gewesen und ich würde niemals zulassen, dass irgendwer etwas anderes behauptete.
„Ich wünschte mir, ich wäre manchmal netter gewesen.“, sagte Maggie plötzlich und wirkte sehr traurig. „Klar, sie war... schwierig und kratzbürstig, aber ich hab mich auch nicht immer vorbildlich verhalten. Jetzt... bereue ich es irgendwie.“
Dean legte den Arm um sie und ich lächelte ihr schmerzlich zu.
„Ja, so geht es mir auch. Ich wünschte, wir hätten uns selbst die Chance gegeben wahre Freundinnen zu werden.“
„Das wart ihr. Irgendwie.“, erwiderte Maggie leise und schniefte leicht. „Oh man... lasst uns weiter gehen, bevor ich noch zu weinen anfange.“
Dem stimmten wir alle dankbar zu. Auch, wenn ich zu geben musste, dass Brees  und Colins Grab zu verlassen mir sehr schwer fiel. Ich nahm mir vor öfter her zu kommen, als nur einmal im Jahr.
„Komisch, dass es jetzt schon so viele Jahre her ist.“, sagte Neville irgendwann, als wir das Ende der Gräber erreichten und langsam zurück auf Hogwarts zu schlenderten.
„Manchmal kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen...“, fügte Hannah hinzu und erschauderte, obwohl der Tag recht warm war.
„Wenn man sich die Gräber weg denkt, dann sieht es fast aus wie früher.“, sagte Ron und blieb stehen, um hinauf zu sehen zum Schloss.
„Als wäre der Krieg nie gewesen.“, murmelte Harry und ich wagte kurz einen Blick zu ihm.
Er musterte das Schloss, als würde er nach den Rissen des Kriegs, der letzten großen Schlacht, suchen, aber es gab keine mehr. Sie waren repariert und ausgebessert worden. Der Friedhof war nicht länger ein Feld toten Grases, die Grabsteine fügten sich in das Bild, als wäre ihr Platz lange für sie vorgesehen gewesen. Heute erstrahlte der Rasen in einem saftigen Grün und Blumen, Efeu und Moos rankte sich um die Steine. Es war, als würden die Toten hier liegen und direkt zu Hogwarts hinauf sehen.
„Ein schöner Ort für die letzte Ruhe.“, sagte ich leise.
„Wenn ich einmal sterbe, möchte ich auch einen besonderen Ort.“, warf Rolf plötzlich ein. „Einen in der Natur, wo das Leben um mich herum tobt und blüht.“
„Eine zauberhafte Vorstellung!“, erwiderte Luna strahlend, doch die anderen wirkten etwas verdutzt von Rolfs Einwurf.
Er blickte uns an und zuckte die Schultern.
„Habt ihr denn nie nachgedacht, wo ihr begraben werden wollt?“
„Ist ja jetzt nix, wo man gerne drüber nachdenkt...“, murmelte Ron.
„Ich finde, es bringt Unglück über sowas zu sprechen. Als würde man das Schicksal so herausfordern.“, sagte Hannah leise und klammerte sich ein wenig fester an Nevilles Arm.
„Ja, unheimlich ist es schon.“, stimmte Maggie zu und blickte mich fragend an.
„Ich hab noch nie darüber nachgedacht.“, erwiderte ich ehrlich. „Aber, wenn ich es müsste, würde ich vermutlich einen Ort wählen, der mir in meinem Leben viel bedeutet hat.“
Ich überlegte kurz und ließ den Blick schweifen über den stillen See.
„Es wäre vermutlich der Fuchsbau.“
Ich nickte und stellte mir vor wie es wäre auf ewig dort zu sein. Selbst, wenn mein Herz aufgehört hätte zu schlagen. Aber, wenn es sowas wie Seelen wirklich gab und meine dann dort verweilen würde... Dann war das schon irgendwie eine schöne Vorstellung, da musste ich Rolf zu stimmen.
„Ich denke, ich wüsste es auch.“, sagte Harry plötzlich ungefragt, doch er sagte es auch nicht als eine Antwort auf unsere Diskussion.
Sein Blick war auf den Verbotenen Wald gerichtet, der scheinbar seelenruhig am Rande des Geländes wartete und die langen Äste nach uns ausstreckte.
„Ich muss noch etwas erledigen.“, sagte er knapp an uns andere gewandt.
„Brauchst du Hilfe dabei?“, fragte Luna und durchbohrte ihn mit ihren klaren blauen Augen.
Er lächelte sie an. Offenbar ehrlich dankbar.
„Nein, das ist etwas, das ich allein erledigen muss.“, sagte er und ging über den Rasen davon.
Wir anderen sahen ihm schweigend nach.
„Und da war er wieder. Sein Lieblingssatz.“, brummte Ron und steckte die Hände in die Hosentaschen.
Er wirkte sowohl genervt, als auch wehmütig. Als würde ein Teil von ihm ihm gern nach gehen, doch seine Füße waren wie verwurzelt mit dem Boden.
Ich richtete den Blick wieder auf die Rückseite von Harry und beobachtete wie er dem Verbotenen Wald allein entgegen ging. Es löste alte Erinnerungen aus und auch in mir kam der Drang auf ihn zu begleiten. Er hatte diesen Weg bereits einmal beschritten. Niemand hatte ihn begleitet. Niemand hatte ihn aufgehalten.
Ich verstand gut, dass er diesen Ort wieder aufsuchte. Ihn wieder aufsuchen musste. Wir anderen mochten über den Tod spekulieren, fachsimpeln, was wir danach mit unseren Gebeinen anfingen, aber er hatte es am eigenen Leib erfahren. Wie es war zu sterben.
„Oh, sieh mal, Ginny. Deine Familie hat Zuwachs bekommen.“, sagte Maggie plötzlich und wies zur anderen Seite des Friedhofs.
Verwundert folgte ich ihrem Fingerverweis und merkte wie ein Lächeln sich auf mein Gesicht stahl. Und diesmal war es echt, nicht gekünstelt, nicht erzwungen. Es war ein Lächeln, das nur einer mir schenken konnte.
„Entschuldigt mich.“, sagte ich höflich und eilte über den Rasen.
Die Gräber flogen an mir vorbei, die ganze Trauer des Tages schien in den Hintergrund zu rücken. Die letzten Meter rannte ich und breitete die Arme aus.
Teddys Lachen war heller und wärmer als jeder Sonnenstrahl. Seine Haare leuchteten heute blond, doch als wir in eine herzliche Umarmung fielen, wurden sie wieder rot. Ich küsste ihn auf die Stirn, während ich ihn kitzelte.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich glücklich und strahlte zu Andromeda hoch, die ihn begleitete.
Mit einem verkrampften Lächeln um die schmalen Lippe sagte sie: „Ich dachte, es wäre an der Zeit.“
Ich nickte ihr zu und wurde wieder ein wenig ernster. Immer wieder hatten Andromeda und ich in den letzten Jahren darüber gestritten und zu seinem Geburtstag neulich hatte sie mir anvertraut, dass sie über das Thema erneut nachgedacht hatte. Jetzt war es soweit.
„Hey, Teddy, wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang?“, fragte ich den Kleinen, der bereits nach einer Pusteblume im Gras griff.
„Ich will spielen!“, rief er übermütig.
Er war sich überhaupt nicht bewusst an was für einem Ort er sich gerade austoben wollte. Zu gern wollte ich ihn auch Kind sein lassen. Ich hatte selbst erlebt wie schnell die Kindheit vorbei sein konnte. Aber leider würde es nicht helfen das Unvermeidbare ewig hinaus zu zögern. Andromeda war der Meinung, dass die Zeit reif war und ich war es auch.
„Wir können später spielen, aber vorher möchte ich dir noch etwas zeigen.“, sagte ich und strich sein rotes T-Shirt mit der Echse drauf glatt. „Ein Geheimnis, wenn du so willst.“
Teddys Augen flogen zu mir. Geheimnisse mochte er. Damit konnte ich ihn ködern.
Ich nahm ihn an die Hand und gemeinsam gingen wir über den Friedhof. Andromeda folgte uns mit meinen Eltern mit ein wenig Abstand. Teddy sah sich begeistert um, deutete auf Schmetterlinge und wollte am liebsten in den See springen, als wir ihm näher kamen. Aber ich führte ihn zum Ende einer langen Reihe an Gräbern.
„Teddy, sag mal, weißt du, was ein Friedhof ist?“, fragte ich und mein Herz schlug schneller, als das Doppelgrab in Sicht kam.
„Ne.“, erwiderte der Kleine unbekümmert.
„Siehst du diese Steine? Darauf steht überall ein Name.“, erklärte ich und deutete auf die, an denen wir gerade vorbei kamen. „Die Steine erzählen uns, wer hier begraben liegt. Also welche Menschen gestorben sind.“
Teddy runzelte die Stirn und blickte zu mir auf.
„Die Steine reden?“
Ich lachte unwillkürlich.
„Nein, das nicht. Überall, wo die Blumen liegen, unter der Erde sind die toten Menschen begraben“
„Da sind Menschen drin?“, fragte Teddy und riss die Augen weit auf.
„Ja, das sind sie. Aber sie sind nicht mehr am Leben.“, sagte ich und ging in die Knie.
Ich legte eine Hand auf seine kleine Brust.
„Hier, da ist dein Herzschlag. Das bedeutet, dass du am Leben bist. Verstehst du das?“
Teddy verstand es nicht wirklich. Aber er gab sich Mühe.
„Und du?“, fragte er.
„Ich habe auch einen Herzschlag und bin am Leben.“, erklärte ich und führte seine kleine Hand zu einem Fleck oberhalb meiner linken Brust. „Spürst du das?“
„Ja!“, rief Teddy aufgeregt und lachte.
„Siehst du, wir beide sind am Leben.“, fuhr ich fort und hielt ihn an den Armen fest, damit er sich nicht ablenken ließ. „Aber die Menschen dort unter der Erde sind es nicht mehr. Sie waren es einmal. Sie hatten ein schlagendes Herz, haben geatmet, geredet so wie wir. Jetzt tun sie es leider nicht mehr.“
„Warum nicht?“, wollte Teddy wissen.
Ich seufzte und strich ihm eine rote Locke hinters Ohr. Ich wusste nicht wie weit ich noch gehen sollte. Immerhin durfte ich ihn nicht verstören.
„Weil wir alle irgendwann sterben. Es ist wie eine Uhr, die am Anfang unseres Lebens gestellt wird und die abläuft, ohne dass wir es bemerken.“
Ich senkte den Blick auf seine kleinen Hände, die noch so zierlich und unschuldig waren.
„Und... weißt du, es gibt da zwei Menschen, deren Zeit leider viel zu früh abgelaufen war. Ich wollte sie dir gerne einmal zeigen, weil ich denke, du bist ja jetzt schon vier... Und du solltest sie kennen.“
Teddy verstand das alles nicht, aber dass ich so ernst wurde, merkte er sehr wohl. Ich war ganz still und sträubte sich ein wenig, als ich ihn zu den beiden Gräbern brachte. Meine Knie waren ganz weich und ich betete, dass ich alles richtig machen würde.
Wir setzten uns in das Gras und zu den schönen Blumen, die auf ihren Gräbern sprossen. Sie waren mitternachtsblau und pink. Mein Herz wurde mir schwer, als ich ein bisschen Moos vom Stein wischte.
Hier liegen Remus John Lupin und Nymphadora Tonks. Kämpfer und liebende Eltern.“, las ich und schaute dann wieder Teddy an. „Ich lernte Remus kennen, als er mein Lehrer wurde. Einer der besten, die ich je gehabt hatte. Er war... klug und rücksichtsvoll, aber auch bestimmt, wenn es um seine Schüler ging. Er wollte aus jedem das Beste heraus holen und das tat er auch.“
Ich lächelte und strich traurig über seine Inschrift.
„Er hat mich viel gelehrt. Nicht zuletzt über das Leben und das Schicksal, das er immer mit sich rumgetragen hat.“
„Was denn für eins?“, fragte Teddy leise und hörte mir zu, als würde ich ihm erneut eine Geschichte vorlesen.
„Das erzähle ich dir, wenn du älter bist und es besser verstehst.“, sagte ich und strich ihm liebevoll über das Haar.
„Ich verstehe viel! Ich bin jetzt groß!“, erwiderte er sofort.
„Das bist du.“, stimmte ich zu. „Doch eines Tages wirst du noch größer sein und noch klüger. Ich verspreche dir, ich erzähle es dir bald.“
Das stimmte Teddy ein bisschen versöhnlicher und ich wandte mich dem zweiten Stein zu.
„Nymphadora, die ihr Leben lang lieber Tonks genannt werden wollte, war ganz anders.“, sagte ich und lächelte. „Sie war aufgeweckt, quirlig und gut gelaunt. So wie du. Sie hatte tausende Ideen, war rebellisch und scheute sich dennoch nicht davor im richtigen Moment sanft zu sein. Sie war mir eine meiner liebsten Freundinnen.“
Ich schniefte leicht und versuchte mich zusammen zu reißen. Teddy runzelte die Stirn und legte den Kopf schief.
„Ich mag die Geschichte nicht.“
„Ich auch nicht.“, erwiderte ich ehrlich. „Eine Geschichte wie diese, mit zwei wunderbaren Menschen und einer Liebe wie ihrer hätte es verdient gehabt ewig anzudauern. Sie hätte in Happy End verdient gehabt. Doch leider besitzt das Leben manchmal einen grausamen Sinn für Humor. Sie sind gestorben. Hier, mit so vielen anderen. Sie haben heldenhaft gekämpft, aber ihre Zeit war abgelaufen.“
Andromeda trat tränenüberströmt zu uns dazu. Teddy schaute auf und verzog das Gesicht.
„Oma! Nicht weinen!“, sagte er bestürzt.
„Es geht schon, mein Kleiner.“, sagte sie und ließ sich zu uns in Gras nieder.
Mit schmerzlichem Blick schaute sie auf ihre Tochter und ihren Schwiegersohn.
„Ich habe etwas mitgebracht. Es hat lange gedauert, aber ich habe es gefunden.“, sagte sie mit schwacher Stimme und zog ein abgegriffenes altes Foto aus ihrem Umhang.
Ich nahm es und Teddy lehnte sich gegen mich, um das Motiv zu erkennen. Es war der schlimmste Moment dieses Tages. Mein Magen stürzte in die Tiefe, ich wollte schreien, das Grab unter mir aufreißen und mich zu ihnen legen. Aber für Teddy musste ich mich zusammenreißen.
Ich zog ihn in meine Arme, sodass wir beide auf das Bild schauen konnten. Es zeigte Lupin und Tonks, eng beieinander. Erschöpft, aber glücklich. Sie sahen sich an und dann auf das kleine Wesen in ihren Armen. Teddy war bei der Aufnahme vielleicht einen Tag alt gewesen. Er war noch ganz zierlich und ruhig gewesen. Die Haare braun wie die seines Vaters.
Teddy betrachtete das Bild eingängig und lachte plötzlich schallend, als er die pinken Haare seiner Mutter erkannte. Und dann riss er den Mund weit auf, als sich ihre Haare verfärbten und leicht lila wurden.
„Ja“, sagte ich und blickte ihn an. „Sie konnte das auch, was du kannst. Du hast es von ihr. Deiner Mama.“
Teddy schaute mich an und dann wieder die ihm unbekannte Frau auf dem Bild. Und ganz langsam schien er zu begreifen. Seine Haare veränderten die Farbe und wurden pink. Es brach mir das Herz und Andromeda schluchzte hemmungslos in ihr Taschentuch. Aber Teddy beachtete uns beide gar nicht.
Er betrachtete das Bild, als hätte er nie etwas Faszinierenderes gesehen, während ich ihm durch das sich wandelnde Haar strich und versuchte meine Tränen zurück zu halten.
Zehn Jahre später gestand mir Teddy unter Tränen, dass dieser Moment die erste Erinnerung seines Lebens war, an die er sich erinnern konnte. Und, dass sie sowohl die schönste, als auch eine der schmerzlichsten war.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast