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Mein fremdes Ich

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P6 / Gen
08.10.2020
08.10.2020
1
1.786
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08.10.2020 1.786
 
Vorgabe Kalenderwoche 41/2020
Prompt: Durch einen Zauber/Unfall/... spaltet dein Charakter sich in zwei Personen auf: eine behält nur das Gute in sich, die andere nur das Böse.
Aufgabe: Die beiden "Personen" sollen sich im Verhalten deutlich unterschieden, allerdings völlig identisch aussehen. Am Ende sollte ein Weg gefunden werden, die beiden wieder zur ursprünglichen Person zu vereinen.
(inspiriert von einer Folge "Supernatural")


Projekt Wochen-Challenge
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Bericht Tag 1

Sie trug eine schwarze Jeans und ein einfaches T-Shirt in derselben Farbe. Ihr Gesichtsausdruck war hart und abweisend. Sie stellte sich mir als Serena vor, aber auch erst, nachdem ich sie ein paar Mal drauf ansprach.
Ihre Reaktion auf meine Fragen war zynisch, aggressiv und ironisch oder sie schwieg. Fazit des Tages kann nicht genau gezogen werden, da Serena meist eine Abwehrhaltung einnahm oder absolutes Desinteresse bekundete, indem sie mit ihren langen, braunen Haaren spielte.

Bericht Tag 2

Auch heute hat Serena keine weiteren Fragen beantwortet. Dafür stellte sie mir eine und wollte wissen, wieso ich sie belästigen würde, denn es bringe so oder so nichts. Sie schwieg heute noch mehr als am vorangegangen Tag.
Auch heute trug sie wieder ausschließlich schwarze Kleidung.

Bericht Tag 3

Mein heutiges Gespräch führte ich mit Tanya. Sie behielt stets eine offene Körperhaltung bei und hatte sich eine Flechtfrisur gemacht. Statt Schwarz trug sie leuchtende Farben. Ich erhielt auf jede Frage eine ausführliche Antwort und sie bekundete Interesse an meiner Person.
Tanya hat ein lebensfrohes Gemüt und lacht gerne und viel. Sie erzählte mir, was sie gerne mag und wollte mit mir über den Klatsch der Promiwelt reden. Ich gewährte ihr den Wunsch.

Bericht Tag 4

Tanya erschien erneut in meinem Büro. Kleidung wie am Vortag bunt und die braunen Haare waren aufwendig hochgesteckt. Die blauen Augen musterten mich neugierig und wir sprachen über meine Kleidungswahl. Sie ist nach wie vor sehr aufgeschlossen und weicht nur wenigen Fragen aus.
Tanya scheint schneller Vertrauen aufzubauen als Serena.

Bericht Tag 5

Das letzte Gespräch diese Woche fand wieder mit Serena statt. Die blauen Augen spiegelten reines Misstrauen wieder und die Körperhaltung ist nach wie vor komplette Abwehr. Die meisten Fragen wurden mit zynischem, schwarzem und trocknem Humor beantwortet. Dazu gesellte sich eine aggressive Herablassung und die Bekundung, dass sie nicht mit mir zusammenarbeiten wolle.
Kleidung nach wie vor Schwarz, die braunen Haare unordentlich mit einem Zopfgummi zusammengebunden.

Fazit der 1. Woche

Arbeit mit Serena muss empathischer und sensitiver behandelt werden.
Tanya vorsichtig in tiefgründigere Gespräche verwickeln.

Bericht Tag 15

Tanya beginnt in meinem Büro umherzulaufen und sich die Bücher anzusehen. Sie erzählte mir, welche Bücher sie früher gerne gelesen hatte und welche sie nicht mehr lesen konnte. Außerdem kam die Frage auf, ob sie diesem Hobby bei mir nachgehen dürfte. Ich gewährte ihr diesen Wunsch. Tanya wirkt in meiner Gegenwart Zusehens entspannter.

Bericht Tag 22

Serena kauerte sich auf dem Sofa immer mehr in einer Ecke zusammen. Auf Nachfrage, warum sie dies täte, murmelte sie nur, dass sie mich nicht verstehe. Auf weitere Fragen antwortete sie gar nicht. Ich schwieg die restliche Zeit, las in einem Roman und beobachtete sie nur geringfügig. Auffallend war, dass ihr immer wieder die Augen zufielen, als würde sie nicht vernünftig schlafen. Das Trauma muss ihr ziemlich zusetzen.

Bericht Tag 39

Serena war genauso abweisend wie immer, doch als ich ihr wortlos eine Decke und ein Kissen reichte, reagierte sie mit Überraschung. Zaghaft nahm sie die Gegenstände an und schlief sehr zügig auf dem Sofa ein. Keinerlei Anzeichen für Albträume vorhanden.
Es liegt die Vermutung nahe, dass sie die Nächte aufgrund von Unsicherheit, Angst und Misstrauen nicht schläft. Zumindest scheint sie, mir gegenüber eine geringere Antipathie zu empfinden.

Bericht Tag 45

Tanya liest einen Fantasieroman und versinkt regelrecht in dieser Welt. Während sie las, breitete sich immer mehr ein zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen aus. Auf die Frage, warum sie lächle, antwortete die Brünette mit den Worten, dass sie sich den beschriebenen Ort gut vorstellen könne und er so friedlich sei. Tanya erwähnte in einem gemurmelten Nebensatz, dass sie so einen Ort auch gerne gehabt hätte. Daraufhin verzogen sich ihre Gesichtszüge für eine Sekunde zu einer verängstigten Miene, bevor sie wieder lächelte.

Bericht Tag 69

Tanya beginnt manchmal von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Auslöser war ein Anruf meiner Frau, welche fragte, ob ich pünktlich zum Essen zuhause sei. Die Blauäugige erzählte mir daraufhin, dass ihre Mutter auch immer wegen des Essens anrief und was sie gekocht hatte. Außerdem berichtete Tanya von einem Hund und dem alten Paar von nebenan. Es sind glückliche Erinnerungen, denn das Mädchen hatte sich dabei sichtlich entspannt.

Fazit nach der 16. Woche

Tanya beginnt mit der Verarbeitung früherer Erlebnisse. Beginn der tiefgründigeren Fragen
Serena beginnt, Vertrauen durch stille Duldung und Fürsorge aufzubauen. Beginn mit einfachen, oberflächlichen Fragen.

Bericht Tag 135

Serena zieht nur noch die Beine an, sitzt aber ansonsten recht entspannt auf dem Sofa. Auf Fragen, wie zum Beispiel, welche Musik sie möge, warum sie ausschließlich schwarz trug und was ihre Hobbies seien, erhalte ich langsam Antworten.
Nach wie vor ist eine abwägende Mimik zu erkennen, ob sie die Informationen Preis geben sollte oder nicht.
Zynismus und Ironie gleichbleibend hoch, schwarzer, trockener Humor ebenfalls. Aggressivität etwas gesunken.

Bericht Tag 141

Serena reagierte auf die Frage, wie es ihr heute ginge, mit der bitteren Antwort: „Natürlich blendend, wenn man von der Isolation und der Vergangenheit absieht.“
Weitere Nachfragen wurden jedoch wieder vehement mit Schweigen oder Aggressivität abgewehrt. Jedoch zog sich Serena nicht in ihre Abwehrhaltung zurück, sondern lief nervös im Zimmer umher, die Arme fest vor der Brust verschränkt.

Bericht Tag 176

Tanya hat mich um die Erlaubnis gebeten, ein Tagebuch zu führen. Ich versprach ihr, dies abzuklären und stellte die Frage, warum sie eines führen möchte. Sie berichtete mir, dass sie ihre wirren Gedanken niederschreiben müsste. Ich wagte den Versuch und fragte sie, ob sie eine Serena kenne. Die Braunhaarige schien, antworten zu wollen, kam jedoch nicht mehr dazu, weil Serena dies verhinderte, indem sie Tanya in den Hintergrund drängte.
Verhalten war aggressiv und verhöhnend. In der gesamten Zeit lief der Persönlichkeitswechsel das erste Mal vor meinen Augen ab.
Sehe Annahme, dass Serena mit ihrem bösartigen Verhalten die Beschützerin ist, bestätigt.

Bericht Tag 200

Tanya traut sich kaum noch etwas zu sagen, schreibt dafür aber alles in das Tagebuch. Die Erlaubnis wurde erteilt, solange sie unter Aufsicht schreibt. Haben uns darauf geeinigt, dass sie ihre Gedanken niederschreibt und ich meine Therapieberichte. Serena hat sich seit diesem Tag nicht mehr blicken lassen.
Verhalten Tanyas lässt darauf schließen, dass die lebensfrohe, gutmütige und die aggressive, bösartige Persönlichkeit voneinander wissen.

Bericht Tag 227

Serena saß mir endlich wieder gegenüber. Zu meiner großen Verwunderung erhielt ich für das letzte Mal eine Entschuldigung und sie bestätigte mir, dass sie und Tanya sich kennen und auch voneinander wissen. Überraschenderweise stellte Serena mir heute viele Fragen über meine Familie und meine Kindheit. Ich gab ihr auf jede Frage eine Antwort, jedoch verwirrte mich eine Frage besonders. „Fühlten Sie sich schon einmal fremd in ihrem eigenen Körper?“
Nachdem ich uns beiden einen Tee zubereitet hatte, unterhielten Serena und ich uns noch lange über ihre Frage.
Therapiestunde verlief ausnehmend gut und ich erhielt auf viele meiner Fragen Antworten.

Fazit nach der 45. Woche

Tanya und Serena erzählen von fast allen Erlebnissen und stellen Gegenfragen. Vertrauen ist von allen Seiten hervorragend gewachsen.
Aggressive, ironische und zynische Haltungen vollkommen verschwunden.
Starte den Versuch, mit der eigentlichen Person hinter Tanya und Serena zu sprechen.

~


Der Psychologe klappte sein Berichtheft zu, während er auf seine Patientin wartete. Heute wäre wieder ein kritischer Tag und er konnte nicht korrekt einschätzen, wie die Frau mit den drei Persönlichkeiten auf das heutige Gespräch reagieren würde. Sie hatten zwar ein recht enges Verhältnis aufgebaut, aber das hieß noch lange nicht, dass Serena oder auch Tanya ihn zu der Dritten durchlassen würden.

Nachdem er den Tee aufgesetzt hatte, was zu einem kleinen Ritual zwischen ihnen wurde, klopfte es auch schon an der Tür zu seinem Behandlungszimmer. Auf sein: „Herein“, trat die junge Frau durch die Tür, welche der Doktor nun seit fast einem Jahr in Behandlung hatte und die in der Psychiatrie lebte, wo er arbeitete.
Sie unterhielten sich zuerst über Belangloses. Was es so Neues gab, wie es in den Kursen lief und wie das heutige Essen war. Tanya und Serena hatten es sich angewöhnt, sich in den Therapiestunden öfter mal abzuwechseln, um beide mit dem Psychologen zu sprechen. Auch der Kleidungsstil hatte sich seitdem verändert. Die Patientin trug immer häufiger eine Mischung aus bunt und schwarz und die brünetten Haare hatte sie meist in einem einfachen Zopf zusammengefasst.

Der Mann stellte seine Teetasse auf dem Untersetzer ab und stützte sich dann mit den Unterarmen auf seinen Knien ab und sah seine Patienten direkt an, bevor er sprach: „Serena, du hattest mich doch mal gefragt, ob ich mich jemals fremd in meinem eigenen Körper gefühlt habe. Kannst du dich daran erinnern?“ Die blauäugige Brünette vor ihm nickte, also sprach er weiter: „Ja, ich kenne das Gefühl ein ganz kleines bisschen. Nach jedem Albtraum, den ich in meiner Kindheit hatte, hatte ich mich kurzzeitig wie im falschen Körper gefühlt. Es reicht nicht im Geringsten an das heran, wie es euch gehen muss und ich würde auch niemals behaupten, dass ich es verstehen könnte. Aber ich wollte dir zumindest auf deine Frage antworten, über die ich wirklich lange nachgedacht habe.“

Auf dem Gesicht der Frau vor ihm bildete sich das erste wirklich aufrichtige Lächeln, welches er seit Beginn der Therapie bei der Persönlichkeit Serena gesehen hatte. Sie sah auf ihre Teetasse hinab und sagte nichts dazu, weil sie wohl nicht wusste was. Doch das brauchte sie auch gar nicht, denn der Psychologe sprach weiter: „Aber ich würde es gerne erfahren und ich würde auch gerne die dritte Dame von euch kennenlernen. Würdet ihr beiden, du und Tanya, mir gestatten, mit Sonja zu sprechen und auch über das, was während des Menschenhandels mit euch geschehen ist?“

Es war gewagt, diesen Schritt mit diesen Worten zu gehen, jedoch konnte er deutlich beobachten, wie Tanya und Serena wohl miteinander sprachen und dieses Thema ausgiebig diskutierten. In seinen Augen war das schon ein gewaltiger Fortschritt, denn er wurde nicht direkt abgewiesen. Nach ein paar Minuten erhielt er von der Frau vor sich ein Nicken. Der Psychologe nahm wieder eine aufrechte Haltung ein und wartete und dann trat zum ersten Mal, seit fast einem Jahr, die eigentliche Patientin ans Tageslicht. Der Schneidersitz wurde aufgelöst und die Füße akkurat nebeneinander auf den Fußboden gestellt. Der Rücken drückte sich durch, die Schulter zog sie leicht nach hinten und ihre gesamte Körperhaltung wurde aufrecht und elegant.

„Hallo Sonja. Schön, dich kennenzulernen.“
„Hallo Dr. Mann. Es freut mich ebenfalls, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
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