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Im Rausch der Nacht

KurzgeschichteLiebesgeschichte / P16 Slash
Paul Lindbergh
08.10.2020
08.10.2020
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Herzklopfen. Dieses Gefühl war ihm mehr als nur gut bekannt. Er wusste genau, wie es sich anfühlte, wenn der Puls sich plötzlich beschleunigte und das Hämmern in der Brust immer schneller wurde, um sich dem Rhythmus des Körpers anzupassen, der gerade auf Hochtouren lief. Kannte diesen Kick, den man hatte, wenn man sich voll und ganz darauf einließ, wenn man während eines Langstreckenlaufes jeden einzelnen Kilometer zählte und das überschießende Adrenalin einen dazu antrieb, immer weiterzurennen, keine einzige Millisekunde an Zeit zu verlieren und so schnell man konnte die Ziellinie zu passieren, die einem so vorkam wie der berühmte Silberstreif am Horizont.
Oft genug hatte er als Leistungssportler diesen Moment schon erlebt, kannte mehr als nur gut diesen Kick, den man dabei hatte, sowie vor allen Dingen das pochende Herz, das wie wild in der eigenen Brust rotierte, um den Körper weiter anzutreiben, ihn zum strahlenden Sieger eines Marathons zu machen – oder aber auch mit schnellstmöglicher Geschwindigkeit auf dem Rad davonzubrausen.
Gefühlte tausend Male hatte er das schon erlebt, hatte sich immer und immer wieder auf den gleichen Kick eingelassen und ihn bis zur allerletzten Sekunde in jeder Faser seines Körpers gespürt. Gefühlte tausend Male hatte er den Sieg bei Wettläufen eingeheimst, bei anderen Disziplinen gewonnen – und dabei stets eine tiefe, erfüllende Befriedigung empfunden, die viel schöner und intensiver war als man es mit Worten je zu beschreiben vermochte. Die einem alles gab, was man brauchte und mit nichts auf der Welt vergleichbar war.
Der Sport war sein Leben. Seine allergrößte Leidenschaft, für die er mit Leib und Seele brannte. Und das pochende Herz in der Brust sein wohl engster Vertrauter, an den er sich in all den Jahren bestens gewöhnt hatte.
Dass es jedoch noch eine andere Art von Herzklopfen gab, eine noch heftigere und vor allem aufregendere, das hatte er bis vor kurzem gar nicht für möglich gehalten. Er hatte nicht gedacht, dass der Sport nicht die einzige Sache in seinem Leben war, die seinen Puls auf Höchstlevel und seine Atmung aus dem Takt bringen konnte. Hatte es nie für möglich gehalten, dass dieses andere Herzklopfen ihn so fesseln, so in seinen Bann ziehen und willenlos machen würde. Und vor allem nicht, dass ausgerechnet SO ein Grund dahintersteckte.
Bis vor etwa einem Monat war sein Leben noch völlig in Ordnung gewesen, hatte er nicht im Traum damit gerechnet, dass ein einziger Abend seine Welt dermaßen auf den Kopf stellen und ihn komplett aus dem Gleichgewicht werfen würde. Da hatte er nicht gedacht, dass er es je tun würde, dass er je eine Grenze überschreiten würde, die sein klarer und nüchterner Verstand für vollkommen undenkbar gehalten hatte. Und schon gar nicht, dass er so sehr seinen Gefallen daran finden würde, dass dieser anfängliche Ausrutscher zwischen ihnen sich zu so etwas Langem, zu etwas Tiefem und vor allem auch Wichtigem für ihn entwickeln würde.
Und hätte man ihm das vor ein paar Wochen gesagt, dann hätte er vermutlich nur aus vollem Halse gelacht, hätte sich darüber lustig gemacht und es als kompletten Quatsch abgetan, der nicht einmal in einer Million Jahren passieren würde.
Aber es war passiert. Es war wirklich zwischen ihnen passiert. In dieser einen, sternenklaren Nacht vor knapp einem Monat, die nicht nur sein Leben, sondern auch seine komplette Gefühlswelt auf den Kopf gestellt und für immer verändert hatte. Die Nacht, in der ein einziger, flüchtiger Moment ihn hatte schwach werden und die Kontrolle verlieren lassen. In der es geschehen war, zum ersten Mal und ganz hautnah, ohne jegliche Fragen, Zweifel und Erklärungen.
Und seitdem geschah es immer wieder. Seitdem war aus diesem anfänglich als One Night Stand eingestuften Abenteuer eine Art Ritual geworden, ein stillschweigendes Abkommen zwischen ihnen beiden, das ihn jedes Mal aufs Neue wieder hierher führte, zu einer der Romantik-Hütten des „Fürstenhof“-Hotels, um es noch einmal zu tun und sich das zu holen, was er haben wollte.
Noch bis vor kurzem hatte er es für ausgeschlossen gehalten, hatte nie und nimmer damit gerechnet, dass es so kommen und er sich jedes Wochenende auf den Weg hierher machen würde, um für ein paar Stunden in der Nacht die Welt zu vergessen, sie einfach anzuhalten als wäre sie gar nicht da – und es wieder und wieder passieren zu lassen. Mit ihm. Ausgerechnet mit ihm.
Mein Gott, wie oft hatten sie zusammen drüben im „Bräustüberl“ gesessen und sich über ihr Singledasein ausgelassen, das einfach kein Ende finden wollte? Wie oft hatten sie sich über die Vorzüge ihrer Freiheit unterhalten und sich gegenseitig damit aufgezogen, dass sie auch nicht jünger wurden? Wie oft hatten sie sich über die Frauenwelt beschwert, die es ihnen viel zu kompliziert machte und mehr von ihnen verlangte als sie bereit waren zu geben? Und wie oft hatten sie einander ihren Frust über die fehlende Leidenschaft geklagt?
Dabei war das alles doch nicht ganz so ernst gemeint gewesen. Er hatte doch gar nicht so offen zugeben wollen, dass gewisse Stunden ihm einfach fehlten und er sie vermisste. Auch wenn das manchmal vielleicht der Wahrheit entsprach, aber so extrem war seine Sehnsucht danach nun auch nicht. Und schon gar nicht war sie ein Grund dafür gewesen, seinen Verstand dermaßen zu vergessen und sich zu etwas hinreißen zu lassen, das er sich im Nachhinein selbst nicht mehr hatte erklären können. Das sie beide sich nicht hatten erklären können.
Schließlich hatten alle zwei bislang nur Beziehungen mit Frauen gehabt, hatten nicht einmal im Traum einen Gedanken daran verschwendet, ein Auge auf das andere Geschlecht zu werfen, geschweige denn, sich ernsthaft vorzustellen und auszumalen, wie das wohl sein konnte. Alle beide waren sie sich absolut sicher gewesen, dass da nie etwas laufen würde, dass ihre Aufmerksamkeit einzig und allein der Frauenwelt galt – und sie in keiner Art und Weise beabsichtigen, daran etwas zu verändern.
Und dann war dieser Abend gekommen. Dieser eine, anfangs noch ziemlich entspannte Abend bei ihm im Wohnzimmer, im Zuge dessen sie sich wieder einmal vergnügt über Gott und die Welt ausgelassen, sowie auf ihre inzwischen mehrjährige Freundschaft angestoßen hatten, im Laufe derer ihnen so manches Ding widerfahren war, das einen vom Hocker hauen konnte.
Dachte man da doch bloß einmal an seinen Unfall vor ein paar Jahren, der es ihm für einen längeren Zeitraum unmöglich gemacht hatte, seiner Leidenschaft nachzugehen und weiter Sport zu machen. Oder aber auch seine ganzen, meist nur flüchtigen Weibergeschichten, die ihn mehr als nur einmal auf ein Bier zu seinem besten Freund geführt und er ihm dann sein Herz ausgeschüttet hatte.
Zugegeben, das machte er nur überaus selten, wenn er wirklich gar keinen anderen Ausweg mehr sah – denn seiner Ansicht nach schickte es sich für typische Mannsbilder nicht, gefühlsduselig zu sein und über Herzschmerz und anderes Tralala zu philosophieren.
Für ihn waren solche Sensibilitäten immer Frauen vorbehalten gewesen – oder allenfalls noch Schwulen, wie beispielsweise seinem ehemaligen Mitbewohner Boris und dessen Mann. Aber ein sportlicher Durchschnittstyp wie er hatte doch weiß Gott Besseres mit seiner Zeit anzufangen als sich mit einem anderen Kerl über Liebesprobleme, gebrochene Herzen und versäumte Gelegenheiten auszutauschen.
Nun gut... über letzteres konnte man vielleicht noch diskutieren – besonders dann, wenn es darum ging, welche scharfen Bräute man aus diesen und jenen Gründen nicht hatte abschleppen können. Aber über Gefühle und Verliebtsein reden? Nein, das war definitiv nichts für ihn. Das machte er allenfalls mit seiner Beziehungspartnerin – aber doch nicht mit einem Kerl, der noch dazu genauso wenig Lust darauf hatte wie er. Lediglich ab und zu, wenn es gar nicht mehr anders ging, dann ließ er sich bei ihm darüber aus. Und ansonsten behielt er solche Dinge immer schön für sich. Schließlich war das seit jeher sein Grundsatz gewesen. Und Grundsätze brach man nicht eben mal so.
Zumindest hatte er das bis zu jenem Abend, der alles verändert hatte, felsenfest geglaubt. Und im Nachhinein wusste er selber nicht mehr so genau, wer letztendlich die Schuld daran hatte, was der Grund dafür gewesen war, dass nicht nur er, sondern sich beide all ihre Prinzipien und persönlichen Konventionen komplett vergessen und sich darauf eingelassen hatten. Er konnte nicht mehr sagen, ob es am Frust gelegen hatte, schon zu lange niemanden mehr klargemacht zu haben, an dem Vertrauen und der Sicherheit ihrer mehrjährigen Freundschaft – oder doch an der Tatsache, dass da irgendetwas im Raum gelegen war, das sie beide nicht hatten erklären oder definieren können.
Sicher war für ihn nur eins: Der Alkohol konnte definitiv nichts dafür. Denn zum einen hatten sie ohnehin nur eine Flasche zusammen gekippt. Und zum anderen, selbst wenn es mehr gewesen wäre: Noch nicht einmal sturzbetrunken hätte er so die Kontrolle über sich verlieren können, um so etwas zu tun, um ausgerechnet mit IHM im Bett zu landen und nicht mehr zu wissen, was er da eigentlich machte. So besoffen hätte er nie und nimmer sein können, um sich diese Nacht zwischen ihnen damit zu erklären und es ganz einfach darauf zu schieben.
Nein, das wusste der definitiv. Am Alkohol war es mit hundertprozentiger Sicherheit nicht gelegen. Denn als es passiert war, da war er bei völlig klarem Verstand gewesen, hatte ganz genau gewusst, was er tat und wohin es führte. Und auch vom berühmten Schönsaufen konnte da absolut keine Rede sein. Denn schönsaufen hatte er ihn sich keinen einzigen Moment lang müssen. Oh nein, das war er auch so gewesen, in völlig nüchternem Zustand betrachtet. Ziemlich schön sogar.
Auch wenn er es nur ungern zugab, aber: Der Bursche hatte schon was. Nicht umsonst war er seit inzwischen mehreren Jahren sein bester und engster Freund, der nahezu jedes noch so pikante Geheimnis von ihm kannte und darüber Bescheid wusste. Nicht umsonst war er der erste, bei dem er Rat suchte, wenn er ihn brauchte – und bei dem er sich auch nicht davor scheute, ab und zu seine weiche, verletzliche Seite an den Tag zu legen.
Vielleicht war es deswegen so leicht für ihn gewesen, ihn um den Finger zu wickeln. Vielleicht war gerade das der Grund dafür, dass diese eine, unerwartete Nacht zwischen ihnen so umwerfend gewesen war, dass er sich trotz allem so hatte fallen lassen und sich ihm hingeben können. Trotzdessen, dass sie beide es zu dem Zeitpunkt noch für einen peinlichen Ausrutscher gehalten hatten, der absolut keine Bedeutung besaß und den sie so schnell wie möglich wieder aus ihrer Erinnerung löschen wollten als wäre er überhaupt nicht passiert.
Ach Gott, wie erschrocken war er gewesen, als er am nächsten Morgen neben ihm aufgewacht war. Wie tief hatte ihn die Tatsache geschockt, dass sie es getan hatten, dass etwas zwischen ihnen gelaufen war, was sie für völlig unvorstellbar gehalten hatten. Und wie abgrundtief hatte er sich selbst dafür verabscheut, hatte er den Gedanken daran verabscheut, mit ihm geschlafen und damit ein gedankliches Tabu gebrochen zu haben.
Noch mehr als genau erinnerte er sich daran, wie schmutzig er sich vorgekommen war, wie sehr er das kalte Grausen gekriegt und sich geekelt hatte – noch dazu, als er vollumfänglich registriert hatte, was das bedeutete, sowie vor allem, was sie alles miteinander angestellt und geteilt hatten. Nicht nur, dass er ihn dort angefasst hatte wo er nie einen anderen Mann hat anfassen wollen – oh nein, da war noch viel, viel mehr gelaufen als nur das. Und für einen kurzen Augenblick hatte er es auch für einen Traum gehalten, für einen schlechten Witz seines Unterbewusstseins, der aus Schlafmangel und Überarbeitung resultierte.
Dieser Gedanke hatte sich jedoch jäh zerschlagen, als er nach ihm gegriffen und ihn berührt hatte, ohne den geringsten Zweifel gespürt hatte, dass das echt und real war. Kein Traum. Keine Halluzination. Und auch keine bloße Produktion seiner übersteigerten Fantasie. Nein. Es war Wirklichkeit gewesen. Erbarmungslose, eiskalte Wirklichkeit. Er hatte Sex mit ihm gehabt. Mit seinem besten Freund.
Oh Himmel, war ihm in dem Moment schlecht gewesen! Ihm war so dermaßen schlecht gewesen, dass er schon gedacht hatte, seine sämtlichen Eingeweide würden ihm jeden Augenblick hochkommen. Und ganz besonders, als er neben sich die benutzten Kondome gefunden hatte, die sie nach ihrem Schäferstündchen wohl achtlos aus dem Bett geworfen haben mussten, wurde ihm endgültig klar, dass er sich das nicht einbildete, dass er mit dem Braunhaarigen wirklich intim gewesen war und ihn geritten hatte.
Oder... hatte er sich reiten lassen? Oder möglicherweise sogar beides? Mit Sicherheit konnte er es nicht mehr sagen. Aber Fakt war auf jeden Fall: Sie hatten es getan. Sie hatten miteinander geschlafen. Und sich dabei nicht nur berührt, sondern auch ganz andere Dinge gemacht, die er am besten gar nicht wissen wollte.
Leider wusste er sie trotzdem, weil kurz darauf sämtliche Erinnerungen über ihn hereinbrachen und er bis ins kleinste Detail noch einmal vor Augen geführt bekam, welche Dinge zwischen ihnen gelaufen und passiert waren. Und die Tatsache, dass er ihm einen geblasen hatte, war da noch relativ harmlos, ja, fast schon unschuldig.
Denn nicht nur, dass sie sich beide gegenseitig genommen hatten – oh nein. Auch das Stachelhalsband, das der Braunhaarige noch immer um seinen Hals trug, sowie auch die Handschuhe über seinen Händen verrieten ohne jeden Zweifel, dass da noch etwas ganz anderes passiert war, dass sie beide eine Praktik ausgeübt hatten, an die er bis zu dieser Nacht nicht einen einzigen Gedanken verschwendet hatte. Und schon zweimal nicht gedacht hatte, dass er je seinen Gefallen daran finden und entdecken würde, wie aufregend dieses Spiel von Dominanz und Unterwerfung sein konnte.
Aber der Andere hatte ihn da definitiv eines besseren belehrt. Er hatte ihn eingeführt in diese ihm bis dato unbekannte Welt, hatte nicht nur seine heimliche Vorliebe mit ihm geteilt, sondern ihm auch zeitgleich ungeahnte Möglichkeiten und Dimensionen eröffnet.
Und so befremdlich der Gedanke an BDSM für ihn beim ersten Mal auch noch gewesen, so eigenartig und unpassend ihm dieses Stachelhalsband und all die anderen Gegenstände, die im Raum verstreut herumgelegen hatten auch erschienen war – mindestens genauso sehr hatte sich heute, knappe vier Wochen später seine Sichtweise darauf grundlegend geändert.
Inzwischen fand er es nicht mehr seltsam, mit Handschellen und Fesseln zu experimentieren, sie zu tragen oder sich damit festketten zu lassen. Es war nicht mehr eigenartig und ungewohnt für ihn, mit Lederhandschuhen angefasst und liebkost zu werden. Und auch die sanften, aber dennoch dominanten Klapser, die er ihm dabei mit Peitschen und Gürteln verpasste, fühlten sich nicht mehr falsch oder gar schmerzhaft an. Nein.
Inzwischen hatte er sich an all das gewöhnt und sich damit arrangiert. Viel mehr noch: Er hatte Gefallen daran gefunden. Echten und aufrichtigen Gefallen daran, in der unterwürfigen Rolle zu sein, sich von ihm anketten oder auf zärtliche, aber trotzdem bestimmte Art knebeln zu lassen und den Wehrlosen, Passiven zu geben. Und hätte er nicht offen eingeräumt, dass seine dominanten, strengen, aber nichtsdestotrotz immer einfühlsamen und niemals groben Hiebe mit Peitsche oder Gürtel ihm nicht unsagbar tiefe Lust bereiteten, dann hätte er ohne Zweifel gelogen.
Ja, verdammt. Ja, er stand darauf, von ihm unterworfen zu werden und sich seinem Willen hinzugeben. Er stand darauf, Befehle zu erhalten und sie mit Respekt und ohne Widerstand auszuführen. Es machte ihn an, schmutzige Wörter und Betitelungen um die Ohren gehauen zu bekommen und von ihm benutzt zu werden. Ja, meine Güte. Ja, er liebte es.
Ganz gleich, wie gewöhnungsbedürftig und fremd ihm das alles am Anfang noch vorgekommen war, wie verwirrt und durcheinander er sich gefühlt und nicht gewusst hatte, was er tun sollte – inzwischen gehörte all das der Vergangenheit an und zählte nicht mehr. Inzwischen hatten sie beide ein festes Abkommen, ein aufregendes, verbotenes Geheimnis, das sie jedes Wochenende hier in einer der Romantik-Hütten miteinander teilten. Inzwischen war das alles nicht mehr nur Neugier, war es nicht mehr die Lust auf was Neues oder das Interesse am Herumprobieren. Nein.
Inzwischen war etwas Richtiges daraus geworden, ein ernsthaftes, gegenseitiges Verlangen nacheinander, das sie jedes Mal und immer wieder zueinander hinzog.
Und hätte er nicht ganz offen zugegeben, dass dabei auch so etwas wie Gefühle im Spiel waren, dass es mehr war als nur die Befriedigung von Lust und sexuellem Verlangen, dann hätte er nicht nur sich, sondern auch seinem Partner definitiv etwas vorgemacht. Denn auch wenn es niemand wusste, auch wenn keiner ihrer Kollegen und Freunde auch nur im Ansatz ahnte, wie nahe sie sich wirklich waren und immer wieder kamen – sie beide wussten genau, dass es bei ihren Treffen längst nicht mehr nur um das Sexuelle ging.
Auch wenn es stetig unausgesprochen blieb, auch wenn keiner von ihnen beiden es bisher je gewagt hatte, darüber zu reden oder es offen zu sagen – sowohl anhand ihrer Gesten und ihres Umgangs miteinander, als auch durch die stetig romantische Atmosphäre, die er immer nur für ihn herbeizauberte, war längst klar, dass das zwischen ihnen viel mehr Bedeutung hatte als nur eine Sexfreundschaft.
Genau hatte noch keiner von ihnen es je definiert, hatte nicht gewagt, das eigentlich Offensichtliche auf den Tisch zu legen und in den Raum zu stellen, geschweige denn, sich zu seinen Gefühlen zu bekennen – einfach deshalb, weil Männer das nicht machten. Aber dass es da war, dass ein Band zwischen ihnen existierte, das über bloße Neugier und den Wunsch nach Sexualität hinausging, das wussten sie beide auch ohne Worte.
Sie hatten irgendwie eine Beziehung – und irgendwie hatten sie auch keine, ganz besonders nicht in der Öffentlichkeit, geschweige denn, vor ihren Freunden oder ihrer Familie. Weiß Gott, was die dann denken mussten, wenn sie sich plötzlich als Paar vorstellten und ihre bislang verheimlichte Bisexualität offen auslebten. Das war viel zu viel Aufwand, der nur unnötig Stress und Unruhe in ihre klaren, eindeutigen Absprachen und Vereinbarungen brachte. Und das wollte keiner von ihnen beiden sich antun. Genau deshalb sprachen sie auch nie darüber. Auch nicht miteinander, wenn sie ungestört waren. Denn in aller Regel waren die Dinge auch ohne Worte klar.
Ab und zu wünschte er sich zwar heimlich, dass es endlich einmal gesagt wurde, dass man dem Kind einen Namen gab und es damit sprachlich sichtbar machte – aber auf der anderen Seite hatte diese uneindeutige Eindeutigkeit zwischen ihnen auch seinen ganz besonderen Reiz, den er nicht leugnen konnte. Dieser Gedanke an etwas Geheimes, Verbotenes, was keiner außer ihnen wusste war einer der Hauptgründe dafür, dass er so seinen Gefallen an ihren Treffen gefunden hatte und sie immer wieder wollte.
Aber dennoch: Wenn er sich selber fragte, wenn er ganz ehrlich und aufrichtig zu sich war und genau in sich hineinhörte, dann wusste er schon, wie man dieses Gefühl nannte, das er für den braunhaarigen Schreinermeister hegte: Es war Verliebtheit. Ja, es war ohne Zweifel und ganz eindeutig Verliebtheit.
Möglicherweise eine andere, wie er sie bisher gekannt hatte, nicht dieselbe, die er für die Frauen in seinem Leben empfunden und gespürt hatte. Aber Verliebtheit war es trotzdem. Das wusste er spätestens, seit ihre Treffen sich nicht mehr nur auf eine Nacht beschränkten, sondern häufig ein ganzes Wochenende lang dauerten – und sie sich von Freitagnachmittag bis zum Sonntagmorgen völlig ungestört gehören konnten.
Unter der Woche thematisierten sie ihr Verhältnis zueinander fast kaum, galt es irgendwie als ein ungeschriebenes Tabu, sich näher als nötig zu kommen und Dinge zu erwähnen, für die es ohnehin keinerlei Worte bedurfte, geschweige denn, man irgendwie sicherstellen musste, dass der jeweils andere am Wochenende auch wirklich Zeit hatte.
Das war schließlich eine feste Regel, ein ungeschriebenes Gesetz zwischen ihnen, das man weder brechen, noch missachten konnte. Und der junge Fitnesstrainer war sich auch ganz sicher, dass keiner von ihnen beiden das auch nur im Ansatz je tun würde. Dafür war ihr Begehren nacheinander viel zu stark.
Aus genau diesem Grund war er auch an diesem Wochenende wieder hier, um seinem Undercover-Freund, wie er ihn in Gedanken immer nannte, für knapp zwei Tage ungestört nahe zu sein und seine Zeit mit ihm zu verbringen. Und auch wenn der Andere es ihm bereits angedeutet hatte, so war ihm trotzdem von vorneherein klar gewesen, dass dieses Treffen völlig anders sein würde als alle anderen zuvor, dass dieses Mal etwas völlig Neues, Unbekanntes auf ihn wartete, das er so bislang noch nie erlebt hatte.
Und mit dieser Vermutung hatte er der dunkelhaarige Sportler letztendlich auch Recht behalten. Diese Verabredung war anders, war völlig neu und unbekannt, weil dieses Mal nicht sein Freund, sondern er selbst die Zügel hatte in der Hand halten und bestimmen dürfen, was passierte. Dieses Mal war er der Dominante, Aktive – und der Andere nahm die Rolle des Passiven ein, gab ihm die Möglichkeit dazu, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und mit ihm anzustellen, was auch immer er wollte.
Und ihm fielen da schon so einige Dinge ein, an denen er seinen Gefallen fand, die er unbedingt versuchen wollte – und auf diese Weise endlich einmal einfühlsame Rache an seinem Partner nehmen konnte, der für gewöhnlich ihn mit Handschellen und Knebeln wehrlos machte oder ihn mit Peitschen und Riemen auf Touren brachte. Oh ja, er würde garantiert seinen Spaß daran haben. Da war er sich jetzt schon absolut sicher.

Leises Knistern, das vom Kamin her an ihre Ohren getragen wurde, war abgesehen von ihren gleichmäßigen, ruhigen Atemzügen das einzige, das die beruhigende, einlullende Stille um sie herum ein bisschen zerbrach, während sie dicht nebeneinander im Bett lagen und sich nahe blieben, den Nachklang ihres Spiels und der damit verbundenen Hochgefühle bis zum letzten Augenblick auskosteten und sich ihm hingaben.
Der junge Sportler schaute lächelnd Richtung Zimmerdecke und genoss unbeschwert den Moment, ließ sich ganz auf die Nähe seines Freundes ein, der schweigend neben ihm lag und seinen Arm ein bisschen um ihn geschwungen hatte, ihn dadurch eng bei sich hielt, damit er bloß nicht auf die Idee kam, ihm zu entwischen.
Aber das war ehrlich das Allerletzte, woran Paul in diesem Augenblick dachte. Oh nein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie beide gerne für immer hier so liegenbleiben und sich nahe sein können. Denn auch wenn inzwischen schon einiges passiert war, aber: Das heute hatte sich wirklich so unbeschreiblich angefühlt wie niemals irgendetwas zuvor. Und der junge Fitnesstrainer musste auch offen zugeben, dass er durchaus seinen Gefallen daran fand, die Rollen zu tauschen und in der dominanten Position zu sein. Denn das hatte zweifellos seinen Reiz. Sogar einen ganz besonderen, wenn er ehrlich war.
Schmunzelnd und vollkommen zufrieden wandte er den Kopf schließlich ganz leicht zur Seite, suchte nach dem Blick seines Freundes, den dieser sanft erwiderte. „Alles gut?“, fragte er ihn dann ganz leise, während er die Schulter noch ein bisschen dichter gegen seine schob. „Alles“, gab der braunhaarige Sportler ihm unbeschwert zur Antwort und platzierte einen leichten Kuss auf seiner Wange – eine Geste, die er zugegebenermaßen nur äußerst selten anwandte. Aber heute war eben etwas ganz Besonderes. „Absolut alles. Danke, dass ich das erleben durfte“.
Der Andere schmunzelte nur und deutete ihm dann mit einer Geste an, sich dichter an ihn zu kuscheln, suchte dann ein bisschen zögernd nach seiner Hand und umfasste sie, während sie beide sich vollständig von der unbestritten romantischen Atmosphäre einhüllen ließen.
„Alles Gute zum Geburtstag, Paul“, hauchte er ihm ganz leise ins Ohr, ließ währenddessen seine Finger durch das braune Haar seines Freundes gleiten und lächelte. „Ich... ich liebe dich“.
Wenn auch ein wenig schüchtern und fast schon vorsichtig, kamen diese Worte, die Paul sich manchmal so herbeigesehnt hatte, trotzdem über seine Lippen und benannten damit zum allerersten Mal ganz konkret und unverhüllt, was zwischen ihnen war und wie sie zueinander standen. Und so unerwartet und überraschend es auch für ihn kam, so sehr freute er sich über dieses eindeutige Zeichen seines Partners, über diese Geste, die keinen Raum mehr für Missverständnisse ließ und offen benannte, was er ohnehin längst gewusst hatte: Dem Anderen ging es genauso. Für ihn war es auch mehr als Freundschaft, waren echte, ernsthafte Gefühle im Spiel, die ganz deutlich zeigten, dass sie zusammengehörten und sich gefunden hatten. Und das war definitiv das schönste Geburtstagsgeschenk, das er sich überhaupt nur vorstellen konnte.
Zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht sah er seinem Freund noch einmal in die Augen, zog ihn tief in einen berauschenden, heißen Kuss, der sich noch viel intensiver anfühlte als irgendein anderer jemals zuvor. Aber das war wohl ganz einfach seinen überschäumenden Glücksgefühlen geschuldet.
„Ach Joshua“, flüsterte er dann ganz unbeschwert zurück und lächelte dabei wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. „Ich liebe dich auch“.
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