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Der Geist von Yokohama

von Iruka
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Akiko Yosano Doppo Kunikida Osamu Dazai
07.10.2020
31.10.2020
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07.10.2020 1.470
 
Es war ein kühler Vormittag Anfang Dezember, als der fremde Mann im mittleren Alter mit seinem Aktenkoffer zitternd vor dem großen roten Backsteingebäude stand, das zu diesem Zeitpunkt im obersten Stock ein noch recht unbekanntes, aber im Volksmund gut bewertetes Detektivbüro beherbergte.
Der Mann, von Beruf ehrlicher Geschäftsführer eines kleinen Supermarktes um die Ecke, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in die Höhe, noch unsicher, ob dies wirklich die richtige Entscheidung war. Noch könnte er sich einfach in das Café setzen, das ihm im Erdgeschoss so einladend begrüßte. Immer wieder kamen Passanten vorbei, und wenn die Tür sich öffnete strömten verführerische Düfte auf die belebte Straße.
Mit der freien Hand zupfte er seinen Schal zurecht. Nein, sagte er sich selbst und zwang sich zur Ordnung, immerhin hatte die Nachbarschaftsvertretung ihn ausgewählt um das Anliegen vorzubringen. Ihn ganz alleine. So sehr ihn dies auch ehrte, eigentlich hätte er diese Aufgabe nie annehmen wollen- doch vor so vielen Leuten war er viel zu schüchtern gewesen um abzulehnen. Zwar musste man durchaus auch für die Leitung eines Supermarktes Mutig sein, aber dies verlangte nun doch eine ganz andere Art von Mut, die der Mann noch nie so wirklich hatte aufbringen können. Er konnte nicht umhin, sich ein wenig zu freuen als der leicht einsetzende Regen seine Entscheidung beschleunigte.
Er ging nicht in das Café.

„Bitteschön, Kunikida, der neue Auftrag.“, schob Dr. Yosano, die gerade die Post verteilte, ihrem Kollegen einen Umschlag zu.
Kunikida sah seufzend von seinem Laptop auf, „Schon wieder? Das nimmt ja kein Ende.“
Er nahm den Umschlag entgegen und legte ihn ungeöffnet zur Seite.
„Ist doch gut.“, schaltete sich der dritte Kollege im Raum ein: Dazai war gerade damit beschäftigt ein Origamipapier zu falten, „Das bedeutet das die Detektei  gute Arbeit leistet, mehr Aufträge bedeuten besseren Umsatz.“
„Und mehr Arbeit.“, nickte Yosano ihm zu, „Die gemacht werden will, Dazai. Solange Ranpo noch unterwegs ist sind wir eh schon unterbesetzt. Ich werde den Chef heut Nachmittag mal daran erinnern das wir Aushilfen einstellen sollten.“, sie legte die restlichen Briefe auf den bereits schwankenden Ablagestapel, „Wenn ihr mich braucht, ich bin in meinem Büro.“
„Jah“, murmelte Dazai verträumt und stupste seinen nun fertigen Origamikranich um, „Gute Mitarbeiter sind wirklich nicht leicht zu finden.“
Kunikida hob eine Augenbraue und wollte schon darauf reagieren, doch dann entschied er das die Sache es nicht wert war. Es würde ja doch nichts ändern. Und immerhin war Dazai in seinen wenigen produktiven Phasen ganz brauchbar.
Eine Weile blieb es still, nur das Geräusch der anschlagenden Tastatur und des prasselnden Regens, der gegen die Scheiben schlug erfüllten den Raum. Und dann klopfte es an der Tür.
„Schon wieder eine Unterbrechung.“, murmelte Kunikida leise und stand auf, „Das zerstört nun wirklich den Zeitplan. Kann das wohl schon Ranpo sein?“ Er ging zur Tür.
„Nein, Ranpo wird es nicht sein.", meinte Dazai gelangweilt, "Der Chef muss ihn doch abholen, das wird dauern. Da kommt eher noch mehr Arbeit für uns.“, auch er erhob sich ebenfalls und strich seinen Trenchcoat zurecht.
„Arbeit für uns?“, schnaufte Kunikida abfällig und warf seinen Kollegen einen kalten Blick zu, „Du hast gut reden.“ Er öffnete die Tür.

Im vertäfelten Treppenhaus stand ein kleiner, sehr nervöser Mann in besten Sonntagsklamotten.
„Ah- guten Tag, die Herren. Bin ich hier richtig bei dem Detektivbüro der be-bewaffneten Detektive?“, etwas unsicher stotterte dieser nun sein Anliegen vor, „Nun, ich, also, wir hätten da einen Auftrag.“
Kunikida schob sich die Brille auf die Nase, trat einen Schritt zur Seite und wies auf das kleine, noch nicht wirklich häufig (wenn man von kurzen Schläfchen bestimmter Kollegen absah) gebrauchte Gästesofa in der gemütlicheren Ecke des Raumes hin und meinte recht freundlich, „Ganz richtig. Kommen Sie doch rein.“
Während der Mann Platz nahm und Dazai einen Tee für den Besucher aus der kleinen Küche holte, fragte Kunikida sich, ob es für derartige Fälle eigentlich ein Protokoll gab, welches die Prioritäten von Aufträgen regelte. Er konnte sich an keines erinnern, aber den Mann jetzt wieder fortzuschicken erschien ihm äußerst unhöflich. Und so beschloss er sich sein Anliegen erst einmal anzuhören. Er setzte sich dem Gast gegenüber, „Womit können wir Ihnen helfen?“
„Also- eigentlich ist das gar nicht nur mein Auftrag, wissen sie, es ist nämlich ein Gemeinschaftsprojekt, wir haben alle ein wenig von unserem Geld zusammengetan dafür.“, der Mann hob seinen Aktenkoffer und öffnete mit einem Klacken die Schnallen, „Hier.“, er schob den Koffer über den Tisch. Er enthielt eine nicht unbeachtliche Menge an Scheinen, „Als Anzahlung.“
Kunikida würdigte das Geld keines Blickes. Bezahlungen im Voraus kamen vor, waren aber nicht die feine Art. So stand es nicht in seinem Notizbuch.
Er schob den Koffer zurück, „Erzählen sie doch erst mal worum es sich bei dem Auftrag handelt. Um die Zahlungsmodalitäten kümmern wir uns später.“
„Achso, ja. Nun, wie soll ich sagen. Es geht um eine Einbruchsserie, die sich nun schon über mehrere Wochen hinzieht. Zuerst habe ich gedacht es betrifft nur mein Geschäft, aber es scheint im ganzen Viertel so zu sein. Ah- Danke!“, Dazai hatte sich dazugesellt und dem Gast einen Tee gereicht. Neugierig setzte er sich neben seinen Kollegen.
„Um Diebstahl geht es also? Hier in der Nachbarschaft? Davon haben wir noch gar nichts gehört.“, meinte Kunikida nachdenklich und begann sich Notizen zu machen.
„Nun ja, es sind keine großen Diebstähle, es sind immer nur Kleinigkeiten. Das Diebesgut ist nicht der Rede wert, da waren wir uns alle einig. Es sind ja fast Geschäfte betroffen- wir sind gut vernetzt, müssen sie wissen, da habe ich das Thema angesprochen, letzte Woche. Und da wurde beschlossen, das wir uns an sie wenden. Wir haben bisher nur Gutes über ihre Firma gehört.“
Dazai lächelte den Mann großherzig an :„Das schmeichelt uns. Aber ich verstehe noch nicht so ganz wo genau das Problem liegt. Sollen wir die gestohlenen Dinge sicherstellen? Geht es darum?“
Der Mann schüttelte den Kopf, „Nein, das ist es nicht. Nun- ach, es ist mir peinlich, weil es sich so seltsam anhört, aber ich kann ihnen versichern, dass alle anderen dasselbe berichten. Deswegen haben wir solange gezögert, und deshalb ist es uns auch so lange nicht aufgefallen. Womöglich geht das ganze schon viel länger als wir denken. Wir haben nämlich keine Beweise.“
„Keine Beweise?“, Kunikida hielt im Schreiben inne.
„Ja, genau. Ich dachte zunächst ich sei verrückt, ich bilde mir etwas ein. Sato, sagte ich zu mir selbst, Sato, alter Junge, du wirst vergesslich. Aber es sind definitiv Dinge verschwunden, immer wieder. Nur weder auf den Sicherheitskameras ist etwas zu sehen, noch gibt es irgendwelche Zeugen die etwas mitbekommen hätten. Und so war es bei allen- als triebe ein Geist sein Unwesen in der Stadt. Und deshalb wollen wir das dieser Geist gefangen wird, verstehen sie? Wir haben Angst vor dem, was noch passieren könnte. Mit kleinen Alltagsgegenständen fängt er an, aber wenn das stimmt und er zu so etwas fähig ist, was kommt dann als nächstes?“, erschöpft nach seiner Rede griff der Gast nach dem Tee. Kunikida warf seinem Kollegen einen Blick zu.
Dazai starrte Löcher in die Luft. Innerlich seufzend überlegte Kunikida wie er diesen Auftraggeber loswerden konnte. Natürlich gab es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als der Verstand eines normalen Menschen fassen konnte, das wusste er selbst nur zu gut, aber in Anbetracht der momentanen Situation kam es nicht infrage Zeit mit dieser Sache zu verschwenden- noch dazu, weil es sich um kleinere Diebstähle handelte.
Solange niemand ernsthaft in Gefahr war konnte die Detektei es sich leisten ihre Aufträge- von denen es momentan mehr als genug gab- selbst auszuwählen. Und da bevorzugte Kunikida definitiv Fakten und konkrete Angaben. Die aktuellen Auftraggeber warteten ohnehin schon viel zu lange.

„Also“, begann er ehrlich, „ das hört sich höchst kurios an. Wir würden uns der Sache auf jeden Fall annehmen, doch momentan sieht es leider wirklich sehr ungünstig aus.“, er wies auf die sich stapelnden Unterlagen, die überall im Büro lagen und nicht zu übersehen waren.
„Aber wenn die in drei Monaten vielleicht noch einmal wiederkommen-“
„Ja.“, stimmte plötzlich Dazai zu, „Eigentlich haben wir gerade alle Hände voll zu tun. In drei Monaten ist sicher weniger los, dann können wir alle anderen Aufträge nacharbeiten. Natürlich kümmern wir uns direkt um den Fall!“ Vollkommen baff verlor Kunikida für einige Minuten die Fähigkeit zu sprechen. Wortlos verfolgte er, wie Dazai die Kontaktdaten des Mannes aufnahm und ihn dann eilig verabschiedete und aus der Tür schob.

„Dazai!“entfuhr es ihm wütend, „Du kannst doch nicht einfach-“
Dazai zuckte mit den Schultern, „Ach, Kunikida, lass mal. Das ist nicht gut für deinen Blutdruck.“
„Ich weiß nur eine Sache die nicht gut für meinen Blutdruck ist, und das bist definitiv du! Warum hast du das getan?“
„Naja“, verschmitzt lächelnd nahm er die Teetasse vom Tisch und betrachtete sie gegen das Licht, „Weil dieser Fall zur Abwechslung mal wirklich interessant klingt.“
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