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Eltern wider Willen

von MsMaggie
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Het
Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Hermine Granger Minerva McGonagall
07.10.2020
04.05.2021
48
122.177
68
Alle Kapitel
163 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
04.04.2021 5.612
 
Ihr Lieben, ich wünsche euch frohe Ostern! :)
Vielleicht findet ihr ja an den Feiertagen Zeit für ein laaanges Kapitel mit ein bisschen mehr Osterstimmung aus dem Fuchsbau. Ich hoffe, es gefällt euch.
Ich habe eure Reviews natürlich gelesen und mich wie immer sehr darüber gefreut! Das Antworten hole ich so bald wie möglich nach.
Ganz liebe Grüße
MsMaggie
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37. Kapitel - Stups, der kleine Osterhase (Teil 4)


Nervös warf Draco den alten Sauberwisch 5, den Ginny für ihn von ganz hinten aus einer vollgestopften Besenkammer befreit hatte, von einer Hand in die andere. Das Modell war so alt, dass das eingeprägte Fertigungsdatum nicht mehr lesbar war. Der Schweif war ausgedünnt von zu vielen Jahren, in denen er Reisigzweige verloren hatte, der Stiel unhandlich, von Kratzern übersät und unergonomisch gerade. Im ersten Moment hatte er gedacht, die kleine Weasley wollte ihn ärgern, indem sie ihm das älteste Modell gab, das der Fuchsbau zu bieten hatte, doch als er ungläubig über ihren Kopf hinweg in die Kammer gespäht hatte, hatte diese tatsächlich nur noch einen zweiten Sauberwisch 5 und eine Handvoll noch älterer ausrangierter Flugbesen enthalten.
Neidisch schielte Draco hinüber zu Ginny, die sich gerade mit Potter unterhielt, ihren Nimbus 2001 lässig geschultert. Draco selbst besaß auch das Modell aus dem Jahr 1995, dem letzten Schuljahr, in dem er aktiv Quidditch in der Schulmannschaft von Slytherin gespielt hatte. Er hatte seinen Vater damals überredet, ihm den neuen Besen zu kaufen, kaum dass Potter von Professor Umbridge lebenslanges Spielverbot bekommen hatte, in der Hoffnung, mit einem doppelten Vorteil seiner Mannschaft den Quidditch-Pokal zu sichern. Im Jahr nach der Rückkehr des dunklen Lords war Lucius einerseits so euphorisch und andererseits so beschäftigt gewesen war, dass Draco seine gute Stimmung und den Vorwurf, sein Vater würde sich nicht genug für den sportlichen Erfolg seines Sohnes interessieren, für seine Zwecke nutzen konnte. Letztlich war er froh gewesen, dass sein Vater wichtigere Dinge im Kopf gehabt hatte als Quidditch, denn Draco war mit dem neuen Besen nicht richtig warmgeworden und hatte nur im Match gegen Ravenclaw den Schnatz gefangen.

Seitdem hatte er kaum gespielt und wenn, dann flog er lieber den Nimbus 2001, der ihm längere und erfolgreichere Dienste erwiesen hatte als sein Nachfolger, auch wenn Blaise sich mehr als einmal über seine sentimentale Unvernunft lustig gemacht hatte, wenn sie zusammen flogen und er mit dem alten statt dem neuen Besen auftauchte.
Potter scheint ähnlich sentimental zu sein, dachte Draco, als er den Feuerblitz in der Hand seines Erzrivalen erkannte: Und das, obwohl sich die Hersteller bestimmt gegenseitig mit ihren Sponsorenangeboten überbieten, damit der Junge, der siegte, ihr Fabrikat fliegt.
Draco ließ den Blick durch die Runde schweifen. Fleur flog ein französisches Modell, das er nicht kannte, Bill einen Komet 2-90. Charlie hatte einen Sauberwisch 11 – der Besen, wenn er sich nicht irrte, mit dem das Wiesel in ihrem fünften Jahr erst katastrophal geflogen war, um dann ausgerechnet im entscheidenden letzten Spiel der Saison eine Glückssträhne zu haben.
„Wo bleiben denn Ron und George?“, fragte Bill ungeduldig: „Ich möchte Mum nicht so lange alleinlassen, wenn sie mit den Vorbereitungen fertig ist. Es ist schwer genug für sie dieses Jahr, ohne…“ Er beendete seinen Satz nicht, aber der schmerzvolle Ausdruck, der sein narbiges Gesicht wie ein Schatten verdüsterte, sagte mehr als Worte.

Draco erinnerte sich an das, was Hermine ihm von dem zweiten Weasleyzwilling erzählt hatte, Fred, der bei der Schlacht von Hogwarts gestorben war. Er wusste nicht, wo er hinsehen sollte, und war froh, dass niemand ihn ansah und auf die Seite verwies, die er in dem Krieg gewählt hatte, der ihren Bruder das Leben gekostet hatte. Doch sie hatten alle genug mit sich selbst zu tun: Potter drückte seine Freundin mit düsterer Miene an sich, in deren Augen, die sonst immer vor Zorn oder Freude oder Schalk sprühten, nun Tränen schimmerten. Auch Fleur rollte eine einsame Träne über die Wange, während sie sich tröstend an ihren Mann schmiegte, und Charlie klopfte Bill in einer mitfühlenden und hilflosen Geste auf die Schulter.
In diesem Moment bog das Ebenbild des Verstorbenen um die Ecke des Hauses, einen Zunderfauch IV über der Schulter. Es war reines Glück, dass er sich im Gehen zu Ron umwandte, denn so blieben den anderen ein paar Sekunden, um die Trauer aus ihren Gesichtern zu zwingen und denjenigen von ihnen, den Freds Verlust vermutlich am allermeisten quälte, nicht mit der schmerzhaften Erinnerung anzustecken.
„Wo ward ihr denn so lange?“, fragte Potter mit rauer Stimme, bevor das Schweigen zu auffällig wurde.
Weasley bekam rote Ohren.
„Ron hat die Gelegenheit genutzt, sich bei dem Zwerg zu entschuldigen“, antwortete George an seiner Stelle und grinste Draco beruhigend an: „Es geht ihr gut, sie hat ihm… Whoa, ist das mein alter Besen?“
Draco zuckte die Schultern, aber Ginny sagte: „Ja. Von unseren Ersatzbesen ist der noch am besten in Schuss. Ist doch in Ordnung, oder?“
„Klar, aber sei gut zu meinem Baby“, sagte George lachend und drohte Draco spielerisch mit dem Zeigefinger.

Draco erwiderte nichts darauf, denn eben war sein Blick auf den Besen gefallen, den der jüngste Weasley bei sich hatte. Er pfiff bewundernd durch die Zähne.
„Ist das ein Silberpfeil reloaded?“, fragte er, zu neugierig auf den erst vor wenigen Wochen erschienenen Rennbesen, um sich von seinem Groll gegen den Rotschopf zum Schweigen bringen zu lassen.
„Ähm, ja“, druckte Ron herum.
„Um Merlins Willen, frag bloß nicht nach!“, warnte George theatralisch: „Sonst fängt er wieder an, alle Features herunterzubeten, und die kommen mir schon wieder zu den Ohren heraus.“
Er stieß Draco kollegial mit der Schulter an wie einen alten Kumpel und raunte so laut, dass alle es hören konnten: „Fred und ich haben nicht so herumgeprotzt, als wir unsere ersten Galleonen verdient hatten. Ron dagegen bekommt kaum ein etwas höheres Gehalt mit seinem Kriegshelden-Bonus, da kauft er sich schon den neuesten Top-Besen. Immer diese Neureichen, was, mein Reinblüter-Kumpel?“
Draco musterte ihn so konfus, dass Georges Pokerface verrutschte und er in Gelächter ausbrach. „Entspann dich, Malfoy, und gönn einem Weasley den Moment, in dem er etwas hat, das sich ein Malfoy nicht leisten kann.“
Draco war so erleichtert, dass Freds neuerliche Erwähnung nicht denselben Effekt auf die Umstehenden hatte wie zuvor, dass er Georges Bemerkung schluckte, ohne zu widersprechen. Er rollte nur die Augen und fragte: „Was ist jetzt? Spielen wir Quidditch oder nicht?“

Er hielt sich zurück, als Ginny Weasley ihn, George und Charlie in der Manier eines Teamkapitäns zu sich rief, um ihre Strategie zu besprechen. Sie jedoch legte einen Arm um seinen Rücken, den anderen um Charlies und drängte sie in einem verschwörerischen Kreis näher zusammen, damit sie sich beraten konnten, ohne dass die andere Mannschaft sie hörte.
„Hört zu“, flüsterte sie: „Harry hat einen Schnatz dabei, also spielen wir mit allen Positionen. George spielt als unser Treiber, da kann ihm keiner das Wasser reichen. Ich spiele als Jägerin, aber wir haben zwei Sucher und niemanden, der viel Übung als Hüter hat.“
Charlie und Draco sahen sich überrascht an, doch Ginny ließ ihnen keine Zeit, sich über ihre Erfahrungen als Sucher auszutauschen, sondern fuhr fort: „Ich schlage also vor, dass wir drei uns unsere Positionen aufteilen. Ich kann nicht alleine auf die Tore werfen, also hält sich immer einer von euch in der Nähe, während der andere den Schnatz sucht. Wechselt euch am besten ab, dann bleibt die Konzentration hoch. Und wer immer von uns am nächsten bei den Toren ist, wenn die anderen einen Angriff fliegen, springt als Hüter ein. Bei den anderen spielt mit Sicherheit Ron als Hüter und Harry als Sucher, deswegen müssen wir uns vor allem auf Bill und Fleur achtgeben. Alles klar?“
Die drei Männer nickten und Ginny klatschte sie ab. „Dann los!“

Draco schwang ein Bein über seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Fast hätte er laut geflucht, als der Sauberwisch 5 träge nach oben stieg, als hielte ihn eine schwere Kette am Boden.
Es muss schon ein verdammt langsamer Schnatz sein, damit ich mit dieser Gurke eine Chance habe, ihn zu fangen, überlegte er verächtlich, war aber noch nicht bereit, gleich aufzugeben und Charlie zuzurufen, dass er als Sucher spielen und ihm den undankbaren Aushilfsjob als Hüter und Jäger überlassen sollte.
„Bereit?“, rief Bill in die Runde, der als Einziger noch am Boden war, um die Bälle freizulassen und das Spiel zu beginnen. Zustimmende Rufe ertönten von allen Seiten.
Bill klappte den Deckel der abgewetzten Ballkiste zur Seite und duckte sich, um den drei Bällen zu entgehen, die pfeilschnell herausschossen. Kaum dass die Klatscher und der Schnatz an ihm vorbei außer Reichweite geschwirrt waren, packte er den verbliebenen Quaffel und schleuderte ihn hoch in die Luft.
Draco drückte den Stiel seines Besens nach unten, um sich wie die anderen auf den Quaffel zu stürzen, doch im Gegensatz zu seinem Nimbus, der auf die kleinste Berührung reagierte, ruckte der Sauberwisch nur einmal kurz nach vorne und flog dann so langsam, dass Draco nur zusehen konnte, wie Ginny als erste den Ball erreichte, ihn geschickt fing und Charlie zupasste, bevor die anderen sie in die Zange nehmen konnten. Charlie nutzte die Chance, während der Hüter des anderen Teams noch nicht auf Position war, und schleuderte den Quaffel schwungvoll in Richtung des rechten, aus verschiedensten Holzlatten gezimmerten Torrings.
Das triumphierende Grinsen spielte bereits um Dracos Mundwinkel, als Ron auf seinem Silberpfeil emporschoss und den Quaffel gerade noch mit den Fingerspitzen von seiner Bahn ablenken konnte. Er prallte gegen den Torring und sprang zur Seite davon, anstatt durch das Tor zu gehen.

Draco schnaubte frustriert und sah sich dann suchend um. Vom goldenen Schnatz war nichts zu sehen. Potter kreiste ein gutes Stück über den anderen in der Luft und hielt ebenfalls Ausschau, doch Draco wagte es nicht, sich auf seinem langsamen Besen weit vom Spielgeschehen zu entfernen. Er würde es nie schaffen, rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn seine Mannschaft ihn bei den Torringen oder als Empfänger eines Passes brauchte.
Also hielt er sich in der Nähe von Ginny, weit genug entfernt von den anderen, um nicht in Bedrängnis zu geraten, sobald ihm der Quaffel zugespielt wurde, denn freifliegen konnte er sich mit dem Sauberwisch genauso wenig wie ein Rennen um den Schnatz gewinnen. Ein paar Male passte Ginny ihm den Ball zu und jedes Mal spielte er ihn treffsicher zurück zu ihr oder weiter an Charlie, damit sie aufs Tor werfen konnten, doch Ron hütete seine Ringe gut und die ersten Spielminuten verstrichen, ohne dass ein Tor fiel.
Dann jedoch wurde der Rotschopf übermütig. Er fing den Wurf seiner Schwester vor dem mittleren Ring und anstatt ihn zurück an seine Mannschaft zu spielen, beugte er sich tief über seinen Rennbesen und schoss pfeilschnell auf die andere Feldseite zu. Ohne Zeit zu haben, nach Charlie Ausschau zu halten und sich abzusprechen, wer einspringen sollte, warf Draco sich mit aller Kraft zur Seite, um seinen trägen Besen herumzureißen, und flog zu den eigenen Torringen zurück.
„Beeil dich, Malfoy!“, hörte er Ginnys panische Stimme irgendwo hinter sich, aber er sah sich nicht nach ihr um. An den Torringen angelangt hakte er das rechte Bein mit Knie und Fuß um den Besenstiel, wohlwissend, dass er den Besen nicht schnell genug wenden konnte, und drehte sich stattdessen in der Hüfte, um Ron im Auge zu behalten, der den Arm bereits zum Wurf erhoben hatte.
Das rote Leder sauste auf ihn zu und Draco streckte sich nach links, soweit sein verdrehter Körper es zuließ. Der Quaffel prallte gegen seine Handfläche, glitt ihm über die Fingerspitzen und wäre ihm fast aus der Hand gerutscht. Er bekam ihn gerade noch zu fassen, zog sich auf den Besenstiel zurück und nutzte den Schwung der Bewegung, um den Quaffel zurück ins gegnerische Feld zu schleudern.

Mit den Augen verfolgte er, wie er zwischen Fleurs ausgestreckten Armen hindurch auf die ungeschützten Torringe zu sauste, jedoch gefährlich an Höhe verlor. Ron jagte auf seinem Besen hinterher, um rechtzeitig auf seine Position zurückzukommen, doch seine Schwester war schneller: Ginny stieß von unten hinauf und versetzte dem schwächelnden Quaffel einen gezielten Hieb mit dem Schweif ihres Besens. Mit neuer Wucht rauschte er mitten durch den Mittelring.
„Jaaa! Zehn zu null!“, jubelte Ginny und Draco stieß triumphierend die Hand in die Luft.
Es war, als hätte das erste Tor das Eis gebrochen. Im Nu stand es zwanzig zu null, dreißig zu null und dreißig zu zehn. Bill und Fleur flogen so gut aufeinander abgestimmt, als könnten sie die Gedanken des anderen lesen. Doch George kontrollierte die Klatscher wie dressierte Hunde und drosch sie in so rascher Folge auf sie ein, dass Bill alle Hände voll damit zu tun hatte, sie sich und seiner Frau vom Hals zu halten, und die beiden kaum Zeit hatten, Angriffe zu fliegen.
Ginny indes wand sich flink zwischen den anderen hindurch und ließ sich den Quaffel kaum je abnehmen. Charlie und Draco wechselten sich damit ab, hinten bei den Toren Stellung zu halten und sie dabei zu unterstützen, ihren Vorsprung auszubauen.
Es stand siebzig zu zwanzig, als Draco von zwei Personen abgelenkt wurde, die von der Vorderseite des Hauses her um den Fuchsbau herumspazierten. Hermine dirigierte eine Picknickdecke vor sich her zu einem Platz etwas abseits der Torstangen, von wo aus sie und Malin dem Spiel in sicherer Entfernung zusehen konnten. Sie hielt Malin an der Hand, die ihr blind folgte, den Kopf in den Nacken gelegt und mit großen Augen zu den hin und her zischenden Besen aufschauend. Als sie ihn entdeckte, winkte sie wild mit dem freien Arm.
Draco hob lächelnd die Hand und erwiderte Malins Winken, dann vergaß er für den Bruchteil einer Sekunde, die Finger zu bewegen. Etwa drei Meter über Malins Kopf hatte etwas kurz golden aufgeblinkt.

„Ich bin gleich wieder da, ich sage ihr nur kurz Hallo“, rief er seinen Teamkameraden über die Schulter zu und lenkte seinen Besen abwärts, nicht zu eilig, um nicht Potters Aufmerksamkeit zu erregen.
Hermine jedoch hatte weder ihn noch den Schnatz bemerkt und führte Malin unbeirrt weiter. Draco flog einen Schlenker, um nicht zu auffällig in eine andere Richtung zu fliegen als die, in die Hermine mit Malin ging, und schlug erst einen Haken, als der Schnatz nur noch wenige Meter entfernt war. Im selben Moment beugte er sich tief über den Besenstiel.
„Komm schon“, trieb er den Sauberwisch murmelnd zur Eile an, doch im selben Augenblick hörte er über sich jemanden schreien: „Harry! Der Schnatz – Malfoy! Beeil dich!“
Als hätte der Schrei auch ihn aufgeschreckt, stieg der Schnatz einen halben Meter höher, verharrte kurz in der Luft und sirrte dann davon. Draco fluchte und nahm die Verfolgung auf, so schnell es sein Besen zuließ.
Er sah einen Schatten über sich und wusste, dass Potter ihn eingeholt hatte. Nun kam es nur darauf an, in wessen Flugbahn der Schnatz flog. Draco streckte sich über den Besenstiel hinaus, obwohl der goldene geflügelte Ball noch zu weit weg war, um ihn erreichen zu können.
„Komm schon!“, schrie er seinen Besen erneut an, während der Potter aus dem Augenwinkel überholen sah. Der streckte nun auch die Hand aus, der Schnatz war nur noch drei, dann zwei Armeslängen entfernt – „Haaarryyyyy!“

Ginnys schriller Schrei war die Rettung in letzter Sekunde. Potter rollte mit seinem Besen zur Seite und entkam um Haaresbreite einem Klatscher, der nun auf Draco zuschoss.
Draco duckte sich und spürte, wie der Luftzug sein Haar zerzauste, als der steinharte Ball über ihn hinwegflog. Er sah ihm nach, um sicherzugehen, dass er nicht kehrtmachte und zurückkam, dann spähte er umher nach einem Schimmern, das ihm verriet, wohin der Schnatz entkommen war. Potter saß zwei Meter rechts von ihm aufrecht auf seinem Besen und tat es ihm gleich, doch der Schnatz blieb unsichtbar.
Seufzend schwang Draco sich zurück in die Höhe und kehrte zurück zu den anderen.
„Einhundertzehn zu dreißig“, brachte Charlie ihn auf Stand, dann zwinkerte er ihm zu. „Das war ein raffiniertes Ablenkungsmanöver mit deiner Tochter.“
„Slytherin, schon vergessen?“, kommentierte Draco knapp und grinste, als Charlie lachte.
„Hört auf zu plaudern und helft mir, ihr Tratschtüten“, mischte Ginny sich ein, die mit dem Quaffel unter dem Arm an ihnen vorbeiflog. Fleur jagte ihr hinterher.
„Mach du das, ich kann mit dem Besen nicht mithalten“, rief Draco Charlie zu und flog selbst hinüber zu den Torringen, damit sie nicht ungeschützt blieben.
Er verschränkte die Arme vor der Brust, balancierte den Besen mit seinem Körpergewicht zwischen den äußeren Torringen hin und her und sah zu, was sich auf der anderen Feldseite abspielte. Zweimal hielt Ron den Quaffel, doch George war Ginny und Charlie zu Hilfe gekommen und zu dritt gegen Bill und Fleur flogen sie einen Angriff nach dem anderen.
Beim dritten Versuch rutschte der Quaffel Ron durch die Finger, fiel durch den linken Torring und wurde von George gefangen, der gleich noch einmal auf den rechten Ring warf. Es war unmöglich für Ron, so schnell das andere Tor zu decken, und so stand es nun einhundertdreißig zu dreißig.

Bill fing den Quaffel, passte ihn zu Fleur und diese schoss damit auf Draco zu, der ganz allein auf seiner Seite des Spielfeldes schwebte. Rasch legte er die Hände zurück an den Besenstiel und machte sich bereit für ihren Angriff.
Sie flog auf den linken Torring zu und Draco löste die linke Hand vom Besen, um sich vor den Ball werfen zu können. Just in dem Moment, in dem Fleur warf, sah er erneut den Schnatz.
„Charlie!“, schrie er und prellte den Quaffel mit der Faust zur Seite, anstatt sich darauf zu konzentrieren, ihn zu fangen: „Zwölf Uhr!“
Er sah aus dem Augenwinkel, wie Potter den Kopf drehte, doch es dauerte ein paar Sekunden, bis er Charlie weiter unten ausgemacht hatte und noch einen weiteren Moment, um umzudenken, was von diesem aus gesehen zwölf Uhr war. Exakt diese Sekunden Vorsprung hatte Charlie, um im Steilflug dem Schnatz nachzujagen, der weiter hoch in den wolkenlosen Himmel davonsauste. Draco verfolgte ihn mit den Augen, musste dafür aber direkt in die grelle Nachmittagssonne blicken.
„Draco, pass auf!“, hörte er Ginnys Warnruf, doch es war zu spät. Geblendet und halb blind sah er Fleur erneut werfen. Er warf sich nach rechts, aber der Quaffel war bereits durch den Torring hindurch und viel zu Boden.
„Ein´ündertdreißig zu vierzig“, flötete Fleur in ihrem Akzent und flog dem fallenden Quaffel nach.

Draco zwang sich, die Torringe zu umkreisen und sie im Auge zu behalten, obwohl er viel lieber Charlie zugesehen hätte oder – noch sehr viel lieber – an seiner Stelle gewesen wäre. Fleur brachte sich erneut in Position, doch George jagte einen Klatscher in ihre Richtung und sie ließ den Quaffel fallen, als sie ihm auswich. Ginny war zur Stelle, preschte zurück auf die andere Spielfeldseite und warf so entschlossen, dass Ron bei dem Versuch, den Torschuss zu halten, halb von seinem Besen gerissen wurde und seine ausgestreckte Hand mitsamt des Quaffels durch den Ring glitt.
„Ein´ündertvierzig zu vierzig“, imitierte Ginny frohlockend Fleurs Akzent. Draco schmunzelte.
Dann tauchte eine Gestalt auf einem Besen über ihnen auf, den Arm triumphierend in die Luft gereckt. Gegen das helle Sonnenlicht erkannte Draco nicht auf den ersten Blick, ob es Potter oder Charlie war, doch dann gewöhnten seine Augen sich an das Licht und er sah das rote Haar in der Sonne schimmern.
„Ja!“, schrie er und flog zusammen mit Ginny und George auf Charlie zu, zwischen dessen Fingern die Flügel des Schnatzes glänzten.
„Zwei´ündertneunzig zu vierzig“, deklarierte Ginny und kicherte, während sie Charlie von drei Seiten gratulierten und ihm auf die Schultern klopften. In einer gut gelaunten Traube flogen sie zum Boden zurück, wo die anderen schon auf sie warteten und nicht annähernd so schlecht gelaunt waren, wie es bei einem Spiel um den Quidditchpokal der Fall gewesen wäre.
„Gutes Spiel“, sagte Bill sportlich und schüttelte allen vier Gegnern die Hand.

„Das war TOLL!“, rief Malin, die mit ausgelassen rudernden Armen auf sie zulief.
Draco klemmte sich den Besen unter den Arm und fing sie auf, als sie ihm schwungvoll in die Arme sprang. Er wirbelte sie einmal im Kreis und setzte sie dann sanft zurück auf die eigenen Füße.
„Ich will auch Quidditch spielen!“, sagte Malin und die Umstehenden lachten herzlich.
„Na komm“, sagte Bill, klemmte sich seinen Komet 2-90 zwischen die Beine und streckte Malin die Hände entgegen. Fleur half ihr, vor ihm auf den Besen zu klettern.
„Pass aber gut auf sie auf!“, ermahnte sie ihren Mann, der sich vorbeugte, um ihr einen besänftigenden Kuss auf die Stirn zu geben.
„Natürlich, mon chéri“, sagte er und nickte erst ihr, dann Draco beruhigend zu: „Wir schweben nur ein bisschen.“
Draco schluckte, nickte zum Zeichen seines Einverständnisses und sah aufmerksam zu, wie Bill die Hände vor Malin um den Besenstiel legte, sodass sie zu allen Seiten gesichert zwischen seinem Bauch und seinen Armen saß. Er machte einen Schritt nach vorn, als Bill sich ganz sacht vom Boden abstieß, um Malin im Fall der Fälle auffangen zu können, doch der älteste Weasleybruder hielt sein Wort und schwebte nur knapp einen halben Meter über dem Boden.
Malin quietschte vor Vergnügen, als er auf dieser Höhe einmal mit ihr um das Quidditchfeld flog, und rief bereits „Nochmal!“, kaum dass sie zu den anderen zurückkehrten. Bill tat ihr den Gefallen.

Während die anderen kurz darauf ins Haus zurückkehrten, um ihre Besen abzustellen und sich umzuziehen, blieb Draco mit Malin hinter dem Haus und erklärte ihr, was genau es mit den verschiedenen Bällen und der Torstangen auf sich hatte. Ihre Aufmerksamkeit und Begeisterung ließ sein Herz höher schlagen und als sie ihn am Ende seiner Lektion fragte, ob sie einen eigenen Besen bekäme, zögerte er nicht, ihr für ihren nächsten Besuch in Hogsmeade einen Spielzeugbesen zu versprechen.
„Bist du sicher, dass das nicht zu gefährlich ist?“, fragte Hermine zweifelnd hinter ihm. Sie stand, die Picknickdecke über dem Arm gefaltet, da und wartete auf ihn.
„Quatsch, Spielzeugbesen gibt es schon für Babys. Du bekommst natürlich keinen für Babys“, versicherte er Malin rasch, als er ihren empörten Blick sah. „Und in sieben Jahren, wenn du nach Hogwarts kommst, kaufe ich dir den besten Besen, der bis dahin auf dem Markt ist. Dann machst du es besser als ich und gewinnst jedes Jahr den Quidditchpokal für Slytherin, abgemacht?“
„Ja!“, kicherte Malin.
„Erstklässler dürfen doch gar keinen eigenen Besen haben“, sagte Hermine streng.
Ausgelassen schlang Draco einen Arm um ihre Hüfte, zog sie zu sich und raunte ihr vertraulich ins Ohr: „Ach, bis dahin hast du die McGonagall als Schulleiterin abgelöst und machst für unsere Floh einfach eine Ausnahme. Was meinst du?“
Hermine verdrehte die Augen, lachte aber, als sie antwortete: „Ich meine, dass du deine korrupte Einstellung überdenken solltest.“

Als sie in den Fuchsbau zurückkehrten, war Molly Weasley sichtlich froh, wieder Leben im Haus zu haben. Ihre Augen waren gerötet, genau wie die ihres Mannes, und Percy vertraute den anderen leise an, dass die plötzliche Stille im Haus auch seine Eltern daran erinnert hatte, dass eines ihrer Kinder für immer fehlte.
„Ich bin froh, dass ihr alle hier seid“, sagte Mrs. Weasley mit schimmernden Augen, als sie erneut um den Tisch versammelt waren.
„Mum…“, sagte George in einem mitfühlenden, leisen Ton, von dem selbst Draco ahnte, dass der lustige, stets etwas aufgedrehte Weasley ihn selten anschlug.
„Georgie“, murmelte Mrs. Weasley und drückte seine Hand. Dann blinzelte sie heftig, schob das Kinn vor und fragte mit hoher Stimme: „Wer möchte Suppe als Vorspeise?“
Draco war froh, einem weiteren emotionalen Ausbruch der Familie, in deren Mitte er sich so fremd fühlte wie ein Fuchs im Kaninchenbau, zu entgehen. Er war nicht besonders gut darin, mit den Gefühlen anderer umzugehen, und für die Weasleys war er sicher die unpassendste Schulter zum Ausweinen, die sie sich vorstellen konnten.
Während sie die Süßkartoffelsuppe löffelten, waren alle recht still, doch beim Hauptgang – Lachs, Feldsalat und Kartoffelgratin – brandeten die ersten Gespräche auf und bis zum Dessert war die Stimmung zwar nicht fröhlich, aber auch nicht mehr gedrückt. Sie knackten die mit Zuckerwerk verzierten Schokoladeneier, die Molly Weasley zum Nachttisch servierte, bestaunten und lobten sie überschwänglich für die köstlichen Füllungen: Fruchtmus und Vanillepudding in den Eiern aus weißer Schokolade, Nougat und Marzipan in denen aus Vollmich- und luftige Schokoladenmousse mit Mandelsplittern in denen aus dunkler Zartbitterschokolade.

Hermine, Malin und Draco hatten sich verschiedene Eier genommen und ließen einander probieren.
„Merlin, das ist das Beste, was ich je gegessen habe“, stieß Draco angetan hervor, als er aus Hermines Waldbeer-Vanille-Ei naschte, und sicherte sich rasch noch einen weiteren Löffel, bevor sie es ihm lachend wieder wegnehmen konnte.
„Danke, Draco“, sagte Mrs. Weasley mit vor Stolz glühenden Wangen.
„Es ist sooo lecker!“, bekräftigte Malin, deren Gesicht rund um den Mund mit Schokolade verschmiert war. Mrs. Weasley seufzte verzückt.
„Kocht deine Mutter auch, Draco?“, fragte Mr. Weasley, um das stockende Gespräch wieder in Gang zu bringen.
Draco lachte auf. „Nein. Dafür haben wir Hauseee-“ Er vergaß prompt, das Wort weiter zu artikulieren, als er beim Sprechen den Kopf in Mr. Weasleys Richtung drehte und Hermines bösen Blick sah.
Jetzt lachte Ron und schlug sich vor Vergnügen die flache Hand auf den Oberschenkel. „Viel Spaß bei der Diskussion, Malfoy!“
Draco schielte aus dem Augenwinkel auf den Tisch und fragte in zuckersüßem Ton: „Was meinst du, Hermine? Sollten wir außer Professor McGonagall auch Poppy etwas Süßes mitbringen?“
Hermine lächelte ihn mit dem zähnebleckenden Grinsen eines Hais an. Ihr kühler Blick sagte eindeutig, dass sie seine Hintergedanken durchschaute, während ihre vollen Lippen sagten: „Das ist eine nette Idee, Draco.“

Das Gespräch floss von einem Thema zum nächsten wie ein Fluss, der sich durch verschiedene Landschaften schlängelt, und es wurde später und später, ohne dass Draco auch nur einmal auf seine Armbanduhr sah. Irgendwann begann Malin zu gähnen und während er noch angeregt mit Bill über dessen abenteuerlichsten Aufträge als Fluchbrecher diskutierte, krabbelte sie kurz darauf auf seinen Schoß, rollte sich in seinen Armen zusammen und döste ein, den Kopf an seine Schulter gelehnt.
Um sie nicht mit einer Bewegung seines Arms zu wecken, sah Draco auf die Uhr an der Wand. Doch anstatt eine Uhrzeit anzuzeigen, drängten sich etliche Zeiger bis auf einen so dicht auf einem Feld mit der Aufschrift „Zuhause“, dass er nur den vordersten und kürzesten genauer erkennen konnte. Er trug ein Bild von Ginny.
„Wie spät ist es?“, fragte er in die Runde.
„Oh jemine“, machte Hermine, als sie auf ihre Uhr sah: „Schon halb zwölf. Wir sollten schleunigst los, wenn wir Professor McGonagall noch erwischen wollen.“
„Minerva hat sich bestimmt längst hingelegt“, widersprach Arthur Weasley. „Möchtet ihr bleiben? Es wird ein bisschen eng in den Zimmern, aber wir finden bestimmt noch ein Plätzchen für euch. Mal sehen, Bill und Fleur teilen sich ein Zimmer, George und Charlie schlafen bei Percy, Harry bei Ron, Hermine kann in Ginnys Zimmer schlafen… Hm. Harry, Ron, würdet ihr -“
„Nein danke!“, sagte Draco schnell, bevor Ron und Harry, denen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand, auf die unvollendete Frage reagieren konnten. „Ich flohe mit Malin nach Hogwarts zurück, das passt schon. Der Wasserspeier lässt uns bestimmt auch raus aus dem Büro, wenn Professor McGonagall schon schläft.“

„Unsinn!“, widersprach Mrs. Weasley resolut: „Du kannst mit einem schlafenden Kind nicht per Flohpulver reisen, glaub mir. Ginny hat mir ein halbes Dutzend Umhänge versaut, weil sie immer spucken musste, wenn wir -“
„Mum!“, unterbrach Ginny ihre Mutter mit hochrotem Kopf: „Hör auf, das ist total peinlich!“
Rund um den Tisch wurde gekichert und gelacht. Arthur Weasley musterte sein jüngstes Kind mit rührseligem Ausdruck in den blauen Augen, offensichtlich mit den Gedanken in einer Zeit, in der sie nicht älter gewesen war als Malin jetzt.
„Jedenfalls“, beharrte Mrs. Weasley: „werden wir die beiden so spät nicht mehr fortschicken. Was hältst du davon, wenn Malin bei uns schläft, mein Lieber? Dann kannst du ausschlafen und uns macht es nichts aus, wir hatten viel zu lange kein kleines Kind mehr im Haus.“
Draco zuckte die Achseln.
„Wir könnten doch ein Zelt im Garten aufstellen“, schlug Ron halbherzig vor, offenbar hin- und hergerissen zwischen seinem Widerwillen, Draco überhaupt ein Quartier zu bieten, und seiner Beklemmung, seine Eltern könnten ihn zwingen, ihn in seinem eigenen Zimmer aufzunehmen, wenn sich nicht rasch eine Alternative bot.
„Das ist eine gute Idee!“, stimmte Ginny sofort zu: „So machen wir es. Dann ist es umso besser, wenn Malin bei Mum und Dad schläft. Für ein kleines Kind ist es doch noch etwas frisch draußen.“

Während die anderen halfen, den Tisch abzuräumen und den Abwasch zu machen, stieg Arthur Weasley auf den Dachboden ließ mit seinem Zauberstab ein zusammengerolltes grünes Zelt und ein altes, aber gepflegtes Kinderbett aus geschnitztem Massivholz die Treppe hinunter schweben. Zusammen mit Draco stellte er das Bett in seinem und Mollys Schlafzimmer auf, stattete es mit weichen Decken und Kissen aus und ging dann voraus in den Garten, während Draco Malin schlafenlegte. Er gab ihr einen Gutenachtkuss aufs Haar und wartete noch einige Augenblicke, doch sie wachte nicht auf und schlummerte friedlich weiter.
Im Flur traf er auf Mrs. Weasley, die vor dem einzigen Bad des Fuchsbaus wartete, das von einem der vielen Besucher besetzt war.
„Wenn Malin nicht schlafen kann oder irgendetwas ist, sagen Sie mir Bescheid, ja?“, bat er sie.
„Natürlich, mein Lieber“, sagte Mrs. Weasley. „Und wenn dir draußen kalt sein sollte, komm jederzeit rein. Dann stellen wir noch ein Bett in Rons Zimmer auf.“
Draco nickte, aber im Stillen schwor er sich, dass er lieber erfrieren würde, als mit Ron Weasley und Harry Potter ein Zimmer zu teilen.
Er ging hinaus und fand Mr. Weasley unmittelbar jenseits des Gartenzauns, wo er im weichen Gras bereits das Zeit aufgestellt hatte.
„Es ist noch fast neu“, erklärte Arthur Weasley beflissen, dem es sichtlich unangenehm war, mit Draco allein zu sein. Draco konnte es ihm nicht verübeln, wenn er an die wenigen Zusammentreffen von seinem eigenen und Ginnys Vater dachte, bei denen auch er selbst dabei gewesen war. „Wir haben es gekauft, nachdem Ron und die anderen beiden unser altes mit auf ihre Reise genommen haben. George hat es sich für eine Weile ausgeliehen, nachdem… Nach dem Ende des Krieges. Er musste eine Zeit lang allein sein und ist ein wenig damit umhergereist.“

Er hielt die Plane am Eingang hoch, damit Draco eintreten konnte. Der steckte den Kopf in das Zelt und fand sich in einem sehr kleinen Innenraum wieder, dessen schräge, nach oben spitz zulaufenden Wänden aus demselben Material waren wie die Zeltplane außen. Ein hölzerner Pfahl in der Mitte stützte die Konstruktion und auf grünen Gummimatten auf dem Boden, zwischen denen Grashalme hervorlugten, standen zwei Klappbetten mit Stahlrahmen, ein ähnlich gefertigter Stuhl und etwas, das wie eine einzelne Herdplatte mit einem runden Knopf aussah. Auf den Betten lagen zwei längliche Säcke aus Kunststoff, mit einem Reißverschluss an der Seite.
„Es ist sehr einfach“, sagte Mr. Weasley verlegen. „Ich wollte mal wissen, wie Muggel campen gehen, deswegen habe ich etwas ausgesucht, das dem nachempfunden ist. Nun ja, zumindest fast, dahinten ist noch ein Badezimmer.“
Er deutete auf eine weitere mit Reißverschluss zu verschließende Plane in der hinteren Ecke des Zeltes.
„Das ist schon in Ordnung. Es ist ja nur für eine Nacht“, sagte Draco und verbannte den Vergleich mit dem luxuriösen zweistöckigen Zelt mit drei Zimmern und zwei Bädern, in dem er und sein Vater zur Quidditchweltmeisterschaft gereist waren, aus seinen Gedanken.
„Gut. Dann … gute Nacht“, wünschte Mr. Weasley.
„Gute Nacht. Und vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft“, sagte Draco und sah dem Mann nach, bis er wieder im Haus verschwunden war.

Dann ließ er sich mit einem erleichterten Seufzer auf eines der Betten sinken. Der Stahlrahmen drückte sich in seine Oberschenkel und der Stoff, der als Liegefläche dazwischen gespannt war, gab ein gutes Stück nach, aber Draco war trotzdem froh über das bisschen Abgeschiedenheit. Im Großen und Ganzen war der Tag im Fuchsbau schöner und angenehmer gewesen, als er es sich vorgestellt hatte, aber obwohl fast alle freundlicher zu ihm gewesen waren, als er es verdiente, war die geballte Weasleyfamilie starker Tobak für seine Nerven.
Er betastete den Kunststoffsack, der auf seinem Bett lag, und stellte fest, dass er von innen weich und dick gepolstert war. Seiner seltsamen Form nach zu urteilen war es wohl eine Art Bettdecke, in die man sich legen und sie mittels des Reißverschlusses bis zum Kinn verschließen konnte, das obere Stück Stoff wie eine Kapuze, sodass nur noch das Gesicht frei lag.
„Verrückt“, murmelte Draco.
Im hinteren Teil des Zeltes, einem weiß gefliesten Badezimmer mit einer Toilettenkabine, wie er sie aus der Schule kannte, einer spartanischen Dusche und einem metallischen Waschbecken, putzte er sich die Zähne und wusch sich das Gesicht. Aus dem Hahn kam nur kaltes Wasser und er fröstelte bereits, als er Umhang, Hemd und Hose auszog und ordentlich auf dem zweiten Bett zusammenlegte, damit er alles morgen noch einmal anziehen konnte.
Nur noch in T-Shirt und Boxershorts kroch er in den Schafsack und zog den Reißverschluss bis oben hin zu. Tagsüber war es frühlingshaft warm gewesen, aber jetzt, lange nach Sonnenuntergang, dauerte es etliche Minuten, bis sich seine Körperwärme im Inneren des Schlafsacks gestaut hatte und er nicht mehr fror.

Er schloss die Augen, lauschte auf das Säuseln des Windes und den Ruf eines Käuzchens, der von draußen durch die dünne Zeltwand drang, und versuchte zu schlafen. Doch gerade, als seine Gedanken langsam träge wurden und er spürte, wie sein Körper schwer und sein Geist leicht wurde, hörte er das Geräusch eines Reißverschlusses, der langsam aufgezogen wurde.
Er riss die Augen auf, spähte durch die Dunkelheit zum Zelteingang und tastete gleichzeitig neben sich nach seinem Zauberstab. Das schlanke Holz musste auf dem nachgiebigen Stoff unter seinen Körper gerutscht sein. Hastig suchte er danach, als eine halb genervte, halb belustigte Stimme die Dunkelheit durchbrach:
„Ich bin´s, Draco. Kann ich bei dir schlafen? Ron schläft schon und Harry hat sich zu Ginny geschlichen. Ich kriege kein Auge zu, wenn die beiden die ganze Nacht neben mir knutschen.“
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