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Eltern wider Willen

von MsMaggie
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Het
Draco Malfoy Ginevra Molly "Ginny" Weasley Hermine Granger Minerva McGonagall
07.10.2020
04.05.2021
48
122.177
67
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07.10.2020 1.065
 
Die dicke Schneedecke knirschte bei jedem Schritt unter den Sohlen ihrer Stiefel, doch das Kind schien es mit der weit über die Ohren gezogenen Strickmütze nicht zu hören. Erst, als Rosmerta die drei niedrigen Stufen erreicht hatte, die zu der Plattform hinaufführten, und sie betrat und das ausgetretene Holz unter ihrem Gewicht knarrte, fuhr der Kopf des Kindes zu ihr herum. Doch es sagte nichts, sprang nicht auf und machte auch sonst keine Anstalten, zu reagieren. Stattdessen blieb es nur stumm auf der Bank sitzen und beobachtete aus großen, hellen Augen, wie sie näherkam.
Einen Schritt von der Bank entfernt, auf der es saß, den Kopf zwischen die schmalen Schultern gezogen und sie noch immer von unten her anschauend, blieb Madam Rosmerta stehen und sah unschlüssig auf es herunter. Sie wusste nicht recht, wie sie sich verhalten sollte. Sie selbst hatte keine Kinder und wenn einmal Kinder in ihren Pub kamen, die jünger waren als die Drittklässler aus Hogwarts, die an ihren Hogsmeade-Wochenenden ins Dorf kamen, dann waren sie stets in Begleitung ihrer Eltern, an die sie sich wenden konnte. Nachdem sie einen Augenblick nachdenklich geschwiegen hatte, während dem das Kind den Blick nicht von ihr abgewandt hatte, sagte sie unsicher, aber freundlich: „Hallo. Was machst du denn hier, so ganz allein?“
Das Kind, es war ein Mädchen, wandte plötzlich den Kopf ab und sah zur Seite. Dann sagte es leise: „Ich darf nicht mit Fremden reden.“
Überrascht sah Rosmerta das Mädchen an, doch es hielt den Blick stur von ihr abgewandt, als könnte sie dadurch ungeschehen machen, dass jemand da war. Nachdenklich fuhr sich Rosmerta mit der Zunge über die Unterlippe und überlegte, was sie jetzt tun sollte, dann seufzte sie und setzte sich mit einer Armeslänge Abstand neben das Kind auf die Bank. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie es sich kurz zu ihr umdrehte und dann sofort wieder wegsah.
Geradeaus schauend, ohne das Kind dabei anzusehen, sagte Rosmerta schließlich in die Stille hinein, wie zu sich selbst: „Ich heiße Rosmerta. Mir gehört das Drei Besen, eine Gaststube hier in Hogsmeade. Man kann das Haus von hier aus sehen, am Ende der Straße, wo sie einen Knick macht. Es ist das große mit dem spitzen Dach und dem Schild über der Tür.“ Während sie sprach, schielte Rosmerta aus den Augenwinkeln zu ihrer Sitznachbarin herüber und sah, dass das Mädchen den Kopf gehoben hatte und in die Richtung schaute, die sie beschrieb. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und sie fuhr fort: „Unten im Erdgeschoss liegt der Schankraum und darüber wohne ich. Es gibt auch zwei kleine Gästezimmer, die ich an meine Gäste vermiete, wenn sie über Nacht bleiben wollen. Und morgens, wenn sie ausgeschlafen haben und runterkommen, mache ich Frühstück für sie und mich und die Leute aus der Nachbarschaft, die zum Frühstücken kommen. Dann gibt es Kürbissaft und Tee und Kaffee, Eier und Speck, Brot mit Käse und Wurst und Marmelade...“ Wieder warf sie dem Mädchen einen Blick aus den Augenwinkeln zu und diesmal begegnete sie seinen großen Augen, aus denen es sie neugierig ansah und ihr lauschte. Rosmerta verstummte und lächelte. Dann sagte sie, als hätte sie gar nicht bemerkt, dass das Kind ihr zugehört hatte: „Oh, hallo.“
„Hallo“, antwortete es.
„Darfst du denn mit Fremden wie mir reden?“, fragte Rosmerta unschuldig.
„Du bist aber doch gar nicht fremd“, widersprach das Mädchen, als sei es das Offensichtlichste auf der Welt: „Du heißt Rosmerta. Dir gehören drei Besen.“
Sein letzter Satz brachte Rosmerta zum Schmunzeln. „Ja, stimmt. Und wie heißt du?“
„Malin“, sagte das Mädchen und lächelte sie an.

„Und was machst du hier, Malin? Wie kommt denn ein kleines Mädchen wie du mitten in der Nacht auf einen Bahnhof?“
„Mit dem Zug“, kam die Antwort prompt und begleitet von einem so unschuldigen Blick, das Rosmerta das Lachen im Hals steckenblieb.
„Du bist ganz alleine mit dem Zug gekommen? Ohne deine Eltern?“
„Meine Mamma hat mich zum Zug gebracht. Sie hat gesagt, ich muss in Hogsmeade aussteigen.“
„Holt dich denn niemand ab?“, fragte Rosmerta ungläubig.  Sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand seine kleine Tochter – Ja, wie alt mochte das Mädchen überhaupt sein? Drei? Vier? – ganz allein in einen Zug setzte und auf die Reise schickte, ohne ganz sicher zu sein, dass an deren Ende jemand wartete, der sie sicher in Empfang nahm. Allein die Vorstellung, was alles hätte passieren können, wenn jemand anderes als sie das Kind als Erstes gefunden hätte, ließ sie schaudern.
Malin sah sie nur an und zuckte die Achseln.
Rosmerta schloss die Augen und atmete tief durch, gegen die Wut auf diese verantwortungslose Mutter an, die sich in ihr zusammenbraute. [i]Wenn ich die jemals in die Finger bekomme...![/i], dachte sie, besann sich dann aber, als ihr klar wurde, dass sie der Kleinen mit ihren unausgesprochenen Verwünschungen auch nicht weiterhalf.
„Zu wem möchtest du denn? Willst du jemanden besuchen?“, fragte sie stattdessen.
Anstatt zu antworten, zog Malin die bloßen Hände, auf denen sie die ganze Zeit gesessen hatte, unter ihren Oberschenkeln hervor und nestelte an dem Reißverschluss ihres Mantels herum. Sie zog ihn ein Stück auf, schob eine Hand unter ihre Jacke und als sie sie wieder hervorzog, hielt sie ein Stück Papier in der Hand. Sie hielt es ihr hin.
Kurz wartete Rosmerta auf eine Erklärung, doch als keine kam, nahm sie den Zettel an und entfaltete ihn. Sie brauchte nicht lange, um zu lesen, denn auf dem Papier standen nur zwei Worte. Es war ein Name.
Über den Rand des Papiers hinweg sah sie Malin an. Die Miene des Mädchens verriet in keiner Weise, was sie dachte oder fühlte, während sie ihren Blick erwiderte. Schließlich räusperte sich Rosmerta. Sie faltete den Zettel wieder zusammen und gab ihn Malin zurück, die das Papier umsichtig in ihrer Jackentasche verstaute.
„Ich weiß, wer das ist. Möchtest du, dass ich dich hinbringe?“
Malin nickte.
Rosmerta stand auf und lächelte sie aufmunternd an. Als das Mädchen von der Bank rutschte, hob sie mit einer Hand den kleinen Koffer auf, der zu den Füßen des Mädchens gelegen und ihm offenbar als Stufe gedient hatte, um auf die Bank zu klettern, die andere hielt sie ihm hin. Malin schob die kleine Hand in ihre größere und verschränkte die Finger mit ihren. So gingen sie nebeneinanderher, stiegen die Stufen vom Bahnsteig herunter, die Straße entlang und bogen dann auf den Weg ein, der hoch zu Schloss Hogwarts führte.
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