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Nimmerkurs

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
Captain Jack Sparrow Elizabeth Swann Gillette James Norrington Lord Cutler Beckett OC (Own Character)
05.10.2020
08.04.2021
13
30.273
5
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05.10.2020 2.394
 
Ein herzliches Hallo,

und willkommen zu einer neuerlichen Reise mit Commodore Norrington! Der Sommer mag endgültig vorüber sein, aber das soll mich nicht davon abhalten, ein paar karibische Gefühle zu verbreiten. Wer "Nimmerfahrt" kennt, weiß, was ihm bevorsteht, wer aufgrund der angegebenen Figuren hier ist, dem kann ich zwei Dinge versichern: Ihr benötigt nicht zwingend Vorkenntnisse, um der Handlung folgen zu können, auch wenn ich mich selbstredend freuen würde, solltet ihr einen Blick in den ersten Teil werfen. Außerdem (und das könnte enttäuschen) werden Captain Sparrow und Miss Swann noch ein wenig auf sich warten lassen.

Wie gehabt wird dies ein Crossover mit "Peter Pan" sein und wir beginnen beinahe da, wo "Nimmerfahrt" aufgehört hat. Zeitlich bewegen wir uns ungefähr am Anfang des zweiten Films, auch wenn diese Geschichte hier ganz eigenständige Wege geht.

Es würde mich wahnsinnig glücklich machen, ein paar Leser des ersten Teils hier wiederzusehen bzw. - zu lesen und ich hoffe sehr, dass die Fortsetzung euren Erwartungen gerecht wird, auch wenn ich beinahe drauf wetten möchte, dass ich euch an der ein oder anderen Stelle überraschen kann. ;-)

Genug der Vorrede, viel Spaß beim ersten Kapitel wünscht euch,
Bell


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1

– Gebrochenes Herz –



Er war fort.
 
Egal, wie entschlossen sich der Wind gegen das Schiff stemmte, wie kräftig die Wellen umeinander schlugen, die Trennung war unabänderlich. Herbeigeführt durch ihre eigenen Hände, ihren dummen, völlig lächerlichen Willen, ihn zu retten.
 
Wovor denn? Dem Zorn eines tyrannischen kleinen Jungen, der ihn noch nicht einmal kannte – oder doch eher vor dem, was in ihr lauerte, was sie war und immer sein würde, gleichgültig, wohin sie floh?

Möglicherweise war dies die größte Lüge in diesem verworrenen Spiel, das sich ihr Leben schimpfte: Der Glaube, sie könnte ihre wahre Natur abstreifen wie eine lästige Hülle, um ein neues Kleid anzulegen; das einer gewöhnlichen Frau. Sie hatte es versucht und zumindest einen Augenblick lang hatte sich der fremde Stoff beinahe gut angefühlt, passend, anschmiegsam. Neue Hoffnung war aufgekeimt, sie war sogar bereit gewesen, einen Versuch zu wagen, indem sie sich den Erwartungen unterwarf, die an dieses neue, ihr völlig unbekannte Leben an einem Ort namens Port Royal gestellt werden würden. Sie hatte sich verwandeln, zu einer besseren Person werden wollen – für ihn.

Aber dann war die Bestie aufgetaucht und hatte sie durchschaut. Schrecklich, wie leicht ihr dies gefallen war. Ohne Rücksicht auf Nemos Zartgefühl hatte sie den vermeintlichen Wunsch nach Freiheit seziert und ihr unmissverständlich aufgezeigt, was geschehen würde, sollte sie ihr neues Dasein tatsächlich auf Heuchelei und Selbstverleugnung aufbauen. Sie konnte sich selbst belügen – mit einem hohen Maß an Willenskraft sogar recht erfolgreich –, aber nicht Peter und Nimmerland. Selbst wenn sie vergaß, sie würde niemals vergessen werden.  
 
Nein, die Trennung war die einzig richtige Maßnahme gewesen, um kein Unheil über James Norrington zu bringen, sei es in Form eines rachsüchtigen Kindes oder in Gestalt eines unberechenbaren Geschöpfs, das ihm vorgaukelte, es sei eine harmlose junge Frau. Er war ein zu guter Mensch, um ein solches Übel zu verdienen, auch wenn es ihr das Herz zerriss, ihr Bild aus seinem Gedächtnis gelöscht zu haben. Sie könnte vor seinen Augen hingerichtet werden, er würde sie nicht erkennen, selbst wenn sie voller Inbrunst seinen Namen schrie.
 
Es war die erste und einzige gute Tat, die sie ihm jemals erwiesen hatte, jemals erweisen würde. Und er könnte sie weder dafür wertschätzen noch hassen, weil sie für ihn nicht länger existierte. Während sie mit seinem Bild vor Augen unterging, würde er sich in eine andere – eine echte Frau – verlieben, sie heiraten und hoffentlich glücklich werden. Das Mädchen aus dem Meer oder auch die Nixe, wie sie von seinen Männern genannt worden war, hatte es niemals gegeben. Gott, sie wollte sterben bei diesem Gedanken!
 
Schon bahnten sich die Tränen den Weg, doch sie wischte sie mit einer entschiedenen Armbewegung fort. Niemals würde sie diesen Tieren, unter denen sie nun zu leben gezwungen war, eine solche Genugtuung gönnen. Und schon gar nicht ihr, der Bestie, der sie ihr Elend zu verdanken hatte und die ihr selbst jetzt keine Ruhe lassen wollte, obgleich sie beide wussten, dass es aus ihren Fängen kein Entrinnen gab. Unablässig wurde sie von ihr beobachtet, wann immer sie ihre Füße auf das Deck setzte. Es war ein Blick, der Triumph und Besitzerstolz ausdrückte, der sie erniedrigte und demütigte, jeden Tag, jede Stunde, jede verdammte Minute.
 
Auch jetzt, als sie mit den Fingern nochmals über ihre Augen fuhr, um die verräterischen Spuren zu beseitigen, stand die Bestie in der Nähe und verfolgte jede Regung. Als gäbe es auf diesem Schiff nichts Besseres zu tun, schon gar nicht für einen Kapitän. Commodore Norrington war stets beschäftigt gewesen, hatte Anweisungen erteilt, deren Ausführung überwacht, Kontrollgänge vorgenommen, Dienstpläne geschrieben und andere Pflichten erledigt; sein Tag hatte früh begonnen, spät geendet und die Stunden dazwischen hatte er mit Arbeit auszufüllen gewusst. Ein strukturierter Alltag, sorgfältig durchgeplant, in den sie nicht hinein gepasst hatte. Anfänglich war es ihm schwer gefallen, Zeit für sie erübrigen, es war mehr eine Notwendigkeit gewesen, weil die Umstände, unter denen sie an Bord gekommen war, ihn dazu gezwungen hatten. Später hatte sich dies geändert, er erkundigte sich regelmäßig nach ihrem Wohlergehen, begleitete sie hin und wieder auf ihren Spaziergängen und lud sie letztlich sogar ein, das Abendessen am Offizierstisch einzunehmen. Privilegien, die sie als solche begriffen, aber kaum angemessen gewürdigt hatte. Was würde sie jetzt dafür geben, könnte sie die Zeit zurückdrehen und ihm begreiflich machen, wie viel ihr an ihm lag?
 
Die Bestie witterte ihren Kummer und trat näher. Nichts ergötzte sie mehr als das Leid anderer, es half ihr, das eigene Elend zu verdrängen, sich vorzumachen, sie wäre ihnen allen überlegen, obwohl sie letztlich dasselbe Schicksal teilten.
 
«Weinst du ihm noch immer nach? Vergeudete Tränen, Liebling, hebe sie dir besser für deinen Todestag auf.»
 
«Lass mich in Ruhe, Hook», erwiderte sie kalt. «Kümmere dich lieber um deine Mannschaft, mit diesem Mangel an Disziplin werden wir niemals in Nimmerland ankommen.»
 
«Oho, neuerdings besitzt du wohl Expertise in der Schiffsführung? Was so ein Ausflug in die Gefilde der Royal Navy nicht alles hervorbringt. Dein Commodore hat wohl nicht nur genommen, sondern auch gegeben, das nenne ich einen Ehrenmann!»
 
Der Hohn, den dieses fürchterliche Ungeheuer über ihr ausgoss, nagte an ihrer Beherrschung. Zu gerne hätte sie sich auf ihn gestürzt, ihm den Haken vom Armstumpf gerissen und ihm damit beide Augen ausgestochen, allein schon, damit er sie nicht länger anstarren konnte, doch sie war entschlossen, diesem Drang nicht nachzugeben. Selbst wenn es James Norrington nichts mehr bedeuten mochte, wollte sie ihm beweisen, dass sie der Mensch sein konnte, den er in ihr gesehen hatte. Und der würde sich niemals zu derartigen Gewalttaten hinreißen lassen, ganz gleich, wie sehr ihre andere Natur nach Captain Hooks Blut lechzte.
 
Also rang sie den Sturm der Empörung, den seine Worte in ihr entfacht hatten, mühsam nieder und begnügte sich damit, ihre Hände zu Fäusten zu ballen, die Fingernägel tief in die Haut zu bohren. «Ich will nicht, dass du so über ihn redest.»  
 
Für diesen, zwischen den Zähnen hervor gepressten Satz hatte der Pirat nur ein selbstgefälliges Schmunzeln übrig. «Du musst niemandem etwas beweisen. Mir schon gar nicht, ich weiß, was in dir vorgeht. Ich kenne dich besser als jeder andere auf diesem Schiff der Verdammten.»
 
Sie erwiderte nichts, wandte den Blick demonstrativ auf das Meer und wünschte sich sehnlichst, er möge endlich verschwinden. Weit davon entfernt, ihr diesen Gefallen zu erweisen, blickte er an ihr hinab, musterte einmal mehr ihren hässlichen Mantel – das Einzige, das sie sich neben einem Stück Papier gestattet hatte, von Bord der ‹Alexandria› mitzunehmen, wenngleich es streng genommen eine unbefugte Entwendung und damit eine Straftat war (für die sie allerdings niemand jemals belangen würde) –, und ihre nackten Füße.
 
«Ich habe dir gestattet, die Tage an Deck zu verbringen, damit du mein Schiff in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, nicht, damit du stundenlang auf die Wellen starrst und dir die Augen ausheulst», ließ er sie wissen. «Beweg' dich gefälligst, mach dich nützlich.»
 
«Das Schiff heilt bereits», entgegnete sie gleichgültig.
 
«Aber es könnte ein wenig schneller gehen oder meinst du, es bereitet mir Vergnügen, dem Holz beim Verrotten zuzuhören?»
 
Wütend fuhr sie herum, schaute zu ihm auf. «Ich bin keine Wunderheilerin, Hook, und auch keine Fee, die du auspressen kannst. Sei unbesorgt, dein Schiff wird sich erholen, auch wenn sein gegenwärtiger Zustand erbärmlich ist.»
 
Rasch hatte er sie bei den Haaren gepackt, presste ihren Kopf in den Nacken und erwiderte ihren verächtlichen Blick. Er stand ihr in nichts nach, weder damals noch heute; Captain Hook mochte kein Nimmerländer sein, aber sein langer Aufenthalt in ihrer Heimat hatte ihn denselben leidenschaftlichen Hass gelehrt.
 
«Hüte dich, Namenlose», zischte er warnend. «Dir Bewegungsfreiheit zu gestatten, war reiner Großmut, ich kann dich jederzeit wieder in die Zelle sperren. Auf diesem Schiff hast du keine Gefälligkeiten zu erwarten –», erneut blickte er an ihr hinab und fühlte sich bemüßigt, in abfälligem Ton anzufügen: «– schon gar nicht in diesem Aufzug.»
 
Sie riss sich los (was ihr einen stechenden Schmerz und ein paar ausgerissene Haare einbrachte, aber das war es wert,) und funkelte ihn an. «Ich hoffe, Peter wird dich töten. Und ich hoffe, er wird das Krokodil benutzen, um dich deinem verdienten Ende zuzuführen.»
 
«Geh mir aus den Augen, liederliches Weibsstück!» schrie er außer sich, hob den Haken und machte Anstalten, sie zu schlagen, doch sie schlüpfte unter seinem Arm hindurch und eilte davon. «Smee!» hörte sie ihn hinter sich nach dem Bootsmann rufen, einer widerlichen, schleimigen Ratte, die sich nicht zu schade war, vor dem Kapitän zu kriechen, wann immer sie Gelegenheit dazu witterte.
 
Prompt eilte ein kleiner Mann herbei – er war wirklich klein, selbst Nemo überragte ihn um mindestens einen Kopf –, der mit dem Attribut rundlich treffend beschrieben war, denn tatsächlich war alles an ihm rund: sein Gesicht, sein Körper, ja, sogar seine Nase. Er war irischer Abstammung, wie er stets betonte, wenn es galt, sich aus einer unliebsamen Angelegenheit herauszuwinden. Aus unerfindlichen Gründen hatte er mit dieser Methode sogar Erfolg, zumindest unter seinen Kameraden; Captain Hook interessierte weder seine Herkunft noch sein eklatanter Mangel an Intelligenz; sobald er eine Aufgabe für Smee fand, bestand er darauf, dass dieser sie ausführte. Dabei war der Bootsmann ein ausgewiesener Angsthase – von den Fußsohlen bis zu den Haarspitzen mit Feigheit erfüllt. Sollte es brenzlig werden, konnte man darauf vertrauen, dass dieser Pirat (der diesem Titel keinerlei Ehre machte) als Erster das Weite suchte. Sogar jetzt, als er angewiesen wurde, Nemo zurück in die Brig zu schaffen, wand er sich wie ein Aal, um der unliebsamen Verpflichtung zu entgehen, aber kaum richtete sein Vorgesetzter die geladene Pistole auf seine Stirn, gab er nach.
 
«Keine Dummheiten, verstanden?» versuchte er der Namenlosen gegenüber so etwas wie Autorität zu wahren, trotz seiner dünnen Stimme, die in ihren schlimmsten Momenten eher an das Piepsen eines verschüchterten Vogelkükens erinnerte. Es genügte ein drohender Blick und er zog den Kopf ein, huschte zügig voran, um sie unter Deck zu geleiten und schließlich hinter Schloss und Riegel zu verwahren, wobei er es nicht unterlassen konnte, erleichtert aufzuseufzen, sobald er den Schlüssel abgezogen hatte.
 
«Der Capt'n hätt' dich niemals an Bord lassen solln», meinte er bedauernd. «Hab' ihm gesagt, 's würd' 'n verdammtes Unglück bringen, aber er wollt nich hör'n.»
 
«Scher dich fort!» fauchte sie ihn an und er eilte davon, so schnell es seine kurzen Beine ihm erlaubten.
 
Die Zelle war klein, von Ecke zu Ecke waren es jeweils drei Schritte, wie sie gleich in den ersten Minuten ihrer Ankunft ausgezählt hatte. Ein zu langer Aufenthalt ließ Beklemmung aufkommen, vor allem die Nächte waren scheußlich; sie bekam kaum ein Auge zu, weil der auf ihrer Brust lastende Druck unerträglich schien und falls die Erschöpfung sie irgendwann doch in einen unruhigen Schlaf trieb, jagten Albträume sie wenige Stunden später wieder auf die Beine. Sie wusste, es war der Fluch, der nach ihr griff.
 
Die ‹Jolly Roger› war durchdrungen von nimmerländischem Einfluss; er hatte sich tief ins Holz des Schiffskörpers gefressen, haftete auf den Planken, an den Segeln, verbarg sich im Essen, das die Männer tagtäglich zu sich nahmen und sogar auf Captain Hooks Kopfkissen. Er war überall, Nemo spürte ihn an ihren Füßen, wenn sie ruhelos über das Deck streifte und er kribbelte in ihren Fingerspitzen, sobald sie die Reling berührte; während die Mannschaft ihn kaum wahrzunehmen schien, obgleich er ihr Blut vergiftete und sicherstellte, dass sie Nimmerland weiterhin dienten, setzte er Nemo mit jedem Tag mehr zu. Zuerst waren es nur schreckliche Träume gewesen, inzwischen kratzte der nimmerländische Staub in ihrer Lunge, als würde er eine Erkältung ankündigen, außerdem fühlte ein dumpfes Pochen in den Schläfen. Sie mochte sich kaum ausmalen, was mit ihr geschah, sobald sie die Gewässer ihrer Heimat erreichten.
 
Achtsam blickte sie um sich, doch sie war mutterseelenallein, hatte nichts zu befürchten. Schnell griff sie in ihre Tasche, holte einen zerknitterten Zettel hervor und faltete ihn auf. Nichts als ein Stück abgerissenes Papier, aber es war ihr teurer als ihr eigenes Leben. Mit Tinte waren zwei Wörter darauf vermerkt worden, die einen lieb gewonnenen Namen bildeten:

 James Norrington


Augenblicklich ging es ihr besser. Alle Wut und Verbitterung, alle Verzweiflung fiel von ihr ab. Diese Buchstaben zu lesen, bedeutete Balsam für ihre verwundete Seele, ließ sie neue Kraft schöpfen. Es war alles, woran sie sich in diesen düsteren Stunden klammern konnte, einen anderen Halt hatte sie nicht mehr. Der Träger des Namens mochte sie vergessen haben, doch die Erinnerung an ihn bewahrte sie davor, vollends den Verstand und damit sich selbst zu verlieren. Sie wollte die Person bleiben, die er kennen und vielleicht auch schätzen gelernt hatte. Nein, er hatte sie ganz bestimmt geschätzt, andernfalls hätte er sich niemals für sie eingesetzt als die Bestie ihre Herausgabe gefordert hatte. Zum Dank hatte sie ihn verraten, enttäuscht und mit einem Feenbann belegt.

Er würde es nie erfahren, aber er war ein Mann, zu dem sie stets aufblicken würde. Alles, was sie jetzt noch für ihn tun konnte, war in seinem Sinne zu handeln, damit sie sich nicht schämen musste, sollte sie ihm in einer anderen Welt gegenüberstehen.
 
Sie wollte stark bleiben, für ihn.  
 
Bis zum letzten Atemzug.
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