Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Liebe / Allgemein / "Sam"

 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

"Sam"

von Aurum
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
05.10.2020
05.10.2020
1
3.873
9
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
05.10.2020 3.873
 
"Sam"


Es ist der Mann mit der schwarzen Maske, der Fjo aus dem Konzept bringt. Der Mann mit den hellbraunen raspelkurzen Haaren und der schwarzen Maske, die sein ganzes Gesicht bedeckt.
Der Mann sieht nicht seltsam aus, macht keine seltsamen Dinge und sticht auch sonst nicht aus der Menge hervor. Er ist schlank, aber scheint durchtrainiert zu sein – dem dunkelblauen langärmligen Hemd nach zu urteilen, welches an den Oberarmen leicht spannt. Sein knackiger Hintern steckt in einer schwarzen Stoffhose und über dem Hemd trägt er ein schwarzes Sakko. Nichts Besonderes für die meisten Menschen, aber sehr attraktiv in Fjos Augen. Trotzdem sollte das kein Grund sein ihn so dermaßen aus dem Konzept zu bringen.
Nein, dafür gibt es einen anderen Grund.

Und wieder erwischt Fjo sich dabei, wie er den Mann mit der schwarzen Maske anstarrt. Schnell wendet er den Blick ab. Der Typ ist schließlich mit einer zierlichen blonden jungen Frau hier und definitiv nicht um sich von jemanden wie Fjo abschleppen zu lassen. Und Fjo ist ja auch nicht hier um jemanden abzuschleppen.
Fjodor drehte die Bierflasche in seiner Hand. Es ist erst die zweite im Laufe dieses Abends. Beinahe dreiundzwanzig Uhr bestätigt ein Blick auf seine Armbanduhr. Nicht mehr lange, und er könnte gehen. Morgen ist schließlich Montag und er musste früh wieder arbeiten. Das sollte als Ausrede genügen.  

Er kommt sich fehl am Platz vor. Zwischen all den berühmten und bekannten Persönlichkeiten auf diesem Maskenball war er ein Nichts. Ein nichts und niemand. Es ist ein Reiterball für die Reiter der diesjährigen Meisterschaft. Die Veranstalter dachten sich wohl, ein normaler Ball wäre zu langweilig, warum zwingen wir nicht alle Menschen eine Maske zu tragen?
Fjo verdreht die Augen innerlich. Die Masken nerven, sie kratzen und sie behindern die Sicht. Der Raum war durch die Menschen sowieso schon warm und die Masken halfen nun nicht gerade.

Der Mann mit der schwarzen Maske tanzt mit der wunderschönen jungen Frau.
Ein Walzer, glaubt Fjo. Aber Ahnung von Musik oder Tanzen hat Fjo eigentlich nicht. Noch ein Grund warum er sich fehl am Platz fühlt. Scheinbar wird erwartet, dass jeder Mensch tanzen kann!
Erst wird verlangt, dass man Ewigkeiten den trockenen Reden irgendwelcher Reiter und Veranstaltern und weiß Gott wem noch anhört und dann durfte man den lieben langen Abend tanzen. Genau Fjos Fall.
Nicht.

Nach einem weiteren Schluck ist auch diese Bierflasche leer. Fjo stellt sie auf einem der unzähligen Stehtischchen ab und schlängelt sich mit den Händen in den Hosentaschen vergraben Richtung Toiletten. Seine Begleitung, sein Schwester Anouk, ist auf eben jenen schon seit einer halben Bierflasche verschwunden. Fjo beginnt sich Sorgen zu machen.

Ja, die Familienverhältnisse zu Anouk sind kompliziert, aber er mag die mittlerweile nicht mehr ganz so Kleine und es wäre ungerechtfertigt sie jetzt nicht suchen zu gehen.
Genaugenommen ist Anouk nur seine Halbschwester. Sie haben den gleichen Vater aber er hat eine andere Mutter und entspringt einer kurzen heißen Liebschaft. Seitdem Fjo denken kann, feinden sich seine und Anouks Mutter an, was darin gipfelte, dass er seinen Vater nur alle zwei Wochen am Wochenende sehen durfte. Seine Mutter, eine gebürtige Russin, gab ihm auch den Namen `Fjodor`, welchen er schon seit jeher abkürzte zu `Fjo`.
Das Musikstück ist zu Ende und Klatschen erfüllt den Ballsaal. Man verkündet eine kurze Pause.

Fjo kratzt sich die Bartstoppeln unter seiner Maske. Für den Maskenball hat er sich nicht rasiert, obwohl es mal dringend nötig gewesen wäre. Die letzten Wochen hatte er Urlaub und diesen in vollen Zügen am See mit ehemaligen Kommilitonen genossen. Rasieren war ihm da nicht in den Sinn gekommen.

Die Tanzpaare strömen von der Tanzfläche und schon bald steckt Fjo zwischen den ganzen Maskierten fest auf seinem Weg zu dem Gang in welchen die Toiletten liegen. Scheinbar will jetzt jeder auf die Toiletten.

Mit leise gemurmelten Entschuldigungen schiebt er sich weiter durch den riesigen Saal. Die dunkelroten Vorhänge an den Wänden und der dunkle Holzfußboden scheinen immer näher zu kommen und Fjo beginnt plötzlich alle Klaustrophobiker zu verstehen. Fjo selbst ist nicht klaustrophobisch und hat es auch nie wirklich nachvollziehen können, doch jetzt zwischen all den Menschen, und der Wärme in dem Ballsaal… ja, er konnte nun durchaus nachvollziehen wie es sich anfühlen müsse.
Über sich selbst den Kopfschüttelnd schiebt Fjo sich weiter durch die Menschen.

Und dann sieht er ihn wieder - den Mann mit der schwarzen Maske. Plötzlich so nah. Steht da und redet mit seiner Begleitung. Einen Arm lässig um ihre Hüfte gelegt, strahlen seine blauen Augen unter der Maske und das glockenhelle Lachen seiner Begleitung ertönt. Oder bildet Fjo sich das nur ein? Durch das ganze Stimmengewirr wäre es theoretisch nicht möglich es zu hören. Egal. Egal. Egal.

Fjo ist gedankenverloren stehengeblieben und beobachtet das Paar. Alles an dem Mann kommt ihm bekannt vor, doch er kann nicht ein einziges Detail zuordnen. An so einen attraktiven Typen würde er sich doch sicher erinnern! Das, und nur das (redet er sich ein. Aber wenn man es reell betrachtet: wen würde so ein attraktiver Typ nicht aus dem Konzept bringen?), bringt ihn aus dem Konzept. Woher kennt er den Kerl?
Er kennt niemanden mit kurzen hellbraunen Haaren und schon gar nicht dieses wunderschöne Mädchen mit den blonden Locken. Würde er auf Frauen stehen, wäre er ihr auch schon längst verfallen. Die Kleine ist wirklich hübsch.

Fjo merkt erst, dass er die beiden schon eine ganze Weile angestarrt haben muss, als sich der Blick aus den blauen Augen plötzlich in seinen bohrt.  
Es fühlt sich an wie Sekunden, nein eher Minuten und vielleicht auch Tage. Ganz klischeehaft scheint die Welt still zu stehen und Fjo WEISS, dass er diese Augen kennt. Nur eben nicht woher. Kein Bild regt sich dazu in seinem Kopf sondern nur das Wissen, dass er diesem Mann schon einmal begegnet sein muss.
Dieser erwidert seinen Blick. Fjo kann nichts aus den Augen lesen.

Blondlöckchen zieht an seinem Sakko und der Mann mit der schwarzen Maske reißt seinen Blick los und wendet sich seiner Begleitung zu. Auch Fjo reißt sich los und hastet nun endlich zu den Toiletten. Er hält sich nicht mit Entschuldigungen auf, sondern drängelt sich dreist durch die Menschen. Nur Anouk zu Liebe ist er überhaupt hier! Also sollte sie sich jetzt auch wider hier blicken lassen.
Es wird schon nichts passiert sein. Nicht hier, auf dieser Veranstaltung.

Der Gang in dem die Toiletten liegen ist voll. Frauen mit Masken und wunderschönen Kleidern stehen Schlange vor der einzigen Damentoilette. Nur vereinzelte Männer verschwinden auf dem Männerklo.

Er entdecke Anouk ganz vor in der Schlange mit zwei Mädchen redend. Gerade als er ankommt, verschwinden die beiden Mädchen auf der Toilette und Anouk wendet sich freudestrahlend ihm zu. Ihre bunte Halbmaske mit den Federn wippt aufgeregt als sie sich bei ihm einhakt.
„Na, hast du dir schon Sorgen gemacht?“, fragt sie kichernd.
Fjo verdreht die Augen und grinst Anouk schließlich an. „Dich würde doch sowieso jeder zurück bringen“
Anouk zieht gespielt beleidigt eine Schnute und piekt ihn in die Rippen. „Pff!“

Sie treten zurück in den großen Ballsaal. Die Tanzpaare sammeln sich wieder vermehrt auf der Tanzfläche. „Fjooo…können wir tanzen?“, fragt Anouk mit großen Augen plötzlich.
„Ich kann doch gar nicht tanzen!“, antwortet Fjo ihr abwesend. Unwillkürlich scannt er den Raum nach dem attraktiven Unbekannten.
Anouk seufzt. „Achso. Schade“, auch sie durchsucht den Raum nach jemanden.
„Mh“, nickt Fjo. „Such dir doch jemanden, der mit dir tanzt“

Sie stehen an einem kleinen Stehtischchen und Anouk spielt gedankenverloren mit der Tischdecke. „Ja, sicher“, Anouk verdreht die Augen. Bevor es zu einem Streit kommen kann, kommen Anouks Freundinnen von der Toilette wieder und die drei Mädchen verschwinden leise kichernd in den Menschenmassen.


Fjo schlendert zu der Bar an der Stirnseite des Ballsaales und lehnt sich lässig an die Theke. Eine weitere Flasche Bier ist schnell bestellt und Anouk entdeckt er schließlich auf der Tanzfläche mit einem jungen Mann tanzend, der sie nahezu anzuhimmeln scheint, den Blicken, die er ihr unter der Maske zuwirft, nach zu urteilen.
Fjo bekommt sein Bier und lässt sich auf einen Barhocker gleiten. Sein Blick durchquert den Raum ein weiteres Mal und bleibt wieder an Anouk tanzender Gestalt hängen.

Beinahe stößt er sein Bier um als sich plötzlich eine kühle Hand auf seinen Oberschenkel legt. Er spürt die angenehme Kühle durch den Stoff seiner Anzughose auf der Haut. Viel zu schnell wird die Hand weggenommen und Fjo ist gezwungen zu dem Besitzer der Hand aufzusehen.

Stechend blaue Augen blicken zurück.
"Ich bedauere euren Streit mit angehört zu haben. Es tut mir leid, dass Ihre wunderschöne Begleitung nun mit einem anderen tanzt", die Stimme des Fremden klingt dunkel und melodisch. Die Maske verdeckt einen guten Teil des Gesichts und nur ein Streifen des Kinns wird von der üppigen Schmückung der Maske ausgelassen. Da scheint jemand den Maskenball wohl ernst zu nehmen.

Fjo schüttelt leicht den Kopf. "Ist schon gut. Sie ist alt genug", antwortet er leicht verspätet. Möglichst unauffällig betrachtet Fjo die Statur des Mannes und was er sieht, lässt ihn durchaus schlucken. Schlank und durchtrainiert. Wie er schon angenommen hatte. Definitiv attraktiv und ein Traum vieler Mädchen und einiger Männer.

Der Mann lässt seinen Blick zu Anouk schweifen. "Sie ist gar nicht ihre Freundin?"
Fjo reißt seinen Blick los und schüttelt lachend den Kopf aufgrund dieser Vorstellung. Er bekommt nun wieder die ganze Aufmerksamkeit des Fremden. Dieser setzt noch einen drauf: "Das kann ich bei jemanden wie Ihnen mir gar nicht vorstellen"
Fjo geht nicht auf den Kommentar ein und stellt sein Bier ab. War das etwa ein Flirtversuch?

Er streckt die Hand aus. "Fjodor. Bleiben wir doch beim Du"
Der Mann ergreift sie. "Ich weiß" Der Mann hat einen festen Händedruck. Woher weiß-
"Ich bin Sam. Kommst du mit raus?"



Und da dämmert es Fjo, woher er die Augen kennt.
Er nimmt seine Bierflasche und nickt. "Sicher. Hier drinnen redet es sich scheiße"
Tausend Gedanken schwirren ihm durch den Kopf.
Sam nickt zustimmend und schlängelt sich durch die Menschen in Richtung des großzügigen Balkons des Schlossgebäudes. Mehrmals blickt er sich um, um zu sehen ob Fjo ihm noch folgt.
Fjo folgt ihm.

Es wird nun zunehmend schwerer den Alkohol in seinem Blut zu leugnen. Sams Arsch in der schwarzen Hose sieht gut aus. Und der Raum um ihn herum dreht ein bisschen. Fjo gibt sich innerlich eine Kopfnuss wegen des Gedankens. Er kennt Sam schon lange und hat Sam schon zu lange nicht mehr gesehen. Finger weg.
Fjo hat Alkohol noch nie gut vertragen.

Endlich erreichen sie den großen Balkon und treten in die kühle Nachtluft hinaus. Einige vereinzelte Paare stehen schon an den auch hier verteilten Tischchen und flüstern miteinander.
Fjo nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und folgt Sam zur steinernen Balustrade. Die kühle Luft macht seinen Kopf etwas klarer und vertreibt den leichten Alkoholschleier effektiv.
Stumm stehen sie beide nebeneinander und betrachten das nächtliche Städtchen unter sich, welches sie beide so gut kennen. Fjo ist der Erste, der sich die Maske vom Gesicht zieht. Kurz darauf folgt Sam seinem Beispiel. Fjo erhascht einen Blick auf das im Schatten liegende Gesicht seines ehemaligen Freundes. Die Schatten zeichnen tiefe Falten und die milimeterkurzen Haare wirken ohne die kunstvolle Maske noch militärisch-akkurater.
Nur seine blauen Augen leuchten wie eh und je.
Fjo fühlt sich schäbig mit dem anderhalbwochen-Bart und den gewohnt längeren dunklen Haaren neben Sam mit dem Militärhaarschnitt und glattrasiertem Gesicht. Doch Sam schenkt ihm nicht einen Blick sondern betrachtet nur die Stadt. Er steht vornübergebeugt und hat die Unterarme auf das breite Steingeländer gelegt.

"Wunderschön, nicht wahr?", fragt Fjo schließlich nach Minuten des Schweigens. Er weiß nicht, wie er dieses Gespräch besser anfangen könnte.
"Ja", antwortet Sam schlicht. War es nicht Sam, der gerne reden wollte? Und was war jetzt genau mit dem kleinen Flirtversuch an der Bar? War es wirklich ein Flirt? Oder nur ein guter Gesprächsaufhänger?

Fjo dreht dem nächtlichen Panorama den Rücken zu und lehnt sich an das Geländer. Er blickt Sam nun direkt an. Studiert das junge Gesicht mit den vielen Falten aufmerksam. Sie sind nicht so tief wie die Schatten sie zeichnen stellt Fjo erleichtert fest und die kurzen Haare sehen eigentlich eher weich aus.

"Wo bist du gewesen, Sam?"
Der größere antwortet nicht sofort. Er überlegt sich genau was er sagt. Fjo kann immernoch jeden Gesichtsausdruck Sams lesen wie ein offenes Buch.
Erst Sorge, dann Resignation und zum Schluss eine Erkenntnis zeichnen sich auf Sams Gesicht ab.
"Hier und dort. Überall und immer mal wieder hier. Zuhause halt. Eltern besuchen und so. Aber nie lange"
Zuhause ist ihre gemeinsame Heimatstadt. Sie sind zusammen zur Schule gegangen, haben zusammen all das angestellt was Jugendliche nun mal so tun und haben zusammen über die ersten Mädchen geschwärmt.

Und dann waren sie fertig mit der Schule.

Fjo ging studieren. Erst Architektur, dann Kunst. Er war schon immer der Freigeist von ihnen beiden gewesen.  Kunst war genau sein Ding letztendlich. Er fotografierte gerne, zeichnete ganz passabel und liebte Farben.
Sam ging auch studieren. Aber woanders. Medizin. Er war klug. Wahnsinnig klug und half gerne Menschen, doch das Medizinstudium war auch für ihn hart und er musste viel lernen und so verlor sich der Kontakt im Wind.
Mittlerweile unterrichtet Fjo Kunst und Englisch am Gymnasium und hatte seit mindestens fünf Jahren nichts mehr von Sam gehört.

"Hast du dein Studium beendet?", beginnt Fjo etwas Smalltalk.
"Ja. Und du?" Sam bleibt wortkarg, aber wendet jetzt endlich den Kopf zu Fjo.
Dieser zuckt mit den Schultern. "Architektur nein, Kunst ja"
Sam grinst zum ersten Mal und dann füllt ein raues lachen den ungemütlichen Raum zwischen ihnen. "Ich wusste es doch!", lacht Sam. "Architektur war nie das richtige für dich!" Kurz ist es wie Früher.

Fjo zuckt schuldbewusst grinsend mit den Schultern. "Ja, im Nachhinein hattest du wie immer Recht" Schon damals hat Sam gesagt, dass Architektur wohl nie seins sein werde. Er war zwar ganz passabel in Mathe und all dem Kram aber die strikten Vorgaben schnürten ihm die Luft ab. Gut, das ist jetzt vielleicht etwas sehr dramatisch. Aber ein bisschen Theater wird ja wohl noch erlaubt sein.
Es fühlte sich jedenfalls eher beengend an und so schmiss Fjo das Architekturstudium, schrieb sich für Kunst auf Lehramt ein und fing nochmal von vorn an.

"Und was machst du jetzt?", fragt Sam schließlich.
"Unterrichten. Hier an unserer alten Schule"
"Ist die alte Schreckschraube noch da?", Sams Gesichtsausdruck zeigt deutlich, dass er sich an all die langen Stunden mit besagter Lehrerin zurückerinnert.
Sam spielt auf ihre alte Deutschlehrerin an. Erinnerungen werden auch in Fjo wach. "Ne. Schon lange in Rente", antwortet er leicht verspätet.
Sam seufzt und lächelt gedankenverloren. "Gut, gut. Und wer ist eigentlich die Kleine mit der du hier bist?"

Fjo grinste. „Na rate mal!“ Als Sam Anouk das letzte Mal gesehen hat, war sie gerade mal in die Schule gekommen. Nun ist sie achtzehn und beinahe fertig mit dem Abitur.
"Eine Ex?", beginnt Sam zu raten.
"Nein", antwortet Fjo wortkarg. Er will jetzt nicht mit Sam über sein verkorkstes Liebesleben sprechen. Auch wenn es schon irgendwie klar war, dass das Sams erste Idee sein müsste. Innerlich gibt er sich selbst eine Kopfnuss. Das ist ja nun wirklich eine Steilvorlage gewesen.

"...hast du denn mittlerweile überhaupt eine Freundin?", fragt Sam und bedenkt ihn mit einem verschmitzten Blick. In ihrer gemeinsamen Schulzeit hatte Fjo nie eine Freundin gehabt. Jetzt im Nachhinein weiß Fjo auch warum. Er ist halt einfach stockschwul. Aber Sam weiß das noch nicht. Das hatte sich erst im Laufe seines Kunststudiums herauskristallisiert, als er was mit einem Mitbewohner seiner WG hatte. Long Story short: es klappt natürlich nicht, aber Fjo wusste danach definitiv, dass er schwul ist.
Sam dagegen war mit seiner ruhigen aber bestimmten Art immer bei den Mädchen gelandet in ihrer Schule. Er ist groß, gut gebaut, war immer schon schlank aber durchs jahrelange Schwimmen durchtrainiert. Kurzum: Er war schon immer attraktiv. Und hatte einige Freundinnen, aber auch nie eine Längerfristige.

"Ne. Hatte nie eine und werd‘ nie eine haben", antwortet Fjo.
Sam lächelt. "Nun lass mal den Kopf nicht hängen. Irgendwann findest du schon eine!"
Fjo schaut Sam nicht direkt an. "ich such ja keine Freundin. Bin schwul" Warum auch geheim halten? Sie hatten sich zwar nie darüber unterhalten, aber Fjo wusste, dass Sam ziemlich sicher nichts gegen Schwule hatte.
Ziemlich.

Sam antwortet nicht und so schaut Fjo gezwungenermaßen doch irgendwann zu seinem ehemaligen besten Freund. Dieser schaut gedankenverloren wieder auf die nächtliche Stadt.
"Hast du was dagegen?“, fragt Fjo vorsichtig.
Sam zuckt zusammen. "nein, sicher nicht", es klingt ehrlich.
„Ich bin selber mindestens auch bi“
Scheu blickt Sam Fjo an und Fjo sieht sie innere Verletzlichkeit in Sams Blick. Er ist sich unsicher. Das kam selten vor. Fjo runzelt die Stirn.
"Du weißt das noch nicht lange, oder? Gerade erst dir selbst eingestanden?", fragt er auf gut Glück.
"Doch, schon", antwortet Sam seufzend. "Aber ich war, nachdem ich mein Studium beendet habe, ´ne Zeitlang als Arzt in dem Krankenhaus, wo meine Mutter immer gearbeitet hatte. Sie hatte mir dort ´ne Stelle als Assistenzarzt besorgt"

Fjo kennt das Krankenhaus der Nachbarstadt gut. Sie hatten dort oft Sams Mutter, eine Notärztin, besucht, wenn diese am Wochenende Schicht geschoben hatte in der Notaufnahme und wenn Fjos Vater sie mit dem Auto gefahren hatte.

Sam erzählt weiter. "Ich hatte dann dort was mit ´nem Kollegen. Und das fanden die anderen eher uncool" Sam grinst zynisch. "Und jetzt bin ich wieder hier und arbeite hier im Uniklinikum. Immerhin hab ich mittlerweile meinen Doktor"

Fjo hatte nie Ausgrenzung aufgrund seiner Sexualität erfahren müssen. Sowohl seine Kommilitonen als auch seine Arbeitskollegen sahen das alle eher locker. Seinen Schülern hatte er es noch nicht gesagt, aber da sah er eigentlich auch kein Problem.
Sein Vater hatte es ganz cool aufgenommen und seine Mutter ebenfalls nach kurzer Bedenkzeit.
Er klopfte Sam aufmunternd auf die Schulter. "Wird schon werden. Es gibt ja nicht nur Idioten in dieser Welt"
Sam nickt ihm dankbar lächelnd zu.
Wieder breitet sich Stille zwischen ihnen aus.

„Und wer ist die Kleine jetzt?“, fragt Sam und beginnt dieses Mal ihr Gespräch.
„Anouk“
Sam guckt ihn erstaunt an. „Echt? Ganz schön großgeworden, das kleine Mädchen!“ Fjo nickt zustimmen. „Ziemlich, oder?“
Und wieder verstummt die Unterhaltung.

"Und du kannst wirklich nicht tanzen?", fragt Sam plötzlich. Fjo lässt die Bierflasche, welche er halb zum Mund geführt hatte, wieder sinken. "Nein. Kein bisschen"
Sam grinst. "Okay. Komm mit. Ich zeig‘s dir" Auffordernd streckt er die Hand aus.
Fjo schüttelt den Kopf "Ne. Ich kann das wirklich gar nicht!"
Sam nimmt ihm die Bierflasche aus der Hand. Kurz berühren sich ihre Finger und Fjo fühlt wie sich eine angenehme Wärme von den Punkten, wo er Sams Finger berührt hat, ausbreitet. Schnell zieht Sam ihm die Flasche aus der Hand und unterbricht ihren Kontakt. Er streckt wieder erwartungsvoll eine Hand aus.
Seufzend ergreift Fjo diese dieses Mal. Was spricht schon gegen ein bisschen Spaß! Schließlich war er ja genau deswegen hier.

Kurz bevor sie wieder in den Ballsaal treten, setzten sie ihre Masken auf. Sam hat Fjos Hand schon längst wieder losgelassen. Und schon während sie an der Tanzfläche stehen und die anderen Paare beobachten, bereut Fjo seine Entscheidung wieder. Was wenn er sich total dämlich anstellt? Sam ständig auf die Füße tritt?
Das Stück endet und Sam zieht ihn auf die Tanzfläche.
Fjo weiß nicht wohin mit seinen Händen als Sam ihn wieder loslässt und schaut peinlich berührt auf den Boden zwischen sie. Das wird doch in einer Katastrophe enden!
Vorsichtig nimmt Sam erst seinen linken Arm und dann seinen rechten und führt sie behutsam an die richtigen Stellen. Mit einem Mal zieht Sam ihn heran. Fjo keucht und sein Blick flackert unsicher zu Sam. Dieser nickt ihm zu.

Fjo fühlt Sams Atem an seinem Hals und den weichen Stoff dessen Sakkos an den Fingerspitzen. Sams Hand an seiner Hüfte ist angenehm schwer und beruhigt ihn. Leise flüsternd erklärt Sam ihm die Schrittfolgen eines einfachen Walzers. Ganz easy eigentlich.
Eigentlich.

Dann beginnt das Stück und Sam führt ihn behutsam in den Tanz. Fjo tritt ihm auf die Füße. Mehrmals. Doch nicht so easy.
Doch Sam beschwert sich nicht. Bald schon hat Fjo den Rhythmus gefunden und Sam führt ihn bestimmt aber sanft sogar in eine Drehung.
Durch den plötzlichen Schwung fällt Fjo Sam direkt in die Arme. Der Geruch von Sams Parfüm steigt in seine Nase und die Wärme von Sams Haut auf seiner breitet sich in Fjos ganzem Körper aus.
Überdeutlich fühlt er Sams Hand in seiner und Sams bestimmten Griff an seiner Hüfte. Sam stockt kurz und führt ihn dann unbeirrt weiter.

Im Laufe des weiteren Tanzes rutscht sein Hemd hoch und Sams Finger streifen nackte Haut an seiner Hüfte. Fjo spürt Sams Atmung kurz stocken. Gutes Zeichen? Fjo genießt Sams Berührungen viel zu sehr für einfache Freundschaft.

Er lehnt sich ein weiteres Stück in die Bewegung hinein. Sie sprechen kein Wort mehr seit das Stück begonnen hat. Sam weiß wie man führt und Fjo lässt sich fallen.
Sanft beginnen Sams Finger Fjos Haut unter seinem Hemd zu streichelnd und Fjo lässt seine Hand auf Sams Schulter in Richtung Nacken wandern. Nicht nur durch das Tanzen beschleunigt sich seine Atmung. So schnell kann es gehen – vom Anstarren eines attraktiven Fremden bis zum Kuscheln mit dem ehemaligen besten Freund.

Als das Stück endet stehen sie dich aneinander gedrängt da. Fjos Blick klebt in Sams.
Erst der Auftakt des nächsten Stückes reißt sie aus ihrer Starre.
Hektisch stolpert Sam einige Schritte zurück. Sein Atem geht ebenfalls schneller als gewöhnlich.

"Du kannst ja doch ganz passabel tanzen" Sams Stimme klingt gepresst und er streicht sich sein Sakko glatt. Mehrmals. Nervös?
Fjo nimmt all seinen Mut zusammen und macht wieder einen Schritt auf Sam zu und versucht wieder Sams Blick einzufangen. Er legt seine Hand zurück in Sams Nacken und schiebt mit der anderen dessen Maske nach oben.
"An wem liegt das wohl?" Ihre Blicke treffen sich.

Sam schluckt und seine Hand findet wieder ihren Weg auf Fjos Hüfte.
Ohne weitere Worte finden sich ihre Lippen und Fjo ist Anouk wahnsinnig dankbar, dass sie für ihn nur eine Halbmaske ausgesucht hat.
Sams Lippen streifen immer wieder über seine und Fjos Hand streicht durch Sams Haare im Nacken. Die sind tatsächlich so weich wie gedacht.
Fjo öffnet leicht die Lippen um Sams Zunge einzulassen.

Beide verlieren den Überblick wie lange sie schon dastehen und sich küssen. Irgendwann müssen sie sich allerdings lösen weil die Luft knapp wird.
Sam zieht sich die Maske wieder über das Gesicht und beugt sich ganz nah an Fjo. Seine Atem streift Fjos Ohr als er flüstert: "Zu dir oder zu mir?"
Und Fjo antwortet: "zu mir"




----------
Wäre nett, wenn ihr n kurzes Review da lasst, falls es euch gefallen hat :)

- Aurum
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast