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Am Ende des Regenbogens

KurzgeschichteAllgemein / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Noah Mattes Dr. Theresa Koshka Julia Berger Mikko Rantala Tom Zondek
05.10.2020
20.11.2020
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20.10.2020 954
 
Marc Lindner saß im Wohnzimmer. Dem Wohnzimmer seiner Großtante. Es war das erste Mal seit fast sechs Jahren - seit er die Stelle am JTK angetreten hatte - dass er in der Kate übernachten würde. Es hätte ein erhebendes Gefühl sein können, wenn seine Gedanken keine Achterbahn fahren würden. Tante Marga hatte darauf bestanden, dass sie allein mit seiner Mutter Theresa an den Strand begleitete. Widerstand zwecklos. Wenn Margarethe sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es durch. Die alte Frau kannte kein Erbarmen. Kurz hatte sie ihm beim Gehen noch zugeflüstert, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Alles würde bestens verlaufen. Für Marcs Geschmack zu viele Konjunktive... .

Marcs Blick fiel auf einen Blechvogel. Er war bunt lackiert und baumelte an einem langen Faden vor dem Fenster. Es war ein Lebensvogel. Genauer gesagt Margarethes Lebensvogel. In Pommern, woher die Familie ursprünglich herstammte, hängte man ihn über die Wiege der Kinder. Aus Papier oder Stoff oder Blech. Den Kindern sollte er Glück bringen und ihr Leben begleiten. War sein Leben so verlaufen, weil ihm ein solcher Glücksbote fehlt?

Marc hielt es nicht mehr aus. Vor Angst wurde ihm übel. Er musste etwas gegen die Ungewissheit unternehmen. Er wartete schon zu lange auf Frauentrio. Und so griff er nach seiner Jacke und verließ das kleine Haus am Ende der Chaussee in Richtung Strand.

                                                    ***************************************

Über einen Nebenweg lief Noah Mattes zum Hafenbecken. Für den Reiz des abendlichen Travemünde mit den funkenden Lichtern hatte er keinen Blick. Ihn beschäftigten andere Dinge... . Obwohl er Theresa schon einige Tage nicht mehr gesehen hatte, obwohl seine Entscheidung feststand, nach Berlin zurückkehren... . Er schnaufte bei dem Gedanken. Noah hatte sich das JTK und Erfurt ganz anders vorgestellt, als er schweren Herzens die Entscheidung getroffen hatte, Berlin Berlin sein zu lassen, um seinem Herzen zu folgen.
Schnell war ihm klar, dass es für ihn schwierig werden würde am JTK. Da war Moreau... Aber vor allem er... . Marc Lindner. Wäre er geblieben, wie es sich Professor Patzelt gewünscht hätte, hätte es jahrelang Streitereien gegeben mit dem stellvertretenden Chefarzt. Ginge es allein um ihn, wäre es Noah egal gewesen. Aber da war auch noch Theresa. Egal, wie sich Theresa entscheiden würde: Ein Trio infernal würde es nicht geben ... .
Es war bewölkt, und immer wieder schoben sich große Wolken vor der den Mond. Noah Mattes saß auf einer alten wenig komfortablen Bank gegenüber eines Fischerboots. Nirgends konnte man so gut nachdenken... .

"Ist Ihnen Möves begegnet?", fragte ihn jemand mit gedämpfter Stimme.  "Möves?"Irritiert sah der Arzt den Fischer an. Jonne Trautmann blinzelte verschmitzt. Es konnte nur ein Städter sein, ein Tourist, der zu dieser Stunde auf dieser Bank saß. Wer sonst hätte die Muße dazu?  Ein Fremder um diese Uhrzeit im Hafen fiel immer auf. Fast immer. Mattes machte ein leises Geräusch... .
"Was machen Sie hier? Um diese Uhrzeit... .?", wollte Jonne wissen. Seine Neugierde hatte gesiegt. Normalerweise hielt er sich was Touristen betraf zurück. Aber dieses Mal war es anders.
"Das weiß ich auch nicht! Fragen Sie mich etwas Einfacheres!"

Die beiden Männer schwiegen wieder. Es wurde unangenehm feucht von unten. Noah Mattes musste ich ablenken, um nicht daran zu denken, wie viel lieber er jetzt in seinem Bett liegen würde. Mit Theresa.
"Es ist nur so, dass es äußerst ungewöhnlich ist, einen Touristen zu dieser Jahreszeit um diese Uhrzeit hier antreffen."
"Hm..." Eine Unterhaltung konnte man das nicht gerade nennen. Er wollte nicht über seinen Kummer sprechen, auch wenn sein Mimik und Gestik vielleicht etwas anderes sagten.
"Es geht um eine Frau? Nicht wahr?"
"Hm...", kam es einsilbig zurück.
"Habe ich recht?"
"Woher wollen Sie das wissen?"
"Es geht immer um eine Frau, wenn ein Mann sich in einen einsamen Wolf verwandelt."
Stille. Noah Mattes zog sich seinen Mantel ins Gesicht.
"Ich glaube, wir sind gleich nicht mehr allein. Noch eine einsame Seele wie Sie...! Jonne Trautmann senkte seine Stimme zu einem Flüstern. "Da ... rechts."

Ein dunkler Schatten. Kaum zu erkennen. Nur das leise Quietschen seiner Gummisohlen verriet ihn. Der Mann kam auf sie zu. Dr. Mattes ließ seine Smartphonetaschenlampe aufleuchten. Was er im Schein des schwachen Lichts sah, konnte er nicht glauben.

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Sie hatte tausend Mal überlegt, wie sie es ihm sagen sollte. Welche Worte sie benutzen sollte. Wie es es am geschicktesten anfangen sollte. Doch plötzlich war da eine große Leere. Das konnte sie doch nicht tun. Konnte es doch nicht ernsthaft erwägen. Doch, sie wollte es.

Christiane Lindner sah Theresa Koshka ernsthaft an, als erahnte sie den inneren Kampf der jungen Frau. Sah sie da auch Sorge in ihrer Miene? Hatte sie Befürchtungen? Hatte sie ihre Entscheidung vielleicht doch noch nicht getroffen. Ganz offensichtlich wollte die junge Ärztin nicht, dass man ihr in die Karten sah. Hatte sie sich für ihren Sohn entschieden? Oder hatte sie die Entscheidung gegen Marc getroffen. Theresa sah verstört aus, als sie gemeinsam mit Christiane und Margarethe das Hafenareal betrat. Je näher sie den im Hafen ankernden Fischerboten kamen, um so mehr wich ihre leichte Beunruhigung einem Sturm von Emotionen. Theresa knabberte an ihrer Unterlippe. Sie hatte mit allem gerechnet. Aber nicht damit... . Sie atmete laut. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Wie ein Hase vor der Flinte kurz vor der Flucht. Sie musste es doch geahnt haben... . Ihr musste bewusst gewesen sein, dass dieser Tag kommen würde...
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