Am Ende des Regenbogens

KurzgeschichteAllgemein / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Noah Mattes Dr. Theresa Koshka Julia Berger Mikko Rantala Tom Zondek
05.10.2020
25.10.2020
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17.10.2020 942
 
"Wir können von großem Glück sagen, dass es nicht angefangen hat zu regnet." Margarethe Christiansen wickelte ihren gestreifen langen Schal fester um ihren Hals. Es war wirklich kalt. Das musste sie zugeben, aber  Kälte klärt die Gedanken. Beseitigt mentales Chaos. Macht Platz für das Wesentliche. Kamen sie nach Hause, wollten Christiane und sie warmen Kakao kochen. Wie immer, wenn sie nach langen Spaziergängen das tiefbraune, ölige Kakaopulver im Topf mit Zucker aufkochte, freute sich Marga, wie sie von ihrer Familie genannt wurde, bereits im Vorfeld auf das Prozedere.

Theresa hatte sich etwas zurückfallen lassen. Betrachtete den Vollmond und hing wohl ihren Gedanken nach. Marga nutzte die Gunst der Stunde, dass ihre Nichte Christiane  antrieben von der Kälte nicht bemerkt hatte, dass sich die alte Frau hatte zurückfallen lassen.
"Warten Sie ab, Dr. Koshka!", Marcs Großtante lächelte. "Wenn wir wieder daheim sind, lege ich im Wohnzimmer Holzscheite in den Kamin. Und ich mache Kakao. Den besten Kakao von Welt. Das verspreche ich Ihnen." Theresa sah sie an und lächelte verhalten. Für einen Moment blieb Margarethe Christiansen stumm und überlegte. Sie knetete die Finger ihrer rechten Hand mit der linken.

"Lieben Sie Marc?" Eine Frage wie aus dem Nichts. Theresa schaute die alte Frau erschrocken an. "Ich ... ." "Lieben Sie Marc?", wiederholte Marga. "Liebt er mich?", kam es überraschend barsch zurück. "Mädchen, was ist los mit dir? Warum zweifelst du an seiner Liebe?" Theresa wirkte aufgescheucht. Sie sah aus, als wollte sie jeden Moment tot umfallen.
Margarethe runzelte die Stirn. Was war da los? Theresa Koshka wirkte sehr nervös, und ihre Hände zitterten. Allerdings nicht vor Kälte. Marcs Großtante berührte die Ärztin sanft am Oberarm. Versuchte sie damit zu beruhigen, hielt sie fest, gab ihr Sicherheit.
"Theresa, ich weiß genau, dass mein Neffe dich liebt. Sehr sogar. Vielleicht mehr als es für einen Menschen gut ist." Sie hatte die Ärztin gedutzt. Ungefragt. Aber das förmliche Sie schien Margarethe Christiansen an dieser Stelle unpassend.

Theresa Koshka blickte starr auf ihre Hände. Vor Kälte waren sie ganz weiß geworden. Es schien als würden ihr gleich die Tränen in die Augen steigen. Marga legte einen Arm um die Schultern der jungen Frau und rüttelte sie leicht. "Erzähl mir, was los ist."
Leise und stockend kam eine Antwort. "Er ... Er hat mir gesagt...ich kann das nicht."
"Was heißt das?", Margarethe hakte nach. "Marc hat mir gesagt, dass er mich nicht lieben kann. Keine Beziehung mit mir führen kann." Der alten Frau ging ein Licht auf. "Oh!" Sie ließ Theresas Schulter los und schaute sie direkt an. Sie senkte ihre Stimme. "Heißt das etwa, du glaubst immer noch, er liebt dich nicht." Jetzt hob Theresa ihren Kopf. Tatsächlich standen ihr Tränen in den Augen, und ihre Unterlippe bebte. Doch sie sagte nichts und nickte nur ganz leicht. "Mich hat doch nie jemand wirklich gewollt. Nur meine Oma." Die Stimme der Ärztin klang dünn und brüchig. "Was heißt: Dich hat niemand gewollt außer deiner Oma?"
"Meine Mutter hat mich verlassen, als ich ein Baby war. Hat sich nie um mich gekümmert. Meinen Vater kenne ich nicht." Jetzt brach ein unterdrückter Schluchzer aus ihr heraus.
"Und nun denkst du, dass es mit Marc das Selbe ist?" Es kam keine Antwort.

Die alte Frau starrte in die Luft. Sie überlegte. "Hast du dir nicht mal überlegt, dass es Marc genauso geht?" Theresa zuckte mit den Schultern. "Wieso?" Margarethe atmete einmal tief
durch. Es war nicht so, als wäre es eine große Überraschung. Sie war einundneunzig Jahre alt, und das bedeutete, dass sie in ihrem Leben viel erlebt hatte. Theresa wischte sich die Träne aus dem Gesicht. Es war ihr peinlich, dass Marcs Großtante sie so kennenlernte.

"Republikflucht." "Republikflucht?", wiederholte Theresa die Worte Margarethes. "Meine Nichte, ihr Mann und ihr zweiter Sohn... Marcs Bruder. Sie haben Marc in der DDR zurückgelassen. Damals als er einsaß." Heftiges Kopfschütteln folgte, als Margarethe daran dachte, wie ihre Nichte mit ihrer Familie plötzlich im Herbst 88 vor ihrer Tür gestanden hatte.
"Sie haben den armen Jungen ganz allein gelassen... Den Repressalien des SED-Regimes ausgesetzt und sich nie bei ihm gemeldet."  Margarethe Christiansen starrte in den bewölkten Himmel. Dann sah sie auf den Boden. "Als Marc nach der Wende im Sommer 91 entlassen wurde, wusste er nicht, wo seine Familie war. Wie vom Erdboden verschluckt. Irgendwann stand er dann vor meiner Tür.  Wie verlorenes Strandgut." Theresa schaute die alte Frau fragend an. "Was Marc bei sich trug, war ein Brief seines Vaters. Den hatten ihm die Stasi übergeben. Im Gefängnis. Darin die Botschaft, dass er es nicht wert wäre, geliebt zu werden. Dass man sich für ihn schämen müsse. Er Abfall sei. Marc hat es geglaubt. Für lange Zeit."
Der Ausdruck auf Theresas Gesicht spiegelte puren Unglauben. "Er hat es geglaubt, bis er dich traf. Mit dir entdeckte er seine Liebe. Begann zu leben.", beendete Marga ihre Erzählung.

Theresa schluckte. Das steckte also dahinter. Marc hatte geglaubt, wenn seine eigene Familie ihn nicht lieben könnte, könnte sie Theresa es auch nicht. Sein "Ich kann das nicht" war Selbstschutz. Nichts als Selbstschutz. War eine Flucht vor seinen Gefühlen. Und nicht nur das Resultat seiner Impulskontrollstörung. War sie nicht auch geflüchtet? Vor ihm. Vor Marc. Hatte sie sich nicht auch etwas vorgemacht, als sie sich als über Kopf in die Beziehung mit Mattes gestürzt hatte?
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