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Am Ende des Regenbogens

KurzgeschichteAllgemein / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Noah Mattes Dr. Theresa Koshka Julia Berger Mikko Rantala Tom Zondek
05.10.2020
20.11.2020
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05.10.2020 1.216
 
Eine heftige Böe blies ihnen ins Gesicht. Der Wind wusste nicht, was er wollte. Mal kam er von der See, brachte Salz und frische Gedanken, mal drückte er von Land gegen ihre Rücken, als hätte er etwas dagegen, dass sie widerstanden. Große Wolkengebirge jagten über den Himmel. Nur vereinzelt brachen Sonnenstrahlen durch, die ihnen das Gesicht wärmten, mit der letzten Kraft des Herbstes. Marc Lindner hielt Theresa umschlungen. Ihr Rücken presste sich an seinen Bauch. Er hatte um seine Liebe gekämpft, als er überrascht erkannt hatte, dass er lieben konnte. Wie ein kleines Wunder , so kam es dem Onkologen immer noch vor.

In stiller Übereinkunft schauten sie auf die Wellen, die sich den Sand heraufkämpften. Bald würde das Wasser ihre Schuhe erreichen. Sie waren an der See, frei. Hier durften sie sein, wer sie wirklich waren. Marc und Theresa. Mann und Frau. Kein stellvertretender Chefarzt, keine Fachärztin, kein Onkologe, keine Anästhesistin, keine Ärzte mehr. Sie waren jetzt eine Familie. Sie waren nicht mehr alleine auf dieser Welt. Dieses Gefühl der Verbundenheit ging ebenso tief wie ihre Liebe. Es war Zeit nach Erfurt aufzubrechen, aber Marc wollte dieses Gefühl, dass sein Leben endlich einen glücklichen Pfad eingeschlagen hatte, noch einen Moment länger genießen. Gerade hier in Timmendorfer Strand.

Links von ihnen lag der lange Seesteg, auf dem die Reichen und Schönen spazieren gingen und ihren Reichtum nur allzu gern zur Schau stellten. Viele von ihnen logierten im weißen Strandschloss an der Seebrücke. Keine Königinnen oder Prinzessinnen wohnten darin - sondern hauptsächlich reiche Russen und Saudis. Es war das größte Gebäude und schönste Gebäude, das Marc als Kind gekannt hatte. Wer immer es sich leisten konnte, sich dort einzuquartieren, lebte auf der Sonnenseite des Lebens. Und jetzt, wartete dort ein Zimmer auf ihn und Theresa... .

Als das Wasser die Fußspitzen der Jungen Frau erreichte, bewegte sie sich. Theresa nahm Marcs Hand, und gemeinsam stampften sie durch den feinen Sand. Gegenwind blies ihnen die Haare aus dem Gesicht. Der letzte Morgen ihres Urlaubs. Sie würden nun bald ihre Koffer aus dem Hotel holen und zum Bahnhof gehen. Die Zugfahrt nach Erfurt war recht lang. Hand in Hand liefen sie auf das prächtige Schloss zu. Die Suite war urig und hatte drei Zimmer. Lachend hatte Theresa sich am ersten Morgen beschwert, dass ihr von all dem Luxus ganz schwindelig würde. Doch sie hatte es nicht ernst gemeint. Für sie war es das erste Mal, dass sie in so einem Luxushotel übernachtete. Trotz ihres hohen Gehalts als Ärztin lehnte sie eigentlich solche Vergnügungen ab. Das Geld war ihr einfach zu schade; war sie doch in Russland unter ärmlichen Bedingungen aufgewachsen.  Sie sollten das Geld besser sparen, hatte sie Marc vorgeschlagen. Doch dieser hatte darauf bestanden. Sie würden nur einmal eine solche Reise machen. Ihre Verlobungsreise, auch wenn sie nur wenige Tage dauerte, sollte unvergesslich bleiben.

Theresa griff nach seiner Hand. "Ich fühle mich so glücklich". Marc nickte. Versonnen blickte er auf die See.  Dann sah er sie an. "Wie soll es jetzt weiter gehen. Mit uns. Gibt es ein uns für dich?"Theresa presste die Lippen aufeinander. "Sag was.", flüsterte er leise. Sie seufzte und lächelte dann. Ihre grün-braunen Augen leuchteten vor Liebe. "Brauchst du wirklich eine Antwort! Nach diesen Tagen. Nach diesen wunderbaren Tagen mit dir."
"Theresa", stieß Marc ihren Namen zärtlich aus. "Theresa. Keine Spielchen mehr. Nur noch du. Nur noch ich. . Nur noch wir." "Hm..." Marc sah die junge Frau an. Was dachte Theresa? Eine leichte Unruhe befiel ihn. "Versprich mir, dass du nichts ausplauderst. An niemanden im JTK. Wirklich an niemanden." Sie lehnte sich zu ihm hinüber und legte die Hände an sein Gesicht. "Ich verspreche es. Aber du musst mir auch etwas versprechen." "Was?" "Wenn die Zeit reif ist, wird du mich heiraten. Und irgendwann, das fühle ich, irgendwann wird die Zeit reif sein." "Gut. Ich verspreche es: Wenn die Zeit reif ist. Aber den Zeitpunkt bestimme ich. Niemand sonst. Und bis dahin. Beruflich und privat... ."

                                       *************************************

Zur gleichen Zeit in Erfurt


"Ich möchte Ihnen im Namen der gesamten Verwaltung danken. Wir haben schwere Zeiten hinter uns, und wir haben schwere Zeiten vor uns. Vieles hat sich schon geändert, und vieles wird sich noch ändern, bis wir die Corona-Pandemie überwunden haben."

Die Ärzte, Schwestern und Pfleger standen im Foyer. Besonders wohl war ihnen nicht zumute. Alle schauten Berger erwartungsvoll an. Rebecca Krieger saß im Hintergrund auf der Treppe. Die Belegschaft hatte gestern im kleinsten Kreis den 100. Geburtstag der Johannes-Thal Klinik gefeiert. Wobei man es nicht wirklich feiern nennen konnte. Julia war kaum aus dem Kinderwunschzentrum  hinaus zu bewegen gewesen, und Elias war ein ums andere Mal aus der Cafeteria hinausgegangen, um entweder nach den Patienten oder nach Ben Ahlbeck zu sehen, der im Laboratorium fleißig an seiner Hautkulturen arbeitete.

"Außerdem muss ich ihnen leider mitteilen, das wir bis auf weiteres eine Vakanz haben. Wie bestimmt allen schon aufgefallen ist, ist der Kollege Mattes nach Berlin zurückgekehrt. Bis auf weiteres wird deswegen Herr Ahlbeck Dr. Moreau bei seiner Forschung unterstützen. Für sie alle heißt das leider, dass auf Sie in diesen schweren Zeit noch mehr Überstunden zukommen wird. Seien Sie allerdings versichert, dass wir schnellst möglich nach einem Ersatz für Dr. Mattes suchen werden."

"Und wie stellt sich der das vor? Wir waren doch schon mit Dr. Mattes unterbesetzt. Und jetzt fehlt Herr Ahlbeck auch noch!", fragte Tom Zondeck nach. Es war dem Verwaltungschef unangenehm, die Frage zu beantworten. "Ich vertraue ganz auf Ihre Fähigkeiten."
"Dummschätzer!", murmelte Zondeck kaum hörbar. "Und außerdem werden Dr. Lindner und Frau Dr. Koshka am Montag wieder ihren Dienst aufnehmen. Ich denke, bis dahin werden Sie alle das Kind schon schaukeln."

Die Versammlung des Klinikpersonals löste sich auf. Nur noch Rebecca saß auf den Stufen mit Julia Berger zusammen. Alle anderen waren gegangen. Tom kam auf die beiden Frauen zu. Julia sah den Assistenzarzt an. Während sie mit den meisten freundschaftlich verbunden war, hatten Tom und sie es nie über eine rein dienstliche Beziehung hinausgeschafft. Eigentlich mochte sie ihn. Er war fleißig, überaus wissbegierig aber auf der anderen Seite auch faul und unorthodox. Er hielt sich nicht an Regeln. Und ging seine eigenen Wege, wenn er es für notwendig hielt. So richtig warm geworden waren Tom und Julia nicht mit einander. Aber wenn sie sah, wie engagiert er sich um die die Patienten kümmerte ... verlangte es von ihr höchste Hochachtung vor ihm ab.

Rebecca stand auf.  "Das kann ja schön was werden! Warum ist eigentlich Dr. Mattes weg? So überstürzt. So plötzlich!" Als wäre Rebeccas Frage das Signal gewesen, stand auch ihre Halbschwester auf. "Ich geh dann mal in den Bereitschaftsraum. Je eher ich schlafe, desto besser komme ich mit dem Arbeitspensum klar!" Tom grinste. "Du weißst doch was, Julia."
"Ich weiß genauso viel wie ihr." "Warum glauben wir dir das nur nicht?" Fordernd sah Rebecca ihre Schwester an. Die allerdings winkte ab und ging die Treppe nach oben ... .
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