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Wenn die Geister nicht antworten

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
OC (Own Character) Old Shatterhand Sam Hawkens Winnetou
02.10.2020
02.10.2020
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Wie schwer, wie unendlich schwer war mir nun der Körper meines Winnetou, nun, da sein letztes geflüstertes „mein Bruder!“ nur noch in meinem Ohr nachklang, nun, da sein samtschwarzes Auge nie wieder auf mir ruhen würde, nun, da auch sein Iltschi in stummer Wehklage zu uns aufsah. So, wie ich nun ihn in meinen Armen hielt, war einst Klekih-petra in den Seinen gestorben. Der gütige, weitblickende Lehrer, der damals als Einziger an uns und unsere Freundschaft geglaubt hatte. Dessen gewaltsamer Tod in den Reihen der Mescalero eine Lücke gerissen hatte, die auch nach den ganzen vierzehn Jahre noch so schmerzhaft spürbar war.
Und nun Winnetou. Wie hatte mich unser Wiedersehen nach dem langen Jahr mit Freude erfüllt! Groß waren die neuen Gefahren, die es überschatteten, gemeinsam aber hatten wir uns ihnen gestellt. Die Völker der Apachen standen unverändert hinter ihm, und Mr. Giddings, der redliche Gouverneur, gebot, vielleicht an zu vielen Fronten gleichzeitig, Banditenunwesen und Spekulantenplage Einhalt.

Mein Winnetou. Wie verzweifelt hatte ich gehofft, seine Ahnung an jenem Abend sei der düsteren Stimmung im Dorfe des Weißen Büffel geschuldet. Hätte ich ihn doch in die Arme geschlossen. Mein Herz gebot es mir, etwas dort draußen am See aber war größer als ich.

Wie soll ich ihn jetzt loslassen? Hart ist der steinige Boden, den beiden fellgesäumten Decken zum Hohn. Ich sollte, damit Captain Surgeon Riley seinen Bericht schreiben kann, doch schaffe ich es nicht. Halte ihn, in Schmerz erstarrt; unmöglich, auch nur einen Arm zu bewegen.

Zögernd, leise kommen unsere Apachen näher; kaum unterscheidet sie mein Blick. Ein wenig anders aber sehen sie jetzt zu mir auf. Gleichermaßen zu Winnetou und Shatterhand in Einem! Ich muss für sie da sein. Doch kann ich das? Uns beide brauchen sie!

Sam, der väterliche Freund. Sam Hawkens, mein erster Lehrer diesseits von St. Louis, unerschütterlich an unserer Seite mit Rat und Liddy. Schwer ruht seine raue Hand auf meinem Arm, große schwere Tränen tropfen in seinen Bartwald. Wenn selbst er kein Wort findet, nicht einmal sein ewiges „Greenhorn“, hat es auch ihn tief getroffen.

Längst ist es dunkel geworden. Aus der Ebene dringen vereinzelt die Stimmen der Soldaten zu uns herauf, gedämpft nach diesem Tage, ja, sicher, und doch schmerzhaft normal. Nur drei kleine Feuer flackern hier oben, bei den Apachen, auf.
Schweigend reicht mir die Mutter von Zwei Raben einen dampfenden Becher – nein. Nicht jetzt. Nicht einmal mit einer Hand kann ich meinen Winnetou loslassen.

Die halblauten, eintönig singenden Worte von Weiße Eule erreichen mich nicht. Winnetous Geist, seine unsterbliche Seele, wollen sie geleiten, fort von hier; der süßliche Rauch der Kräuter soll den Weg weisen. Lasse ich sie zu mir, quälen sie noch mehr, machen sie meinen Verlust greifbar.
Nein. Lasst mich Winnetou festhalten.

Lasst mich an meinen Erinnerungen festhalten. Bleiben mir doch nur noch diese:  

Schon bei unserer ersten Begegnung im Eisenbahn-Camp hatte der junge Sohn des Häuptlings einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Als Feinde standen wir uns damals gegenüber, war ich doch im Dienste derer gekommen, die seinem Volke das Land raubten. So geschah es, dass wir Tage später auf Leben und Tod gegeneinander kämpften. Das hatte ich nicht gewollt; wie aber sollte ich ihm begreiflich machen, dass ich im Herzen längst sein Freund sein wollte? Dass ich keineswegs mit dem Mörder Klekih-petras gemeinsame Sache machte? Dass ich ihn im Schutze der Nacht aus den Klauen von Tangua und seinen Kiowa befreit hatte? Klingt das alles doch so unwahrscheinlich, so wenig glaubwürdig, dass ich einen Roman, der mir eine solche Geschichte aufgetischt hätte, empört weggeworfen und dem Schreiberling geraten hätte, sich zurück auf die Schulbank zu scheren!
Winnetou hingegen ließ mich von seiner eigenen Schwester wieder zu Kräften bringen. Nscho-tschi, nicht einfach die lieblichste Blume diesseits des Großen Wassers, sondern in der Tat Schöner Tag. Als Einzige glaubte sie an meine Unschuld, und wie leuchtete ihr Auge über uns, als schließlich Intschu tschuna Winnetou und mich in den uralten, heiligen Bund der Blutsbrüderschaft geleitete! Schon damals schlug ihr Herz für mich. Winnetous Schwester – und nun auch meine allerliebste kleine Schwester? So oft hatte mich seither die Frage gequält, inwieweit ich zu dem beigetragen oder gar das verschuldet hatte, was dann auf dem Nugget-tsil geschah. Niemals hatte Winnetou auch nur ahnen lassen, mir einen Vorwurf zu machen, und doch…
Über Nacht war Winnetou durch den unzeitigen Tod Intschu tschunas zum Häuptling der Mescalero geworden. Eine große Verantwortung, mehr noch, eine schwere Bürde für den Zwanzigjährigen, umso schwerer angesichts der damals schon zunehmenden Bedrängung durch rücksichtslose Siedler und in ihrer Gier gewissenlose Banditen. Mit ganzer Kraft setzte er sich seither dafür ein, die zahlreichen Stämme der Prärien in Frieden zu einen, Zwietracht zu entkräften, zu beenden, die doch nur dem gemeinsamen Gegner in die Hände spielte, ja, immer öfter von diesem gesät wurde. Bald schon kannte man den Namen meines Winnetou an jedem Lagerfeuer, in jedem Zeltdorf, in jeder Blockhütte, kannte ihn als den eines Freundes und Beschützers eines jeden redlichen Menschen, ungeachtet der Farbe seiner Haut.
Immer wieder hatte es mich zurück über den Atlantik gezogen, nachdem mir jedes Mal das Herz geblutet hatte, wenn eine Verpflichtung mich von ihm trennte. Immer wieder hatten wir mit untrüglicher Sicherheit zueinander gefunden, irgendwo auf der unendlichen Prärie oder in den eisigen Rockies, hatten unzählige Male Gefahr und Tod ins Auge geblickt, unzählige Male einander vor dem Verderben bewahrt. Bis auf dieses eine Mal. Diese eine Kugel gestern, heimtückisch, aus dem Hinterhalt, hatte meinen Winnetou – nein. Ich kann es nicht; der Schmerz drückt mich nieder.
 
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