Traum eines Sommers

von LAut
GeschichteAllgemein / P12
Dolores Umbridge Ginevra Molly "Ginny" Weasley Molly Weasley Nymphadora Tonks Peter "Wurmschwanz" Pettigrew Sirius "Tatze" Black
02.10.2020
25.10.2020
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17.10.2020 2.237
 
Ein Gespräch unter Fremden


Es war heiß diesen Sommer. London war als Küstenstadt keine Hitze gewohnt, das Meer sog für gewöhnlich die Sonnenstrahlen auf, speicherte sie und sorgte so auch dafür, dass die Winter im Ausgleich umso milder waren. So war es für diese Region ziemlich ungewöhnlich, dass es seit vier Tagen keinen Regen mehr gegeben hatte, nicht einmal die Anzeichen davon.

Die Winkelgasse war überfüllt an diesem Tag. Die letzte Woche der Sommerferien hatte begonnen und viele Eltern eilten mit ihren Kindern von Geschäft zu Geschäft, als würden sie einen kaufwütigen Marathon laufen. Wenigstens innerhalb der Gebäude konnte man etwas Schutz vor den gnadenlosen Sonnenstrahlen suchen. Zauber hielten die Hitze fern und kühlten die Läden angenehm ab. Eigentlich war es ein schöner Tag. Eigentlich sollte er den Sommer genießen. Doch eigentlich hatte er gelernt, durch die Fassade solcher trügerischen Tage zu blicken.

„William!“ Eine Stimme riss den jungen Mann aus seinen Gedanken, der bis eben noch reglos im Büro seines Vorgesetzten gestanden und aus dem Fenster hinaus auf die Winkelgasse geblickt hatte. Nur mit Mühe konnte er sich ein Augenrollen verkneifen, ehe er sich wieder zu dem ältlichen Mann umdrehte, der hinter seinem stämmigen Schreibtisch im bequemen Chefsessel saß und ihn mit diesem strengen Blick bedachte. Ein einzelnes Bild stand mit der Rückseite zu ihm neben dem kleinen, im Licht glänzenden Namensschildchen, dass mit dem Schriftzug „Liam Van Hastings“ verziert war. Es wirkte einsam und deplatziert auf diesem großen hölzernen Schreibtisch.

„Ja?“, fragte der Angesprochene knapp, ohne groß Interesse vorzuheucheln. Er war noch nie jemand gewesen, der seine Gefühle gern versteckt hatte. Es lag nicht einmal daran, dass ihn das Thema oder gar der Job langweilte. Er fühlte sich wohl in Gringotts. Sein Gehalt lag über dem kollektiven Durchschnitt, er wurde von den Arbeitskollegen wertgeschätzt und nicht selten bat man ihn um seinen Rat bei geschäftlichen Problemen.

Doch heute… heute war anders. Nein, eigentlich stimmte das nicht. Die letzten Wochen waren schon anders gewesen. Heute, dagegen, war ein normaler Tag in einer Realität, die er bis vor kurzem noch nicht wahrhaben wollte.

„Wo bist du nur schon wieder mit deinen Gedanken, William? Ich verlange von meinen Angestellten nicht weniger als hundertprozentige Konzentration! In der letzten Zeit fehlt dir der Fokus. Was ist los?“

Er seufzte leise. Sogar seinem Vorgesetzten schien es aufgefallen zu sein, dass er in der letzten Zeit nicht mehr er selbst war.

„Es tut mir leid, Sir. Ich werde mich in Zukunft mehr auf die Arbeit konzentrieren. Zurzeit ist es nur ein wenig … kompliziert.“ Verlegen, wegen dem unangenehmen Thema, strich er sich eine rote Strähne hinter das Ohr, dass von einem eher ungewöhnlichen Ohrring in Form eines Drachenzahns verziert war. Nicht jeder kam mit seinem Aussehen klar. Vor allem seine Mutter klagte immer über die schulterlangen Haare, doch er weigerte sich strikt dagegen, sie kürzen zu lassen. Ihm gefiel es, wie er aussah. Er würde nichts an sich ändern wollen.

„Es sieht Ihnen nicht ähnlich, so abwesend zu sein. Sie waren stets ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter. Ich möchte Sie wirklich nicht bei Gringotts missen, William. Was immer Sie auch gerade beschäftigt, es ist nicht Teil der Arbeit.“ Van Hastings sah ihn ernst an. Er wusste, dass sein Chef Recht hatte. Man musste Privates und Geschäftliches trennen. Und doch kam er nicht umhin, seine Hände zu Fäusten zu ballen. Was wusste er schon von seinen Problemen? Von seinem Leben? Er wusste gar nichts!

In dem Moment klopfte es. Leise und zaghaft, fast schon entschuldigend. Beide Männer drehten die Köpfe zur Tür.

„Herein!“, murrte Van Hastings und die edle Eichenholztür wurde vorsichtig aufgeschoben.

„Entschuldigen Sie, Sir. Ich, also ich wusste nicht, dass Sie…“ Eine Frau war im Büro erschienen. Ihre langen, blonden Haare waren im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden und ihr Blick glitt unsicher durchs Zimmer.

„Bill!“, stieß sie dann überrascht aus, als ihre Augen bei dem jungen Mann am Fenster hängen blieben. Sie hatte wohl nicht erwartet, ihn hier anzutreffen.

„Schon gut, Miss Delacour. Wir waren hier ohnehin schon fertig, nicht wahr? William?“ Bill nickte langsam. Er wollte einfach nur aus diesem Raum und zurück an seine Arbeit. Vielleicht konnte er sich dann besser ablenken. Er musste sich einfach ablenken. Durfte nicht daran denken, wie seine Familie nun aussähe, hätte es sein Vater nicht geschafft. Er war so etwas wie der Zusammenhalt, wenn alles zu Zerbrechen drohte. Die einzige Einnahmequelle ihres Geldes. Auch, wenn Bill schon länger nicht mehr im Fuchsbau lebte, so gehörte er doch dort hin. So stand er seiner Familie doch sehr nah. Und da reichte schon ein „fast“, um ihn aus der Bahn zu zwingen.

Doch Arthur erholte sich gut, Harry wohl weniger. Der Verlust von Sirius war ihm sicherlich nahe gegangen und Bill fürchtete den Tag, an dem er ihn wiedersah und ihm Beileid bekunden musste. Es war verrückt, als hätte er es vorher nicht gewusst, doch seit dem Angriff auf seinen Vater schien es so, als seien ihm nun endlich die Augen geöffnet worden.

Ich habe den Krieg nie geleugnet. Aber irgendwie habe ich mir gewünscht, es wäre doch alles nur eine Lüge.

„Wir sehen uns später“, raunte Bill Fleur zu, als er an ihr vorbei das Büro verließ und in den Gang trat. Die Tür ließ er geräuschlos ins Schloss fallen. Wie sehr er doch diese Mitarbeitergespräche hasste. Zumindest hasste er sie, seitdem er nicht mehr für seine Arbeit gelobt, sondern vielmehr ermahnt wurde.

Wie auch immer. Es gibt wichtigeres, als das.

Mit den Händen in den Taschen seines Umhangs ging Bill zielstrebig auf die Tür zu, die ihn zurück in die Eingangshalle führte. Aufgeregte Stimmen empfingen ihn.

„Und ich sage Ihnen, dass ich Zugang zu dem Verlies brauche!“
„Kein Schlüssel, kein Zugang. Tut mir sehr leid.“
Halb interessiert, halb genervt wandte Bill seinen Blick nach vorne, wo Griphook wie immer hinter dem Tresen thronte und sich nun etwas nach vorn gelassen hatte.

Der Kunde, zu dem die laute, wütende Stimme gehörte, stand mit dem Rücken zu ihm und trug einen schwarzen Kapuzenumhang. Schon an seiner Körperhaltung konnte man erkennen, wie ungeduldig er mittlerweile war.

„Argh! Sie wissen ja gar nicht, mit wem Sie es hier zu tun haben! Sie … Sie Kobold!“, wütete der Kunde im Kapuzenumhang und drehte sich dann so schwungvoll um, dass seine Robe flatternd hinterher wehte. Bill war etwas näher getreten, näher, als es ihm vielleicht erlaubt war und zuckte nun erschrocken zusammen, als er dem aufgebrachten Mann plötzlich direkt gegenüber stand.

„Geh mir aus dem Weg!“, heischte dieser ihn nun an und wollte sich schon an ihm vorbeidrängen, als etwas aus seiner Tasche fiel.

Überrumpelt von dem unhöflichen und gereizten Ton des Fremden starrte Bill ihm noch kurz hinterher, ehe er sich nach dem kleinen Buch bückte, dass der Mann verloren hatte.

„Spanien – mehr als Strand und Sonnenbad; die magischsten Plätze Iberiens“

Ein Reiseführer… Gedankenversunken begann Bill, durch die dünnen, illustrierten Seiten zu blättern.

Ich sollte es ihm wohl wiederbringen.

Da sein Arbeitstag für heute ohnehin gelaufen war, verlor er nicht länger Zeit und folgte dem Mann aus Gringotts heraus in die Winkelgasse. Die Sonne brannte auf ihn herab und blendete für einen Moment seine Sicht, als er sich suchend nach seinem Ziel umsah.

Schließlich konnte er den Kapuzenumhang bei Florean Fortescue’s Eissalon sehen, wie er gerade den Laden betrat. Ohne zu zögern folgte Bill ihm.

Ein Glöckchen läutete, als er das kleine, aber feine Eiscafé betrat und sofort wurde er von angenehmer Kühle umgeben.

„Entschuldigen Sie, Sir. Aber Sie haben das hier vergessen.“ Bill war nach kurzem Umsehen an den entsprechenden Tisch getreten und legte das Buch einfach vor dem Mann ab. Sein blasses, rundliches Gesicht wandte er nun Bill zu, mit einem Blick, der stechender und abneigender nicht hätte sein können.

„Danke“, antwortete er kühl und strich mit seinen teigigen Fingern über den Einband des Reiseführers. Bill wusste, dass es nun an der Zeit war, wieder zu verschwinden, doch aus irgendeinem Grund blieb er einfach stehen. Ihm fiel auf, dass er immer noch die Kapuze trug, die tiefe Schatten auf seine Stirn warfen.

„Ist noch irgendetwas, Mister…?“, fragte der Mann ihn nun und sah ihn misstrauisch an, woraufhin Bill den Blick schnell abwandte.

„Weasley“, antwortete er wie automatisch und ohne nachzudenken.

„Weasley?“

„Äh … ja.“ Die Augen des Mannes blitzten verräterisch auf und irgendwie hatte Bill das Gefühl, das Interesse des Fremden geweckt zu haben.

„Danke, dass Sie mir das zurückgebracht haben. Wieso setzen Sie sich nicht kurz dazu?“ Er deutete mit einer knappen Handbewegung auf die Bank, ihm gegenüber und Bill spürte, wie Unbehagen sich in ihm breit machte.

„Also … ähm … war kein Problem. Aber ich denke wirklich …“ Weiter kam er nicht.

„Bitte. Ich bestehe darauf!“ Der Ton des Mannes ließ ihn ahnen, dass er keinen Widerspruch zulassen würde. Die Situation war mehr als merkwürdig, dennoch gab Bill seinem inneren Unwillen nach und ließ sich auf den angebotenen Platz nieder.

„Spanien, hmh? Waren Sie schon einmal dort?“, fragte er seinen Gegenüber dann, nur um überhaupt irgendetwas zu sagen. Worüber sollte man sich schon mit jemanden unterhalten, den man noch nie getroffen hatte?

Der Mann lachte laut auf, doch es klang trocken und freudlos.

„Ich in Spanien? Ich habe kaum Zeit, innerhalb Großbritanniens zu reisen!“

Bill nickte nur. Auf irgendeine Art und Weise verstand er ihn. Seine Zeit war auch immer knapp. Tagsüber die Arbeit, danach die Familie. Doch er konnte sie jetzt nicht alleine lassen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen würde.

„Ich würde auch mal gerne dort hin reisen. Barcelona soll ganz nett sein“, überlegte Bill laut und spürte genau die brennenden Blicke des Kapuzenumhangs.

„Tatsächlich? Das hab ich auch gehört!“, antwortete dieser und trommelte mit einem Finger auf die Tischplatte. In diesem Moment kam die Bedienung und brachte dem vermummten Mann ein Getränk, dass stark nach Eiskaffee aussah.

„Waren Sie schon einmal in Ägypten?“, fragte Bill schließlich, als unangenehmes Schweigen eingetreten war.

„Urlaub ist nur was für die Reichen!“, schnaubte der Kapuzenumhang und rührte in seinem Glas.

„Da haben Sie recht. Ich hab mal dort gearbeitet. Die Hitze da dürfte sogar noch unerträglicher sein als in Spanien. Aber sollten Sie einmal dort hin kommen, müssen Sie sich unbedingt die Cheops Pyramide ansehen. – Und die Sphinx! Die Menschen glauben ja, sie hätten diese Bauwerke mit der Hilfe ihrer Götter erschaffen, dabei waren es Hexen und Zauberer denen sie die Denkmäler zu verdanken haben! Auf manchen von ihnen liegt ein Fluch, an dem schon viele Muggel gestorben sind“, erklärte Bill, ohne nachzudenken, ob es den anderen überhaupt interessierte. Er liebte es einfach, von seiner Arbeit zu erzählen und während er sprach merkte er, wie sehr er sich diese Zeiten wieder herbeisehnte. Diese schönen, unschuldigen Zeiten, in denen er noch beruhigt tausende Kilometer entfernt arbeiten hatte können, ohne sich um seine Familie zu sorgen.

„Das klingt wahrhaftig spannend, was Sie alles zu erzählen wissen, Mister Weasley. Aber sagen Sie, was mich noch viel mehr interessieren würde… Ihr Vater ist doch Arthur Weasley, nicht wahr?“

Bill schluckte. Was hatte das jetzt damit zu tun?

„Ja. Das ist richtig, wieso?“

„Ist es wahr, dass der berühmte Harry Potter, schuld sein soll, dass er fast gestorben wäre?“ Die Augen des Fremden fixierten ihn mit unangenehmer Intensität, sodass Bill anfing, nervös seine Hände zu kneten.

„Wie kommen Sie darauf? Arbeiten Sie im Ministerium?“

„So in etwa. Aber vielleicht wissen Sie ja, wo sich der junge Potter derzeit aufhält?“ Die Richtung, die das Gespräch annahm, gefiel ihm nicht. Sie gefiel ihm ganz und gar nicht!

„Tut mir leid, Sir, da muss ich Sie enttäuschen.“

Sein Gegenüber gab einen schnaubenden Laut von sich und nahm einen Schluck des kühlenden Getränks. Unruhig warf Bill einen Blick auf die Uhr. Er sollte gehen. Jetzt.

„Nun denn. Da kann man nichts machen, nicht wahr? Aber vielleicht erzählen Sie mir noch ein bisschen über Spanien und diesen sonderbaren Ort namens Barcelona. Wer weiß, irgendwann muss ich ja auch einmal in den Ruhestand.“

„Was arbeiten Sie den, wenn ich fragen darf?“

„Och… dies und das. Aber die meiste Zeit bin ich … so etwas wie ein Kundschafter.“ Der Kapuzenumhang grinste und sofort bekam Bill ein ungutes Gefühl.

Reiß dich doch zusammen! Das hier ist ein öffentlicher Ort und der da nur ein Kunde. Ein Kunde wie es viele gibt!

„Ähm … was wollen Sie denn wissen?“

„Wie wär’s mit: Wo es vernünftige und zuverlässige Banken gibt?“ Bill zuckte kaum merklich zusammen, dann setzte er ein entschuldigendes Lächeln auf.

„Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, Sir.“

„Sie können auch nichts dafür.“ Wieder sah Bill nervös zu der Wanduhr.

„Müssen Sie schon los?“, fragte der Fremde und sofort nahm Bill die seine Chance wahr.

„Ja! Tut mir wirklich sehr leid! Aber vielleicht sieht man sich ja mal wieder – vielleicht sogar in Spanien?“ Er lächelte höflich, während er aufstand und zum Ausgang schritt.

„Machen Sie es gut! Und reisen Sie nicht ohne mich nach Spanien!“, rief ihm der Mann hinterher, doch Bill war schon über die Schwelle des Ladens getreten. Erleichterung machte sich in ihm breit.

Ab nach Hause! Mach dir keine Gedanken, es gibt überall komische Menschen!, versuchte er sich zu beruhigen. In der belebten Winkelgasse fühlte er sich gleich viel besser – Hitze hin oder her.

Ich weiß nicht wieso… aber irgendwie kann ich mir diesen Typen nicht in Badehose vorstellen. Wahrscheinlich bin ich selbst urlaubsreif! Sobald das alles hier vorbei ist, packe ich meine Familie und fliege mit ihnen nach Spanien!, nahm er sich vor, während er sich auf den Heimweg machte.



Pairing: Bill Weasley / Amycus Carrow

Autor:
Blackpaw
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