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Schwarze Hoffnung

KurzgeschichteLiebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
02.10.2020
02.10.2020
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Die junge Frau war mir schon beim Betreten des – sterblichen – Clubs aufgefallen. Obwohl sie in einer dunklen Ecke sass und man sie fast nicht sehen konnte. Alles an ihrer Haltung – zumindest soweit ich es erkennen konnte – drückte Leid aus. Trauer. Und ein irrationales Gefühl in mir wollte, dass ich sie tröstete. Aber ich tat nichts. Vorerst.
Doch immer wieder huschte mein Blick zu ihr hinüber. Gegen meinen Willen. Ich wollte nicht dauernd zu ihr sehen! Aber ich konnte mich einfach nicht davon abhalten. Frustriert schnaubte ich. Typisch. Ich, Geras, der Gott des hohen Alters, Sohn von Nyx und Erebos, Hüter von Chaos, konnte nicht einmal mich selber kontrollieren.
Irgendwann hielt ich es schliesslich einfach nicht mehr aus und ging zu der Frau hinüber. Und mit einem Mal bereute ich diese Entscheidung überhaupt nicht mehr. Denn, bei den Göttern, war die scharf! Sie hatte langes, braunes Haar, das sie zu einem achtlosen Zopf geflochten hatte. Eine einzelne dicke graue Strähne war darin erkennbar. Aber wenn jemand nichts gegen graue Haare hatte, dann ja wohl ich. Ihre zarte und so unfassbar weich aussehende Haut war leicht sonnengebräunt. Sie war wirklich schön. Und sie war wahr. Unglaublich.
Hui! Schön! ertönte die die Stimme des Dämons in meinem Kopf. Er fand sie schön? Wies- oh. Wahrscheinlich herrschte in ihrem Inneren das reine Chaos. Das würde alles erklären. Warum sie so alleine herumsass und so viel trank und warum Chaos sie mochte.
Rasch kontrollierte ich die Illusion, die mein Aussehen verdeckte. Das war einer der Nachteile, die man als Gott des hohen Alters hatte; man sah aus wie sein eigener Urgrossvater. Also sinnbildlich. Ich hatte nämlich keinen Urgrossvater. Egal. Jedenfalls sah man einfach verdammt alt aus. „Hey“, grüsste ich sie dann mit einem selbstbewussten Lächeln.
Sie löste sich aus ihrer Starre und zu mir sah hoch. Ihr Blick aus den wunderschönen, von langen dunklen Wimpern umrahmten, grünen Augen ging mir durch Mark und Bein. Ein Blick, in dem pure Hoffnungslosigkeit zu liegen schien. Was war denn mit der los? Und warum verflucht nochmal hatte ich das Gefühl, sie kennen zu müssen?
„Hallo“, grüsste sie schliesslich zurück, nachdem sie mich einer mir ziemlich halbherzig vorkommenden Musterung unterzogen hatte. Wirklich glücklich klang sie nicht – eher niedergeschlagen. Obwohl ich ihr die Gunst meiner Aufmerksamkeit gewährte? Sie sollte ausrasten vor Freude!
„Was sitzt du denn so alleine in der Ecke, meine Hübsche?“, fragte ich mit einem freundlichen Lächeln. Ich setzte mich ohne zu fragen auf den Stuhl, der neben dem ihren stand. Ich fing eine Note ihres Geruchs auf – sie roch erfrischend frühlingshaft, nach Tulpen und Basilikum.
„Nenn mich nicht so“, murmelte sie nur. Schon längst hatte sie ihren Blick wieder gesenkt und starrte das leere Glas in ihrer Hand an. Dem Geruch nach, der in dieser Ecke hier herrschte, hatte sie schon einiges an Alkohol getrunken. Dass sie noch bei Sinnen war, war eigentlich erstaunlich. Konnten Sterbliche so viel Alkohol ertragen?
Schööööööön! erklang wieder die Stimme des Dämons. Er benahm sich wirklich immer wie ein kleines Kind, was ihn noch nerviger machte als er ohnehin schon war. Ja, ich fand den Dämon schlichtweg nervig. Denn auch wenn er meine Gedanken drunter und drüber gehen liess und meine Selbstkontrolle zerfrass, so war der Nutzen, den er mir einbrachte, weitaus grösser. Nun aber, in diesem Moment, war sein Kommentar besorgniserregender als je zuvor. Denn Chaos klang viel zu begeistert als es gut war.
„Warum sollte ich dich nicht so nennen, wenn es doch ganz offensichtlich der Wahrheit entspricht? Deine betörende Schönheit übersteigt die jeder anderen Frau, die ich in meinem Leben je gesehen habe.“ Ich legte leicht den Kopf schief. Meine Aussage war sowohl gelogen als auch wahr. Natürlich hatte ich schon Frauen gesehen, die noch makelloser gewesen waren als makellos, perfekter als perfekt, aber keine von ihnen hatte eine solch einnehmende Wirkung auf mich gehabt wie die Frau vor mir. Das musste ich mir eingestehen.
„Lügner. In all deinen vielen schon gelebten Jahren hast du ohne jeglichen Zweifel schon viel schönere Frauen gesehen als mich.“ Irgendetwas an ihrer Aussage liess ein Alarmlämpchen in meinem Kopf aufleuchten. All meine vielen schon gelebten Jahre? Meine Illusion liess mich keinen Tag älter als fünfundzwanzig aussehen. Wie konnte das für eine Sterbliche viel sein?
Rasch unterdrückte ich die aufkeimende Unruhe in mir. Doch ich spürte bereits, wie Chaos sie wieder nach oben zerren wollte, um mich durcheinanderzubringen. „Ich lüge doch nicht. Eine schöne Frau belüge ich niemals. Schlussendlich fliegen einem diese Lügen ohnehin nur um die Ohren.“ Aber log ich nicht doch? Die Illusion, die über meinem Aussehen lag, war ja sozusagen auch eine Lüge…
Langsam stand die junge Frau auf und stellte das Glas weg. Dann erst richtete sie ihren hoffnungslosen Blick wieder auf mich. „Mein ganzes Leben lang habe ich immer Hoffnung“ – Warum spricht sie dieses Wort so merkwürdig aus? – „Gehegt, die Welt sei doch nicht so brutal, kaltschnäuzig und hinterhältig wie sie scheint. Immer habe ich gehofft“ – Schon wieder dieser merkwürdige Ton! – „Die Personen um mich herum seien keine so grossen Monster, wie das Gesehene mich immer glauben machen will. Aber genau das wurde mir geraubt, auf ewig. Warum also sollte ich ausgerechnet deinen Worten Glauben schenken, wenn ich doch schon sehe, dass du nicht der bist, der du zu sein vorzugeben scheinst?“
Chaos jubelte in meinem Kopf, kreischte wie ein kleines Mädchen. Ja, Mädchen. Ich hatte den starken Verdacht, dass mein Dämon eigentlich eine Dämonin war. Moment. Chaos kreischte nicht – er SANG. Ich vermeinte einwandfrei, einige Liedzeilen aus dem hohen Gequietsche herauszuhören. Aber dieser Gesang klang wie Kreischen, man konnte mir also keinen Vorwurf machen. Ich holte Luft, um etwas zu erwidern, aber mein Gegenüber kam mir zuvor.
Immer noch mit tiefer Hoffnungslosigkeit in der Stimme sagte sie: „Ich kenne dich. Ich weiss, wer du bist. Ich weiss, was du bist. Du bist Geras, der Gott des hohen Alters.“ Nun blieb mir sowohl die Luft als auch die Spucke weg. Wie war es möglich, dass sie das wusste? Ich hob eine Hand und rieb mir die Schläfe. Chaos benahm sich furchtbar gerade – es fühlte sich an, als würde er meinen Kopf auseinandernehmen.
„Wie- Warum- Woher hast du-“, stotterte ich daher herum. Ich war fassungslos. So fassungslos, dass meine Illusion ins Wanken kam. Denn das Bild, das ich über meine wahre Gestalt gelegt hatte, hatte zu zittern begonnen, wurde für kurze Augenblicke sogar leicht durchscheinend. Meine Kinnlade war heruntergeklappt, während mein Gesicht einen schockierten Gesichtsausdruck angenommen hatte. Huiuiui! Schönschönschön! kommentierte Chaos das Ganze – meinte diesmal aber meinen eigenen Gemütszustand. Denn mit Chaos beschrieb man das, was gerade in meinem Kopf los war, wirklich gut.
„Vielleicht fällt dir ja in Kürze mein Name ein. Das könnte deine Fragen beantworten.“ Einen Moment lang huschte der Blick der mir bekannt vorkommenden Fremden durch den Club, bevor sie wieder mich ansah. Ganz leicht, fast unmerklich neigte sie den Kopf – eine Geste des Abschieds. Dann war sie vom einen Augenblick zum nächsten verschwunden. Nur noch der Duft von Tulpen und Basilikum war in der Luft wahrzunehmen. Ein Duft, den ich kannte, aber nicht zuteilen konnte.
„Keine Sterbliche“, stellte ich tonlos fest. Sie konnte sich teleportieren. Das war nichts, was eine Sterbliche konnte. Was hiess, dass ich eine Unsterbliche vor mir gehabt hatte. Doch das erklärte immer noch nicht, wie sie erkannt hatte, dass auch ich unsterblich war. Es sei denn… Sie hatte die Jahre bemerkt, die mir auf dem Buckel lasteten. Und das schränkte die Auswahl an Leuten, die ich gerade vor mir gehabt haben könnte, bedeutend ein. Und im Zusammenhang mit dem, was ich sonst noch mitgekommen hatte… Der Duft von Tulpen und Basilikum, der mir so bekannt vorkam. Endlich konnte ich ihn zuordnen.
„Temperina“, hauchte ich mit einem fast geschockten Unterton. Temperina [A/N: Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe, dem „pe“!], eine Unsterbliche, die eine Göttin sein könnte, aber keine war. Eine Unsterbliche, deren genaue Bezeichnung niemand kennt. Plötzlich machte sich tiefes Mitleid in mir breit. Was war ihr passiert, dass sie so niedergeschlagen, so hoffnungslos war?
Hoffnungslos! Hoffnungslos! jubelte der Dämon da los. Was war nur mit diesem Wort los? Warum schrie Chaos das Wort nun die ganze Zeit? Warum hatte Temperina die Worte „Hoffnung“ und „gehofft“ so ausgesprochen, als wären sie giftig?  Als würden sie ihren Tod bedeuten? Warum hatte sie insgesamt so geklungen, als wäre sie todtraurig und einfach nur am Ende? Warum war da diese tiefe Hoffnungslosigkeit in ihren Augen gelegen? Ich meinte mich zu erinnern, dass früher Freude, Lebenslust und sogar Schalk in ihnen aufgeblitzt hatte.
Halt die Klappe, Dämon! fauchte ich meinen ständigen Begleiter gedanklich an. Das tat ich nur selten – ich hielt den Kontakt zu ihm auf einem Minimum, um ihm nicht unnötig Macht über mich und mein Leben zu verleihen. Doch solange er so in meinem Kopf herumkreischte, war es mir unmöglich, vernünftig nachzudenken. Doch der Dämon hörte – natürlich – nicht auf mich und machte einfach weiter Krawall. Ich seufzte frustriert auf. Die ganze Sache hier war doch ein hoffnungsloser Fall – oder?
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