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Rache

von Sassie
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Felix Edel Sandra Starck
01.10.2020
03.10.2020
2
10.717
 
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01.10.2020 5.888
 
Sandra warf die Tür so dermaßen fest ins Schloss, dass man die Vibration noch auf dem Boden fühlen konnte. Wütenden Schrittes stöckelte sie hinter ihren Schreibtisch und riss das Fenster auf. Sie brauchte dringend frische Luft, ihr Puls fühlte sich an als würde er ihr die Adern aus dem Körper treiben. Wieso konnten sie nicht ein einziges Mal einen friedlichen Morgen verleben? Wieso musste dieser Mann seine schlechte Laune immer an ihr auslassen? War es ihr Problem, dass er scheinbar nicht gut geschlafen hatte? Eher nicht. Warum um alles in der Welt musste er dann so gottverflucht unfreundlich sein?
Sie wirbelte herum, als sie seine Schritte hörte, und im nächsten Moment öffnete er die Tür so schwungvoll, dass er sie fast aus den Angeln riss. Ein weiteres Mal flog sie ins Schloss und er stob auf sie zu und funkelte sie aus seinen eisblauen Augen an. „Wenn man zusammenarbeitet, dann hat man sich auch an Absprachen zu halten, Frau Kollegin! Ganz egal wie klein sie sind, ganz egal wie unbedeutend sie zu sein scheinen!“
„Ach, dass gerade Sie mir einen Vortrag über kollegiales Verhalten reindrücken wollen ist ja schwerstens interessant! Wer ist mir den gestern bei Gericht dermaßen in die Parade gefahren, dass ich…?“
„Ich wollte nur nicht, dass Sie mit Ihren Argumenten eine Bruchlandung hinlegen. Sie sind nicht die Einzige, die einen guten Ruf zu verlieren hat!“, giftete Felix zurück, ohne sie aussprechen zu lassen.
Sandra spürte ihr Blut förmlich kochen. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien oder ihm eine gescheuert, aber wie immer schluckte sie den größten Teil ihrer Wut hinunter. Sie hätte ihn gestern schon anbrüllen sollen, hatte ihn aber mit Schweigen gestraft. Im Nachhinein gesehen keine allzu kluge Strategie, da es ihm offenbar relativ egal gewesen war.
Die junge Anwältin bückte sich kochend vor Wut zu ihrer Aktentasche, zog ihre Autoschlüssel raus und feuerte sie Felix entgegen. Er schaffte es glücklicherweise schnell zu reagieren und fing sie mit einer Hand, bekam aber aber einen Schlüsselanhänger gegen den Fingerknöchel und schnaufte ärgerlich.
„Dann bitte, Sie Korinthenkacker. Parken Sie den Wagen doch um, wenn es Ihnen so wichtig ist, dass Sie heute auf dem scheiß Stellplatz stehen!“, fauchte sie.
Er knallte die Schlüssel von weitem auf ihren Schreibtisch zurück und schüttelte den Kopf. „Es geht hier einzig und allein ums Prinzip!“
„Um welches Prinzip denn?“ Sie funkelte ihn wütend an und streckte ihm demonstrativ ihr Kinn etwas entgegen.
„Es war ausgemacht, dass wir uns abwechseln. Sie standen gestern schon auf dem Stellplatz, heute wäre ich dran gewesen. Ich musste in der Seitenstraße parken und laufen mit einem Haufen schwerer Akten, die ich mir extra heute mitgenommen hab, weil ich dachte ich müsse sie nicht so weit schleppen! Wissen Sie wie lang so ein Weg werden kann, wenn man fünf Minuten bis zur Tür braucht?“, erklärte er verärgert.
Sandra lachte auf. „Tja, hätten Sie nicht drei der fünf Minuten damit verbracht der Tusse vor Ihnen auf den Arsch zu glotzen, wären Sie bedeutend schneller gewesen!“
Felix verdrehte stöhnend die Augen, als sie an ihm vorbei stob und aus ihrem Büro trampelte.
Auch er drehte sich um und rauschte durch den Empfangsraum, bevor er seine eigene Tür ins Schloss warf.
Sandra goss sich mit fahrigen Händen einen Kaffee ein und stellte sich dann an den Stehtisch, um sich noch eine Portion Zucker hineinzuschaufeln. Währenddessen kam auch Biene in die Küche und bereitete eine weitere Tasse vor. Sie wollte sich schon wieder schweigend auf den Weg nach draußen machen, weil sie wusste, dass man ihre Chefs während ihrer Streitereien besser in Ruhe ließ, als Sandra sie aufhielt. „Ist der für Felix?“
„Ja“, antwortete Biene und im nächsten Moment riss Sandra ihr die Tasse aus der Hand.
„Ich mach das schon“ Sie stieß die Tür zum Archiv und im nächsten Moment die zu seinem Büro auf und stöckelte auf seinen Schreibtisch zu. Er blickte demonstrativ nicht auf, was sie nur noch mehr aufregte. Ruckartig knallte sie die Tasse auf den Tisch und etwas von dem Kaffee schwappte über, was er nur schnaufend aber kommentarlos zur Kenntnis nahm.
„Ich hoffe Ihnen ist klar, dass eine Entschuldigung fällig ist“, meinte sie unterkühlt, bevor sie sich wieder umdrehte und in Richtung Archiv zurück stöckelte.
Felix blickte fassungslos auf und stieß sich dann von seinem Schreibtisch weg, bevor er aufsprang. Er sollte sich entschuldigen? Sie hatte doch die Vereinbarung wieder mal gebrochen. Das hatte sie schon oft getan und er hatte ganz gentlemanlike die Klappe gehalten aber heute Morgen war ihm einfach mal die Hutschnur gerissen und damit kam sie offenbar nicht zurecht.
„ICH soll mich entschuldigen?“, rief er, während er ihr hinterher spurtete.
„Ganz recht, ich habe ja wohl keinen Streit vom Zaun gebrochen wegen eines blöden Parkplatzes!“, antwortete Sandra nur selbstgefällig.
Er holte sie im Archiv ein und schnitt ihr den Weg ab. „Es geht nicht um den Parkplatz per se, es geht darum, dass Sie sich nicht an Abmachungen halten“
„Es geht darum, dass Sie sauer sind, weil Sie nicht mit Ihrer dicken Karre vorfahren konnten, während die Ische da entlang gestöckelt ist, und dass Sie nicht vor ihren Augen die Tür zur Kanzlei aufsperren konnten, dass sie bloß auch noch mitkriegt, dass der großartige Felix Edel Anwalt ist!“, spuckte sie ihm abfällig entgegen.
Er lachte auf und schüttelte den Kopf. „Ich muss gar niemandem was beweisen, schon gar nicht einer wildfremden Frau, die da zufällig entlanglief und die ich zufällig kurz angeguckt habe“
„Sie haben sie regelrecht ausgezogen mit Ihrem Blick“, fauchte Sandra.
„Ach ja? Wie denn?“, keifte er zurück.
„Das müssen Sie doch am besten wissen!“
Sandra wollte aus dem Archiv flüchten, doch als sie sich zur Seite drehte versperrte sein Unterarm ihr plötzlich den Weg. Er hatte die Hand an die Wand neben ihren Kopf geknallt. Schluckend drehte sie sich wieder zu ihm und er war ihr plötzlich ganz nah.
„So in etwa?“, fragte er und sein Blick wanderte an ihr hinab über ihr Gesicht und rutschte deutlich in ihren Ausschnitt.
Sie wand sich für eine Sekunde unter der Musterung, bevor er ihr wieder mitten in die Augen sah.
Mit leicht geöffneten Lippen starrte sie ihn an, spürte seine Körperwärme plötzlich durch ihre Kleidung schlagen, roch ihn intensiver als ohnehin schon, spürte seinen Atem auf ihrer Haut. Sie sahen sich noch für einen Moment an, dann drückte er sich von der Wand weg und schüttelte den Kopf. „Lächerlich“
Ihm fiel durchaus auf, dass sie ihm nicht wie gewohnt hinterher trabte um ihm augenblicklich die nächste Gemeinheit um die Ohren zu hauen, doch er war im Moment zu wütend um sich darüber Gedanken zu machen. Er verschwand wieder in seinem Büro und Biene blickte auf, als Sandra wenige Sekunden darauf in den Empfangsraum kam, auf seine zufallende Tür blickte, sich mit einem verärgerten Knurren umdrehte, und sich dann selbst wieder entfernte.
Die Anwaltsgehilfin zog die Augenbrauen hoch und schlürfte ungerührt von ihrem Yogi-Tee.

Sandra saß mit einer Tafel Schokolade bewaffnet auf dem Sofa, starrte mit finsterem Gesicht auf den Fernseher, und hob den Blick nicht mal, als Patrizia das Wohnzimmer betrat. Der Blick der Richterin fiel sofort auf die Häschenschuhe, von denen Sandra im nächsten Moment energisch einen Schokoladenkrümel schnippte, und sie wusste, dass die Luft hier wieder mal brannte. Der Grund dafür würde wie immer derselbe sein. Trotzdem rief Patrizia ein „Muss ich fragen?“ über ihre Schulter und nickte dann mit einem Schmunzeln, als sie nur ein geknurrtes ‚Felix‘ vernahm. Die Richterin zog eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, öffnete diese, und wanderte dann ins Wohnzimmer, bevor sie sich auf den Fernsehstuhl fallen ließ und Sandra erwartungsvoll ansah. Diese streifte sie nur kurz mit ihrem Blick, und starrte dann auf den Fernseher zurück. Patrizia wartete die obligatorische Schweigeminute ab, trank lautlos von ihrem Bier, und dann gab es kein Halten mehr. „Weißt du, ich weiß ja, dass Felix immer total darauf bedacht ist, dass alles immer seine Richtigkeit hat und er seine strukturierten Abläufe hat...“
Patrizia verschluckte sich beinahe an ihrem Bier und versuchte schnell ihren irritierten Blick wieder zu verbergen. Das hatte gerade eher nach einer Beschreibung ihrer eigenen Person geklungen.
„Aber der hat heute so getan, als würden ihm die Eier abfallen, nur weil ich mich auf den Stellplatz gestellt habe!“ Sandra warf sich ein weiteres Stück Schokolade in den Mund und schüttelte entgeistert den Kopf.
Die Richterin überlegte kurz. „War heute nicht sein Tag?“
Als ein Todesblick sie traf, klappte sie den Mund wieder zu.
„Und dann kommt er mir auch noch mit so einer stumpfsinnigen Erklärung. Ich weiß ganz genau, dass er die Alte beeindrucken wollte, die da in ihren viel zu hohen Hacken und dem viel zu kurzen Kleid den Gehweg entlang gestolpert ist!“, schimpfte die Anwältin weiter.
„Er is‘ halt auch nur ‘n Kerl“, zuckte Patrizia die Schultern.
Sandra sah sie an und schnaufte dann verächtlich. „Sicher, das räumt ihm natürlich das Recht ein sich wie ein blödes Arschloch zu verhalten!“
„Nein, aber...“
„Da gibt es kein Aber, Pat. Er erklärt mir er hätte die Akten ja so weit schleppen müssen und die wären ja so schwer gewesen. Ich wette die Alte hätte er locker über die Schwelle seines Schlafzimmers getragen, nachdem er sie weichgekocht hätte mit seiner ‚Sieh mich an, ich bin Anwalt und fahr ne fette Karre und bin ja so erfahren und interessant mit meinen grauen Haaren‘ Scheißmasche.“ Genervt strampelte Sandra die Decke von ihren Füßen, überlegte für einen Moment, schob sich dann aber auch noch den Rest der Schokolade in den Mund.
Patrizia grinste kurz und bemerkte dann den wütend-fragenden Blick ihrer besten Freundin. Sie hob rechtfertigend die Schultern. „Tja, das klang jetzt gerade ganz stark nach Eifersucht, meine Liebe“
„Eifersucht?“, platzte Sandra eine Oktave zu hoch heraus. „Ich bitte dich! Solche Machos wie Felix findet man in Berlin an jeder Ecke! Der ist kein Stück Eifersucht wert! Nicht mal einen Gedanken!“
„Und trotzdem denkst du an ihn“, gab Patrizia trocken zurück und nippte noch einmal von ihrem Bier.
Sandra blinzelte einige Male und riss ihrer besten Freundin die Flasche dann aus der Hand, bevor sie einen kräftigen Schluck nahm.
Die Richterin erhob sich, um sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen, bevor sie wieder zurück zur Couch wanderte. „Ich nehme an keiner von euch beiden hat sich entschuldigt?“
„Na, ich schon mal gar nicht!“, giftete Sandra und schüttelte den Kopf. „Und er natürlich auch nicht. Gott sei Dank hab ich morgen früh gleich einen Lokaltermin und er weiß noch nichts davon, dann kann der Idiot sich im Café die Beine in den Bauch stehen!“
Patrizia nickte nur und grinste innerlich. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum Sandra sich jedes Mal wieder so dermaßen über solche Kleinigkeiten aufregen konnte, aber scheinbar verlieh es der Beziehung zwischen den beiden den nötigen Elan.
„Dann hat er morgen ja den Parkplatz. Ich bin mir fast sicher, dass er sich draufstellen wird, obwohl es eigentlich dein Tag ist.“, meinte die Richterin noch und machte es sich im Schneidersitz bequem.
Sandra lachte trocken auf. „Stimmt. Da kann er sich dann richtig schön einen drauf runterholen!“
Sie seufzte, warf die leere Schokoladenverpackung auf den Couchtisch und erhob sich dann. Müde schlurfte sie ins Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen und sich bettfertig zu machen.

Die warme Dusche und das Gefühl des frisch bezogenen Bettes hatten der Wut der jungen Anwältin etwas Linderung verschafft. Sie seufzte, als sie sich die Decke bis zum Kinn zog und versuchte sich dann gedanklich auf etwas Ruhiges und Angenehmes zu konzentrieren. Der Klang des Regens vor ihrem Fenster war ein guter Anfang. Sie atmete tief durch, machte das Licht aus, und schloss die Augen. Ihr Körper entspannte sich und ihr Geist driftete langsam in die Zwischenwelt aus Wachsein und Schlaf, ihr Gehirn begann sich in eine Traumwelt sinken zu lassen und sie seufzte wohlig. Etwas verzerrte Bilder formten sich vor ihrem geistigen Auge, sie konnte nur Umrisse erkennen, war irritiert, doch plötzlich blickte sie ein ein Paar blauer Augen. Unfassbar nah und unfassbar vertraut. Ihr Blick glitt hinab, schwebte über sein markantes Kinn, ruhte auf seinen verführerischen Lippen. Sie sah wie er lächelte, sah, wie sein Mund ihren Namen formte, hörte ihn allerdings nicht.
„Felix?“, flüsterte sie leise.
Ein Nicken, ein Blick ihrerseits zurück in seine Augen. Sie versuchte sich etwas zu bewegen, doch er hatte sie an die Wand gedrückt, beide seiner Arme sperrten sie ein, die Hände lagen an derselben kalten Mauer, die sie deutlich im Rücken fühlte.
„Noch eine Runde?“, vernahm sie seine Stimme plötzlich leise und sie war irritiert, wand sich ein wenig und blickte dann an sich und ihm hinab. Ihre nackten Körper standen eng aneinander gedrängt und plötzlich formte die Umgebung sich zu Felix‘ Wohnung. Sie war erschrocken, verwirrt, wusste nichts mit seiner Andeutung anzufangen. Unruhig verschoben die Bilder sich, plötzlich stand sie im Badezimmer, die Dusche war an. Sie drehte sich zur Seite und sah ihn, sah wie er da völlig splitterfasernackt stand und sie anlächelte. Sie fühlte sich entblößt, blickte noch einmal an sich hinab, um zu überprüfen, ob auch sie hier im Evakostüm herumstand. Als eine blonde Haarsträhne über ihre Schulter rutschte blickte sie auf und sah in den Spiegel. Sie erschrak, als sie sich ansah und nicht so aussah, wie sie es erwartet hatte. Die Bilder flimmerten, dann flammte eine verzerrte Szene vor der Kanzlei auf. Die Stöckel klackten ohrenbetäubend laut über den Boden, sie drehte sich um und sah dieselbe Person, die sie gerade im Spiegel gesehen hatte. Hinter ihr Felix, wie er seinen Blick eindeutig senkte.

Sandra schrak aus ihrem Traum hoch und fand sich schwer atmend langsam wieder in ihrem Bett zurecht. Sie schüttelte den Kopf, um die verqueren Bilder loszuwerden. Es gefiel ihr nicht, womit ihr Unterbewusstsein scheinbar zu kämpfen hatte, aber sie konnte in diesem Fall nicht mal etwas dagegen tun.
Sie war heilfroh, als ihr Handy plötzlich auf ihrem Nachttischchen vibrierte, und obwohl sie keinen blassen Schimmer hatte, wer um diese gottlose Uhrzeit noch was von ihr wollte, war sie dankbar über jede Ablenkung. Seufzend tastete sie nach ihrem Mobiltelefon und führte es vor ihre verschlafenen Augen, die sich im ersten Moment kaum an das Licht des Displays gewöhnen wollten. Doch als sie den Namen ‚Felix‘ las, war der Schmerz in ihren Pupillen vergessen. Ihre immer noch müden Gehirnzellen fragten sich für einen Moment, ob er irgendwas von dem Traum mitbekommen hatte, aber es dauerte nur einige Sekunden, bis sie sich der Irrsinnigkeit dieses Gedanken bewusst wurde. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und öffnete die SMS dann verunsichert.

Hallo Sandra,
sorry für die späte Störung.
Ich wollte mich nur entschuldigen.
Schlafen Sie gut.
Felix


Sie las die Nachricht mehrere Male, immer und immer wieder, und seufzte dann schmunzelnd. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie ihm überhaupt noch antworten sollte, immerhin war es spät und ursprünglich hatte sie ja tatsächlich schon geschlafen. Aber der Gedanke, dass er zu Hause in seinem Bett lag und offenbar auch über den Streit nachgedacht hatte, stimmte sie milde. Sie zögerte etwas und tippte dann langsam zurück.

Schon gut, kann sowieso nicht schlafen.
Mir tut es auch leid.
Sandra


Sie lächelte noch einmal verstohlen auf ihr Handy und legte es wieder zur Seite, bevor sie sich auf den Bauch drehte und ihren Kopf auf ihr Kissen senkte. Seufzend schloss sie wieder die Augen und merkte, wie ihre innere Anspannung etwas abfiel. Auch wenn sie sich noch so über ihn ärgerte, es fiel ihr allzu leicht ihm zu verzeihen, wenn er dermaßen charmant war. Schnell schlug sie ihre Augen wieder auf, als ihr Handy erneut vibrierte. Auch wenn es naheliegend war, sie war überrascht zu sehen, dass die nächste Nachricht wieder von Felix war. So redefreudig war er für gewöhnlich nicht per SMS. Sandra drückte auf die Taste, um den Text zu öffnen.

Ich liege auch wach.
Dann sehen wir uns ja morgen.
09:00 Uhr. Kaffee. Wird bitter nötig.


Sandra stützte sich auf ihre Ellbogen, um ihre Antwort tippen zu können.

Ich hab morgen Lokaltermin.
Dann Verhandlung.
Werde erst gegen Nachmittag in die Kanzlei kommen.
Bis morgen.


Für einige Minuten blickte sie auf ihr Handy, biss sich auf die Unterlippe, wartete, ob noch eine Antwort kam. Sie war ein klein wenig enttäuscht, als absolute Stille ihr Schlafzimmer füllte. Langsam drehte sie sich wieder auf den Rücken und starrte an die Decke. Wie er wohl gerade in seinem Bett lag? War es warm in seiner Wohnung oder schlief er lieber bei offenem Fenster? Hatte er was an oder schlief er lieber nackt?
Glücklicherweise vibrierte ihr Telefon erneut, sonst hätte sie sich in dem Gedanken vermutlich verloren. Lächelnd las sie die nächste Nachricht.

Ich hab Nachmittag Verhandlung.
Die Strafsache! Wird vermutlich lange dauern.
Dann sehen wir uns morgen ja gar nicht…


Sandra überlegte kurz. Ja, tatsächlich, an die Strafsache hatte sie gar nicht mehr gedacht. Sie war sich auch ziemlich sicher, dass diese Verhandlung vermutlich eine Ewigkeit dauern würde, denn sie war äußerst langwierig und kompliziert. Er hatte ihr von dem Fall erst neulich im Café erzählt.
Die nächste Nachricht formulierte sie gefühlte hundert mal um, bevor sie das Endprodukt schließlich einfach absendete.

Schade eigentlich.

Seine Antwort ließ dieses Mal nicht allzu lange auf sich warten.

Finde ich auch.
Wir könnten ja am Abend ins Kino…


Sandra richtete sich etwas auf und las die Antwort einige Male. Sie blieb immer wieder an den drei Punkten hängen. Wollte er damit irgendwas sagen? Oder überanalysierte sie das Ganze wieder mal? Sie überlegte, wägte Für und Wider ab und blickte dann auf ihre Uhr, bevor sie gähnte. Es war spät und sie musste verdammt früh raus…

Okay.
Ich rufe Sie morgen an, wenn ich vom Gericht wegfahre.
Gute Nacht.


Sie hielt für eine Sekunde den Atem an und schickte dann noch ein kurzes „Träumen Sie schön“ hinterher.
Dann legte sie ihr Handy endgültig beiseite und schlief dieses Mal wesentlich ruhiger und entspannter ein.

Obwohl der nächste Vormittag sich unendlich in die Länge gezogen hatte, war Sandra bester Laune. Sie hatte mittags tatsächlich mit Felix telefoniert und die beiden hatten sich für abends verabredet, Sandra hatte vorgeschlagen im Internet zu recherchieren was für Filme liefen und hatte ihrem Partner versprechen müssen ihn nicht in irgendeine Liebesschnulze zu schleifen. In diesem Punkt hatte sie nur sehr zögerlich zugestimmt. Das Programm war nicht gerade berauschend, aber die junge Anwältin konnte sich schon fast denken wofür Felix sich entscheiden würde. Als sie abends nach Hause kam, sprang sie unter die Dusche und stand dann eine gefühlte halbe Ewigkeit vor ihrem Schrank, bevor sie sich selbst schalt und dann einfach nur eine schlichte Jeans und einen Pullover hervorkramte. Das war ja schließlich kein Date, sie gingen einfach nur ins Kino. Vorrangig auch, weil sie die Fälle besprechen mussten. Sie hatten sich heute ja noch nicht gesehen und als Partner durfte man keinen Tag vergehen lassen, um wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen. Sandra seufzte, weil sie sich das alles selbst nicht ganz abnahm, aber wie immer, wenn sie privat etwas mit ihm machte, versuchte sie einfach ihre verkopfte Denkweise beiseite zu legen. Sie legte etwas Makeup auf und trat dann noch einmal vor den Spiegel. Seufzend stieg sie wieder aus ihren Jeans und kramte ihren beigefarbenen Rock und die rosa Bluse aus dem Schrank. Glücklicherweise war es schon spät und sie hatte keine Gelegenheit mehr sich noch länger über ihr Outfit Gedanken zu machen.
Sie beschloss unten auf ihn zu warten und fröstelte leicht, als sie in die kalte Abendluft trat. Wenige Minuten später bog der Wagen ihres Partners um die Ecke und sie lief eilig auf ihn zu. Erst nachdem sie sich auf den Sitz fallen hatte lassen und sich den Sicherheitsgurt umgelegt hatte, drehte sie sich zu ihm um. „Hallo“
Er lächelte. „Hallo“
Ihr Blick blieb an seinen Jeans hängen, die sie unter dem Mantel ausmachen konnte und sie war überrascht. Normalerweise existierte Felix in so etwas Legerem nicht, sie hätte schwören können, dass er irgendwie mit seinen Stoff- und Cordhosen verwachsen war, aber dem war offenbar nicht so.
„Wie war Ihre Strafsache?“, fragte sie und wärmte sich die Hände kurz an der warmen Heizungsluft, die aus den Schlitzen im Wagen strömten.
Der Anwalt seufzte. „Wurde wieder vertagt. Ich befürchte langsam die Gegenseite will das ganze Ding unnötig in die Länge ziehen.“
„Wer hat den Vorsitz?“, hakte Sandra seufzend nach.
„Die Kreutzer“
„Na, die fackelt da wenigstens nicht allzu lange“
Felix nickte grinsend. „Und bei Ihnen? Wie war der Lokaltermin?“
Die junge Anwältin lehnte sich zurück und zuckte die Schultern. „Naja, die Wohnung ist eine mittlere Katastrophe. Ich muss mir den Mietvertrag noch einmal genau durchlesen, aber ich denke wir haben da ganz gute Chancen etwas zu erreichen. Nasse Flecken an den Wänden sind ja eine Sache, aber bei Schimmel im Kinderzimmer hört der Spaß dann auch wirklich auf.“
„Uh, das klingt übel“, seufzte Felix, bevor ein leichtes Schmunzeln sich auf seine Lippen legte.
Sandra bemerkte es und wartete, bis er mit der Sprache rausrückte.
„Sie haben heute Drama verpasst“, grinste er einen Augenblick später.
Sie richtete sich wieder auf. „Was denn?“
„Laura war hier. Hatte einen riesengroßen Knutschfleck am Hals.“ Felix kicherte ob der Erinnerung an das Gesicht seiner Sekretärin, als ihr das aufgefallen war.
„Ach du Scheiße“, entfuhr es Sandra. „Ich nehme an Biene war nicht begeistert?“
„Sie hat Laura einen ewig langen Vortrag über Verhütung gehalten in der Küche“
„Wie? Neben Ihnen?“
„Nö. Ich hab vom Archiv aus gelauscht.“
„Oh, Felix!“ Sandra verdrehte die Augen. „Das war ihr sicher megapeinlich. Aber Laura ist doch mittlerweile auch echt schon alt genug, um Sex zu haben.“
Der Anwalt rechnete kurz nach und wägte dann den Kopf hin und her. Sandra beobachtete das Schauspiel und grinste dann leicht, doch sie schwieg. Felix warf ihr einen kurzen Blick zu und sah nur, wie sie schmunzelnd aus dem Fenster blickte. Er klappte den Mund für eine Sekunde auf und wieder zu und überlegte, ob er das wirklich fragen sollte, entschied sich dann aber schließlich dafür. „Hatten Sie denn schon Sex, als Sie sechzehn waren?“
Sie sah ihn mit kurzem überraschtem Ausdruck an und grinste dann. „Sie nicht?“
„Also ich weiß nicht, woher Sie die Annahme haben, dass ich mich in meiner Jugend durch die Betten gevögelt hab!“, gab er spitz zurück und schluckte.
Sandra lachte. „Das hat niemand behauptet. Ich hab auch erst mal drei Jahre lang mit demselben Kerl geschlafen, bevor ich weitergezogen bin.“
„Ach“, gab er belustigt zurück. „Wie war der denn so?“
„Lenken Sie mal nicht ab, ich hab noch keine Antwort“
„Worauf?“
„Wann Sie Ihr erstes Mal hatten“
Ihre Augen funkelten frech, als sie sich ihm zuwandte und ihn auffordernd anstarrte. Wieder sah er für einen Moment zu ihr hinüber und räusperte sich dann. „Also gut. Auch auf die Gefahr hin, dass Sie sich lustig machen, aber ich hab erst mit neunzehn angefangen.“
„Weswegen sollte ich mich darüber lustig machen?“, fragte sie irritiert.
„Na, das passt ja wohl eher weniger in Ihr ‚Felix ist so ein Macho‘ Weltbild.“, antwortete er argwöhnisch.
Sie überlegte für einen Moment. „Das stimmt, aber ich finds trotzdem sehr süß“
„Ich war nicht süß“, grummelte er.
Sandra konnte nicht umher weiter zu grinsen und ihn ein wenig zu necken. „Ach, kommen Sie. Wahrscheinlich war es die Mutter Ihres besten Freundes, die Ihnen dann gezeigt hat wie es geht.“
Nun traf sein entgeisterter Blick sie und er schüttelte den Kopf. „Sie haben zu viele billige Pornos gesehen, Sandra“
Das Grinsen rutschte ihr aus dem Gesicht und sie verdrehte nur wortlos die Augen und lehnte sich wieder zurück in ihren Sitz. Sie waren am Kino angekommen und fanden sich wenige Minuten später in der großen Empfangshalle wieder.
„Gut, was haben wir zur Auswahl?“, fragte der Anwalt und blickte mit zusammengekniffenen Augen auf den Monitor.
Sie ließ ihn lesen und sah sich mit verschränkten Armen um. Als er ihr Krieg der Welten vorschlug, nickte sie nur, grinste aber innerlich, weil sie gewusst hatte, dass er sich dafür entscheiden würde. Felix ging die Tickets holen, während Sandra sich für eine Cola anstellte. Die Schlange an der Ticketkasse war unendlich lang und die junge Anwältin zog schon an ihrem Strohhalm, als er endlich zurückkam. Er hatte seinen Mantel zwischenzeitlich ausgezogen und über seinen Arm geworfen und Sandra verschluckte sich fast, als sie sein Outfit sah. Sie konnte sich nicht erinnern ihn schon je in solcher Kleidung gesehen zu haben, denn abgesehen von den hellen Jeans, steckte er auch in einem hellgrauen Sweatshirt mit etwas tieferem V-Ausschnitt und man konnte den Ansatz seiner Brustbehaarung sehen.
Lässig kam er auf sie zu und grinste, bevor er ihr eine Kinokarte in die Hand drückte.
„Danke“, murmelte sie und verschränkte die Arme. „Wagen Sie es bloß nicht mich zu wecken, falls ich einschlafen sollte“
„Wollten Sie was anderes sehen?“, fragte er und zog seine Augenbrauen hoch.
Eine Strähne seines grauen Haares fiel ihm etwas in die Stirn und bildete, wie immer, den krassen Kontrast zu seinen hellblauen Augen.
Sandra schüttelte nur wortlos den Kopf, während sie ihn für einen Moment zu lange ansah. Er lächelte, als sie ihren Blick schnell abwandte und so tat, als müsse sie das Snackangebot ausgiebig studieren.
„Kein Popcorn?“, fragte er grinsend, als er nur die Cola in ihrer Hand sah.
Sie wandte sich ihm wieder zu und schüttelte den Kopf. „Ist doch sinnlos. Ist sowieso immer schon vor dem Film alle und steckt nur zwischen den Zähnen.“
„Da haben Sie allerdings recht“, antwortete er.
Sandra nickte und richtete ihren Blick wieder auf den Monitor. Ein grüner Punkt blinkte neben Ihrem Film, das hieß der Kinosaal war geöffnet. Sie hatte ihm vorgeschlagen knapp hier aufzutauchen, weil sie keine Lust hatte immer ewig herumzustehen, bevor sie sich auf den gemütlichen Kinositzen niederlassen konnte.
Sie gingen auf den Saal zu, reichten dem Kartenabreißer die Tickets, und machten sich dann auf den Weg zu ihren Plätzen. Sandra stutzte für eine Sekunde, als sie sah, wie Felix vor ihr auf die letzte oberste Reihe zusteuerte. Das waren die Luxussitze, die immer für jeweils zwei Personen ausgelegt waren ohne Armlehne in der Mitte. Zu Sandras Jugendzeiten hatte man diese Plätze die „Knutschreihe“ genannt, allerdings war das schon einige Jährchen her. Sie atmete tief durch und folgte ihm dann, bevor sie sich links von ihm niederließ. Ihre Cola ließ sie vorsichtig in die Getränkehalterung gleiten und dann lehnte sie sich zurück.
„Der perfekte Ort für Ihr Schläfchen“, tuschelte der Anwalt grinsend.
Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich probeweise zurück. „Ja, fühlt sich ganz angenehm an“
„Gut“, schmunzelte er. Immer mehr Leute strömten in den Saal, allerdings hatte scheinbar kaum jemand das Geld für die oberste Reihe auslegen wollen. Sandra und Felix saßen dort beinah ganz allein. Als das Licht ausging merkte sie, wie er etwas auf seinem Platz herumrutschte und sie sah ihn fragend an.
„Ich glaub ich hol mir auch noch was zu trinken“, flüsterte er erklärend.
„Jetzt?“, zischte sie zurück. „Sie hatten die ganze Zeit Gelegenheit und jetzt, wo der Film losgeht, wollen Sie sich noch was zu trinken holen?“
„Ja, ich hab halt jetzt Durst!“, rechtfertigte er sich.
Die Anwältin seufzte und zog ihren Becher aus dem Getränkehalter, bevor sie ihn Felix hinhielt. „Da. Aber lassen Sie mir noch was übrig.“
Er grinste und nahm ihr den Becher ab. „Danke“
Sandra lehnte sich zurück und verfolgte gelangweilt die Werbeschaltungen. Dieses obligatorische zwanzigminütige Hingehalte fiel ihr immer am meisten auf die Nerven, wenn sie ins Kino ging, andererseits fühlte sie sich in Felix‘ Gesellschaft ganz wohl, also störte sie das alles heute weniger.
Als er sich noch einmal bedankte und ihr den Becher wieder zurückgeben wollte, ließ er ihn etwas zu früh los und er rutschte durch ihre Finger. Reflexartig versuchten sie beide ihn aufzufangen, erwischten ihn auch, allerdings lagen Felix‘ Hände auf ihren. Sie erstarrte in ihrer Bewegung und schluckte schwer und das seltsame aber überdeutliche Kribbeln in ihrer Magengegend setzte so schnell ein, dass sie es dieses Mal nicht zu unterdrücken vermochte. Sein tiefes leises Lachen machte das Ganze nicht besser. „Tut mir leid“
„Schon gut“ Sie schaffte es endlich sich wieder zu bewegen und zog ihre Hände schnell zurück, bevor sie den Becher immer noch viel zu verkrampft festhielt.
Er schien keine Notiz von ihrer Stammelei genommen zu haben, lehnte sich entspannt zurück, seufzte zufrieden und blickte dann auf den Bildschirm.
Sandra versuchte indes ihr wild pochendes Herz wieder einigermaßen zu beruhigen. Unüberlegt schob sie den Strohhalm in ihren Mund und trank einen Schluck, dann fiel ihr siedend heiß ein, dass auch Felix das Plastikröhrchen gerade zwischen den Lippen gehabt hatte. Schnell ließ sie wieder davon ab und versenkte den Becher im Getränkehalter. Sie lehnte sich ebenfalls zurück, allerdings viel zögerlicher als er und überschlug ihre Beine, während sie unauffällig versuchte ein wenig von ihm abzurücken. Die Bank bat ihr allerdings nicht unbedingt viel Spielraum.
Die nächste Stunde verging einigermaßen ereignislos, Sandra mochte den Film mehr, als sie zugeben wollte und auch Felix schien seinen Spaß zu haben.
Sie war so in die Handlung vertieft, dass sie beinah zusammenzuckte, als sie seine Stimme an ihrem Ohr hörte. „Dürfte ich nochmal was trinken?“
Sandra nickte nur und hatte noch nicht mal die Gelegenheit ihm die Cola zu reichen, als er sich schon über sie hinweg beugte und danach griff. Der betörende Geruch seines Aftershaves stieg ihr in die Nase und sie hielt den Atem an und rutschte dann unruhig auf ihrem Platz herum, als er sich wieder zurücksinken ließ. Warum zum Teufel nochmal machte sie alles so unendlich nervös gerade? Sie war es doch gewöhnt, war ihn gewöhnt, war es gewöhnt, dass er ihr oft nah war. Sie saßen doch auch im Büro oder im Gericht oft nebeneinander und er griff nach etwas. Auch da roch sie ihn, auch da fand sie den Geruch wahnsinnig männlich und angenehm, aber er machte sie bei weitem nicht so nervös. Die junge Anwältin fragte sich, ob es eine gute Idee gewesen war mit ihm hier hin zu kommen. Ihr war das mit einem Mal plötzlich alles zu vertraut. Sie entschuldigte sich leise bei ihm und huschte lautlos aus dem Saal und in die Damentoilette. Kurz sah sie sich selbst in die Augen und schüttelte den Kopf, fassungslos und etwas wütend darüber, wie wenig sie im Augenblick Herrin ihrer eigenen Sinne war. Sie ließ sich kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen, trocknete sich ab, und machte sich dann wieder auf den Weg zurück in den Saal. Ihr Becher stand wieder im Getränkehalter, Felix lehnte entspannt auf seinem Platz und beobachtete das Geschehen des Films.
„Alles in Ordnung?“, raunte er ihr zu, als sie zurück war.
„Klar“, antwortete sie und war froh, dass sie hier flüstern musste, denn sie hörte selbst, dass ihre Stimme ziemlich dünn klang.
„Gut“ Sie hörte, wie er lächelte, schluckte schwer und ließ sich dann vorsichtig wieder etwas zurück.
Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie kaum wusste, wie ihr geschah, nervös zog sie ihren Rock wieder nach unten zu ihren Knien. Sie konnte ihm ja nicht mal einen Vorwurf machen, er saß einfach nur neben ihr und sah sich den Film an, doch jetzt, wo sie sich seiner Nähe so bewusst war, spürte sie auch seine Körperwärme. Ihr Blick rutschte unwillkürlich auf seine Oberschenkel und ihre Finger krallten sich für eine Sekunde in den Stoff ihres Rockes, da der Drang ihn zu berühren sie fast ihre Selbstbeherrschung vergessen ließ. Unendlich verärgert über sich selbst zwang sie sich wieder auf die Leinwand zu sehen, nicht ahnend, dass auch Felix die Anziehung nicht entgangen war, er sie aber wesentlich lockerer sah, als seine Partnerin.
Mit einem Seitenblick auf sie schmunzelte er leicht und hob dann vorsichtig einen Arm, den er ihr um die Schulter legte. Er spürte, wie sich sich versteifte und wusste, dass ihm genauso gut eine Ohrfeige hätte blühen können, aber er fühlte sich in diesem Moment so mutig und losgelöst, dass ihm selbst das völlig egal gewesen wäre. Sie trug sein Lieblingsoutfit und er wusste nicht, ob das tatsächlich reiner Zufall war, oder ob sie insgeheim darauf abgezielt hatte.
Er spürte, wie sie sich leicht bewegte, machte aber keine Anstalten seinen Arm wieder von ihr zu nehmen. Langsam strichen seine Finger über ihre Schulter, nach hinten in ihr Haar, spielten hier und da mit der ein oder anderen Strähne und fanden dann ihren Weg auf die weiche Haut ihres Nackens. Er beobachtete, wie sie nervös versuchte einen guten Platz für ihre Hände zu finden und schmunzelte. Federleicht glitten seine Finger über ihre Stelle, neckten sie ein wenig, gewährten ihr jedoch nicht die Massage, die sie sich vielleicht gerade erhoffte. Er spürte ihre Gänsehaut, als er mit den Fingernägeln sanft bis in ihren Haaransatz vordrang, den Blick dabei immer auf die Leinwand gerichtet, als wäre das hier gerade das Normalste der Welt.
Mit ein wenig mehr Druck wurde er mutiger, sah sie vorsichtig und unauffällig von der Seite an und konnte an der Bewegung ihres Brustkorbes sehen, dass ihr Atem etwas schneller ging als sonst. Ihre Lippen waren leicht geöffnet und er wurde Zeuge des köstlichen Moments, als sie für den Bruchteil einer Sekunde genießerisch ihre Augen schloss. Seine wissenden Finger reizten sie noch eine ganze Zeit lang und er war so auf ihren Anblick konzentriert, dass er die Augen zusammenkneifen musste, als das Licht für ihn überraschend wieder anging im Saal. Er bemerkte, dass der Abspann lief, und zog seinen Arm langsam wieder zu sich zurück.
Ruhig erhob er sich, beobachtete sie dabei, wie sie etwas zittrig nach dem Becher griff und dann auch aufstand. Sie sahen sich kurz an, lächelten, dann begaben sie sich hinter den ganzen anderen Zuschauern auf den Weg aus dem Saal.
„Soll ich Sie nach Hause fahren?“, fragte Felix gentlemanlike mit der klitzekleinen Hoffnung, dass sie noch etwas trinken gehen würde, aber natürlich nickte Sandra und er machte sich mit ihr auf dem Weg zu seinem Wagen.
Während der Autofahrt diskutierten sie einige Szenen, unterhielten sich über den Film, aber keiner der beiden kam auf das Ende zu sprechen, da sie es beide nicht mitbekommen hatten. Felix stellte den Wagen direkt vor dem Eingang des Hauses ab, in dem Sandra wohnte und lächelte dann. „Das war ein sehr netter Abend“
„Ja“, schmunzelte sie und strich sich unwillkürlich über den Nacken.
Ihm entging die Geste nicht und er sah sie so lange an, bis er ihren Blick eingefangen hatte.
„Sie können ja richtig nett sein, wenn Sie nicht gerade zickig sind“, grinste der Anwalt spitzbübisch.
Sie blickte ihn gespielt empört an. „Zickig? Ich? Also Felix...“
„Naja...“ Er senkte seinen Blick auf ihre Lippen und sein Herz hüpfte, als er spürte, dass sie sich nicht zurückzog, sondern ihn genauso atemlos ansah. „Vielleicht nicht zickig...“
„Aber?“, flüsterte sie leise lächelnd zurück, während sie ihm tatenlos dabei zusah, wie er sich ihr näherte.
Seine Stimme war nur noch ein Hauchen, weil er ihren Atem schon auf seinen Lippen spüren konnte. „Ein bisschen spröde vielleicht“
Sandra spürte ein elektrisierendes Gefühl durch sich hindurchzucken, es hatte aber keineswegs etwas mit dem eigentlich angenehmen von vorhin zu tun. Augenblicklich lehnte sie sich von ihm weg, während ihre Hand blindlings hektisch nach dem Türgriff suchte.
„Gute Nacht, Felix“, stammelte sie, dann stolperte sie beinahe aus dem Wagen, warf die Tür zu, und eilte zum Hauseingang.
Er war völlig perplex, wusste überhaupt nicht wie ihm geschah. Was war hier gerade passiert? Die Antwort war nur eine zufallende Haustür, aber auch diese stellte ihn nur vor ein weiteres Rätsel.
Verwirrt startete er seinen Wagen wieder, schüttelte den Kopf, und fuhr los.
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