Die Elster und die Nachtigall

von limette02
GeschichteAllgemein / P12
Harry Potter OC (Own Character) Sirius "Tatze" Black
01.10.2020
27.10.2020
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22.042
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17.10.2020 3.264
 
„Du bist wirklich gekommen“, sagte Johanna, als sie Erik am nächsten Morgen die Tür öffnete.
„Natürlich. Hör zu, ich hab nicht viel geschlafen, eigentlich gar nicht. Ich hab viel nachgedacht.“
„Okay?“ Sie sah ihn unruhig an und er merkte, dass sie wohl auch kaum geschlafen hatte.
„Ich will alles wissen. Aber, sei mir bitte nicht böse, ich werde Zeit brauchen.“
„Was anderes hab ich nicht erwartet.“ Sie schlüpfte in ihre Stiefel.
„Du willst weg?“, fragte er verwundert.
„Ich kann nicht hier drin darüber sprechen. Ich dachte, wir gehen in den Park?“ Der Reißverschluss ihres Stiefels hakte und ihre Finger zitterten so sehr, dass sie ihn nicht mehr lösen konnte. Er kniete sich neben sie und löste vorsichtig den Reißverschluss. Dabei sagte er: „Johanna, ich liebe dich und daran wird sich nichts ändern. Egal, was du erzählst.“
„Es ist wirklich keine schöne Geschichte.“
„Ich will sie trotzdem hören.“
„Also gut.“
Sie schlugen den Weg zum Park ein. Erst als sie von hohen Bäumen umgeben waren, begann Johanna zu sprechen. „Die Geschichte spielt in Großbritannien. Die Zaubergemeinschaft ist dort sehr viel größer und organisierter als hier – auch wenn sie trotzdem noch einen nur verschwindend geringen Teil der Gesamtbevölkerung ausmacht. Edith und ich waren in Schottland gemeinsam auf der Schule, Hogwarts, die beste Schule für Hexen und Zauberer, die es gibt.“ Er bemerkte, dass ihr Blick sich verklärte, als würde sie eine schöne Erinnerung durchleben. Zum ersten Mal sah er auch, dass sie ihren Zauberstab bei sich trug. Er steckte in ihrem Jackenärmel und immer wieder tastete sie danach, als würde er sie beruhigen.
„Du warst in Großbritannien auf der Schule?“, fragte er. Das hatte er nicht gewusst. Ihr Deutsch war absolut akzentfrei.
„Ja. Aber meine Mutter war Deutsche, deswegen spreche ich es. Wie Edith schon gesagt hat, es gibt nicht nur gute Hexen und Zauberer. Während unserer Schulzeit ist ein Zauberer immer stärker und böser geworden und hat mehr und mehr Anhänger um sich geschart. Er hat eine Terrorherrschaft in der Zauberwelt errichtet. Es gibt einige Magier, die glauben, dass Muggle, also nicht-magische Menschen, weniger wert sind, genauso wie die Zauberer, die mit Mugglen verwandt sind oder in einer Beziehung mit ihnen leben.“
„Ich bin ein Muggle?“, fragte Erik nach.
„Ja. Bei den allermeisten Zauberern finden sich nicht-magische Personen im Stammbaum, das ist vollkommen normal. Aber dieser Zauberer und seine Anhänger wollten die Zaubergemeinschaft von diesen Einflüssen… befreien. Sie haben mugglestämmige Hexen und Zauberer ermordet, gefoltert und entführt. Alle, die sich gegen sie gestellt haben, lebten in Angst. Es hat sich ein Wiederstand entwickelt, der Orden des Phönix, Edith und ich waren Mitglieder, genauso wie einige unserer Schulkameraden. Und natürlich Ediths Bruder James und seine Frau Lily. Sie hatten einen kleinen Sohn. Harry. Und aus irgendeinem Grund war dieser Zauberer hinter den dreien her. Sie haben sich versteckt, aber er hat sie gefunden. Ein Freund von uns, James bester Freund, hat sie verraten. Es war an Halloween vor vier Jahren. Er hat James und Lily ermordet, aber als er versucht hat Harry zu töten… Keiner weiß, was in dieser Nacht genau passiert ist. Er konnte Harry nicht töten. Der Todesfluch ist auf ihn zurückgeprallt und er ist verschwunden. Seitdem ist der Krieg zu Ende. Edith und andere Auroren versuchen so viele seiner Anhänger wie möglich zu finden und einzusperren, aber…“ Sie stockte und atmete ein paar Mal tief ein und aus. „Es ist nicht vorbei. Er ist nicht tot, irgendwann wird er zurückkehren.“
„Das ist schrecklich“, war das einzige, was Erik irgendwann herausbekam. Die Trauerweiden, an denen sie vorbei kamen, säuselten leise im Wind.
„Du musst keine Angst haben. Wenn er zurückkehrt, dann werden wir…“ Sie unterbrach sich selbst. „...werden sie ihn aufhalten. Das ist uns beim ersten Mal auch gelungen. Die, die noch da sind, werden ihn stoppen.“
„Sind viele gestorben, die du kanntest?“
„Ja. Einige Freunde, Schulkameraden und…“
Plötzlich begriff er. „Deine Eltern?“
Sie nickte. Ihre Lippe bebte. „Sie wurden ermordet“, sagte sie endlich mit zitternder Stimme. „Wegen mir. Oder wahrscheinlich besser wegen dem hier.“ Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel und für einen Moment schien sie ihn zerbrechen zu wollen. „Ich bin… war keine normale Hexe. Es gibt bei uns eine Regel, dass der Zauberstab den Zauberer aussucht – nicht umgekehrt. Jeder Zauberstab dienst nur einem Zauberer. Wenn man versucht, mit einem fremden Stab zu zaubern, dann funktioniert das zwar, aber nicht gut. Als wäre man gehemmt. Ist schwer zu beschreiben. Das hier ist ein sehr, sehr alter Zauberstab. Er hat einst einem sehr mächtigen Zauberer gehört, Merlin.“
„Merlin? Wie der Merlin aus der Artussage?“
„Genau der. Es gibt eine Legende, die besagt, dass er diesen Zauberstab selbst gefertigt hat und dass sein wahrer Besitzer irgendwann kommen wird. Und das war ich. Dieser Zauberstab gilt als einer der mächtigsten überhaupt. Und natürlich wollte… er ihn haben. Seine Anhänger haben meine Eltern ermordet. Und in dieser Halloweennacht vor vier Jahren haben sie mich entführt.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und bei jedem ihrer Schritte wippte der Stab in ihren Finger auf und ab. Dann blieb sie mit einem Ruck stehen. Er ahnte, was folgen würde, aber solange sie es nicht aussprach, war es nicht wahr und… „Daher kommen die Narben“, sagte sie und zerstörte das bisschen Hoffnung, auf eine andere Erklärung. Sie hatten sie gefoltert, womöglich misshandelt.  Er zog sie stumm vor Entsetzten in seine Arme. Sie lehnte den Kopf gegen seine Brust und er spürte, dass sie zitterte. Erst nach ein paar Minuten sprach sie weiter, die Stimme heiser: „Der Zauberstab war versteckt, deswegen haben sie ihn nicht bekommen. Ich wurde am nächsten Tag befreit und seitdem… kann ich nicht mehr hexen. Egal, was ich tue, es geht nicht mehr.“
„Kann man nichts dagegen tun?“
„Abwarten und hoffen.“
„Es wird bestimmt wieder gehen.“ Er strich über die Narbe unter ihrem Ohr. „Eines verstehe ich nicht: Wenn dieser Zauberer doch weg ist, warum bist du dann hier? Er kann dir doch nicht mehr gefährlich werden?“
„Aber seine Anhänger. Andere, die diesen Zauberstab wollen. Ich kann mich ja nicht mehr wehren. Ich gelte in der Zaubergemeinschaft als tot, ich bin das letzte Todesopfer eines Krieges, der noch lange nicht vorbei ist.“ Sie sah zu ihm hoch und musterte sein Gesicht. „Ich hab doch gesagt, dass es keine schöne Geschichte ist.“
„Nein, wirklich nicht.“ Er seufzte leise und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. „Danke, dass du es mir erzählt hast. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht einfach für dich war.“
„Es wird erträglicher. Irgendwie. Und immerhin weiß Edith noch, dass ich am Leben bin. Ganz abgeschnitten bin ich also nicht.“
„Niemand außer dieser Edith weiß mehr, dass du am Leben bist?“
„Nein. Niemand. Nur Edith und Professor Dumbledore, der Schulleiter. Er hat mich hergebracht.“
„Was ist mit Freunden? Verwandten?“
Sie schüttelte den Kopf. „Niemand heißt niemand. Und viele sind ohnehin tot.“
„Du hast in einem Krieg gekämpft…“, murmelte er, als sie weitergelaufen waren.
„Ja. Aber… es war kein Krieg, wie du ihn aus dem Fernseher kennst. Keine großen Schlachten. Es waren kleine Kämpfe, immer wieder Angriffe, Attacken, Terror… jeden Tag. Es war schrecklich.“ Sie zögerte. „Aber jetzt, für den Moment, haben wir Frieden.“ Sie nahm seine Hand. „Die magische Welt muss dir ganz schrecklich vorkommen. Aber das ist sie nicht… Hogwarts ist der schönste Ort, den ich kenne.“
„Du vermisst es…“
„Natürlich vermisse ich es. Wien ist auch wunderschön, aber… ich bin mit Magie aufgewachsen, immer umgeben gewesen von Zauberern und Hexen. Plötzlich völlig ohne Magie zu leben, das war eine fast unmögliche Umstellung.“
„Wie hast du es geschafft?“
„Die Musik… und ich hatte jemand an meiner Seite, der dabei sehr geholfen hat…“
„Edith?“
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein. Dich.“
Er blieb stehen. „Wirklich?“
„Ja. Wirklich. Als wir uns damals in der Mensa das erste Mal getroffen und unterhalten haben… ich konnte zum ersten Mal in dieser Menschenmenge sitzen, ohne mich ständig umdrehen zu müssen, um zu überprüfen, ob ich in Gefahr bin. Ich hatte zum ersten Mal seit ich befreit wurde keine Angst mehr.“ Sie zögerte. „Das soll dich nicht unter Druck setzten oder dich zu irgendetwas verpflichten oder…“
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie.

*

2. September 1974

„James meinte, man beginnt schon in der ersten Stunde zu zaubern. Nur ganz einfache Sachen, Federn schweben lassen, aber ist das nicht schon wahnsinnig aufregend?“
„Sag mal, Edith, du bist wohl nie still“, rief Charlotte Boot vom anderen Ende des Tisches zu ihr hinüber.
„Hab schließlich einiges zu sagen“, rief Edith zurück und erntete einige Lacher von den anderen Erstklässlern. Endlich entdeckte sie Johanna zwischen den anderen Ravenclaws. Sie ließ ihren Toast liegen und lief zu ihr, was im allmorgendlichen Getrubel kaum auffiel. „Hast du gesehen?“, rief sie und ließ sich neben ihr auf die Bank fallen. „Wir haben gemeinsam Zauberkunst, gleich heute morgen.“
Johanna lächelte, während sie sich Milch in eine Tasse einschenkte. Sie trug wie Edith ihre neue Hauskrawatte. Das Ravenclaw-Blau brachte ihre Veilchenaugen zum Leuchten. Sie hatte ihren Zauberstab vor sich auf den Tisch gelegt und einige der Ravenclaw-Schüler warfen ihm neugierige Blicke zu.
Professor Flitwick zeigte eine halbe Stunde später im Klassenzimmer ebenfalls deutliches Interesse an Johannas Zauberstab. Während die anderen Schüler noch ihre Plätze suchten, hatte er den Stab in beide Hände genommen und drehte ihn neugierig hin und her. Johanna beobachtete jede seiner Bewegungen mit ernsten Augen.
„Ein wirklich ungewöhnlicher Zauberstab“, sagte der kleine Zauberer schließlich beeindruckt und gab ihn ihr zurück, ehe er sich der gesamten Klasse zu wandte und damit begann, den Schwebezauber zu erklären. Anschließend verteilte er große, weiße Federn an jeden der Schüler. „Und immer schön dran denken“, sagte er, während er auf seinen Bücherstapel zurückstieg, um die Klasse im Blick behalten zu können, „wutschen und wedeln. Und Übung macht den Meister! Also bitte!“
Sofort begannen alle Erstklässler die Zauberformel zu rufen und mit ihren Stäben zu wedeln, begierig darauf, ihren ersten Zauber zu wirken. Nur Johanna saß vor ihrer Feder und hatten ihren Zauberstab noch nicht mal in die Hand genommen. Edith, die neben ihr saß und bereits dreimal erfolglos versucht hatte, ihre Feder zum Schweben zu bringen, bemerkte es.
„Was ist?“, fragte sie, während sie Charlottes Zauberstab auswich, der gefährlich nahe an ihrem Kopf vorbei schrammte.
„Alle halten mich für was besonderes wegen diesem Stab. Was, wenn ich ihm nicht gerecht werde?“
„Merlin war auch mal auf der Schule“, erwiderte Edith. „Jetzt probier es! Na los.“ Sie nahm den Stab und drückte ihn Johanna in die Hand. Die setzte sich aufrecht hin, blickte noch einmal konzentriert auf die Tafel, wo die Zauberformel angeschrieben stand, und richtete Merlins weißen Stab auf die Feder.
„Wingardium Leviosa!“
Die Feder erhob sich augenblicklich wie von einer unsichtbaren Hand geführt und schwebte elegant über Johannas Kopf. Edith klatschte jubelnd in die Hände, die meisten anderen stimmten mit ein. Professor Flitwick sprach Johanna vor Begeisterung 15 Hauspunkte zu. Die weiße Feder tanzte durch die Luft.

Am Abend saß Edith im Gemeinschaftsraum und übte die Bewegungen des Schwebezaubers. Ganz am Ende der Zauberkunststunde hatte sie es geschafft, dass die Feder kurz ein paar Zentimeter geschwebt war, mehr war ihr noch nicht gelungen. Die meisten anderen Gryffindors waren nicht so versessen darauf, sich direkt am ersten Tag ihren Übungen zu widmen und so war es lärmig im Gemeinschaftsraum.
„So, dann lass mal sehen.“ Plötzlich ließ sich Sirius neben sie in den Sessel fallen.
„Na ja, es hat noch nicht wirklich funktioniert.“
„Dein Bruder hat damals über eine Woche gebraucht, bis sich die Feder überhaupt bewegt hat.“
„Wirklich?“
„Klar.“
Er richtete seinen Zauberstab auf die Feder und flüsterte: „Wingardium Leviosa!“ Die Feder begann zu schweben. Er ließ sie einen Looping schlagen und dirigierte sie dann zurück auf den Tisch. „Wenn ich das kann, dann kannst du es auch. Wutschen und wedeln.“
Edith richtete ihre ganze nach einem langen Schultag noch vorhandene Konzentration auf die Feder. „Wingardium Leviosa“, sagte sie und mit einem Mal strömte eine ungeahnte Wärme durch ihre Fingerspitzen in den Stab hinein und plötzlich bewegte sich die Feder, schoss in die Luft und blieb zitternd neben einem Gemälde von einem ehemaligen Gryffindor-Hauslehrer hängen, der ihre Zauberversuche beobachtet hatte und jetzt höflich Applaus spendierte. „Ich kann es!“, rief Edith und sofort fiel die Feder wieder wie ein Stein vom Himmel. Aber das bemerkte Edith nicht. Sie und Sirius vollführten einen begeisterten Freudentanz auf den roten Sesseln.

*

3. Dezember 1985

Erik hatte den Gedanken immer noch nicht ganz verinnerlicht, dass Johanna eine Hexe sein sollte. Vielleicht war es deshalb so schwierig, weil sich in seinem Leben seit Halloween nicht wirklich etwas verändert hatte. Alles ging seinen gewohnten Gang weiter, ohne Magie. Manchmal vergaß er es sogar, bis irgendwann sein Blick wieder auf ihren Stab fiel oder sie eine kleine Bemerkung machte, die ihn daran erinnerte. Sie hatte ihm an einigen Abenden versucht, ihre Welt zu erklären oder näher zu bringen, aber egal, wie bilderreich und bunt sie ihm das alles schilderte, es kam ihm doch vor, als würde sie ein Märchen erzählen.
Das einzige, was er nie vergaß, war die Geschichte hinter ihren Narben. Sie hatte nie spezifiziert, woher die Narben genau kamen, und er hatte nie nachgehakt. Aber manchmal merkte er ihr an, dass sie davon immer noch getrieben wurde, an Kleinigkeiten, kleinen Angewohnheiten und Absonderlichkeiten, die ihm früher kaum aufgefallen waren. Dass sie nie mit dem Rücken zur Tür sitzen wollte. Dass sie in großen Menschenmengen nie seinen Arm losließ. Dass sie manchmal mehrere Minuten unbewegt am Fenster stand und jeden beobachtete, der vorbeilief.
In der Nacht vor ihrem ersten eigenen Konzert, rund einen Monat nachdem er alles erfahren hatte, wachte er plötzlich auf. Johanna saß aufrecht im Bett. In der Dunkelheit konnte er sie nur als Schemen erkennen, aber er bemerkte, dass sie zitterte.
„Johanna?“ Er setzte sich ebenfalls auf und legte ihr eine Hand auf den Rücken. Sie zuckte so heftig zusammen, dass die ganze Matratze bebte. Er nahm die Hand sofort wieder weg. „Johanna? Ich bin es nur.“
Ihre Hände hatten sich in die Bettdecke verkrallt, so sehr, dass die Knochen weiß unter ihrer Haut hervorstachen.
„Johanna, es ist nur ein Albtraum, du bist hier sicher“, sagte er ruhig. Ihr Atem ging sehr flach und stockend. Er versuchte noch einmal ihre Hand zu nehmen und dieses Mal zuckte sie nicht zurück, sondern packte seine Finger. Mit der anderen Hand griff sie nach ihrem Hals. Ihr Atmen wurde panischer. „Ruhig atmen“, sagte er, „ganz ruhig. Es war nur ein Albtraum.“
Es brauchte fast eine Viertelstunde, bis sie sich so weit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte.
„Ich dachte…“, flüsterte sie, während sie immer noch nach Atem rang, „…es passiert wieder.“
„Nur ein Traum“, sagte er zum wiederholten Mal.
„Es war so echt“, murmelte sie und tastete ihre Rippen entlang. Dort hatte sie eine besonders lange Narbe, die sich rot von der hellen Haut abhob. Er legte seine Hand auf ihre. „Hast du Schmerzen?“
„Nein. Geht schon.“ Ihre Stimme bebte noch, aber langsam schien sich wenigstens ihre Atmung zu normalisieren. Ein paar Minuten blieben sie still so sitzen, bis sie endlich sagte. „Ich sollte schlafen.“
„Gut.“ Er legte einen Arm um sie. „Ich bin die ganze Zeit bei dir, okay?“
Sie legte den Kopf auf seine Brust und schloss die Augen. „Okay.“

Es gab neben den Narben noch etwas anderes, was Erik immer wieder daran erinnerte, wer Johanna eigentlich war, und das war Edith Potter. Er hatte sie seit der Halloweennacht erst ein einziges Mal wiedergesehen, als sie Johanna an einem windigen Novemberabend die Ergebnisse irgendeiner Verhandlung überbracht hatte. Wie ein Fremdkörper hatte sie gewirkt in Johannas heller Wohnung, in ihrem dunklen Umhang und der seltsamen, magischen Aura, die sie umgab. Sie war merkwürdig ernst, viel ernster als jeder andere Mensch, den er kannte, und dabei so jung. Sie sprach über Morde, Verhaftungen und Kriegsverbrechen, wie andere in ihrem Alter über Partys oder Reisen.
Als sie gegangen war, hatte Johanna ihm Fotos gezeigt. Zuerst hatte er eine Weile gebraucht, um überhaupt damit klar zu kommen, dass die Menschen auf den Bildern sich bewegten, aber dann hatte er Edith erkannt – lachend und jung und die Augen voller Lebensfreude, ein ganz anderer Mensch.
„James´ und Lilys Tod und Sirus´ Verrat haben ihr sehr zugesetzt“, hatte Johanna gesagt und das Foto wehmütig betrachtet. „Der Gedanke an Rache zerfrisst sie. Früher war sie fröhlich und aufgeweckt und hatte ständig verrückte Ideen… du hättest sie sehr gemocht.“
Johanna hatte ihm auch Bilder von James und Lily gezeigt, ein strahlendes, schönes Paar, sie mit wallenden roten Haaren und einem einnehmenden Lächeln und er, hochgewachsen und gut aussehend, mit den gleichen schwarzen Haaren wie Edith. Es war einfach nicht zu ertragen, dass sie nicht mehr am Leben waren.
Als Edith jetzt vor dem Konzerthaus auf ihn zukam, konnte er zumindest ein wenig verstehen, warum der Tod ihres Bruders und ihrer Schwägerin sie so mitgenommen hatte. Es musste schrecklich sein, in so jungen Jahren so viele geliebte Menschen zu verlieren. Wie auch in Johannas Wohnung, wirkte sie hier zwischen all den anderen Konzertgästen falsch platziert. Sie trug ein schwarz-weißes Kleid, als wollte sie ihm ihre Fähigkeit, sich in eine Elster verwandeln zu können, noch zusätzlich unter die Nase reiben.
„Ich hab zwar in meiner Ausbildung gelernt, mich unter Mugglen unauffällig zu verhalten“, sagte sie ohne eine Begrüßung, „aber so viele auf einmal…“
„Bis jetzt schlagen Sie sich ganz gut“, erwiderte er und sah neugierig dabei zu, wie sie ihren Zauberstab in ihre Handtasche steckte – obwohl die Tasche von außen definitiv zu klein war, um den langen Stab vollständig in sich aufzunehmen. Sie bemerkte seinen Blick. „Unaufspürbarer Ausdehnungszauber“, sagte sie leichthin, „ich bin zur Zeit selten in meiner Wohnung, das wichtigste Zeug hab ich da drinnen immer dabei.“
„Sie haben ihre ganzen Sachen da drinnen?“
„Ja. Was es nicht gerade leichter macht, irgendwas zu finden. Wissen Sie, wie es Johanna geht? Ist sie nervös?“ Sie nahm ihre Brille ab und rieb sie an ihrem Kleidsaum sauber.
„Ich glaube schon, ich hab nicht mehr mit ihr gesprochen. Es wird schon gut gehen.“
„Bestimmt.“ Gemeinsam betraten sie das Konzertgebäude. „Sie hat früher immer in Hogwarts gespielt.“
„Gab es da auch ein Orchester?“
„Nein. Sie konnte Musik aus dem Nichts entstehen lassen. Ich weiß bis heute nicht, wie sie das gemacht hat. Es war, als hätte sie unsichtbaren Musikern dirigiert. Sie ist wirklich die außergewöhnlichste Hexe, die ich je gekannt habe. Wer weiß, was sie alles hätte vollbringen können, wenn nicht… dieser Krieg gewesen wäre. Entschuldigung, kein gutes Thema.“
„Wie ist es zu fliegen?“, fragte Erik unvermittelt und in der Hoffnung, die kurze peinliche Stille zu durchbrechen. „Also, als Elster?“
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das erste Lächeln, dass er von ihr in der Realität zu sehen bekam. Ihre Gewitteraugen sahen mit einem Mal sehr viel freundlicher aus. „Das kann ich nicht beschreiben. Ich mach es inzwischen auch ziemlich automatisiert, wie atmen oder laufen. Es war sehr schwer am Anfang. Man muss vertrauen können, dass der Wind einen trägt. Es ist ziemlich laut, wenn man schnell fliegt, wie wenn man mit einem Fahrrad einen steilen Berg runterfährt. Alles ist viel schneller und viel weiter weg als man es als Mensch gewöhnt ist, das kann sehr verwirrend sein. Aber es ist wunderschön. Man gewinnt Abstand von allem, das hilft manchmal.“
Später, als sie nebeneinander im Konzertsaal saßen, warf er ihr einen Seitenblick zu. Sie lauschte mit fast kindlichem Interesse, nur auf der Stuhlkante sitzend, die Augen fest auf Johanna gerichtet. „Es ist als könnte sie es wieder“, flüsterte sie ihm während eines Zwischenapplauses zu. „So sah sie aus, wenn sie gehext hat.“ In ihrer Stimme schwang eine tiefe Wehmut mit. „Wie glücklich sie aussieht…“
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